Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 42 (15.10.1930)
- Date
- 1930-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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des Geistes und des Herzens, bei dem es für jeden, der daran teilnimmt, um heilige Güter geht. Keine der Parteien im Judentum darf sich rühmen, nn Besitze des „wahren Rings" zu sein. Eine jede mag es glauben und sich mühen, „Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit .herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hilf!" Dann braucht uns nicht zu bangen um die Zukunft der Einheitsgemeinde. Dann ist sie Ausdruck der Einheit des Jud enr um s, dann ist sie zugleich eine erzieherische Macht, denn — so schreibt einmal Rabbiner Leo Baeck, der Großpräsident des Ordens Bne Britz: „Aller Sinn für das große Ganze, bis zu dem für die Menschheit hin, hat immer seinen sicheren und bestimmten Ausgang und Antrieb in der lebendigen Liebe zur 'Gemeinde." Antisemitismus im Gerichtssaal Einschreiten des preußischen Justiz Ministers. Es gehört zur Praxis der Hakenkreuzler vor Gericht, jüdische Richter, Schössen oder geschworene wegen Befangenheit abzulehnen. Einige Hakenkreuzrechtsanwälte stellen vor Beginn der Verhandlung Verhöre über Konfession und Parteizugehörigkeit von Richtern oder Schöffen an — und es hat Richter gegeben, die sich darauf eingelassen haben. Diesem Unfug soll nun ein Ende gemacht werden. Ter preußische Justiz minister weist in einer allgemeinen Verfügung vom 6. Oktober d. Js. darauf hin, daß ein solches Verlangen jeder Rechtsgrundlage entbehre. Nach ß 24 Abs. 3 Satz 2 der Strafprozeßordnung habe der zur Ablehnung Berechtigte nur das Recht, die Namhaftmachung der zur Mitwirkung bei der Entscheidung berufenen Gerichtspersonen zu verlangen. Hierunter seien aber Angaben über die politische Einstellung, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgesellschast, die Abstammung oder sonstige persönliche Verhältnisse der Richter nicht zu verstehen. Für sich allein vermöge auch die Parteiftellung eines Richters, seine Konfession und seine Abstammung, wie das Reichsgericht wiederholt ausgesprochen habe, die Besorgnis der Befangenheit nicht zu rechtfertigen. Bei Beurteilung eines Ablehnungsgesuches komme es daraus an, ob der Angeklagte bei verständiger Würdigung der Sachlage Grund zu der Befürchtung habe, der Richter werde in seinem Urteil nicht unvoreingenommen sein. Deshalb bedürfe es zur Begründung einer Ablehnung der Anführung besonderer, aus der Lage des Einzelfalles geschöpfter Mißlrauensgründe, die außerdem glaubhaft zu machen seien. Hinsichtlich der politischen Parteistellung oder der sonstigen persönlichen Verhältnisse des Richters insbesondere sei vom Standpunkt eines verständigen Angeklagten ein Grund zur Ablehnung nur dann gegeben, wenn besondere Umstände befürchten ließen, daß politische oder sonstige Gegensätzlichkeit die Unparteilichkeit des Richters gerade ihm gegenüber nachteilig beeinflussen könnten. Der Justizminister ersucht die Beamten der Staatsanwaltschaft, diese Gesichtspunkte bei ihren Anträgen und Aeußerungen nachdrücklich zur Geltung zu bringen. Sendet den fälligen Beitrag für das 4. Quartal 1930 auf das Postscheck-Konto der Bereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 137989 ein. Gottesdienste * SttlltuOftni. Liberale Synagoge Oste«, Aula Mädchenschule Uaiserstraße 30. Freitag, den 17. Oktober, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt. Lerlin-Nvrdev. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 17. Oktober, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westenb. Freilag, den 17. Oktober, obends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt. Berlin. Jüdisch« Resorm-Semeinde. Fest-Gottesdienste am Sonntag, den 18. Oktober, zum Feste der Freude (Simchath Thora». Iohannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. Kleistftraße 10: vormittags 10 Uhr; Ansprache: Curt Treumann. : * Aus den Gemeinden ü * Berlin. (G eh c i m r a t Tr. Warschauer 7 5 Jahre dl.) Am 13. d. Mis. beging Geheimer Archiorat Professor Dr. Adolf Warschauer seinen 75. Geburtstag. Er war bis zum Jahre 1942 Kgl. Staatsarchivar in Posen, wo er Mitbegründer der dortigen „Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" lvar und sich auch um die Errichtung der Posener Akademie sehr verdient gemacht har. Im Jahre 1912 wurde er zum Direktor des Staatsarchivs in Danzig ernannt und im Jahre 1915, an das Generalgouvernement Warschau berufen, >vo er die Verwaltung der ehemals russischen Staatsarchive übernahm. Jetzt lebt Geh. Rt. Warschauer hier in Berlin int wohlverdienten Ruhestände. Bon seinen Hauptwerken nennen wir „Das Sladtbuch von Posen", „Die Städtischen Archive der Stadt Posen", „Geschichte der Provinz Posen in Polnischer Zeit", „Geschichte der Stadt Gnesen" und sein letztes großes Werk, seine Lebcnserinne-> rungen enthaltend, die unter dem Titel „Deutsche Kulturarbeit in der Ostmark" bei Reimar Hobbing, Berlin, erschienen sind. Wir wünschen dem hervorragenden Gelehrten und liebenswürdigen, bescheidenen Menschen einen ungetrübten Lebensabend. Berlin. (G e h e i nt v a i £> e r tu min Ober n e ck 7 0 j ä h r i g v e r st o r b e n.) Am Dienstag, den 7. Oktober, verstarb im 77. Lebensjahre in Berlin Geheimer Justizrat Dr. Hermann Obernerk, der Borsitzende des Berliner Notarvereiirs. In Oberneck vertieren die deutschen Notare ihren anerkannten Führer. Erst vor kurzem erschien eine vom Deutschen Notarverein ihm ans Anlaß seines 75. Geburtstages gewidmete Festschrift. Obernecks Verdienst ist es, daß es heute in Deutschland ein ivissenschastlich begründetes Notariatsrecht gibt. Das grundlegende systematische Werk, in dem er daS vollbracht hat, ist heute in Händen jedes deutschen Notars. Grundlegend ist auch sein Werk über das Grundbuchrecht. — Geheim rat T r. Oberneck widmete sich auch intensiv jüdischen Dingen, er ivar Stellvertretender Vorsitzender des Krankenhausvorstandes der Jüdischen Gemeinde. Geheimrat /Oberneck war entschiedener Antizionist. Er hatte seinerzeit die „Erklärung deutscher Juden" unterschrieben. Calcar. (7 0 0 Jahre Stadt.) Am äußersten Niederrhein liegt das Städtchen Calcar, geschichtlich durch seinen Ursprung, durch bedeutende Söhne und in der engeren .Heimat auch durch seine Passionsspiele bekannt. Einst Hansastadt und für mittelalterlicheit Maßstab bedeutend, zählt es heute nur 2000 Eitnvohuer. Es umschließt eine kleine, zahlenmäßig auch im Rückgang befindliche jüdische Gemeinde. Die Juden Calcars tverdeir an der Stadtfeier von ganzem .Herzen beteiligt sein. Hier besteht, dank auch der geistlichen Einwir-- kung, seit langem wirkliche Eintracht unter den verschiedenen Bekenntnissen. Josef v. Laufs, ein Sohn des Städtchens und sein SroikWERCJkf 'ßillig, 1 StDohlSchmackend %_ nahrhaft. neuer Ehrenbürger, hat dieses treffliche Zusammengehörigkeitsbewu.ßk' sein in manchen seiner heimatlichen Erzählungen bargestellt. Essen. (Ruhestörer im B e t s a a l der jüdischen Gemeinde.) Bor einigeit Tageit drangen fünf junge Burschen, nachdem sie die Nacht durchgezecht hatten, in den Betsaal der jüdifchetr Gemeinde, der sich in der Synagoge befinoet. Hier störten sie durch ihr ungebührliches Benehmen und lärmendes Verhalten den Gottesdienst. Ter Aufforderung des Kirchendieners, den Raum zu verlassen, folgten sie nicht. Ter Gottesdienst mußte daraufhin unterbrochen werden. Als die Vorbeter und einige tveitere Gemeindemitglieder auf die Eindringlinge einwirkten, den Betsaal zu verlassen, wichen diese bis in Veit Vorraum unter Drohungen zurück. Nach Verlassen der Synagoge suchten die Täter Unterschlupf in einer in der Nähe liegenden Gastwirtschaft, um sich vor der Polizei zu verbergen. Sie wurden später von der Polizei aus ihrem Versteck herausgeholt und vorläufig sestgenommen. Tie Täter sind bereits dem Richter vorgeführt worden. Frankfurt a. M. (G e n c r a l v e r s a m m l u n g der g c - >n e i n n ü tz i g e n jüdisch e n Ehe a n b a h n u it g s st eile „E.A." F r a n k f u r t a. M.l Am 21. September 1930 fand die Generalversammlung des Vereins statt, iit ivelcher der Tätigkeitsbericht über das abgelaufene Geschäftsjahr erstattet wurde. Bis zum 31. Dezember 1929 gingen 260 Anmeldungen von Männern und 736 von Frauen ein. Die Anmeldungen erfolgten ans allen Teileit Deutschlands, zum Teil auch aus dem Auslände. Die verschiedensten Berufe und die verschiedensten wirtschaftlichen und sozialen und alle religiöse Richtungen sind unter den Anmeldungen zu siitden. Bis znm 31. Dezember 1929 ivurdeu 128 Anbahitungen in die Wege geleitet, deren Zahl stieg bis zum September 1930 aus 329. War eine Anbahnung erfolglos, so wurden sofort, wenn geeignete Bewerber und Bewerbers,uteu vorhanden waren, tveitere Vorschläge in die Wege geleitet. Tie Arbeit der E.A. ist tritt erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, die einerseits auf die spezifische Einstellung der Juden zur Ehe, andererseits auf die wirtschaftlichen Schwierigteiten der Zeit zurückzusühren sind. Daß die Zahl der Aumelditngeit der Männer viel geringer ist >vic hje üer Frauen, beruht zum Teil aus den ZiriegSverlusten. Die Männer wünschen vielfach eine Einheirat. Letztere sino aber heute nur in ganz geringem Maße geboten. Außerordentlich erschwert wird die Arbeit der E.A. auch dadurch, daß sie so .wenig ilntcrstützung bei beu Bewerbern und Bewerberinnen findet, die, vielfach die Termine nicht eiuhalten und die Briese trotz wiederholter Mahnung nicht beantworten. So wird der E.A. nicht einmal davon Mitteilung gemacht, wenn Verlobungen durch sie zustande gekommen sind, so daß sie nicht darüber genau informiert ist, ivieviet Anbahnungen erfolgreich gewesen sind. Im Frühjahr dieses Jahres wurde eine hauptberuflich tätige Geschäftsführerin angestellr, der mündliche Verkehr mit den Bewerbern und Bewerberinnen uird ihren Angehörigen eingeführt und der Austausch von Lichtbildern vermittelt. Tie Arbeit des Vereins bedarf, soll sie erfolgreich sein,, der weitgehendsten Unterstützung seitens der Glaubensgenossen, iweitn allerorts Freunds, Hdfer und .Helferinnen sich der E.A. zur Verfügung stellen und ihr ihre Unterstützung! zusagen. Diese soll unter anderem darin bestehen, daß geeignete Beiverber und Bewerberinnen der E.Ä. zugewiesen und erforderlichenfalls auch Auskünfte gegeben werdest. In den Vorstand tourden Frau Darmstädter und Herr Rabbiner Dr. Salzberger, Frankfurt a. M„ in den Beirat Frau Rosenblatt, Diese heiligste Formel des Judentums erscheint zulässig in der gegebenen Situation. Peinlich wirkt sie, als der noch Hochstehende ihren Gebrauch seinen Stammesgenossen verbietet. Wie es überhaupt der gute Geschmack ein für alle Mal verwehren sollte, sakrosankte Riten und Vokabeln aller Konfessionen an profanen Stätten, wie Theater, Film, Zirkus und dergleichen, zum Ausdruck oder zur Schaustellung gelangen zu lassen. Wir mögen rückständig erscheinen, aber es widerspricht nun einmal unserem Gefühl, sei es „auf den Brettern, die die Welt bedeuten", sei es auf der belichteten Leinwand, die Thora oder das Kreuz zu gewahren. Das sind G l a u b e n s f y m b o l e, die großen Gemeinschaften heilig sind, die darum nicht unnützlich entweiht werden sollten. Wir glauben, daß Paul Kornfeld mit seiner augenscheinlich beabsichtigten posthumen Rehabilitierung des „Jud Süß" in die Irre gegangen ist. Er besitzt nicht die barocke Phantasie eines Lion Feuchtwanger und vermag darum weder Juden noch Christen für seinen etwas zu wohltemperierten Joseph Süß Oppenheimer und dessen dramatisch abgeschwächte Schicksalstragödie. aufrichtig zu interessieren. Toris W i t t n e r. Hans Z. Rehfisch: „Rrest-Litowsk" Theater des Westens. Und zum anderen Male: Weltgeschichte, nur in der etwas konkreten Form einer uns noch nicht sehr entrückten — Zeitgeschichte. Und an Stelle des P h i l o s e m i t i s m u s ein leicht, aber doch greifbar deutlicher Antisemitismus. Obzwar der Autor ein hundertprozentiger Jude ist und obwohl die von ihm mehrfach scharf in den Vordergrund gerückte Nam ensfrag e, bei und von ihm „Rasse n f r a g e" genannt, im Rahmen der von ihm geschilderten Ereignisse gar keine Rolle aespielt hat. Hans I. Rehfisch, ein findiger und betriebsamer Kopf, immer auf der Jagd nach „Dingen, die in der Lust liegen", hat im vorigen Jahr das Malheur gehabt, gemeinsam mit Wilhelm Herzog, einen großen Bühnenerfolg durch die „Affäre Dreyfus" zu erringen. Wir sagen ausdrücklich „Malheur", weil wir es als einen unglücklichen Zufall betrachten, daß dieser junge dramatische „Hans Dampf in allen Gassen" durch eben diesen Erfolg in der Ueberzeugung bestärkt werden konnte, die Wiederaufrollung geschichtlicher Begebenheiten — insbesondere, wenn sie noch in unsere Tage hineinreichen — könne genügen, um Applaus und Tantiemen in gewünschtem Ueberfluß einzustreichen. Mit Nichten! Der von der literarischen Kritik einmütig festgestellte Mißerfolg seines bühnenfeindlichen Schauspiels „Brest Lrtowsk" wird diesen jugeMichen Konjunkturdramatiker hoffentlich etwas jäh aus dem holden Wahn gerissen haben, das Studium von Dokumenten und Memoiren (die noch dazu jedem Zeitgenossen zugänglich sind) reiche hin, um mit den „untauglichen Mitteln" solcher Erinnerungen wacklige Theaterstücke zu zimmern und auf den „Brettern, die die Welt bedeuten" zu stabilisieren. Darüber dürste Herrn Tr. juris Hans I. Rehfisch, den von Thaliens Gunst allzu früh Verwöhnten, auch der Beifall der Uraufführung, der teils der vorzüglichen Darstellung, teils einem sreundwillig, um nicht zu sagen freundschaftlich zusammengesetzten Publikum zu danken war, hoffentlich nicht mehr täuschen. Wir verzichten darauf, unsererseits dem Bühnenautor Rehsisch Pagina für Pagina nachzuweisen, mit welch großzügiger Unbekümmertheit er die wörtlichen Unterlagen für seine schleppende Szenensolge den Denkwürdigkeiten des Generals Hoffmann, den Erinnerungen des Exkaisers Wilhelm II. und der großartigen Autobiographie des ehemaligen russischen Volkskommissars Leo Tawidowitsch Trotzki, alias Bronst e i n entnommen hat. Gewiß: es kann auch ein Genie der Komplikation geben. Aber unser Bedarf auf dem Gebiet ist durch Emil Ludwig vollständig gedeckt. Und selbst die geringfügigsten Voraussetzungen einer außergewöhnlichen Begabung dieses Genres ermangeln — bis aus weiteres — Herrn Dr. Rehfisch. Dafür berührt uns ein anderer Zug in dem jüngsten Werk dieses Miniatur-Plutarch etwas fatal. Wie kommt es, daß er, der jüdische Autor, Sohn eines hochangesehenen jüdischen Wissenschaftlers, in seinem Stück die russischen Staatsmänner jüdischen Stammes immer als ,,landfrem d", „r a s s e n s r e m d", „w u r z e l - los" bezeichnen läßt und das billige Schlagwort vom „int e nt ationalenWeltbürger" ohne Kenntnis oder Gefühl'für das russische Volk für und für dem russischen B a u e r n in den Mund legt? Möglich, wahrscheinlich sogar, daß in der Diplomaten- und Militäratmosphäre des Verhandlungstisches von Brest-Litowsk bei den Vertretern des ancien regime eine Voreingenommenheit nicht nur gegen die revolutionären Ideen, der russischen Delegation, sondern auch — und vor allem — gegen die Abstammung ihrer prominentesten Vertreter — Trotzki, Joffe. Kamenew, Radek — ob gewaltet haben mag. Obgleich gerade der feudalste Repräsentant der Friedenskommission der Mittelmächte, Graf Czernin, der die habsburgische Monarchie vertrat, auf seinen vormaligen Widersacher Trotzki in seinen Aufzeichnungen nicht genug rühmender Anerkennung zu häufen weiß. (Oder sollte der Bienenfleiß des erinnerungssüchtigen Rehfisch gerade dieses dokumentarisch wichtige Memoirenwerk - ignoriert oder übersehen baben?^ Indessen: natürlich, was dem vorurteilslosen Grandseigneur Czernm recht war, brauchte dämm dem „echt russischen Bauern" und Muschik nicht billig zu sein. Und darum Wohl die großartige Attacke aus dem Munde eines russischen Analphabeten gegen die L a n d f r e m d h e i t, Rassenf r e m d h e i t, V o l k s f r e m d h e i l des jüdischen Volkskommissars Trotzki-Bronstein, dessen literarische Leistungen der deutsche Jude Rehsisch mit einer schönen Skrupellosigkeit exploitiert hat. — Es sollen hier nicht die politischen Thesen und Antithesen des Dramas „Brest-Litowsk" erörtert werden. Aber es soll und m n ß betont werden, daß es demagogisch und überdies G e s ch i ch t s s p l i t t e r u n g ist, heute, gerade heute, die alleinige Verantwortung für die Entwicklung der russischen Revolution jüdischen Schultern aufzubürden. Wenn schon — seitens des alten Europas, dessen Partei offenbar Herr Dr. Rehsisch vertritt — gegen das „Giftgas der russischen Ideologie" (eine Stilblüte des DramaA „Brest-Litowsk") gekämpft werden sollte oder soll, so muß dieser Kamps sich vor allem richten gegen den einzigen theoretischen Ideologen der neuen Weltanschauung — den rein arischen Kleinadligen WladirnirJljitsch Uljanow, eingegangen in das Pantheon der Geschichte unter dem Namen Lenin. Es ist geschichtlich unwahr, daß sich zur Zeit dev zweiten russischen Bolksrevolution — im Oktober 1917 — irgendwelche konfessionelle oder rassenmäßige Vorurteile gegen die — beiläufig zahlenmäßig sehr geringen — jüdischen Führer der russischen Aufständischen geltend gemacht hätten. Lenin selbst, von Trotzki persönlich auf sein Judentum als etwaiges Hindernis innerhalb der revolutionären Bewegung aufmerksam gemacht, verwarf diesen Einwand als lächerliche Bagatelle. — Es heißt nur, den Antis emitismus schüren, wenn man die seit 13 Jahren sich behauptende russische Politik ausschließlich einem „land- und rassensrem'den Ideologen", der obwohl unter russischen Bauern ausgewachsen, angeblich von russischer Erde nichts tvissen soll, zur Last legen will. Der Jude Rehstisch prangert den Juden Bronstein-Trotzki als „rassenfremden Ideologen" an, der quasi Verantwortlich für alles russische Unglück ist. Peinlich! — Doppelt peinlich, wenn der gleiche Jude Rehsisch dem heutigen Diktator Rußlands, Stalin, dem blutigen Unterdrücker der russischen Juden, zu drei Vierteln eine ehrehrbiettge Reverenz erweist. — Den Kampf gegen den Sowjetstern sollte man getroü dem Hakenkreuz überlassen. Der Tavidstern hat sich nicht darein zu mischen. Und Herr Hans I. Rchsisch täte besser daran, in einer Krisenzeit wie der unserigen, nicht von der Bühne herab angebliche R a ss e n p r o b l e m e mit dilettantischem Kops und dilettantischer Hand in Angriff zu nehmen. Doris W i t t n e r.