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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-15 · 42 (15.10.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
42 (15.10.1930)
Date
1930-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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nach hatten Kämpfen, dank der Einsicht verantwortungsbewußter Führer, gelungen, diese Eirchheit zu wahren bis aus den heutigen Tag. Hier ist bereits — von zwei entgegengesetzten Standpunkten ans — Grundsätzliches über Wesen und Bedeutung der Einheitsgemeinde gesagt. Beide bejahen die Einheits-?Gemeinde, aber — darüber dürfen wir uns nicht täuschen — ie bejahen sie nicht aus den -gleichen Gründen. Die Strenggläubigen sahen wohl auch hier in den andern nur Irrende, mit denen sie Gemeinschaft pflegten in der Hoffnung, sie wieder zurückzuführen und so die alte Einheit in ihrem Sinne wieder herzustellen. Die Reformer dagegen verlangten zunächst nur Toleranz, Berücksichtigung ihrer Ansprüche in Kultus und Unterricht. Aber — auch darüber dürfen wir uns nicht täuschen — diese gegenseitige „Duldung" genügt auf die Dauer nicht; sie allein kann nicht das Fundament der Einheitsgemeinde bilden. Sie muß einen tieferen Sinn haben, muß auf festerem Boden stehen. Denn mit „Duldung" ist doch immer noch das Gefühl der Minderwertigkeit des Andern verbunden, als Gnade wird die Gewährung von Rechten empfunden, als Konzessionen werden „Ansprüche" gewährt und gewertet, Bewilligungen von der einen Seite erfordern ausgleichende Bewilligungen von der andern — es geht nicht ohne Kompromisse in der Praxis. In Wahrheit aber will doch keine der Richtungen nur mehr „geduldet" werden, sondern als voll- und gleichberechtigter Teil der Gesamtorganisation dastehen. So bat's schon Marcus Horovitz ausgesprochen: „Unsere Aufgabe war es, das gesetzestreue Judentum in unserer Wirksamkeit so zum Ausdruck zu bringen, daß es in der Gemeinde nicht aus Friedensliebe geduldet, sondern als vollberechtigt anerkannt und als ein erfrischendes, belebendes Element auf allen Gebieten des sittlichen und geistigen Lebens geschätzt werde." Nichts anderes wollen auch die Liberalen: Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit für das religiöse Judentum, ihrer Bedeutung und Unentbehrlichkeit für seinen Bestand in Gegenwart und Zukunft. Das ist mehr als Toleranz, denn «s setzt gegenseitiges Verständnis voraus, Verständnis für das Historisch-Gewordene, wie für das Werdende. Mag der Gegensatz religiöser Anschauungen bestehen bleibeir, aber er wird durch solches Verständnis überbrückt; mag immer aus beiden Seiten die Hoffnung genährt werden, sich durchzusetzen und die Zahl der Anhänger zu vermehren, sie führt zu einem Wettstreit der beiden, der aller: zugute kommen muß. Die Leistungen sind entscheidend, die Leistungen im Dienste der Gesamtgemeinde. Das, was Horovitz von dem Wirken seiner Anhänger sagt, gilt in gleichem Maße auch von der liberalen Partei: „Beide Seiten, alle Parteien und Richtungen, alle haben den Segen dieser Früchte davongetragen; denn sie haben einen jüdischen Gemeinsinn erweckt, der eine Förderung brachte auch den Unternehmungen derer, die der Gemeinde fernblieben." Das Ziel ist allen das Gleiche, der Weg nur ist verschieden. Wohl ringen die beiden Richtungen miteinander, aber der Kampf unter solchen Voraussetzungen erschüttert nicht die Basis der Einheitsgemeinde. Die Verhältnisse wurden komplizierter mit dem Eintritt der Zionisten, der Volkspartei, in das Gemeindelcben. Denn diese Partei tritt mit dem ausgesprochenen Ziele auf, aus der Religionsgemeinde eine Volksgemeinde zu machen, eine nationale Minderheitengruppe mit besonderen Rechten. Von der Anschauung ausgehend — wir folgen den Ausführungen DuLnows —, „daß alle politisch zersplitterten Teile des Judentums eine einheitliche geistige oder kulturell historische Nation bilden, die allenthalben ihre nationalen Rechte — die Autonomie der Gemeinde, der Schule und der Sprachen — behaupten müssen", verlangt die Partei, „daß das, was jahrtausendelang unter der Hülle des religiösen Judaismus sich erhielt, jetzt aus dieser Hülle in seiner wahren Gestalt hervortreten, d. h. daß es in Ländern, wo die bürgerliche Emanzipation bereits verwirklicht ist, um feine nationale Anerkennung ringen muß, auch unabhängig davon, ob im historischen Stammland ein autonomes jüdisches Zentrum errichtet werden kann". Es ist klar, daß diese Einstellung zu einem schweren Entscheidungskampf führen muß, daß hier die Gefahr der Spaltung unheimlich nahe gerückt worden ist; denn Orthodoxe oder Konservative wie Liberale — sie mögen im Einzelnen noch so sehr gewisse Ziele der Zionisten mit Sympathien und mit materiellen Mitteln fördern — als Vertreter des rein-religiösen Judentums st e h e u sie diesem u n 1 i o 11 ö I e n Gedanken und damit der Idee der Vol k s g emei nd e geschlossen als Gegner gegenüber. Denn dieser Gegensatz beruht aus der grundverschiedenen Auffassung von der Weltausgabe und damit von der Existenzberechtigung des Judentums: Den Einen ist „das Judentum eine unter verschiedenen Staaten wertvolle lebensfähige Nation, und die Religion bildet lediglich eine der Funktionen dieser Nation" (Dubnow), den Andern dagegen ist das Judentum der „Prophet der Völker", ausgesandt, um allen Nationen oer Erde wahre Gotteserkenntnis zu bringen — eine Ausgabe, die es n u r erfüllen kann, wenn es seine eigene Nation, die vor 2000 Jahren zu exi ü i ere n aufgehört, für immer dem weltumspannenden religiösen Gedanken opfert. Hier scheint es in der Tat kerne Brücke zu geben, man darf die Äugen nicht vor der Gefahr dieser Spaltung verschließen. Wie ist sie abzuwenden? Wie eine Entscheidung möglich? Majoritätsbeschlüsse würden nichts helfen — sie würden zu einer Vergewaltigung der Minderheit führen oder zu einer — Spaltung? Tiefe aber ii't — darüber sind sich wohl alle klar — heute unmöglich, unmöglich aus religiösen, aus politischen, aus materiellen Gründen. Ter schwere Kampf, den heute alle Gemeinden um ihre Existenz führen, würde zur Unerträglichkeit werden, wollten einzelne Teile für sich verwirklichen, was die Gesamtheit nicht leisten kann, zur Unerträglichkeit aber auch, wenn die Gemeinden ihren Ausgabenkreis wesentlich im Sinne der Votksgemeinde erweitern wollten. Zur Zeit unmöglich-, das sehen alle. Denn noch wird von allen Parteien bei den großen Etatreden gewöhnlich mit starker Emphase das Bekenntnis zur Einheitsgemeinde abgelegt. Tie Volkspartei zudem kann sich, da sie ja für die jüdische Gesamtheir (Klal Jißroöl) wirken will, nicht isolieren, kann überdies ihre eigensten Aufgaben ohne diese Gesamtheit nicht lösen, ebensowenig, wie die andern Parteien. Im Rahmen des Möglichen wird den Ansprüchen aller Richtungen Rechnung getragen; am ehesten noch stößt der extreme Liberalismus, zu dessen Wesen gerade die Anerkennung der religiösen Gewissensfreiheit gehört, auf hemmenden Widerstand. Die Möglichkeit freier Entfaltung aber muß jeder Richtung gegeben sein, mit bloßer „Duldung" ist eS nicht getan. Eine fruchtbare Zusammenarbeit kann sich nur gestalten aus dem Boden völliger Gleichberechtigung im Geiste einer vorbehaltlosen Anerkennung dieser Gleichberechtigung und Gleichwertung. Tas hindert nicht, dasjede Partei den von ihr gewählten Weg für den richtigen hält — sonst würde sie ihn nicht verfolgen —, aber es muß zugeslanden werden, daß ein anderer Weg möglich, auch notwendig und damit berechtigt ist. Die Konservativen müssen anerkennen, daß das liberale wie das Reform-Judentum eine starke Belebung des Religiösen gebracht, daß erst dieses die praktische Teilnahme, die Mitarbeit von Juden an den Kulturausgaben der Zeit in Kunst, Wissenschaft, Technik, Wirtschaft u. a. in weitem Umfange ermöglicht und damik die Weltgeltung des Judentums erhöht hat. Die Liberalen — sie mögen noch so sehr die politischnationalen Ziele der Zionisten ablehnen — müssen anerkennen, daß die zionistische Bewegung eine Neubelebung jüdischen Daseins gebracht, daß sie auf kulturellem, Wirtschaft lichem, ans geistigem Gebiete erhebliches geleistet, uud die Paul Kornfeld „3u& Süß" (Theater am Schiffbauerdamm.l Paul Kornfeld hat es unternommen, die historische Episode vom Glück und Ende des wiirttembergischen Finanzienrats und Ministers Joseph Süß Oppenheimer, dem vom damaligen Potentaten, Herzog Karl Alexander von Württemberg, eine unumschränkte Machtstellung im Staate eingeräumt worden war, zu dramatisieren und dein heutigen Zeittheater mundgerecht zu machen, lieber das Schicksal des „Jud Süß" bestecht eine sehr umfängliche geschichtliche, juristische, politische und belletristische Literatur. Wilhelm Hauff hat den Stoff in einer seiner meisterlichen Novellen schöpferisch belebt; in unseren Tagen hat Lion Feuchtwanger den gleichen Stoff zu einem grandiosen, von einem Welterfolg gekrönten Roman verdichtet. Aber Historie ist immer noch Trumpf, und da darf, wo die Epik siegt, die Bühne offenbar nicht feiern. Es soll Kornfeld gern zugestanden werden, daß er, wenigstens für den ersten Teil des Stückes, recht geschickt und mit buhnentechnisch wirksamen Mitteln gearbeitet hat. Aber an zwei Faktoren ist er gescheitert. Erstens an dem Umstand, daß er sich zum bedingungslosen Verteidiger seines Helden aufwirft, statt nur in dubio pro res zu plädieren, zweitens an der Verkennung der heroischen Ausmaße der von ihm in Angriff genommenen Materie. Kornfeld hat die Kraßheiten des Geschehenen. will sagen der Geschichte, gleichsam abdämpfen und aus dem zu hatten Dur in ein etwas weicheres Moll übertragen wollen. Er hat die Tragödie in ein Prokrustesbett gezwängt und Gestalten und Ereignisse dadurch in unzweckmäßiger Weise verzierlicht und verniedlicht. Ter „Jud Süß" der Geschichte war bei weitem nicht so hochherzig und edelmütig, wie Kornfeld ihn zeichntt. Seine Intelligenz, sein Scharfblick, seine Weltkenntnis und — seine Skrupellosigkeit hoben ihn selbstverständlich himmelhoch empor über das beschränkte Niveau von Karl Alexanders bisherigen spießbürgerlichen Schranzen, schufen aber aus seiner Persönlichkeit auch die verhängnisvolle Synthese des Fürstendieners und Staalsverräters. Auch Karl Alexander war keineswegs nur der gutartige Polterer, der täppische Poltron mit dem sonnigen Herzen, den Kornfeld uns glauben machen will. Er war dem Geiste seiner Zeit entsprechend ein despotischer Landesfürst, der seinem Volke das Mark anssog, um seine fürstlichen Launen — Ueppigkeit, Völlerei, Maitressenwittschaft — zu befriedigen. Der Jude mit seinen genialischen Intuitionen, den Fiskus zu schmälen und die Steuerschraube an- »usetzen an Stellen, auf die keiner seiner Vorgänger je verfallen wäre, sowie mit seinen über die ganze Welt reichenden, insbesondere alle Börsen von Rang umspannenden Beziehungen, war dem Herzog nur ein willkommenes Instrument, das Parlament, dazunral Landstände geheißen, auszuschalten und seiner fürstlichen Willkürherrschaft noch ungehemmter zu frönen. Joseph Süß Oppenheimer besaß außerordentliche, ungewöhnliche Qualitäten des Geistes und Wittens. Aber er hat niemals danach getrachtet, diese Qualitäten etwa umzuwandeln in Meriten um das Land und das Volk, an dessen Spitze das Schicksal ihn getragen hatte, sondern er hat immer nur seinem Souverän und sich selbst zum Wohle gearbeitet. Ein ungebändigter Wille zur Macht hat Joseph Süß Oppenheimer zu jenen Gipfelhöhen emporgeführt, die auch noch zu Ausgang des Mittelalters und zu Begum, der in Frankreich dämmernden Aufklärungsepoche für einen Sohn d e § V o l k e s Israels schlechthin unerreichbar schienen. Eine ebenso unbezähmbare Hybris aber hat den sonst so klugen Mann von dem Zenith seiner kühnsten Berechnungen in den Abgrund zurückgeschleudert, wo er, dank dem Zorn der entfesselten Volksmasse, nunmehr selbst jene schimpfliche Ungerechtigkeit erleiden mußte, die er selbst oft genug dein Volke zugefügt hat. Ohne, wie Kornfeld für die Unschuld des hoch gestiegenen Juden eiuzutreten, darf man doch von Ungereckitigkeit des Urteils sprechen, da eben dieser juristisch berühmt oder berüchtigt gewordene Verdikt sich auf keine der von dem Juden tatsächlich begangenen Verfehlungen stutzte — wahrscheinlich, weil sein hoher Gönner, der Herzog Karl Alexander, ihm als besonderen Beweis seiner Huld Verantwortungslosigkeit für all seine Taten in Vergangenheit und Zukunft durch allerhöchstes Dekret zugebilligt hatte, sondern weil mau die Urteilsbegründung ausbaute aus einem längst verstaubten und seit nahezu zwei Jahrhunderten de facto nicht mehr angewandten Gesetzesparagraphen, wonach nämlich auf der erwiesenen Tatsache eines Liebesverkehres zwischen einem Juden und einer Christin Todesstrafe stand. Die Tatsache, daß — etwa ein Jahr nach dem Tode des Herzogs, nach langwierigen Prozessen — der mächtigste Mann des Landes in barbarischer Weise in einem eigens zu diesem Zweck errichttten Käfig am Galgen aufgehängt wurde, birgt genügend von den beiden Grundelementen der antiken Schicksalstragödie — Schrecken und Mitleid — in sich, um auch ohnephilosemitische Tendenz an unsere Herzen zu rühren. Die impetuose Tragik dieser Geschichtsepisode schien Paul Kornfeld (wer offenbar doch zu grell urtb gewalttätig; er glaubte, der grauenvollen Musik dieses Menschheitsorchesters eine Sordine anlegen zu müssen, wurde zart, beinahe zärtlich^ und verwischte, um nicht zu sagen, verfälschte durch diese Theorie Begebenheiten und Figuren. Die Exposition des Stückes mit dem' Aufstieg Süß Oppenheimers mag man allenfalls noch gelten lassen, aber von der Kattharsis bis zur Katastrophe ist die Fabel bis zur Unerträglichkeit verwässert und verweichlicht, der geniale Emporkömmling zu einem larmoganten Schürzenjäger entwürdigt. Der g e s ch i ch t l i ch e I u d Süß War — mit all seinen erwiesenen Fehlern und möglichen Zionisten müssen zugestehen, daß ohne den religiösen Charakter der Gemeinde, den Konservative wie Liberale bttonen, die Judenheit nichts anderes wäre, als irgend ein anderes zersprengtes Volk — kurz, es kann Eines nicht ohne das Andere existieren. „Nicht die gemeinsame Steuerkasse", sagt S. R. Hirsch mit vollem Recht, „das gemeinsame religiöse Bekenntnis macht die Gemeinde zur Gemeinde", und wir fügen hinzu: „Die gegenseitige Anerkennung". Sie ist die Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit zur Erhaltung der Institutionen der Einheitsgemeinde, zur Erhaltung dieser Gemeinde selbst. Wie aber ist bei btt Verschiedenartigkeii der Anschauungen — eine einheitliche Arbeit möglich? Daß sie bei gutem Willen möglich ist, hat sich seit Jahrzehnten in den meisten Gemeinden erwiesen uud hat erst kürzlich 'in Köln sich von neuem gezeigt'. Gewisse Aufgaben find und bleiben Angelegenheiten der einzelnen Parteien, es sind Synagogen und Religionsschulen, die eigentlichen Stätten religiösen Lebens. An anderen sind alle in gleicher Weise interessiert, an Friedhof, Kranken- und Waisenhäusern, überhaupt an der gesamten Wohlfahrtspflege. Hat doch auch S. R. Husch die Hoffnung ausgesprochen, daß „beide Bekenntnisse in brüderlichem Zusammenwirken den allen ewigen jüdischen Wohltätigkeitssinn in gemeinschaftlichen Werken des Wohltuns und der Menschenliebe betätigen werden". Bleibt eine dritte Gruppe von Aufgaben, die als Streitobjekte gelten, für die aber doch meist ein modus vivendi gefunden wird; ohne Kompromisse, ohne Konzessionen geht es nicht, nur müssen alle daran teilhaben. Ein solches Streitobjekt ist nicht selten die Schule, die allgemeinbildende, dort wo sie als jüdische, von der Gemeinde unterhaltene, existiert. Und doch sollte sie am wenigsten Streitobjekt sein. Ist sie doch — abgesehen von der Gemeinde- Vertretung und -Verwaltung — die einzige Stätte, wo Gesunde und Lebende sich vereinigen zu gemeinsamer geistiger, seelischer Arbeit, wo sie sich verstehen lernen, wo sie für den Gedanken der Einheitsgemejnde erzogen werden können, ja, man sollte Institutionen — auch von anderer Art — erhalten und schaffen, die geeignet wären, den Sinn für die Einheitsgemeinde zu stärken. Das Trennende sollte da zurückgestetlt, das Unterscheidende jedoch nicht verheimlichr, sondern vielmehr dem gegenseitigen Verständnis nahegebracht werden. Tie eigentlichen Schwierigkeiten bestehen sonach in dem Gegensatz von Parteiiipei-sise und allgemeinem Interesse. Wo dieses letztere obsiegt, da kann es kaum zu schweren Konflikten kommen. Tie Entscheidung aber liegt nicht selten bei den Persönlichkeiten, denen die Führung der Gemeinden und die der Parteien anvertraut ist. Nur solche sind zu Führern in einer Einheitsgemeinde geeignet, die mit tiefer persönlicher Ueberzeugung zugleich ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl für die Gesamtheil verbinden, die volles Verständnis auch für die Gesinnung eines anderen besitzen. Gegensätze brauchen nicht vertuscht zu werden, K o m p r o m i s s e dürfen sich, nicht auf die G e - srnunng erstrecken; keiner kann gezwungen werden, für eine Sach,e zu 'stimmen, die nach seiner Ueberzeugung verfehlt ist, eine Form zu üben, die seiner Gesinnung wrderspricht. Gerade diese Differenzierung bringt das Leben in die Gemeinde; wäre alles friedlich geschichtet uud geschlichtet, würden alle Institutionen getrennt für jede Richtung, für jede Partei, so wäre vielleicht Ruhe in der Gemeinde, vielleicht bald die Ruhe eines Friedhofs. Das lebendige Judentum bedarf der Gegensätze, der Auseinandersetzungen, bedarf der gegenseitigen Befruchtung überzeugter Menschen verschiedener Gesinnung, verschiedener Parteien. Aber es bedarf auch der gegenseitigen Anerkennung und Wertung, bedarf des Respekts vor der Ueberzeugungstreue des Gegners, damit der Kampf — wenn er notwendig werden sollte — mit Würde geführt wird, als ein Kamps Tugenden — ein M a n n : nehmt alles nur in allem! Kornfelds „Jud Süß" hat Duodezformat, selbst der historischen Anekdote nicht wert. Und wenn man glaubt, der Sache des Judentums zu dienen, indem man eine seiner problematischen Gestalten weiß zu waschen oder rosig zu färben trachtet, so tut man der Gestalt damit unrecht, ohne dem Judentum eine Reverenz zu erweisen. Wir haben nicht den ruchlosen Volksbedrücker Süß Oppenheimer zu sehen bekommen, der durch die großartige Unbekümmertheit seiner Maßnahmen, wie durch die Tragödie seines Absturzes einen Platz in der Geschichte verdient, sondern wir haben einen sentimentalen Parvenü erlebt, der sich schmachtend im cytherischen Reigen verfing und darum umso leichter gefangen werden konnte. Die Regie des jüdischen Generalintendaiüen a. T. Leopold J eßne r war klug abgetönt und zeigte, zum^ mindesten im ersten Teile des Stückes, abgesehen von einigen stilistischen Entgleisungen des Geschmackes, Straffheit und sichere Hand. Im zweiten Teil scheinen jedochauch Jeßner die Zügel entglitten zu sein, so daß die Tmgödie in einer müden Langenweile dahinstarb. Schauspielerisch waren große, wenn auch nicht immer homogene Leistungen zu verzeichnen. Ernst Deutsch stattete den Juden mit all dem Manz und dem Feuer seiner neuerdings mehr und mehr zum ausschließlichen „Star"-Typus entwickelten Persönlichkeit aus. Er war — nach der Metamorphose des Frankfurter Ghettojuden in den allmächtigen Günstling des württembergischen Hofes — schön, elegant, ein homme ä femmes, der mit den Äugen zu funkeln und mit der Sprache zu betören wußte. Auch hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Durch meisterhafte Beherrschung aller darstellerischen Mittel fiel die grau in grau gehaltene Schattenfigur des Ministers Romchingen von Erich Ponto auf, der einen hamletischen Charakter zu verkörpern hatte, schwankend, unentschlossen, handelnd Wider Willen und immer nur nach dem Motto: „Nichts ist gut oder böse an sich; das Denken macht es erst dazu". Dieser Remchingen-Ponto war vielleicht die einzige große Bereicherung des Abends. Otto Wernicke legte einen biederen Herzog Karl Alexander hin. An Chargen fiel nur noch Ernst Ginsberg als der für die Unschuld des Juden austretende Rechtsgelehrte Hilprecht sympathisch auf. Die weiblichen Rollen waren durch die Damen Eleonora Mendelssohn, Lotte Lenja, Gina Falckenberg und Erika Helmcke in wackerer Mittelmäßigkeit besetzt. In Kornfelds Stück fällt Süß Oppenheimer im Gefängnis unmittelbar, nachdem der Minister Remchingen ihm die Verutteilung zum Tode mttgtteilt hat, mit den Worten „Sch ein ah J isr o el" leblos zu Boden. Er hat heimgefunden zum Herrn, den er im Leben hoffärtig verleugnet hat.

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