Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 44 (29.10.1930)
- Date
- 1930-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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für das Jahr 1931/32 bereits van dem neuen Becbandstag beschlossen Verden kann, da sonst alle gefaxten Beschlüsse nt. E. ungültig sein Mrdon." Damit wird der oolksparteiliche Vorschlag in den Augen jedes vernünftigen Menschen als absurd gekennzeichnet. Tie Volks- Partei macht einen Friedensvorschlag, der darauf hinausläuft, daß statt der einen Wahl am 30. November 1930 zwei jüdisch« Wahlen stattfinden, eine Anfang 1931 und eine Anfang 1932. Ein Kommentar erübrigt sich. Offener Brief an Herrn Direktor Oskar Wassermann Berlin, den 27. Oktober 1930. Hochgeehrter Herr Direktor! Sie haben int Anschluß an die Verlautbarungen der englischen Regierung über ihre Paläftinapolitit der jüdischen und nichtjüdijchen Oeftentlichkeit eine Erklärung übermittelt, die mich zu einer Erwiderung veranlaßt, ja aus dreifachen Gründen verpflichtet. Einmal deshalb, .veil Tie in Ihren von echt-jüdischem Optnnismus getragenen Ausführungen wiederholt Anschauungen, Hoffnungen und Versprechungen Ausdruck geben namens „der Juden". Tie wissen, wie sehr ich für jüdisches Geineinschaftsivollen und -handeln eintrete, ja von ihm alle Quellenströme meiner jüdischen Arbeit heuerte, — aber der Ernst der Stunde zwingt mich zu erklären: Sollte wirklich bei den nichtzionistischen Paläsuncyreundeti oie einzige Lehre des erschütternden Londoner Dokuments die sein, nichts ändern zu wollen an ihrer bisherigen Tätigkeit —, so dürfen sie so wenig glauben, im Namen „der Juden" zu sprechen, wie sie schon einmal diese Art oer Arbeit an uns für Palästina zu Unrecht als ein Werk aller Juden bezeichnet und dadurch den Zwiespalt in unseren Reihen nur verschärft haben. Zweitens: Mit vollem Recht — und das ist mir das erfreuliche an Ihrer Erklärung — haben Tie, der Führer der Nichtzionisten in der Jewish Agency, sagen dürfen u>tf> sagen müssen, dass die jetzige Auslegung der Balsourdeklaration über den Begriff oes „national Home" Tie und Ihre Freunde nicht in Ihrer Arbeit hemmen könne. Palästina soll, so sagt das englische Weißbuch, rür alle Juden ein — nicht das - Zentrum sein, an welchem die Judenheit als Ganzes „aus Gründen der Religion und der Abstammung ein Interesse nehmen und aus das sie stolz sein kann". Das ist eine Auslegung, die derjenigen nicht unähnlich ist, die wir bei den Verhandlungen über den Eintritt der Vereinigung für das liberale Judentum in die Jewish Agency selbst gegeben haben, die aber von zionistischer Seite als Grundlage oer Mitarbeit selbst von Nichtzionisten in der Agency als nicht ausreichend abgelehnt wurde. Wäre sonach und heute durch die authentische Interpretation der englischen Regierung die ideellen Hindernisse an imrltid; gemeinjüdischer Arbeit in Palästina wesentlich herabgemindert, so erscheint es mir unbegreiflich, daß ein führender Wirtschaftler von Ihrer Bedeutung nicht zugibt, daß die tatsächlichen Möglichkeiten einer Heinistätte in Palästina gerade für die Juden, aus btc es ankonunt, für mittellose oder schwach b ent itt elte Jildcn, insbesondere jüdische Arbeiter, für absehbare Zeit auf ein Nichts zusammengeschmolzen sind. Das Weißbuch schließt gerade diese Juden von weiterer Immigration aus, und Sie selbst sprechen ja in Ihren Ausführungen nur voil solchen Einwanderern, die sich auf eine erhebliche sinatrzielle Grundlage stützen können. Soll aber für diese weitergearbeitet und allein für sie gewaltige Geldmittel unserer Brüder gesammelt uno geopfert werden wie bisher? ★ Versammlungskalender ★ Liegnitz. Liberaler Verein. Vortrag von Frau OHendorf in der Silefia- Loge, Bäckerstratze. Thema: Die Bedeutung der liberalen Weltkouferenz für die gesamte Judenheit. Zu Anbetracht der Persönlichkeit der Rednerin und der Wichtigkeit des Themas bitten wir um zahlreiches Erscheinen. * Gottesdienste ♦ * \ Berlin-Osten. Liberale Synagoge Oste», Aula Mädchenschule Kaiserstraße 30. Freitag, den 31. Oktober, abends 7.30 Uhr. Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. BerliN'Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 31. Oktober, abends 7.15 Uhr. Gottesdienst. Predigt: Rabb.- Kand. Mehler. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Westen-. Liberale Synagoge Westend, Leistikowstraße 7-8. Freitag, den 31. Oktober, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Srvarstnfly. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 2. November. Johannisstr. 16: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststr. 10: vormittags 10.30 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Und damit komme ich zum Tritten, Wichtigsten! Man kann es gewiß den Zionisten nachfühlen, daß sie den Kampf um ihr jüdisches Nationalheim auch gegen England nicht aufge'ben, wollen sie sich nicht selbst äufgeben. Aber uns Nichtzionisten drängt sich, wir müßten denn nicht sehen wollen, eine andere Schlußfolgerung aus den letzten Geschehnissen, unabweisbar auf. Für 20000 Familien, für 100 000 Juden, bietet Palästina bestenfalls noch Platz. In Osteuropa kämpfen 8 Millionen Juden ihren letzten Kainpf, den Kamp, um ihre geistige, religiöse und wirtschaftliche Existenz. Können wir es da verantworten, können Tie es verantworten, alle ideellen und materiellen Kräfte oder auch nur die überwiegenden, der Juden für die 100000 Juden aufzuwenden, die in naher oder ferner Zukunft Palästina besiedeln werden? Nein, jetzt oder nie ist der Zeitpunkt gekommen zu erkennen, daß oie Kolonisation nur ein Glied in der Kette brüderlicher Gemeinschaftsarbeit sein darf, die wir Nichtzionisten — uub, wie ich meine, erst recht auch die Zionisten —, für die entwurzelten, geknechteten, mit dem seelischen und materiellen Untergang ringenden Brüder und Schwestern zu leisten verpflichtet sind. Jetzt ist der Augenblick da, alle zersplitterten Kräfte für diese große Aufgabe zu sammeln. Für sie rufen Sie — Sie sind der Mann dazu, — alle jüdischen Kräfte auf! Wer nur noch einen Funkerr jüdischen Gerneinschaftsbewußtseirts hat, wird Ihnen folgen. Wir wollen Palästina nicht aufgeben, wir gewiß nicht, aus deren Mitte heraus ein Paul Nathan, ein Earl Reiter, seit Jahrzehnteil praktische Palästinaarbeit geleistet Haben. Aber diese Arbeit muß in den Grenzen des wirtschaftlich Möglichen und ideell allen Gemeinsamen bleiben, und sie inuß sich einglieoern in die große Kette, die uns nicht nur verbindet mit dein Hunderttausend der Juden Palästinas, sondern mit oen Millionen, die gleiche Not leiden. Stellen Sie sich an die Spitze dieser großen Gemeinschaftsarbeit, eines währen wirksamen, weitreichenden Aufbauwerkes, und dann werden Sie gewiß. sein dürfen, für alle Juden zu sprechen uno zu handeln! STOIbWERCfrt KAKAO billig, }iDohlSckmcckeml. L nahrhaft. , Folgen Sic dem Ruf oer Stunde, damit auch für die jetzt Enttäuschten und Gestürzten unter unseren Brüdern der großartige Nus oes jüdischen Hoftens und AusharrenI sich durchsetze: „Gant su letauwoh!" Ihr sehr ergebener H e i n r i ch Ster n. „Schice Simroh"*) Gleichzeitig ein Beitrag zur Frage einer jüdisch«» Musik. Ter Allgemeine Deutsche Karttot en-Berband E. B. (Vereinigung jüdischer Kantoren), der mehr sein will als nur eine ständische Interessenvertretung seiner Mitglieder, nämlich auch Pfleger und Hüter synagogaler Kunst und Wissenschaft, hat zur Förderung und Entwicklung des synagogalen Gesanges im Jahre 1926 ein Preisausschreiben erlassen, dessen Ergebnis er nunmehr in einem Sammelbande unter obigem Titel herausgibt. Ter Kantorenverband erfüllt damit eine Ehretrpflicht gegenüber den Bemühungen der Einsender; denn die Preise dieses „Preis"-Ausschreibens konnten leider nur in einer schriftlich mitgeteilten Anerkennung für die besten Arbeiten bestehen. Tie Herausgabe dieses Sammelwerks, die auch nur, wie das Vorwort dankend erwähnt, durch die finanzielle Unterstützung des Verbandes Bayrischer Israelitischer Gemeinden ermöglicht worden ist, ist zu begrüßen, weil dadurch manchem der Einsender Gelegenheit gegeben wurde, wenigstens einzelne Proben seines Schaffens der Oeffentlichkeit vorzufuhren, und weil sie eine Bereicherung der synagogalen Musikliteratur und auch eine Anregung zu weiterem Schassen bedeutet, die stark nötig ist angesichts der geradezu jämmerlichen Aussichten, die die Edition eines synagogalen Gesangswerkes heute bietet. Es ist nicht leicht, die Frage zu beantworten, ob „Bereicherung" mehr im Sinne einer Erweiterung der bisherigen Literatur oder einer Höherschraubung des bisherigen Niveaus zu verstehen ist. Tenn in weitesten Kreisen, selbst in denen der Fachkenner, herrscht bedeutende Unkenntnis, zum mindesten Meinungsverschiedenheit über das grundsätzliche Wesen synagogaler Musik, und Werturteile können selbstverständlich nur vorr^ einem bestimmten Standpunkt aus gefällt werden. Dieser Standpunkt lautet für den Schreiber dieser Zeilen: Nicht alles, was itt der Synagoge gesungen wird oder für die Synagoge komponiert wird, ist damit ohne weiteres synagogale (jüdische) Musik; ob es eine jüdische Musik für die Orgel und für den Chorgesang gibt, erscheint mir höchst zweifelhaft; aber ganz unzweifelhaft ist es, daß wir im tradi- *) Synaqogale Kompositionen zeitgenössischer Autoren. Sammelbaud aus dem Wettbeiverb des Allgemeinen Deutschen Kautoreu- Verbandcs im Jahre 1926. I. Kauffmanu Verlag, Frankfurt a. M. 1930. Preis: 20,— Mk. zum Menschen". Allerdings, bei dem Altreichskanzler war auch keine „Haßliebe" im Spiel, sondern höchstens reiner und unbeirrbarer Haß. Es hat Bravour dazu gehört, gerade heutzutage das Land Bayern, diese „Partie honteufe" des Deutschen Reiches, mit all seinen lächerlichen Ansprüchen aus Partikülarrechte, Klassenrechte und R a s s e n v o r u r t e i l e n mit allen Mitteln der Satire so schonungslos zu geißeln, wie Feuchtwanger es lut. Die Fabel, der „Fall Krüger" ist ihm nur Fassadeum einzudringen in das große und dumpfe Haus der bayrischen Politik und seiner Bewohner, der Subjekte und Objekte, von Valentin bis Hitler, von Brecht bis Knilling, von Escherich bis Rupprecht. Mit galligem Humor erzählt der Verfasser die Entwicklungsgeschichte des Hakenkreuzes im Lande Bayern, das dem' Deutschen Reiche im Gebrauch dieses Sinnbildes o orangegangen ist: „Ein kleines Jahrhundert vorher hatte der deutsche Archäolog Schlieinann auf dem Gebiete der alten Stadt Troja Ausgrabungen gemacht, die viel Verschollenes zu Tage förderten. U. a. hunderte von Spinnvierteln. Auf diesen fiel dem deutschen Forscher immer das gleiche Zeichen auf: ein mit Haken versehenes Kreuz. Es >var ern Zeichen, das über die ganze Erde verbreitet war; den gelben Völkern diente es als Glückssymbol, unter dem Namen „Swastika" den Indern als Sexualemblem. Allein das wußte Heinrich Schliemann nicht. Er befragte einen französischen Archäologen, einen gewissen Emile Burnouf, um die Bedeutung des wuni^rlichen Kreuzes. Herr Burnous. Ein Spaßvogel von Phantasie, redete dem leichtgläubigen Deutschen ein, die alten Arier, nm ihr heiliges Feuer zu entfachen, hätten Gestelle in solcher Hakenkreuzform als weibliche Bestandteile ihrer Bohrer verwandt. Der vertrauensseelige Herr Schliemann glaubte dem spaßhaften Herrn Burnouf. Kommentierte das Hakenkreuz als typisch arisches Phänomen. Die deutschen Patrioten machten diese Erklärung zu einem Eckstein ihrer Rassentheorie, erkoren das indische Fruchtbarkeitsemblem zu ihrem Heilszeichen. Ein Leipziger Geschäftsmann stellte Klebemarken her, aus denen das Hakenkreuz prangte, umkränzt von dem Spruch: Arierbl u t / Höchstes Gut." In seinem leidenschaftlichen Kamps um Gerechtigkeit, den Feuchtwanger auf seinen tausend Seilen führt, gibt er alle Missetaten wieder, die unter dem indischen. Fruchtbarkeitssymbol, dem Zeichen des Hakenkreuzes, verübt wurden. Wenn er aus der Geschichte der Stadt München zu plaudern anhebt, fängt er ungefähr so an: „In jen-en Jahren war eines der beliebtesten Mittel, den politischen Gegner zu widerlegen, seine Ermordung." Den Nationalsctzialisten, die er als „Wahrhaft Deutsche" auftreten läßt, und ihrem „Führer", dem künftigen Diktator Deutschlands, der bei ihm Robert Kutzner statt Adolf Hitler heißt, stülpt er die Schelmenkappe auf und gibt ihnen die Narrenpritsche in die Hand. Er glossiert alle falschen Coriolane, schildert den Münchener Hofbräuputsch und die Schlacht an der Feldherrnhalle mit zersetzender Ironie. Inflation, bäuerliche Raffgier, „Befreiung" Münchens, Pogrome und Zusammenbruch der „nattionalen" Bewegung: nichts läßt er aus: Und als großartigen Gegenpart für den von ihm meisterhaft gezeichneten bayrischen Justizminister Klenk — einen echten Sohn der bayrischen Hochebene — läßt der b a y r i s ch e I u d e Feuchtwattger den jüdischen Advokaten uttd Reichstagsabgeordneten Dr. Geyer erstehen, dessen ganzes Herz nur hängt an zwei Faktoren: 1. an der von ihm beabsichtigten und zum Teil schon vollendeten „Geschichte des Unrechts im Lande Bayern", 2. au dem ihm vor dreißig Jahren von einer heißgeliebten Frau rein arischen Blutes geborenen Sohn, einem pervertierten Tunichtgut, der unter dem Namen Erich Bornhak als Parteisekretär der „Wahrhaft Deutschen" zu den Toten des Massakers an der Feldherrnhalle gehört. Die eine Seite von den tausend seines Werkes, auf der Lion Feuchtwanger den Advokaten Geyer, nachdem er die Todesnachricht erhalten hat, Kaddisch sagen läßt, für den erschlagenen Sohn, ist reich und tief von jener Klangfarbe, die der Jude Feuchtwanger so oft der Davids har sc zu entlocken vermag: „Als spät der Margen heraufkam, hörte die Haushälterin Agnes den Dr. Geyer sprechen. Allein. In einer fremden Sprache. Es war H e b r ä i s ch. Der Reichstagsabgeordnete Geher sprach Gebete, hebräische, Sterbegebete, auch Segenssprüche, Mechanisch die Lippen bewegend, wie er sie von Kind her im Gedächtnis hatte. Denn Dr» Geyer e n t ft a m m t c einer jüdischen Familie, die die Riten und Gehete hoch in Ehren hielt, und er hatte ein gutes Gedächtnis. Er sprach: „Wie die Blume verwelkt, wie das Gras verdorrt, welken mir aus dem Licht." Er legte die Hand aus die kalte Schale der Schreibtischlampe, wie sein Vater ihm die Hand auf den Kopf gelegt hatte am Freitagabend beim Segensspruch und sagte: „Gott lasse Dich werden wie Ephraim und Manasse." Auch sagte er: „Wir gedenken, daß wir Staub sind." Es quälte ihn, daß nicht zehn Leute da waren, wie das Gesetz es vorschrieb. Es quälte ihn, daß erdicht am liturgischen N.^u - jahrstag an ein fließendes Wasser gegangen war, wie das Gesetz es vorschrieb, und seine Sünden hineingeworfen hatte, auf daß der Fluß sie weitertreibe und ins Meer versenk.e. Nur dies hätte er zu tun brauchen, dann wäre der Junge nicht umgebracht worden. Die nächste Nacht schlief Dr. Geyer ein wenig. Am Morgen stellte er sich hin, mit geschlossenen Füßen und wiegendem Oberkörper und sprach: „Geheiligt un d g e r üh m t werde Sein N am e." Eigentlich sollte dies geschehen in Gegenwart von zehneriv a ch f c ,t e u Gläubigen. Gr mußte e s allein tu n." Ob Feuchtwanger, tief eingedrungen in die Historie und die Biologie des bayrischen Stammes, das im Lande durch viele Jahre hindurch geschändete Recht von der Seite der „Fairneß" oder der Moral aus wiederherzustellen und zu versöhnen trachtet, gilt gleich. Jedenfalls bedeutet seine monumentale Schöpfung „Erfolg" einen Beweis von Lauterkeit, Tapferkeit und Streitbarkeit, wie sie heutzutage wohl, nur wenigen deutschen Menschen zu eigen sein dürften. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist es auch unerheblich, ob mall itt diesem Fallet die Form eines historischen Romanes, der weder reine Historie noch reiner Roman ist, sondern lediglich zeitgenössisches Erlebeit, Erlauschen und Erleiden, künstlerisch anzuerkennen vermag. Dieses Buch hat sich selbst geschrieben, aus Protest gegen eine verrottete Umwelt, die doch gleichzeitig, geliebte Heimat heißt. Und darum hätte es unter keinen Umständen ungeschrieben bleiben können oder dürfen. Bor dem Menschen Lion Feuchtwanger, „durch dessen Herz ein brennendes Recht fließt", eine ehrfürchtige Verneigung! Dem' Schriftsteller gegenüber nur eine leise Verwund e- ' rung darüber, daß er dieses Mal eine befremdeitd schwerflüssige, manchmal maturiert anmutende Diktion gewählt hat (Verschwendung im Gebrauch voll Partizipiert uttd der seltsame Brauch, allen Verben und Substantiven die Adjektive immer dergestalt voranzustellen, daß eine archaisierende, unnatürlich wirkende Sprache entstand). Außerdem noch, der bescheidene Wunsch, gewisse KraftausLrücke, wie des berühmten Zitats aus dem „Götz von Berlichingen" und alle unter diesen Komplex fallertde Charakteristiken nicht z u h ä u f i g anzuwenden. Sie kehren bisweilen auf einer Seite vier- bis fünfmal wieder, und zwar nicht nur im Munde der Bewohner der bayrischen Hochebene, soitdern auch auf den Lippen von hochgestellten Staatsbeamten, Großindustriellen, ja sogar Damen. Wenn diese Arabesken, die nicht einmal durch etne sogenannte „variativ delectat" schmackhaft werden, dem Werk etwa eine gewisse Bodenständigkeit verleihen sollten, so glauben wir, daß hier ein Plus getan wurde. Wir kennen diese Phraseologie hinlänglich aus Kriegsbüchern, wo sie vielleicht angebracht gewesen sein mag. In einem Kunstwerk, das noch dazu sich erst in vierzig bis fünfzig Jahren rückschauend auswirken soll, berührt dieses überschüssige und überflüssige Kraftmeiert um des Wortes störend und peinlich. Schließlich ist der Dichter des Jahres 1930 weder ein Rabelais) noch ein Grimmelshausen, auch wenn er vielleicht beiden an Intention und Bedeutung nahekommt.