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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-15 · 42 (15.10.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
42 (15.10.1930)
Date
1930-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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hätte es nicht oorkommcn können, daß lausende Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerliste eingereicht wurden. 'Latin hätte auch keine Liste ausgelegt werden können, die weder die Ehestauen der Vorstandsmitglieder noch der Repräsentanten enthält. Er weist daraus hin, welch schwere Verantwortung der Gemeindeoorstand und auch der Wahlkommissar, Herr Goldschmidt, mit dieser Liste aus sich nimmt. Tenn, wenn die Liste so schlecht ist, wie sie erscheint, so sind seitens der Gemeindemitglieder am Wahltag und nach der WM Vorwürfe und Beschwerden zn erwarten. Herr Rosenthal bittet nochmals dringend, das statistische Büro endlich einmal auszubauen, das sein 'Material nicht aus den Berliner Steueramtern bezieht, sondern direkt alte jüdischen Familien zu erfassen versuchen soll. Herr Ehrenreich ist schwer enttäuscht über deu Zustand der Wählerliste. Es ist wiederholt versichert worden, daß die Herstellung der Wählerliste so rechtzeitig in Angriff genommen wird, daß nennenswerte Fehler unmöglich sind. Das Ergebnis: Tausende von berechtigten Einsprüchen. Fehler in der Wählerliste konnten doch nur Ausnahmen sein; denn die Arbeit, die die Parteien in einigen Wochen gefestet haben, hätte von der Gemeinde in den vier Jahren, die ihr zur Verfügung standen, vollbracht werden müssen. Besonders schlimm ist es, daß die neue Wählerliste nicht mit der alten Liste verglichen worden ist, sodaß Personen, die voriges Mal gewählt haben, und auch noch heute in Berlin wahlberechtigt sind, in der neuen Liste nicht stehen. Er jürchtet, daß die mangelhafte Wählerliste geeignet sein könnte, das Ansehen der Berliner Jüdischen Gemeinde zu schädigen. Bei der Abstimmung werden die Anträge der Kommission mit einigen Stimmenthaltungen. bei den Liberalen, die die Verantwortung für die Wählerliste nicht übernehmen zu können glauben, zum Beschluß. echobeu. Im weiteren Verlaus 'der Sitzung werden einige Ausgaben bewilligt; es wird beschlossen, den durch den Brand in Borsa Geschädigten eine Beihilfe von 500 RM. zu gewähren. Eine Eingabe des Verbanoes der Ehorangestellten der Jüdischen Gemeinde zur Erhöhung der Sondervergütung zu den hohen Feiertagen, oer der Gemeindevorstand ablehnend gegenüberstcht, wird in der Repräsentanz beschlossen, ferner eine Gehaltserhöhung von monatlich 10 RM. lehnt, an die „authentischen" Skalen des Mailänder Bischofs Ambrostus wie an die „plagalen" Papst Gregors des Großen. Man hat mit besonderer Vorliebe die dorischen, die phrygischen und die mixolydischon Töne gesungen, and als man aus Macht der Gewohnheit nicht mehr daran »achte, was das zu bedeuten habe, hat man diese Musiken, da sie geeignet waren, archaistische Klänge zu vermitteln, einfach für stch m Anspruch genommen und mit „jüdisch" bezeichnet, „synagogal" tvürde allenfalls noch einen Sinn gehabt haben, denn in der Synagoge haben sich diese Töne verbceitset und erhalten. „Jüdisch" sind sie aber darum doch nicht. Und so können wir auch weiterhin eine konsequente Anlehnung an die Musik der jeweiligen Länder und Epochen feststellen. Im Osten singt man schwermütig, wie die slabischen Völker das tun. In Deutschland, wo man ad majorem dei gloritt.il in den Synagogen „mendelssohnt" und „wagnert", wird man, wenn es so weiter geht, schließlich auch noch die Rhythmen des Jazzband erleben. Zurück darum zur Einfachheit der Melodie! — Zu etwas Gutem und Bernünftigein ist es nie zu spät. Fort aber auch rnit der üblen Gewohnheit, der: Gottesdienst zu einem Konzert zu machen! — Pflege des einstimmigen Gemeindegesange s", das sei die Losung; Pflege des einstinnnigen Gemeindegesanges, der aus eigenem Boden gewachsen ist, und in dessen folgerichtiger Ausdeutung es vielleicht gelingt, im Lause der Zeit einen Stil zu schassen, der eine eigene und zwar eine „jüdische" Note trägt. Für Ausnahmefälle soll irrsbesondere an den Feiertagen auch oer mehrstimmige Chorgesang im Sinne jüdischer Gestaltung eine Pslegestätte in der Synagoge finden. Ter liberale Kultus-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat sich das Verdienst erworben, diese Notwendigkeiten erkannt zn haben, und eine von ihm ins Leben gerufene Musik-Kommission hat im Sinne einer Renaissance von jüdischer Musik ihre Arbeiten demgemäß begonnen. Hoffentlich gelingt das schwere Werk wenigstens bis zum Punkte, wo man sagen kann, die Abkehr von dem „Nichtjüdischen" ist vollzogen. Und wenn es dereinst so weit gekommen sein wird, daß die neuen Töne geeignet sind, die Anerkennung der Geschichte zu gewinnen, dann werden die Geschlechter, die das erleben, als erste imstande sein, vom Wesen einer wirklich „jüdischen" Musik zu sprechen. jüdischer Anteil an moderner Musik Von Tr. Richard E l b, Dresden. Ob wohl Richard Wagner sein gehässiges, schon für damalige Verhältnisse (1850) fast in jeder Zeile schiefes Urteil über „das Juoentum in der Musik" heute noch aufvechtcrhalten könnte? Nimmermehr (wie man wohl zunächst zu des Meisters, dann aber auch zu des Judentums Gunsten annehinen darf).... Aber auch diejenigen, welche im Ernst immer noch behaupten wollen, daß die jüdische Veranlagung für die Kunst eine vorwiegend kritizistisch zersetzende, nicht aber produktive, selbstschöpsepische sei — als ob nicht auch Kritik ausbauend sein könnte! —, wurden durch die große T onkünstl e r t ag u ng, welche soeben Dresden 6 Tage lang unter Musik setzte, erneut ad absurdum geführt. Tie Tagung war groß nicht nur durch die Zahl von etwa 800 Teilnehmern aus allen Teilen des Reichs, darunter vielen prominenten Komponisten, Tangenten, Musikpädagogen und ausübenden Künstlern, sondern auch durch eilt Programm, das man in dieser umfassenden Art als Muslt in Wort, Ton und sogar Bild (ein Konzert mit Partitur-Lichtbildern) bezeichnen darf. Und zu ihm trugen auch jüdische Kräfte in bemerkenswerter Weise das ihre bei neben vereinzelten jüdischen Stoffen, an denen sich ihre Schöpferkraft entzündete. Eines der ersten öffentlichen Referate hielt als F estvortrag der von gewisser Seite als jüdischer Dezernent des preußischen Musikwesens vielfach angeßeindete Ministerialrat Prof. Leo Kestenberg-Berlin über „Tie kulturellen Forderungen der Musikerziehung an Stadt und Gesellschaft". Kestenberg ist der Inspirator der staatlichen Eignungsprüfungen für den privaten Musikunterricht in Preußen, für die er natürlich auch hier eine Attacke ritt und wofür er, von hohem Kulturbewußtsein durchdrungen, sehr güte Schlagworte fand, wie z. B. das eine, daß Freiheit der 'Kunst nicht in Vogelfreiheit des Kunstlehrers (oder auch Kmfftschülers) ausarten dürfe. Von Max Etting er, einem schon bei op. 38 haltenden Lemberger, hörte man hie Uraufführung seiner „19 Gesänge aus Goethes Westöstlicher Divan", ein Werk für 6 Instrumente, Sopran und Bariton, das mit seinem teils lyrischen, teils humorvollen Melodiengehalt unmittelbar ansprach und gefiel. Erfolg hatte auch der in Berlin lebende Schlesier Oskar Guttmann, von dem gleichfalls eine Liederreihe, betitelt „Hafis" (Text wohl von ihm selbst), zu Gehör kam. Wundervoll erklang im Konzert der Staatskapelle unter Busch Beruh. Sektes, des Frank,urter Konservatoriumsdirettors, Vertonung des „Dybuk", eines bei aller Prägnanz doch der packenden Mystik und Tümonie des Stoffes (die ja inhaltlich weiteren Kreisen durch die Habimaaufführungen einigermaßen bekannt geworden ist) gerecht werdenden Orchesterstückes. Noch mehr zündele, ihrem wesentlich anderen Charakter entsprechend, eine Suite des einstigen Wiener Schreckerschülers Eavol Rathaus, deren Violinpart warmbeseelt und mit brillanter Technik auswendig Stefan Frenkel spielte. Daß schließlich Kirchenmusik, die natürlich auch reich vertreten war, durchaus nicht an die Vorstellungswelt streng christlicher Ueberrlieserung gebunden ist, zeigte sehr schön und interessant ein Hymnus des aus Wien gebürtigen Müncheners Heinrich Schalit „In Ewigkeit". Es ist ein Text von nur 8 Zeilen aus dem Hebräischen des Je hu da Halevst (1086—1140), überseht von Franz Rosenzweig; Chor, Orgel, Harfe und Violine sind verbunden, ihm tönende Resonanz in den Herzen der Hörer zu verleihen. Nicht mit dieser festlichen Tagung des Reichsoerbandes Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer zusammenhängend aber durch sie veranlaßt war schließlich. ein Rundfunk-Vortrag mit Schallplatten des bet dieser Gelegenheit hier anwesenden Arthur Holde (Frankfurt) über Synagogenmusik — ein bequemes, darurn^ wie man wünschen möchte, öfters auzuwendendes Mittel, die Kenntnis jüdischer Angelegenheiten — nicht nur, aber vor altem auf dem Gebiete von Kultus und Kultur — möglichst weit und nachorücklich in der Oefsentlichkeit zu verbreiten. Wische Musik Studie von Obettantor Hermann Zivi, Elberfeld. Mau kann zu dem Wesen der Kritil stehen, wie man will; man kann sagen, sie muß objektiv sein, und doch wird man zugeben müssen, daß die persönliche Einstellung des Kritikers nicht auszuschalten ist. Die infolgedessen sich ergebende Subjektivität schafft Geschmacksrichtungen, über die hinaus das wirklich Gute, Schöne und Wahre nur durch die Autorität der Geschichte gewährteistet wird. Für die Kritik an den Wissenschaften gilt das ebenso, wie für die Kritik an den Künsten. Und das gilt, für die Musik im allgemeinen wie auch für die religiöse Musik insbesondere. In der Musik des jüdischen Gottesdienstes offenbart sich aber im Gegensatz zu der Kirchenmusik eine Meinungsverschiedenheit, die aus dem gänzlichen M a n ge l einer autoritativen Geschichte des jüdischen Gesanges beruht. Diese Meinungsverschieoenheit hat inzwischen Formen angenvmmerr, die erschreckend, und über deren zukünftige Gestaltung ernstliche Sorgen nicht mehr von der Hand zu weisen sind. Wem sollte es noch einfallen, an der Musik eines Palestrina, eines Bach, eines Mozart oder Beethoven Kritik üben zu wolleu? — Die Geschichte hat ihre Werke geheiligt und die Meister selbst zu Autoritäten gemacht. Wo befindet sich demgegenüber die Geschichte einer jüdischen Musik, die imstande wäre, mit Autoritätswerken von nur entfernt ähnlicher Bedeutung aufzuwarten? — Keine Spur davon. — Die paar Jahrzehnte, seit denen wir von einer in sich geordneten Musik im jüdischen Gottesdienste sprechen können, rechtfertigen keineswegs das, was man die Autorität der Geschichte nennt, selbst wenn es nicht überdies ein Trauerspiel wäre, daß. wir uns immer nur als Epigonen im Schatten der Titanen befinden. Eine Reform oes synagogalen Gesanges, unr nicht zu sagen, eine Renaissance desselben, ist daher dringend geboten; sie ist zu einer Forderung geworden, die nicht mehr länger hin gehalten werden darf. Tie konzertante Aufmachung unserer Gottesdienste ist ein Uebelstand, der nicht tief glenug beklagt werden kann, und nur die verständnislose Huldigung an die Hypertrophie eines weibischen Singsangs vermag es noch fertig zn bringen, der Pstege von banalen Anwandlungen die Wege zu ebnen. Je weniger die vorhandenen Faktoren durch Fachkeuntnisse belastet sind, desto gefährlicher sind sie für die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes. Woran hapert es denn nun eigentlich? — Haben wie nicht eine Geschichte, und zwar eine alte Geschichte, die ausreichend beweiskräftig sein dürste und sein müßte auch für Dinge, die in der musikalischen Vergangenheit liegen? — Uno was lehrt uns diese alte Geschichte? -- Alles mögliche lehrt sie uns, nur nicht das Wesen einer jüdischen Musik. Alte Musiken vorchristlicher Kulturvölker kennen wir zur Genüge, aber von einer jüdischen Musik wissen wir mit Bestimmtheit nur, daß auch sie einmal vorhanden gewesen ist. Und was darüber hinaus mit Ausbietung von gelehrten Phrasen und Hypothesen als wissenschaftliche seststchenoes Ergebnis dargestellt wird, das zerflattert in ein Nichts, wenn wir aus dem narkotischen Zustand der Selbsttäuschung erwachen und mit geöffneten Angen in die Tatsache sehen. Was wir da sehen, darüber sagt in anderem Zusammenhang Altmeister Goethe; „Ich sch', daß. wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen." — Leider trifft das in vollem Umgang auch auf' die jüdische Musik zu, deren geschichtliche Autorität mit künstlich geschraubter Emphase und mit Ausbringung von vielem Mut in die Welt hinein posaunt wird. Wer von allen diesen Posaunenbläsern sich nicht entschließen kann, zur Besinnung zurückzukehren, der wird nie und niarmer berufen sein, auf dem Gebiete einer jüdischen Universalmusik irgendwie geartete Wette zu schaffen. Man könnte daher versucht sein, mit Rousseau zu meinen: „Zurück zur Natur!" — Zurück aber jedenfalls zum einfachen Melos, um von da aus dem Fortschritt jüdischer Entwicklung und Gestaltung es zu überlassen, ob nnd wie er sich auf eigenen Wegen die Anerkennung der Geschichte dereinst zu erringen vermag. Daran haben unsere sogenannten Großen nicht gedacht und nichts getan. Sie haben sich im Stile ihrer großen nichtjüdischen Vorbilder als Epigonen wohlgefsthlt. und in diesem Stile haben sie ihre Werke geschaffen. Man sage nur nicht, ein solches Werturteil sei nicht objektiv, sonst müßte man «ragen, weiche inneren Werte überhaupt diesen Wetten gemeinsam finb. Auf dem Gebiete der jüdischen Musik gibt es infolge der subjektiven Mannigfaltigkeiten überhaupt keinen Universal ismus. und gar mancher meint mit gutem Recht, daß unsere Musikliturgie in der Form, aber auch hinsichtlich ihres Inhaltes an Haupt und Gliedern reformationsbedürftig sei. Nicht jedoch im Sinne derjenigen, die alles auf die Formel einer syro-hellenischen „Steiger- Musik" zurückführen wollen. Sie berufen sich in der Hauptsache auf den. bekannten Kirchenmusik-Gelehrten Gevaett und aus dessen „Melopee antique dans le chant de l'eglise latine", verschweigen aber, daß. Gevaert selbst zwei musikalische Deszendenzgruppen ausstellt: die Hymnen-Tonarten der griechisch-römischen und die Tonarten der melismatischen Responsorieu einer griechisch-syrischen Musik. Gegen diese Theorie erhebt sich der gelehrte Anton Dechevrens in seinen „kstudes musicales", inoem er glaubhaft nachweist, daß eure Unterscheidung nach, der Zeit und dem Orte des Ursprungs nicht möglich, und daß die Gesamtheit der existierenden Musiken auf ein und dasselbe System und auf ein und dieselbe Quelle zurückzuführen sei. Verfolgen wir nunmehr den Leitfaden der Geschichte. In der .ichtvollen Gestalt Alexanders des Großen tiberschritt griechische Kultur die Grenzen ihrer engen Heimat, zog siegreich durch Kleinasien und unterwarf das persische Reich. In dem darauf folgenden Friedensschluß von Jpsus wurde 301 bestimmt, daß Palästina dem Seleucus, dem Begründer des syrischen Reiches gehören solle. Ptolomaens ton Aegypten aber weigerte fidj., das längst von ihm besetzte Ländchen herauszugeben, und die Juden blieben dcnrzufolge bis auf weiteres ägyptisch, bis es im Jahre 203 Antiochus dem Großen gelang, den Aegypteru das Judenländchen abznnehmen. Und damit beginnt die Periode, die wir die syrische nennen. In dieser Zeit bildete sich unter dem Einfluß der neuen Weltlage die neue Gesittung des international gewordenen Hellenismus heraus, der sogenannte „Neoplatonismus", eine Gesittung, die wir kurzweg hellenistisch" nennen. Nichtsdestoweniger blieb auch in der veränderten Weltlage die Kunst, und mit ihr die musikalische Knust jener ganzen Zeit streng griechisch, nicht nur an den Stätten, die seit tausend Jahren griechisch waren, sondern auch in den Tiadocheustätten Aegyptens, Mesopotamiens und Syriens, insbesondere an deu Hochschulen von Alexandria, Jerusalem und Antiochia. Aus demselben Antiochia stammte der nachmalige Papst Sergius I. Er wurde zu Palermo erzogen und bestieg im Jahre 687 den päpstlichen Stuhl. Er ist es auch, aus den man sich gerne beruft, indeiu man behauptet, Sergius habe in die griechische Musik einen syrischen Einschlag hineingetragen. In musikalischer Beziehung ist das aber eine Zeit, in der nicht allein das griechischrömische System, sondern auch das aus ihm hervorgegangene ambrosianische durch die Plagaltöne Papst Gregors des Großen seit ungefähr einem Jahchundert abgelöst war. Eine „Shrisierung" der Musik durch den Papst Sergius war daher unmöglich. Aus Grund der bargelegten Gründe ist es ganz ausgeschlossen, ein syro-hellenisches System in die Phasen der musika.ischen Entwicklung des Abendlandes hineinzubeziehen, ganz abgesehen davon, daß. auch sprachlich nicht alles in Ordnung zu sein scheint. Ter als „syrisch" angesprochene Ausdruck „Resch-Kolo" soll auf griechisch „Heirmos" heißen, und auf lateinisch „Hirmus". — „Resch-Kolo" mag syrisch sein oder nicht; aus deutsch heißt es auf jeden Fall „Hauptton". — „Heirmos" dagegen bzw. „Hirmus" heißt „Reihe", und in musikalischer Beziehung „Tonreihe". — ,Hauptton" und „Tonreihe" sind aber in ihrer Begriffswesenheit so verschiedene Dinge, daß auch rein sprachlich gesehen, von einer syr o-heilenischen Theorie gar keine Rede sein kann. Dagegen erkennen wir auf Schritt und Tritt das die ganze musikalische Entwicklung beherrschende griechtschrömische System mit unverkennbarer Teutlickikeit. Wohl ein Jahrtausend hindurch, sind es die Griechen gewesen, die das künstlerische und damit auch das musikalische Leben der vorchristlichen Zeit beherrscht haben, bis zu dem Moment, in dem sie politisch von den Römern abgelöst wurden, Diese haben sich den hohen, sittlichen Ernst, der bei der Ausübung der Musik den Griechen innewohnte, niemals zu eigen gemacht, und daher kommt es auch, daß. sie das ihnen zugefallene Erbe allenfalls verwalten, aber nicht erweitern und vertiefen konnten, sodaß sie uns das, tvas in deu Stürmen der Zeit nicht verloren gegangen ist, als griechisch-römische Musik hinterfassen haben. Alle Musiken, soweit sie aus Ganz- und aur Halbtönen beruhen, sind aus ihr hervorgegangen, die ambrosianischen .vie die gregorianischen Kicchentonarten. Bon einer jüdischen Mrtsik ist in all den Jahrhunderten nicht eine Spur. In Ermanglung einer Notenschrift war es aber auch ganz unmöglich, von der ehemaligen Tempelmusik etwas zu retten, gefchweiqe denn eine eigene Musik zu pstegen und zu beleben. Tie massorethischen Akzente, die man unter dient griechischen Namen „Trop", von „Tropos" — das Zeichen, kennt, sind keine Notenschrift und sehnen sich, wie Kirschnet-München das ausgezeigt hat. in ihrer musikalischen Jnterprttation an das Tetrachord-System »ec alten Griechen an. Es ist sogar wahrscheinlich, daß sie den ältesten Bestand dessen, was man „iüdische" Musik zn nennen" pffegt, in ihrer Singweise drrstellen. In der Folgezeit hat sich die sogenannte jüdische Musik an alle Erscheinungen ange-

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