Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 45 (5.11.1930)
- Date
- 1930-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614098--3778-2621408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
bcv Gementde iit öffentliche jüdische Volksschulen der Gemeinde umgcwattdelt werdm sollten. Bei der Uebernahme der drei vorhandenen Volksschulen durch dieStadt Ber - l i n als deren eigene Volksschulen besteht jedoch nach zutreffender juristischer Ansicht e'ine solche Gefahr nicht. In den mit der Stadtgemeinde zu führenden Verhandlungen wird man ihr daher gerade bei Verfolgung des hier und in dem Beschluß vom 17. September vertretenen Weges unschwer begegnen können. Noch viel wichtiger und nicht minder klar ist die Frage der höheren Schulen.' Es besteht kein Zweifel, daß die staatlichen und städtischen höheren Schulen nicht konfessioneller Natur sind, so daß keinerlei Erwägungen der Gleichberechtigung unserer Gemeinschaft im Staate für die Einrichtung höherer jüdischen Schulen ins Feld geführt werden können. Die Erwägungen des Herrn Tr. Kollenscher sind denn auch in diesem Falle durchaus allgemeiner Natur. Er wird es nicht verübeln, wenn ich sie hier der Klarheit halber wiederhole. Herr Tr. Kollenscher schreibt: „Tie Profanschulen der Gemeinde, die gerade in der letzten Verwaltungsperiode außerordentlich verstärkt worden sind, umfassen alle Vorteile einer jüdischen Ausbildung. Sie vermittelt den jüdischen und hebräischen Lehrstoff in einem Ausmaße, der eine Ergänzung durch Religionsschulen erübrigt. Sie gewährleisten der jüdischen Jugend den Sabbat und die jüdischen Festtage. Sie schaffen die Möglichkeit, unsere Jugend im Sinne jüdischer Lebens- und Weltauffassung zu erziehen, sie in dem gesamten Unterricht mit den Ideen jüdischer Kultur aas Grund der jüdischen Geschichte, der jüdischen Gegenwart und Zukunftshoffnung vertraut zu machen, sie mit jüdischer Heiligkeit und jüdischer Weltlichkeit zu erfüllen." Diesen prinzipiellen Ausführungen kann und muß ein anderes Prinzip gegenübergestellt werden. Es findet Ausdruck in dem Wunsche, daß unsere Jugend in dem allgemeinen Unterricht (Profan-Unterricht) nicht mit anderem Kulturinhalt erfüllt werde, als die Gesamtheit der deutschen Jugend. Nicht einmal andeutungsweise wird von Herrn Tr. Kollenscher erwähnt, daß es Aufgabe der Schule ist, die Verbundenheit mit der Kultur des deutschen Volkes und mit allen Kräften des Fortschritts der Menschheit, die unsere Väter erstritten haben, auch auf unsere kommenden Generationen zu übertragen. Eine Abschließung in „jüdischer Kultur" wäre Ziel und Erfolg des Unterrichtswesens der Gemeinde, wenn sie ein „Netz" von Profanschulen, zumal auch höheren Schulen errichten und dieselben im Sinne Kollenschers verwalten wollte. Freilich soll die Erziehung der Jugend ihre Ergän- . zung finden in der auch von uns gewünschteil intensiven Ausbildung in dem geistigen und seelischen Gut unserer Religionsgemeinschaft. Diese notwendige Ergänzung zum Wesensinhalt zu machen, neben die jüdische Heiligkeit, wie Dr. Kollenscher sagt, „die jüdische Weltlichkeit" zu setzen, fällt nicht in den satzungs gern äßen Aufgabenkreis unserer Gemeinde und sollte auch in Zukunft nicht unter ihn fallen. Wir leben in politisch schwierigen und gefahrvollen Zeiten. Wir wissen nicht, ob nicht in unserm staatlichen Leben demnächst — wenn auch wie wir zuversichtlich hoffen, nur vorübergehend — Kräfte die Vorherrschaft gewinnen, die daraus ausgehen, unsere künftigen Generationen aus der Gemeinschaft des Volksganzen auszuschließm. Die Gemeinde sollte sich hüten, gerade im Augenblick den verderblichen Bestrebungen der Feinde der deutschen Juden durch ihr Schnlprogramm die Wege zu ebnen. Umschau Schülom Aschs 50. Geburtstag. In diesen Tagen vollendet der große jiddische Erzähler und Dramatiker Schaloin Aschsein 50. Lebensjahr. In Kutno (Polen) geboren, hat er schon sehr früh die Aüsmerksam'keit der jüdischen literarischen Kreise, so auch des Dichters I. L. Pecez, mit seinen kleinen Erzählungen auf sich gelenkt. Aber erst seine Meister- Novelle „A Städtel", oie in alle Kultursprachen übersetzt wurde, begründete seinen dichterischen Ruhm, der durch eine große Reihe Meisterromane und Novellensammlungen, sowie durch seine Dramen „Der Gott der Rache" (1907 von Reinhardt in Berlin aufgesührt), „Sabbatai Zwi", „Familie Großglück", „Mottke der Dieb", „Messias Zeiten" immer höher anwnchs. Seine zuletzt erschienene Roman-Trilogie „Warschau", „Petersburg", „Moskau" hat bei der europäischen und amerikanischen Kritik hohe Anerkennung gefunden. Schalom Asch lebte eine Zeitlang in Amerika, seit 1923 lebt er abwechselnd in Warschau und Paris. Tie große deutsche Presse und die Presse in den anderen Ländern würdigt die Bedeutung Aschs in längeren Aufsätzen und Aussatzreihen. Hervorragende Schriftsteller brücken ihre Verehrung für Asch in offenen Briefen an den Tächter aus. Professor Carl Landsteiner Nobelpreisträger fftr Medizin. Ter Nobelpreis für Medizin für das Jahr 1930 ist dem bekannten Bakteriologen und Biologen Tn. Carl Landsteiner, Professor an der Universität Wien und Mitglied des Rockefeller-Jnstituts für medizinische Forschung in New Port, für seine Untersuchungen über die Blutgruppierung verliehen worden. Carl Landsteiner ist Jude, er wurde 1868 ttt Wien geboren. Tort hat er im Jahre 1900 als Assistent am Pathologischen Institut seine bedeutende Entdeckung der Blutgruppen gemacht und wurde dadurch der Begründer der Blutgruppenlehre, die die Grundlage der gegenwärtig vielfach angewendeten Transfnsionstherapie bildet. Er stellte fest, daß es 'bestimmte Eigenschaften des Blutes gibt, durch die einzelne Menschen einander ähneln oder sich von einander uitterscheiden. Durch die Entdeckung Landsteiners iü es möglich geworden, innerhalb kürzester Zeit festzustellen, ob das Blut eines Menschen, das man auf den Kranken überleiten will, gruppenmäßig für diesen Zweck geeignet ist oder nicht, und seit dieser Zeit hat wieder die Bluttransfusion eine ganz außerordentliche Bedeutung in der Behandlung mancher schwerer Krankheitszustände erlangt. Landsteiner, der 1911 Professor an der Universität Wien wurde, und 1922 an das Rockefeller-Jnstitut in New Pork berüftn wnroe, hat auch aus anderen meoizinischen Forschungsgebieten Hervorragendes geleistet. Seine wichtigsten Arbeiten sinv: „Ueber die Abhängigkeit der sereologischen Specefiütät von der chemischen Struktur", „Spezifische Serumreaktionen mit einfachen Substanzen von bekannter Konstitution", „Untersuchungen über die Stfphilis bei Aßen", ferner Arbeiten über die Komplementbindungsreaktion bei Syphilis. Er klärte die paroxysmale Hämoglobinurie auf, entdeckte die Uebertragbarkeit der epidemischen spinalen Kinderlähmung ans Men und konnte dadurch einige Eigenschaften des auch bis jetzt noch nicht bekannten Erregers dieser Krankheit feststes. Waldemar Haffkine (Chawkin) verstorben. Im Alter von 70 Jahren starb am 26. Oktober in Lausanne der b& kannte Bakteriologe russisch-jüdischer Abstammung Chawkin (nach englischer Schreibweise Haffkine), der zu den bahnbrechenden Forschern auf diesem Gebiet gehörte und dessen Name in dieser Wissenschaft auf derselben Stufe wie die von Robert Koch, v. Behring usw. stand. Waldemar Mordechai Wolfs Chawkin wurde Näarz 1860 zu Odessa in Rußland geboren, besuchte das Gymnasium zu Bertjansk (Krim) und die medizinische Fakultät zu Odessa. Nach der Absolvierung seiner ärztlichen Studien arbeitete er 1884 bis 1889 am Zoologischen Institut in Odessa, war daraus ein Jahr Professor der Physiologie in Genf und 4 Jahre lang Assistent am Institut Pasteur tu Paris. Dort begann er seine Untersuchungen über Schutzimpfung gegen die Cholera und ging 1893, nach zahlreichen Versuchen und nachdem er sein Per fahren an sich selbst ansprobiert hat, aus Einladung Her englisch-indischen Regierung nach Indien zur Bekämpfung der Seuche. Er blieb dort länger als ursprünglich beabsichtigt war, dr er 1896 beim Ausbruch der ^Beulenpech epidemie in Bombay den Auftrag erhielt, ein Jmpfverfahren auch gegen diese Epidemie auszuarbeiten. Es gelang dank dem von ihm erfundenen Verfahren die Sterblichkeit bei der Pestepidemie um 85 zu verringern. Millionen von Menschen wurden darauf nach seinem Verfahren mit Erfolg geimpft. Er blieb im Dienst der indischen Regierung in Calcutta bis 1915, gründete in Bombay das staatliche Unterfnchungslaboratorium, das jetzt seinen Namen trägt (Haffkine Institute), war Mitglied des Rates der Londoner Gesellschaft für tropische Medizin und Hygiene und zahlreicher anderer gelehrter Gesellschaften. Die letzten Jahre seines Lebens hielt er sich in Paris ans. Eine bemerkenswerte objektive Zeitungsderichterstalttlng. Anläßlich der Beerdigungs-Feierlichkeiten in Alsdorf, wo bekanntlich ein jüdisches Opfer zu Grabe gekommen ist und an der der bekannte Rabbiner Dr. Schönberger teilgenoinmen hat, schreibt eilt dortiges radikal - eingestelltes Blatt, die Aachener Freie Presse: „Tie. Schmerzensschreie erschüttertelt alle die Tausende, die rings mn die Gräber stehen. Dann sprechen noch einmal die Priester. Sie unterstehen nicht unser Kritik. Tie Wahrheit verpachtet uns aber auszusprechen, daß allein der junge Rabbiner die menschlichen brüderlichen Worte fand, die vor solchem Geschehen anders an die Herzen fassen als große Worte, die allzuoft an Gräbern wiederkehren. Ter junge jüdische Priester ging aus von dem Worte des alten Testaments: „Wie sind doch gefallen die Helden inmitten des Kampfes." Er grüßte alle lebenden Helden der Arbeit unb wähnte, daß diese Katastrophe das Gewissen des Volkes wachrufen solle sür die Arbeiter. Und noch einmal am Grabe die Mahnung, daß alle Menschen sich! die Hände reichert sollen zur Arbeit am Ganzen. Es ist in dieser vielverhetzten Zeit gattz besonders anerkennenswert, daß eiue nichtjüdische Zeitung uns gereckt zu werden sucht. Autisemitika aus Württemberg. Im Württembergischen Landestheater 'wurde Dymows Stück „Schatten über Haarlem" zur Uraufführung gebracht. Das Stück, das sicher von religiösem Standpunkt und literarischem Empfinden stark kritisiert werden mag, erregte schon vor seiner Uraufführung so sehr das Feinempfinden der Nationalisten, daß schon bis zu den Ohren der Polizei die Absicht, einen Skandal zu inszenieren, gedrungen war. Kaum hatte die Vorstellung begonnen, ging in temperamentvollster Weise das Salongoschrei los. Das Spiel wurde dauernd unterbrochen und konnte nur bei erleuchtetem Hause mit vielen Unterbrechungen zu Ende geführt werden. Einem jüdischen Schauspieler, der seit über zwanzig Jahren Liebling beim Publikum ist, wurde beim Erscheinen ans der Bühne zugerufen: Jude, verschwinde. Trotz starkem Polizeiaufgebot setzte sich der Spektakel auch nach dem Theater auf der Straße fort, das Publikum wurde belästigt, und unter den bekannten Klängen „Juda verrecke!" „Heil Hitler!" zogen die gekränkten Kunstästhetiker ab. Das Stück ist im Augenblick nicht im Spielplan, die Nazi haben bei der Regierung eine Eingabe gemacht, die betont, ein Theater, das staatliche Zuschüsse bekommt, hätte kerne Berechtigung, derartige Stücke anzunehmen. Auch sonst haben die Nazi manche Sorge im Schwabetttändle. So hat sich der alte, rocht germanische Wandervevein, betitelt Albverein, erlaubt, bei Ausschreiben einer Druckereiarbeit dem Lieferanten den Auftrag zukommen zu lassen, der seiner Ansicht nach den Verein am günstigsten bedient. Der ist ein Jude, und nun hat die nationalistische Partei offrzrell all ihre Anhänger aufgefordert, ans dem Verein auszutreten. Der Schwäbische Albverein hat davaufhin im Stuttgarter Tagblatt, der bekanntesten württembergischen Zeitung, folgendes bekanntgemacht: Unversehens sieht sich unser friedfertiger Verein im 42 ten ^ahre seines segensreichen Wirkens von einem stürmischen Angriff bedroht. Die Nationalsozialisten fordern ihre Parteigenossen zum Austritt auf. Den Anlaß bot ihnen in ihrem Kampf gegen Juda und Rom eine Sparmaßnahme des Atbvereins. Er hat nämlich seine Blätter einer Druckerei übevtragen, die von zehn Angeboten die weitaus niedrigste Forberung stellte. Der Besitzer ist der israelitische Inhaber der „Tübinger Chronik", während die bisherige Druckerei als — „national" gerühmt wird usw. Dazu schreibt dann die Zeitung noch: „Es gehört immerhin etn außergewöhnlicher Mangel an Nüchternheit und Sinn für das Wirtliche dazu, um gegen eine Vereinigung von so germanischer Bodenständigkeit wie der Schwäbische Albverein antisemitische Instinkte anfzurufen." Steckt dahinter wirklicher Nationalismus oder vielleicht doch nur Empörung von Konkurrenten? Werbt neue Mitglieder! Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Richtlinien liberaler GemeivdepolM Erfahrungen in einer jüdischen Kleingemeinde. Wenn man sie liest, glauben wohl die meisten unter uns. diese Dinge lassen sich doch nur in der Großgemeinde verwirklichen. Daß sich der weitaus größte Teil der Forderungen aber auch in der .Kleingemeinde in die Tat umsetzen läßt, sollen die folgenden Ausführungen beweisen. Ich kam im Jahre 1909 in eine von einem orthodoxen Rabbiner geleitete Gemeinde als Lehrer und Kantor. Wir beiden Beamte warett mit einem dreijährigen Vertrage angestellt, der Rabbiner mit 2400, ich mit 2000 Mark Jahresgehalt; der Rabbiner bezog außerdem für die Erteilung des Religionsunterrichts am Gymnasium noch 550 Mark, hatte aber keine Dienstwohnung, ich dagegen bekam freie Dienstwohnung im Gemeindehause. Ter Rabbiner erhielt auch Sondervergütungen für Kasualien, ich nicht. Tie Besteuerung der Gemeindemitglieder erfolgte durch eine Kommission, welche die einzelnen Gemeindemitglieder „schätzte". Auf sozialem Gebiete erschöpfte sich die Tätigkeit der Gemeinde in der Unterstützung der Wanderbettler. Ter Gottesdienst bewegte sich in den alten hergebrachten Formen: init Ausnahme des „Kaisergebetes" und der alle vier Wochen stattfindenden Predigt kein deutsches Wort, Gesang des Kantors und lautes, regelloses Beten der Gemeinde. Die Frauen waren natürlich streng von den Männern getrennt, und wenn man in den Wintermonaten den Gottesdienst in der kleineren heizbaren Nebensynagoge abhielt, wurde diese Trennung durch eine querdurch den Raum gezogene übermannschohe Gardine hergestellt. Selbstverständlich begann der Freitagabendgottesdienst genau nach der in der Luach festgesetzten Zeit. Tann kam die Wandlung. Ter Rabbiner ging, einen andern stellte die Gemeinde, die inzwischen die Erfahrung gemacht hatte, daß der Lehrer auch ganz gut sprach, nicht mehr an. Ter Schwerpunkt des Gottesdienstes wurde mit Rücksicht auf diejenigen.welche aus wirtschaftlichen Grünbeit am Sonnabend nicht abkömmlich waren, auf den Freitagabend verlegt und dabei die Trennung der Geschlechter aufgehoben. Neben dem hebräischen erhielt das deutsche Gebet seinen Platz, die Schuljugend wurde zum Chor heraugebildet, jeden Freitagabend eine kurze Betrachtung über den Wochenabschnitt der „andächtigen Gementde" dargeboten und das Kidduschgebet so verrichtet, wie es allgemein üblich sein sollte, der Gemeinde zugewandt. Als die Gesänge des Chores Besitztum der Gemeinde geworden waren, wurde das Bedürfnis nach Begleitung des Gemeindegesanges durch ein Instrument der Gemmtde dadurch illustriert, daß der Lehrer sein Harmonium in die Synagoge stellen und an Feiertagen durch einen christlichen Kollegen spielen ließ Ter Erfolg blieb nicht aus: nach einigen Jahren wurde durch die Gemeinde ein größeres Harmonium angeschafft, Gemeindemitglieder brachten, durch freiwillige Spenden die Kosten auf, und nun wurde jeder Gottesdienst an Sabbat- und Feiertagen mit Harmoniumbegleitung abgehalten. Während mehrere Jahre ein nichtjüdischer Organist besoldet wurde, übernahm später ein für Musik und für jüdische Musik besonders begeisterter jüdischer Gymnasiast und späterer cand. jur. ehrenamtlich das Organistenamt. Der Gottesdienst wurde von allen Wiederholungen hebräischer Gebete befreit, begann am Sabbat mit dem Ausheben der Thora, an Festtagen mit dem Hallelgebet. Deutsche Gebete wechselten init hebräischen, die Vorlesung aus den Propheten wurde selbstverständlich deutsch vorgetragen, und die Predigt zum Mittelpunkt des Gottesdienstes. Unabhängig von der in der Luach festgesetzten Zeit begann der Freitagabendgottesdienst im Sommer und Winter um 7.30 Uhr, damit auch den bis 7 Uhr tätigen Angestellten die Teilnahme möglich wurde. Ein besonderer Jugendgottesdienst, an tvelchem die gesamte schulpflichtige Jugend teilnahm, fand jeden Sonnabendnachmittag statt, wobei die Jugendlichst nach' einiger Zeit das Amt des Vorbeters ausübten. Nebett diesen Aenderungeu im Gottesdienste ging auch eine Umwandlung auf dem Gebiete der Verwaltung Hand in Hand. Ter unwürdige Treijahresvertrag des Lehrers wurde in einen lebenslänglichen um-gewandelt unter gleichzeitiger Gewährung der staatlichen Besoldungssätze nebst Ruhegehalts- und Hinterbliebenenversorgung, die Besteuerung der Gemeind emitgliä» er erfolgte auf Grund der Veranlagung zur Reichseinkommen- und Vermögenssteuer und — der Lehrer wurde Mitglied des Borftaitdes der Gementde. Die bestehenden LZereine, Chewrah und Frauenverein schlossen eine Arbeitsgemeinschaft und gründeten eine gemeinsame Drrlehnskasse zur Gewährung zinsfreier Darlehn an ihre Mitglieder, eine Einrichtung, die überaus segensreich wirkte und in jeder Gemeinde geschaffen werden sollte. — Eines allerdings fehlt: die geistige Anregung, welche die Großgemeinde zu bieten in der Lage ist, und hier müßte in der Weise etwas geschehen, daß den Kleingenieinden die Möglichkeit geboten würde, in den Wintermonaten 1—2 Vorträge von wirklichen Größen zu hören. Der Stoff würde für lange Zeit zu eigenem Nachdenken und zu fruchtbaren Diskussionen Anlaß geben. Allerdings dürften diese Redner die Kleingemeinden finanziell nicht belasten, Honorare von 100 RM. und Reisekosten kann eine Kleingemeinde, die ihre Mitglieder mit 45 Prozent und mehr der Reichseinkommensteuer zur Kultussteuer heranzieht, nicht für einen 1 — 11/L>ftiinbigeu Vortrag zahlen. Das verstehe ich nicht! „So entsteht jenes unangenehme Produkt oes von Kopf bis Fuß auf Zeitgemäßhett eingestellten modernen Menschen mit der horizontal unbegrenzten Halbbildung, aus dessen Munde man nieinals das Wort hören wird: das verstehe ich nicht." Joseph Weinsaft: „Kalenderreform, Kanzelreden und wir" in Nr. 43.. Ichwill hier Herrn Weinsaft erwidern, aber auch über diese Erwiderung hinaus noch einiges Vorbringen, lind das alles fasse ich am besten zusammen unter diesem Wort: das verstehe ich nicht. Denn über Unbegreifliches in der heutigen liberalen Bewegung will ich mich beschweren. Freilich ist mein „das vergehe ich nicht" nicht genau das, dessen Rarität Herr Meinsaft bemängelt hat. 'Aber ich will jcr auch hier nicht beweisen, daß man mich nicht zu jenen unangenehmen Produkten rechnen darf, da ja die Ansichten