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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-22 · 43 (22.10.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
43 (22.10.1930)
Date
1930-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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intensiven landwirtschaftlichen Betätigung, bei Durchführung vvn Meliorationen und Bewässerung werde eine dichtere Besiedlung des Landes möglich und Raum für neue Ansiedler geschaffen sein. Das Einwanderungsverbot rechtfertigt die Regierung durch die Arbeitslosigkeit unter den Arabern, sowie, in einem gewissen Maße, auch unter den Juden. Die Regierung werde den Stand der Arbeitslosigkeit genau untersuchen und das Ergebnis dieser Untersuchung zum Ausgangspunkt ihrer Einwanderungsbestimmungen machen. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agcntur erklärte Professor Chaim Weizmann, daß der XVIII. Zionistenkongreß im Verlauf des Monats Februar 1931 zusammentreten wird. Bis dahin werden er, Weizmann, und die Executive die Geschäfte weiter führen. Die Politische Kommission ist für den 3. November einberufen worden. * Mt dem Kopf durch die Wand Eine Erklärung Direktor Oscar W a s s e r m a n » s.. Direktor Oscar Wassermann (Deutsche Bank), Präsident des Finanz- und Wirtschaftskomitees der Jewish Agency, gibt zu dem Rücktritt Dr. Weizmanns folgende Erklärung ab: „Die Erklärung der englischen Regierung über die von ihr beabsichtigte Politik in Palästina ist für die Juden sehr enttäuschend. Sie zeigt, daß die gegenwärtige Regierung das Palästinamandat anders auffaßt, als es seinerzeit allgemein verstanden worden war. Dr. Weizmann hat die Regierungserklärung mit seiner Demission als Präsident der Jewish Agency beantwortet, und diese Körperschaft wird zu der durch die englische Regierung geschaffenen Sachlage Stellung zu nehmen haben. Auch in anderen jüdischen Kreisen wird das neue Weißbuch nicht ohne Widerhall bleiben. Unsere Palästina-Arbeit aber wird es nicht ländern. Auch nach der Auslegung, die jetzt dem Mandat gegeben wird, ist das Land für mehrere hunderttausend jüdische Einwanderer offen. Das Entscheidende wird, wie bisher auch, die Höhe der Gelder sein, die die Juden in der Welt für den Aufbau Palästinas zur Verfügung stellen wollen. Es hat sich bisher immer gezeigt, daß Schwierigkeiten, die man ihnen in den Weg legt, die Juden nicht von einem gefaßten Vorsatz abzubringen geeignet sind; so können wir auch jetzt mit vollem Vertrauen erwarten, daß die neuerliche Erklärung der englischen Regierung die alten Freunde des Palästina-Aufbaues in ihrem* Opfermut nur bestärken und dein Werke zahlreiche neue Freunde gewinnen wird. Die Jewish Agency und der Kereir Hajessod bleiben angesichts der jetzigen Ereignisse fest und setzen ihre Arbeit zuversichtlich fort." Rabbiner Sir Hermann Golanez gestorben. Im Alter von 78 Jahren starb am 15. Oktober in London der Prozessor an der Universität London und Rabbiner Sir Hermann Golanez, — der erste englische Rabbiner, wie die Londoner „Tiines" in ihrem ausführlichen Nachruf hervorhebt, der den englisch ei: Adelstitel erhielt. Golanez wurde am 30. November 1.852 geboren als ältester Sohn des Predigers an der Hombvo-Synagoge in London S. M. Golanez. Er studierte am Rabbinerfeminar (Jews College) und University College in London Hebräisch, Aramäjisch, Syrisch und Deutsch, wurde 1902 zum Professor der Hebräischen Sprache an der Universität London ernannt und nahm diesen Lehrstuhl bis 1923 ein. 1905/06 war er Lektor Kr Homiletik am Jews College (Rabbinerfeminar) und viele Jahre Mitglied des Rates des College. Er amtierte an verschiedenen Synagogen in London und Manchester, von -1892 bis 1923 an der Bayswatersynagoge in London und. erhielt nach seinem Rücktritt den Titel eines emeritierten Predigers an den Vereinigten Synagogen (Emeritus Minister Berechtigung der Travestie? Von Doris W i t t n e r. Die Franzosen besitzen die Gabe der Selbstpersiflage in hohem Maße und in der dem Gallier selbstverständlich eleganten Form; die Oesterrxicher, insbesondere die Wiener, geneigt, nichts und niemanden, auch sich selbst nicht, sehr ernst zu nehmen, verfügen über die gleiche Eigenschaft. Nur ist dort alles etwas weicher und betulicher als in der transtuciden Atmosphäre Frankreichs wo alle Dinge und Menschen so glasklar int Raume stehen und wo daher der Einzelne es vorzieht, seine eigener: Schwächen freiwillig zu offenbaren, als daß sie von anderen entdeckt ur:d lächerlich gemacht werden. Diese west östliche Tendenz zur Selbstverspottung eig- ,net auch dem jüdischen Stamm, nur daß sie bei dem Volke Israel vielleicht aus anderen historischer: und biologischen Wurzeln sprießt. Durch Jahrtausende hindurch verfolgt, in ihrer Geschichte fast immer im Kampfe mit kriegerisch überlegenen Völkern von rauheren und roheren körperlichen Manieren, späterhin in der Diaspora, dank der Eingeschlossenheit in sogenannte Judenviertel oder Ghetti, geschieden von Freiluft und Freilicht, vor allem von jeder Bewegungsfreiheit, zeitweilig in physische Entartung und Atrophierung hineingezwängt, die Hand in Hand ging mit einer rein intellektuellen Ueberentwicklung und ausschließlichen Geistesarbeit, müßten die Kinder Israels frühzeitig den feindlichen Hohn der Gegner über sich ergehen lassen, der diese biologisch gezüchteten und historisch begründeten Wesensunterschiede zwischen der: freien Völkern und den geknechtetenJuden zum Gegenstand ebenso dummer wie brutaler Anpöbelung seitens der in Freiheit lebenden und handelnden „Masse Mensch" machte. Immer wieder hat der Jude viele Jahrhunderte Hindurch die gleichen Glossen vernehmen müssen, über seine Mundart, über körperliche Merkmale, die, wo sie wahrhaft typisch hervortraten, meist identisch waren mit denen anderer großer orientalischer Völker, oder auch beispielsweise int Osten Europas über ihre Tracht, die dabei nicht einmal ihrer eigenen Phantasie entsprungen war, sondern die sie denk Wirtsvolk der Polen entlehnt hatten. Denn der Kaftan, ohne den sich der grundsätzliche Judenfresser erneu Anhänger des „Alten Bundes" nicht vorzustellen vermag, ist ein spezifisch polnisches Kleidungsstück. Weder die gelehrten und berühmten Juden Spaniens und Portugals, geschweige denn die der nordafrikanischer: Küste kannten ihn. Sie trugen die gleicher: üppigen Gewänder des Orients wie die Völker des' Islams. Darum ist es auch immer fehl am Platze, wenn of the United Synagogue). Er war Sekretär der semitischen Sektion des internationalen Orientalistenkongresses zu London 1890, hielt Vorträge aus diesen: Kongreß und den Orientalistenkongressen zu Paris 1897 und Rom 1899, war 1905/06 Vorsitzender der Gesellschaft für Geschichte der Juden in England (Jewish Historial Society of England), veröffentlichte viele Beiträge in der Zeitschrift dieser Gesellschaft und muroe 1925 zum Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Literaturvereine (Union of Jewish Literary Societies) gewählt. Er beschäftigte sich eifrig mit philantropischer Tätigkeit und sozialer Fürsorge, vielfach in freundschaftlicher Zusammenarbeit mit christlichen Geistlichen. Für ferne Verdienste auf sozialem und wissenschaftlichem Gebiete erhielt er 1923 den 'Adelstitel. Seine literarische Tätigkeit war sehr ausgedehnt. 1881 verfaßte er eine englische Nmarbeitung der Bibel zum Gebrauch in jüdischen Familien, gab zahlreiche syrische Werke heraus: „Selections os Chärms from uneditcd Syriac Mannscripts" (1891); „The Syriac Version of Sindban" (1892). Unter seinen hebräischen Werken sind zu nennen: „Ctavicnlo Salomonis" (1902), „Berechyah Han-Nakdan", „Tod: ve Nechti", „Sefer Musar" des Hai Gaon usw. Er veröffentlichte auch eine Sammlung seiner Predigten und Reden unter dem Titel „Fifty Pears Aster", und „Pädagogik os the Talmud and Modern Times". In: September 1929 verlor er während 10 Tage hintereinander durch der: Tod einen Sohn, eine Schwester und seine Frau. Sein Bruder, der 1864 geborene bekannte englische Philologe Sir Israel Golanez, starb im Juni dieses Jahres. Ter Astronom Adolf Marcuse gestorben. In Berlin verstarb am 18. Oktober der bekannte Astronom Professor Adolf Marcuse kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres. Professor Adolf Marcuse wurde am 17. November 1860 in Magdeburg geboren. Er begann seine Laufbahn 1882 als Assistent der deutschen Venus-Expedition nach Nordamerika. Drei Jahre später nahm er eine Stelle als Astronom an der russischen Sternwarte Pulkowa bei Petersburg an. 1886 bis 1887 wirkte er an der Nationalsternwarte in Santiago; 1888 bis 1891 war er Astronom an der Berliner Sternwarte. Tann leitete er die astronomische Expedition der internationalen Erdmessungen nach den Südsee-Jnseln. 1891 kehrte er an die Berliner Sternwarte zurück. Vier Jahve später habilitierte er s ich an der Berliner Universität für Astronomie und mathematische Geographie; im Nebenamt war er Dozent an der Handelshochschule. 1907 erhielt er den Professortitel. Er war gleichzeitig außerordentlicher Professor an der Universität und an der Handelshochschule. Seine hauptsächlichsten Arbeiten betrafen die Beschaffenheit der Kometen, das .Verhalten der atmosphärischen Luft und photographische Bestimmungen der Polhöhe. Seit vielen Jahren war er astronomischer Mitarbeiter des .Berliner Tageblatts". Eine antisemitische Verfügung Fricks von der Filmobecprnfstelle abgcwiesen. Wie schon mitgeteilt, hatte der thüringische Innen- und Kultusminister Dr. Frick die Vorführung des Dupont-Films „Zwei Welten" in Thüringen mit der Begründung verboten, daß in dem Film die ..Juden als bessere Menschen dargestellt würden als die österreichischen Offiziere". Nunmehr hatte sich die Oberprüfstelle in Berlin unter Vorsitz von Ministerialrat Dr. Seeger mit der Angelegenheit zu befassen. Oberregierungsrat Teitelmann erklärte in Vertretung des thüringischen Innenministers, daß der Film die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährde und das deutsche Ansehen im Auslande herabzusetzen "geeignet sei. Tie Gegenüberstellung der Welt der Offiziere und der anderen Welt der polnischen Juden sei so erfolgt, daß es verhetzend wirke. Der Offizier, der die Hauptrolle innehabe, verführe als Dank für die Hilfe und Rettung, die er in dem Hause des jüdischen Uhrmachers gefunden habe, die Tochter. . Der Rechtsvertreter der Filmherstellerin, Dr. Friedmann, erwiderte, es ständen sich allerdings zwei Welten gegenüber, man etwa den königlichen Kaufmann von Venedig in Gewandung und Jargon darstellen läßt, ungefähr wie eine x-beliebige Figur aus einem Drama, sagen wir, vielleicht von Schaloin Asch. Trotzdem ist der Venezianer mit wenigen Ausnahmen, selbst von den größten Darstellern, von Mitterwurzer bis zu Schildkraut, fast ausschließlich'so verkörpert worden. Man hat wenig auf den historischen Stil geachtet, ja man hat sich sogar nicht gescheut, an den inneren Sinn des Dramas zu rühren, wenn es nur galt, dem Publikum eine „Gaudi", eine „Hetz" zu bieten. Der w e st e u r o p ä i s ch e Jude, nicht mehr auf Kontemplation eingestellt, wie sein orientalischer Bruder, sondern vor: der Fahrigkeit und Hast des alten Kontinents ergriffen, überdies in einer ausschließlich kritischen Geistesdisziplin erzogen, hat sich darum leider mehr und mehr daran gewöhnt, die demagogischen Angriffe und Argumente des Gegners ins eigene Lager zu übernehmen. Je assimilierter der westeuropäisckie Jude wurde, desto wohlgefälliger dünkte es ihm, in das Gelächter der anderen einzustimmen, sobald es sich xm: gewisse Eigentümlichkeiten der noch nicht lange dem' Ghetto entronnener: Ostjuden handelte. Der westeuropäische Jude lachte und spottete bantit seiner selbst, ohne zu wissen, wie;. Er legte sich keine Rechenschaft darüber ab, daß sein Gelächter ur:d sein Spott jenen berühmten Hamletischen „Pfeil' und Schleudern" glichen, die, rückkehrend, nur die eigene Brust verwunden. Selbstkritik intra muros, die etwelche Gepflogenheiten extra muros hätte verbessern sollen, wäre gewiß löblich' und rühmenswert gewesen. Aber der: eigenen Stammesbruder auf öffentlicher Tribüne als Karikatur anzuprangern, kann immer nur eigener Würdelosigkeit entspriw ger: und niemals die Achtung des Gegners erringen. Und doch Haber: wir dergleichen erlebt vom Theater der Brüder Herrn feld an und erleben es noch heute in fast jedem von jüdischen Direktoren oder Managern geleiteten Kabarett ur:d Variete. Daß die Operette — deren genialer Schöpfer ur:d Meister Jacques Offenbach erst kürzlich! an dieser Stelle gepriesen wurde — vor solchen marktschreierischen Effekten nicht zurückschreckt, wissen wir ebenfalls. Neuerdings aber hat die Geschmacklosigkeit dieser Seuche auch auf eine Kunstgattung übergegriffen, die ihre Wirkung, auf die breitesten Volksmassen der ganzen Erde zu projizieren bestimmt ist, nämlich den Film. Sah man da kürzlich, noch dazu in einer Feftvorstellung des Vereins Berliner Presse zu Gunsten von deren Witwen- und Waisenfonds den neuesten I a n n i n g s - T o m film „Der Liebling der Götter". Der Vorsitzende des Vereins Berliner Presse ist ein Jude von Name«: und nämlich die Welt des Herrn Dr. Frick und die übrige Welt. Es sei nicht richtig, daß im Film die Juden als bessere Menschen dargestellt würden. Er zitierte eine Filmkritik einer englischen Zeitung, in der gesagt wird, daß der Film aus die polnischen Juden kein günstiges Licht werfe. Aus dem Plaidvyer des Anwalts erfuhr man, daß Thüringen auch beantragt hat, einen Film mit dein Titel „Nathan der Weise" zu verbieten, daß dieser Antrag aber abgelehnt worden sei. Die Filmoberprüfstelle wies schließlich den thüringischen Antrag auf Verbot des Films „Zwei Welten" als völlig unbegründet^ zurück und verwarf auch einen Eventnalantrag, einige krasse Stelle:: aus den: Film zu streichen. Grundsteinlegung eines Tempels in Hamburg An: 19. Oktober 1930, einem schönen Herbsttage, wurde der Grundstein zum Bau des neuen Tempels in Her Oberstraße gelegt. Die eindrucksvolle Feier fand in Anwesenheit von etwa 80 geladenen Gästen statt, darunter Vertretern des Vorstandes und des Repräsentanten-Kollegiums der Gemeinde. Nachdem ein Chor unter Leitung des Oberkantors, Herrn Kornitzer, den 24. Psalm vorgetragen hatte, hielt Herr Rabbiner Tr. Italiener eine Ansprache. Er führte aus, daß am 18. Oktober 1918 die Grundsteinlegung für den ersten Tempel in der Brunnenstraße, am 18. Oktober 1841 die Einweihung des Tempels in der Poolstraße stattgefunden habe und jetzt — fast am gleichen Tage — der Grundstein zu dem Neubau gelegt werde. Herr Dr. Italiener erinnerte an die Gestalt des hervorragenden Hamburger Glaubensgenossen Gabriel Riesser. Wie ihn, so erfülle auch uns die Verbundenheit mit der deutschen Heimat und Liebe zu den: Glauben unserer Väter. — Ter Grundstein, der sich an der Stelle befinde, wo das Allerheiligfte errichtet werde, weise gleichzeitig auf denjenigen Teil des Neubaues, welcher für Unterrichtszwecke bestimmt sei. Das möge als Symbol dafür gelten, daß wir das Gotteshaus auch für unsere Jugend errichten, die in Liebe für unseren jüdischen Glauben heranwachsen möge. — Nach ihm ergriff der Vorsitzende des Tempelverbandes, Herr Heinrich Levy, das Wort. In Ehrfurcht trete er, so führte er aus, an den Platz, der bestimmt sei, das Allerheiligste aufzunehmen, in Ehrfurcht aber auch in dem Gedanken, daß mit dem heutigen Tage aufs neue das Band geknüpft werde mit denjenigen, die vor 112 Jahren das geistige Fundament zu dem Tempelverband gelegt haben. Die von dem Tempelverbande geschaffene neue Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes sei von der überwiegenden Mehrheit der Gemeinden übernommen und weiter entwickelt worden. Viele Glaubensgenossen seien durch den vom Hamburger Tempel ausgegangenen Geist dom Väterglauben erhalten geblieben. Dieser Dienst am' Gesamtjudentun: solle auch in Zukunft der Tätigkeit des Verbandes die Richtung geben. Wie der Liberalismus jede andere Ueberzeugung innerhalb des Judentums achte und ehre, so verlange er aber auch für sich ehrfürchtige Würdigung und volle Gleichberechtigung. Das liberale Judentum ehre und pflege die geschichtliche Verbundenheit des Gesamtjudentums und nehme lebendigen Anteil an den Bestrebungen seiner Erneuerung. Alsdann erfolgte die Verlesung der hebräischen und der deutschen Urkunde über die Geschichte der Vorbereitungen des Neubaues. Beide Urkunden sowie ein Gebetbuch, wie es heute im Tempel im Gebrauch ist, wurden alsdann in die kupferne Kassette gelegt. Während diese verschlossen wurde, trug Herr Oberkantor Kornitzer den 90. und 127. Psalm vor. Nachdem' der Grundstein über die Kassette gelegt war, tat Herr Dr. Italiener die drei ersten Hammerschläge; ihm folgten Herr Heinrich Levy, sodann Herr Alfred Levy als Vorsitzender der Gemeinde, Herr Alfred Lisser als Vorsitzender des Repräsentanten-Kollegiums, Herr Staatsrat Dr. Lippmann, Herr Bau- Rang, der sich nicht geringe Verdienste um das Judentum erworben hat, und den stran immer bereit finden wird, wo es sich darum handelt, die Interessen der jüdischen Gemeinschaft wahrzunehmen. Auch in der Ufa-Produktion dürften sich' wohl an prominenten Stellen Persönlichkeiten jüdischer Abkunft oder jüdischen Glaubens finden, die ihren Einfluß geltend machen könnten, wenn sie wollten. Warum dann die üblen Entgleisungen einer Regie, die es zuließ, daß in eben diesem Film zwei Schauspieler — Willy Prager und Berisch — die ihnen obliegenden Chargen durch die saftige Untermalung vermeintlich jüdischer Typen als an sich wirksame Rollen in den Vordergrund stellten, ohne irgend eine andere Motivierung als die der oben gekennzeich«- neten Travestie. Noch dazu in einem unglaubhaften Milieu. Oder vermeint man wirklich, daß ein südamerikanischer Theatermagnat und sein Manager, ein Theaterinagnat, der einem Kammersänger fünftausend Dollar pro Abend bieten kann, und der nebst seinem Helfer an den Umgang mit einem internationalen Publikum gewöhnt ist, daß solche Leute mauscheln und stetig Jargonausdriicke im Munde führen, wie das heutzutage kaum noch in Brody oder Tarnopol zulässig sein mag? Den beiden Schauspielern war ihre Eigenart in diesem Film offenbar Selbstzweck. Sie wollten sich an dem Feuer „völkischer Belange" eine Extrawurst braten. Ein verantwortlicher Regisseur aber hätte im Interesse der Kontinuität des von ihm vorgesührten Werkes solche Mimenlaunen mit starker Hand unterdrücken müssen. Sie waren unorganisch und berührten darum peinlich. Außerdem sind solche Experimente gerade in der heutigen Zeit nur geeignet, der Roheit der „Straße" neue Nahrung zuzuführen. Selbstpersislage Mag bisweilen — im geschlossenen Kreis — ganz amüsant sein. (Der jüdische Witz, als literarischer Komplex betrachtet, ist dafür ganz aufschlußreich.) Selbsterkenntnis ist besser. Was aber not tut, ist S e l b st e r z i e - hung, Selbstzucht. Diese beiden Begriffe schließen Unmanieren, wie sie von den Herren Prager u:w Berisch begangen wurden, und wie sie täglich auf so und so viel Schaubühnen der Reichshauptstadt wie der Provinz begangen werden, restlos aus. Wer nicht will, daß unmittelbar hinter den Heilrufen der Hitlerleute Hepp-Hepp-Rnfe ertönen, muß vor derartigen Auswüchsen e r n st h a f t warne n. Abgesehen davon, sind Rüpelauftritte wie die von den beiden genannter: Komikern in dem Tonfilm „Der Liebling der Götter" arrangierten Soloszenen, Anachronismen, die in westlicher gelegenen Kulturländern, wie beispielsweise.Frankreich und England, wohl kaum aus Verständnis, geschweige denn Beifall rechnen dürften.

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