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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-29 · 44 (29.10.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
44 (29.10.1930)
Date
1930-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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wohl aber hat sie es ausgesprochen, daß, wenn sie den Lieg in der Gemeinde davontragen sollte, sie auch die Beamtenschaft sich auswählen würde, damit in der Beamtenschaft der Geist vertreten werde, welchen, wie sie sagt, die Mehrheit der Wähler durch die Wahlen fordert. Man sieht also, was auf dem Spiel steht. Die Gemeinde Berlin ist die größte Einhettsgemeinde der Welt. Es handelt sich darum, daß am 3V. November festgestellt wird, ob die Politik der Gemeinde nach innen und außen und ihre Repräsentation gegenüber Juden und Nichtjuden in die Hände einer Partei gelangt, die bei unleugbaren Erfolgen im Einzelnen das Bestreben hat, jüdische und nichtjüdische Deutsche voneinander abzuschließen durch eine bewußte Eingliedenma der Gemeinde in den Kreislauf nativnaliüdischer Politik, die Sie Gemeinde, welche bisher im großen Sinne des Wortes eintz Religionsgemeinde — nicht bloße Kultusgemeinde — war, zn einer Volksgemeinde machten, oder ob diejenige Weltanschauung die Oberhand behalt, welche die Gemeinde Berlin In der vergangenen Woche haben wir hier ausführlich über die Bestrebungen berichtet, die in der Berliner Jüdischen Gemeinde zur Vermeidung eines Wahlkampfes im gegenwärtigen Augenblick unternommen worden sind. Wir stellen als Ergebnis dieser Verhandlungen noch einmal fest: 1. Von den Liberalen war angeregt worden, für einen begrenzten Zeitraum eine Verständigung darüber herbeizufüh ren, daß. über gewisse sachliche Fragen erst nach den später erfolgenden Wahlen entschieden werde. Die Indische Volks- Partei hat derartige Zusicherungen abgelehnt, sie hat statt dessen angekündigt, das; sie wesentliche Fragen der Gemeinde- Politik in allernächster Zeit zur Entscheidung stellen wird. 2. Die Liberalen haben trotz dieser offensichtlichen Provokation die Verhandlungen nicht abgebrochen. Sie haben vielmehr den Vorschlag gemacht, die Wahlen um ein Jahr zu vertagen. Für diesen Zeitraum sollten keinerlei sachliche Bin-! düngen bestehen. Dieser Vorschlag enthielt ein besonderes Entgegenkommen von liberaler Seite, da ja bekanntlich die MehrheitSverhältnisse in der Berliner Jüdischen Gemeinde zn Ungunsten der Liberalen gestaltet sind. Der Vorschlag wurde von allen religiösen Parteien angenommen, von der Jüdischen Volkspartei jedoch abgelehnt. 3. Trotzdem brachen die Liberalen die Verhandlungen nicht ab. In einer Sitzung sämtlicher Parteien am vergangenen Sonnabend wurde ein liberaler Vorschlag von den Parteiführern ad referendum genommen, eine Einheitsliste auf der Basis des Wahlergebnisses von 1926 zu bilden. Das hätte bedeutet, daß die Liberale,; auf eine Mehrheit im Gemeindeparlament für weitere Jahre verzichtet haben würden. Alle Parteien sollten bis zum Montag dieser Woche ihre Zustimmung zu dem Vorschlag schriftlich erklären. Sämtliche religiösen Parteien stinrmten zu, wiederum lehnte die Jüdische Volkspartei ab. 4. Damit mußten die Bemühungen um die Vermeidung eines Wahlkampfes als gescheite,t betrachtet werden. Hinter bcnt Rücken der Liberalen jedoch verljandelten nun Mittelparteiler und Volksparteiler. Als Ergebnis dieser Beratungen wurde der, Liberalen der folgende Vorschlag der Jüdischen Volkspartei unterbreitet: „Die Volkspartei ist bereit, in eine Vertagung der Wahlen zu willigen unter der Bedingung, daß a) in der Jüdischen Gemeinde Berlin die alte Legislaturperiode wieder hergestellt wird, also die Dauer der Mandate bis zum 31. Mai 1932 läuft, aus kleinen Anfängen zu der Bedeutung emporgehoben hat, eine Bedeutung, die sie längst schon hatte, che die Bolkspartei als eine Minderheitspartei au die Spitze der Gemeindeverwaltung trat. Verschiedenheit der Religionsaufsassung und Religionsausübung spielen diesem Gegensatz gegenüber nur eine untergeordnete Rolle. Gewiß, wir werden uns auch in Etnzelfragen mit unseren konservativen Brüdern auseinanderzusetzen haben, der entscheidende Gegensatz aber liegt, und das muß mit aller Schärfe betont werden, zwischen nationaljüdischer Politik und der Erhaltung unserer Gemeinde und Gemeindeoerbände als Religionsgemeinschaften. Diese Auseinandersetzung soll, soweit es an uns liegt, in sachlicher, würdiger, dem Emst der Zeit angemessener Form geschehen, aber sie muß Klarheit bringen und wird hoffentlich Klarheit bringen. Wir haben nur die Parole zu geben, die Wählerschaft wird entscheiden und entscheiden müssen, wohin der Weg der Gemeinde Berlin und des deutschen Judentums für die Zukunft zu gehen hat. Möge sie den richtigen Weg gehen! b) für ve>, Landesverband die Dauer der Wahlvertagung der Beschlußfassung des Laudesverba>,des Vorbehalte,, bleibt/' Dieser Vorschlag, der für jeder,, der die Materie beherrscht, nichts weiter als Augenpulver ist, ist von dem Liberalen Verein mir folgenden, Schreiben beantwortet worden: Berlin, 28. Oktober. Au die Religiöse Mittelpartei zu Händen des .Herrn James G o l d s ch m i o t. Sehr geehrte Herren! Wir erhalten von Ihnen zu unserem Erstaunen statt der in Aussicht gestellten endgültigen Erklärung zur Frage der Ermöglichung einer Einheitsliste einen anderweiten Vorschlag der Jüdischen Bolkspartei.! Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Frage einer Vertagung der Wahlen ebenso wie der früher von uns gemachte, von der Volkspartei wiederholt abgelehute Vorschlag, der eine Verschiebung der Repräsentantennud Landesverbandswahlen um höchstens ein Jahr vorsieht. Jedoch ist der Vorschlag der Bolkspartei seinem Charakter nach von dem unsrtgen durchaus verschieden und außerdem völlig undurchführbar. Wir gestatten uns. Ihnen beides eingehend zu begründen. Die Volkspartei stellt zur Bedingung für eine Verschiebung der Repräsentantenwahlen jetzt die Verlängerung der Legislaturperiode über ein Jahr hinaus bis zum 3l. Mai 1932. Da Somme,Ivahlrr, praktisch nicht durchführbar sind, so würde das in Wirklichkeit eine Verlängerung der Legislaturperiode um zwei Jahre bedeuten. Anstelle einer Maßnahme, die ans der Not der Zeit geboren, im Augenblick die Wahlen verhindern will, sollen die Gemeindemitglieder von den Parteiführern aus mehrere Jahre daran gehindert werden, bei der Gestaltung der Gemeindeverhältnisse mitzuwirken. Ein solches Verfahren wäre ein im höchsten Grade undemokratischer und vor der Gemeinde nicht vertretbarer Gewaltakt. In dieser Weise die Gemeinde auf Jahre hinaus zu binden, ist um so weniger angängig, als aus programmatischen Erklärungen der Führer der Volkspartei hinreichend bekannt ist, daß. sie beabsichtigen, den Charakter und die satzuugsgemäßen Aufgaben unserer Religionsgerneinde in den kommenden Jahren grundlegend weiter umzugestalten. Irgendwelche sachlichen Zusicherungen, dahingehend, daß in der Notzeit grundlegende Aenderungen in der Tätigkeit der Gemeinde zu unterbleiben haben, hat die Volkspartei abgelehnt. Dazu kommt, daß der Vorschlag der Volkspartei unter b), die Tauer der Wahlvertagung hinsichtlich des Landesverbandes einer besonderen Beschlußfassung desselben zu überlassen, zu unmöglichen Ergebnissen, führt. Es ist genugsam bei den Verhandlungen erörtert worden, daß die Wahlperiode des Larwesverbandes abgelaufen ist, und daß rechtlich eine Möglichkeit, sie zu verlängern, überhaupt nicht gegeben ist. Bei sofortiger Einigung aller Parteien über eine kurze Verlängerung hätte trotzdem auch beim Landesverband die Verschiebung allenfalls vertreten werden können. Da aber die Volkspartei Bindungen hinsichtlich des Landesverbandes nach der Formulierung ihres Antrages ablehnt, so besteht die Gefahr, daß entweder, wenn im Landesverband Einstimmigkeit über eine Verschiebung auf die gleiche Zeit nicht erzielt wird, ein der rechtlichen Grundlage entbehrender Mehrheitsbeschluß ergehen muß, dem die Gemeinden sich nicht fügen würden, und der eine Sprengung des Landesverbandes zur Folge haben, müßte, oder aber, daß der Landesverband zu Wahlen schreiten muß und daß die Gemeindemitglieder gezwungen sind, jetzt doch für den Landesverband zur Wahl zu gehen, so daß die Gemeinde innerhalb von zwei Jahren durch zwei Wahlkämpfe beunruhigt wird. Sie werden, sehr geehrte Herren, sehen, daß der neue Vorschlag der Bolkspartei keineswegs der Befriedung dient, sondern lediglich geeignet ist, die Interessen sowohl der Gemeinde als auch des Landesverbandes zu schädigen. Die Jüdische Volkspartei sucht mit ihrem neuen Vorschlag offenbar die ungünstige Situation, in die sie durch Ablehnung unserer loyalen 'Vorschläge betreffend: a) Vertagung auf höchstens ein Jahr, b) Einheitsliste auf der Grundlage de-? letzten Wahlergebnisses, sich selbst gebracht hat, dadurch zu verbessern, daß sie nun.- rnehr durch Vorschläge, die nur bei oberflächlicher Betrachtung als eine Befriedung der Gemeinde dienlich erscheinen, tatsächlich aber indiskutabel und undurchführbar sind, daß Odium der Ablehnung von sich auf uns abzuwälzen bestrebt ist. Es wird ihr „ich, gelingen, die Tatiache. daß die beiden einzigen praktisch durchführbaren Wege zur Vermeidung der Wahlen von ihr gegen den Willen aller religiösen Parteien abgelehnt worden sind, vor den Wählern zu verschleiern. Die allein trägt durch ihr Verhalten bei der Ablehnung die Verantwortung für den Wahlkamps in der jetzigen Notzeit. Sie allein hat zu verantworten, daß die Bemühungen um eine Vermeidung des Wahlkampfes gescheitert sind. Wir behalten uns das Recht der Beröfsentlichung unserer Stellungnahme vor. In vorzüglicher.Hochachtung Der Vorstand. Im Aufträge: Dr. Lesser, Dr. W. Breslauer, Rosenthal, Bruno Woyda. Nach Redaktionsschluß: Soeben geht uns noch die Mitteilung zu, daß die Volkspartei noch zu ihrem rorstchenden so genannten „Friedms"-Angebot der liberalen Partei eine Erläuterung durch Vermittlung der Mittelpartei hat zukommeu lassen. In dieser von Herrn Karesii gezeichneten Erläuterung heißt es: „Tie Verschiebung der Landesverbandswahlen darf, da sie in jedem Falle nur in einer ungesetzlichen Weise erfolgen kann, für keinen längeren Zeitraum als bis zum Frühjahr 1931 gelten. Ich würde es, allerdings lediglich aus praktischen Gründen, für zweckmäßig halten, daß die Wahlen etwa Mitte Marz stattfinden, damit der Etat Me Volksparlei will den Wahlkamps Der neue Feuchtwanger Von Toris W i t t „ e r. Lion Feuchtwanger, der mit seinem „Jud Süß" einen Welterfolg ohnegleichen davongetragen hat, tritt mit seinem neuen, nahezu 1000 Seiten umfassenden Werke „Erfolg" (Gustav Kiepenheuer Verlag) wiederum in einem scheinbar historischen oder besser gesagt nur pseudo-historischen Roman vor uns hin. Er will die Geschichte des deutschen Gliedstaates vormaligen Bundesstaates, Bayern, insbesondere die Menschen der bayerischen Hochebene, in den Jahren von 1920 bis 1924 gleichsam retrospektiv, also historisch, mithin von einer fiktiven Generation ungefähr aus den Jahren 1960 bis 1970 betrachtet wissen. Er spiegelt demnach eine Distanz vor, die er selbst, der Zeitgenosse der geschilderten Epoche, nicht hat, noch haben kann. Darum läßt er seine Sätze häufig beginnen mit einein „Damals" oder „Denn in jener Zeit..." oder „In jenen Jahren" und ähnlichen Floskeln, die sich absichtlich immer eines historischen Perfektums bedienen. In seiner Information zum zweiten Bande des Gesamtwertes betont er die geschichtliche Bedeutung seiner Aufzeichnungen ausdrücklich mit folgenden Worten: „Kein einziger von den Menschen dieses Buches existierte aktenmäßig in der Stadt München in den Jahren 1921 24; wohl aber ihre Gesamtheit. Um die bildnishafte Wahrheit des Typus zn erreichen, mußte der Autor die photographische Realität des Einzelgesichts tilgen. Das Buch Erfolg gibt nicht wirkliche, sondern historische Menschen. Ausführliche Berichte über die deutschen Einsperrungsanstalten jener Zeit sind uns erhalten in den Auszeichnungen der Schriftsteller Felix Fechenbach, Max Hoelz, Erich Mühsam, Ernst Toller, die in solchen Anstalten untergebracht waren. Material über die Sitten und Gebräuche der altbayrischen Menschen jener Epoche findet sich in einer Zeitung, die damals in einem altbayrischen Orte namens Miesbach erschien, dem Miesbacher Anzeiger. Diese Zeitung ist in zwei Exemplaren erhalten; das eine befindet sich im Britischen Museum, das andere im Institut zur Erforschung primitiver Kulturformen in Brüssel." Man darf deingegenüber vielleicht geltend machen, daß Feuchtwanger sich zu seiner eigenen These des öfteren in Widerspruch setzt, indem er Menschen wie Eisner, Landauer, den Grasen Arco-Balley, also gerichtsnotorische Persönlichkeiten der von ihm geschilderten Aera unter ihrem wirklichen Namen einflicht, andere hingegen wie beispielsweise den General Ludendorff, den Nationalsozialistenführer Adolf Hitler, die Schriftsteller Ludwig Thoma und Ganghofer, den bayrischen Ministerpräsidenten von Kahr, den Bauernführer Dr. Heim sowie auch nicht bayerische Menschen wie die Polarforscher Amundsen und Nobile so scharf und unverkennbar charakterisiert, daß es keiner ausdrücklichen Namensnennung bedarf. Lion Feuchtwanger hat uns in seinem grandios komponierten Wert einen „Bayernspiegel" geschenkt, der das Land Bayern, seine bayrischen Menschen, ihre Stammeseigentümlichkeiten, ihre Roheiten und ihre Entgleisungen sowie ihren partikularistischen Furor insbesondere in der Zeit „ach dem Weltkriege, mit dem unerbittlichen Auge des Kritikers sielst und darstellt. Aber immerhin: Feuchtwanger ist selbst ein Bayer und man spürt in der großartigen Fülle der Gesichte immer einen besonderen Wesenszug hervor, den man vielleicht am besten mit „Haßliebe" bezeichnen dürfte. Er gibt die ganze Skrupellosigkeit, den falschen Patriotismus, die schlaue Bauernpolitik, die konfessionelle Intoleranz, die Judenverfolgungen, vor allem aber die Erschütterung der Justiz im Lande Bayern dem Urteil der Geschichte und der Nachwelt unbarmherzig preis. Und trotzdem fühlt man immer, daß hier ein Mann spricht, der sich für seine eigenen Volksgenossen schämt, weil er sie im tiefsten Grunde seines Herzensliebt, und der durch öffentliche Anprangerung klügere Einsicht und Besserung — „Hoffnung auf Segen" — nannte ein Skandinavier dergleichen einstmals — zu erzielen hofft. Die Fabel, um die Fenchtwangers minutiöse Historie sich spinnt, ist einfach. Der international bekannte Erforscher der bildenden Künste und Direktor der Staatlichen Galerien zu München, Dr. Martin Krüger, der sich schon durch die Erwerbung neuartiger, tendenziöser, von jeder Tradition abweichender Gemälde höheren Ortes mißliebig gemacht hat. Wird wegen eines Kavaliereides, der aber in diesem Falle nicht einmal ein Falscheid war, zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Und die Achse des Romans bildet der Befreiungskampf, den die Freundin und Geliebte dieses Mannes Krüger, Johanna Kram, ein tapferes bayrisches Mädchen, vergebens führt. Alle amtlichen und einflußreichen Stellen Bayerns sind von der Unschuld des Mannes Krüger überzeugt, aber, da er ihnen unbequem ist, lassen sie ihn wider besseres Wissen im Kerker schmachten. Wir, die Mit lebenden dieser und nachfolgender Zeitläufte, wissen gut, daß dem nicht nur so sein konnte, sondern daß dem so wa r. In dem nachkriegerischen Bayern, das sich imMer seine nationalistische Extrawurst am Feuer primitivster Bolksinstinkte braten wollte, hat man, je nach Bedarf, aufrechte und aufrichtige Männer in Strafanstalten geschickt, hat Leute, die am Wiederaufbau des Reiches und des Vaterlandes arbeiteten, kaltblütig „gekillt", hat Juden gemordet und erschlagen, bloß, weil verlogener und verbogener Rassendünkel es also wollte. Als der Mann Marlin Krüger, dank dem Einfluß eines amerikanischen Milliardärs, der die bayrische Industrie saniert, und dank dem internationalen Ansehen des Schriftstellers Jacques Tüverlin, den man wohl füglich mit Lion Feuchtwanger selbst identifizieren darf, die Freiheit wieder erlangen soll, ist er bereits, infolge Fahrlässigkeit der Anstattsärzte, an einem lange wühlenden Herzleiden verschieden. Und es bleibt dem Mädchen Johanna Kram nur „och die groteske Möglichkeit, pofthumo Gerechtigkeit zu üben, indem sie in einem Film das Schicksal Martin Krügers und das an ihm verübte Justizverbrechen abrollen und damit der ganzen Kulturwelt auszeigen läßt. Der Begriff des Rechtes war abgeschasst in dem Lande Bayern der Jahre 1920 bis 1924, und der Begriff des Erfolges wohnte immer nur bei jenen, die dem Unrecht zum Siege verhaften. „Wozu machen Sie eigentlich Bücher, Herr Tüverlin?" fragt der bayrische Justizminister Klent, beiläufig die beste Figur dieses präsumptiv-historischen Romanes, den Schriftsteller. „Ich drücke mich aus", erwidert Tüverlin. „Ich habe mich durch Justizpslege ausgedrückt", sag, Klenk. Daraufhin wieder Tüverlin-Feuchtwanger: „Sie haben sich aber nicht immer gur ausgedrückt, Herr Klent." „Was haben Sie an meiner Justizpslege auszusetzen?" fragte Klent. „Fairneß", sagt Tüverlin, „ist die Bereitschaft, in gewissen Fällen mehr zu geben/ als^ man verpflichtet ist und weniger zu nehmen, als man berechtigt ist." Und wiederum Klenk: „Sie verlangen viel Luxus von einem schlichten Mann." Diese pseudo-schlichten Männer und die wahrhaft schlichten, die Passionsspieler und die Putschisten, die Schlawiner, die Kommunisten und die Kleinbürger, die Naturmenschen und die raffinierten Dialektiker: sie alle hat Feuchtwanger mit dem Auge eines modernen Aristophanes gesehen und in der Linse beißender Satire eingefangen. Er suchte eine Synthese zu schassen der „üblichen Sitten und Gebräuche, an denen der in seiner Grundschicht alpine, konservative Stamm, der die bayrische Hochebene bewohnt, sesthält." Und kaum, daß er diese Synthese gefunden hat, wetzt er mit allen Messern der Analyse an ihr herum. Strotzend von Kraft und Saft, von bäurischer Schläue und Verschlagenheit, von erotischer Derbheit, frei von kulturellen oder gar zivilisatorischen Einflüssen stehen diese Menschen der bayrischen Hochebene vor uns. Aber selbst das grimmigste Lachen Ariftophanes-Feuchtwangers würde sich nicht versteigen zu einem so haarscharf ins Herzblatt treffenden Wort wie Bismarcks Ausspruch: „Der Bayer ist der Uebergang vom' Oesterreicher

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