Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 41 (8.10.1930)
- Date
- 1930-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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schäften der Gemeinde gelangen za lassen. Die Tagesordnung wies folgende Punkte auf: Lage, Aufgaben und Ziele unserer Gemeinde. Hierüber führte der erste Vorsitzende, Herr Konsul I a c o b y , in etiva stündigem Vorträge aus, wie ungeheuer schwer die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Lage in Deutschland sei; er weist sachkundig auf die Ursachen des wirtschaftlichen Niederganges (Reparationen — Kriegsentschädigung) hin und wie verhängnisvoll diese Lage in Steuer und Haushaltsplan der jüdischen Gemeinden sich auswirke. Es erübrigt sich, die betreffenden Zahlen hier wiederzugeben; durch einen Sparfonds aus früheren Jahren war es möglich, den Steuersatz von 16 auf 15 «o sestznsetzen. ^Größere Ausgaben entstanden u. a. durch die dringend notwendige Ausbesserung des Sandstein-Mauerwerks der Synagoge, durch die Errichtung eines rituellen Tauchbads (Mikweh), durch Miete und Unterhaltung des neuen Gemeindehauses. Sparmaßnahmen müssen auch hier vorherrschen; doch dürfen die Wohlfahrts-Einrichtungen darunter in keinem Falle leiden. Dem Frauenverein gebühre hier besonderes Lob für die uncrmmdliche Tätigkeit. Sodann folgte ein Referat des Herrn Rabbiners Dr. Appel über den zweiten Freitag-Abend-Gottesdienst. Von Sabbat Bereschith an soll jeden Freitag-Abend um 7i L> Uhr ein zweiter Gottesdiciisr — außer dem Gottesdienst zu den üblichen Luachzeiten — stattfinden, um nach Geschäftsschluß allen Gemeindemitgliedern die Teilnahme zu ermöglichen. Das neue Einheitsgebetbuch, das jetzt zur Einführung gelangt, wird dem Gottesdienst, der etwa 10 Minuten dauern soll, zu Grunde gelegt. Man erfüllt durch diese Neueinrichtung die lang gehegten Wünsche der liberalen Mitglieder und erwartet eine, wenn auch bescheidene Feier des Sabbats, von dem ja leider nur lvcnig gerettet werden kann. — Herr Rabbiner Dr. Wilhelm ist sodann Berichterstatter über die Einführung des Einheits-Gebetbuches. Er zeigt den Unterschied zwischen diesem und dem bisherigen Vogetftein'schen Gebetbuche und hofft, daß das neue Buch als Anreger jüdischer Frömmigkeit und Bekenntnistreue seinen Beruf erfüllen möge. — An diese drei mit außerordentlichem Beifall aufgenommenen Referate schloß sich eine lebhafte Aussprache, an der sich die .Herren Dr. Bert, Heinemann, Flörsheim, Dr. Fischer, Bronner, Preschet und Moser beteiligten. Der erste der Redner, Dr. B., übte von seinem zionistischen Standpunkte aus hier und da eine scharfe Kritik, die bei dem überwiegend größten Teil der Anwesenden energischen Widerspruch hervorrief. Allgemein tvurde aber immer wieder betont, die Einheilsgemeinde und der Frieden in der Gemeinde müssen in jedem Falle als das Höchste bestehen bleiben. Erst gegen die Mitlernachtsstunde konnte der Vorsitzende des Repräsentamen-Kolle-- giums, Herr Rechtsanwalt Dr. stoppe!, die Versammlung schließen. Alles in allem können die Veranstalter mit ihr zufrieden sein; sie hat zur Förderung und Hebung des Gemeindelebens beigetragen. Eine Wiederholung zur geeigneten Zeit Ivird jedenfalls gern begrüßt werden. Dresden. (Die Brücke zum Frieden.) Tie versöhnliche Stimmung, welche der heiligste unserer Festtage verbreitet, hat nach langwierigen, oft gescheiterten Verhandlungen zu einem Ausweg aus der Sackgasse der Differenzen geführt, der für die nächste Zeit wieder Frieden in der Gemeinde gewährleistet. Freilich sollte es bei diesem Ausgleich oder Vergleich weder Sieger noch Besiegte geben; es tväre aber so feige wie töricht, leugnen zu wollen, daß die durch die: Einwanderung numerisch hier in der Ueberzahl befindliche Volks- Partei den Gewinn davonträgt, nunmehr neben dem aktiven auch das beschränkte passive Wahlrecht für ihre ausländischen Mitglieder erstritten zu haben, das sie sonst in Sachsen noch nicht besitzen. Die Vereinbarung der Liberalen und der Bolkspartei, um die es sich also handelt, geht einmal davon aus, daß die Wahlrechtsänderung statutenmäßig fcstgelegt wird und hierzu ist, nachdem ja durch den Austritt der Volksparteiler der Gcmcinderat beschlußunfähig tvurde, eine Neuwahl des Gemeinderats notwendig. Sic hat aber nur formelle Bedeutung und höchstens personelles Interesse, da zur Vermeidung eines Wahlkampfes bereits das Aufstellen einer gemeinsamen Kandidatenliste beschlossen Ivorden ist. Hiermit verbunden ist der zweite Teil der Vereinbarung, giltig für die nächsten 5 Jahre, welcher besagt: gleiche Bertreterzahl — je 10 — im Gemeinderat, im Vorstand hingegen 2 Sitze für die Liberalen, 1 für die Volkspartei; auch muß der (amtierende) Vorsitzende die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Praktisch hat dies zwar mehr einen Wert nach außen. Es soll aber durch diese und andere Kauteten, welche durchaus berechtigt und zu begrüßen sind, verhindert tverden, daß der seit Generationen d e u t s chlibcrale Charakter der Dresdner Religionsgemeinde, welcher schon stark bedroht war, endgiltig zerschlagen würbe, eine Entwicklung, der nicht zuletzt im Hinblick auf die neu entstaudeneu innenpolitischen Verhältnisse mit allen Mitteln vorgebeugt tverden mußte. Es ivird nicht nur von der neuen Liberalen Fraktion abhängen, diese Vereinbarung, welche zunächst auf dem Papier steht, praktisch auszutverteu, auch die Willigkeit der liberalen Wähler wird sehr wesentlich dazu beitragen müssen, das Erbe der Väter würdig zu verwalten und die Dresdner Gemeinde wirtlich liberal, in dem ihnen geinäßen Sinne, zu fuhren. anderes biblisches Werk ist benannt „Fünfzehn Parabeln". Der eigentliche Titel heißt: „Salomos, König von Israel und Juda, güldene Worte voll der Ceoer bis zum Mop". Nach dem Urteil Hellens ist der Götz mit biblischen Reminiszenzen , so gesättigt, daß es kaum möglich sein dürste, die ihn durchziehende n Anllänge erschöpfend auszuweisen. Hier sei noch an das Jahrmarktssest mit seinem Esterspiel erinnert. In vielen Gestalten seiner Dichtungen ist der Einfluß, der Bibel unverkennbar, so z. B. der Richter in Hermann nno Dorothea. Das Buch Hiob hat den Prolog im Himmel, mit oem Faust beginnt, stark beeinflußt. Man geht auch nicht fehl, ivenu malt den Gesang oer Engel, der die Erlösung der Menschheit im Faust andeutet, aus biblische Erkenntnisse zurücksührt. Einern Brief Goethes an Eckermann entstammen folgende Worte: ,Hat die Exposition meines Faust mit der des'Hiob einige Aehnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich Lin deswegen eher zu loben als zu tadeln." Ein anderer Ausspruch:: ,Hab ich nicht auch im Mephisto den Hiob mir ungeeignet?" Niemals benutzte der Dichter eine Uebecsetzung. Die Bücher der heiligen Schrift waren als NachschlageweÄ stets bei der Hand. In einem Werk von Eck findet man den Ausspruch: „Man könnte versuchen, das Leben Goethes an einer Kette aneinander gereihter Bibelsprüche zu schreiben. Wie sicher hat Goethe aus den zerstreuten unb verborgenen Schätzen immer wieoer hecausgegriffen, was ihm eben zum Ausdruck innersten Empfindens werden kann, — als lebe er in der Uebeczeugung, nirgends wie in diesem Buch so helle, treffende Worte zu finden für das, was ihn bewegt." Aess Goethe nach Weimar kommt, ist es ihm wohl bewußt, daß. nunmehr ein neuer Lebensabschnitt für ihn beginnt. Er weiß, hierchr keinen besseren Ausdruck als das Psalmeuwort, das er am Tage seiner Ankunft in sein Tagebuch einträgt: „Was ist der Mensch, daß. Tu sein gedenM und das Menschenkind, daß; Tu Dich seiner annimmst!" In dem Aufsatz Hebräer heißt es: „Ein großer TeA des alten Testaments ist mit erhöhter Gesinnung, ist enthusiastisch geschrieben, dem reinen orientalischen Sonnenaufgang zu vergleichen." Tiefe Abhandlung beschließt Goethe mit oen Worten: „Und so dürfte Buch für Buch das Buch aller Bücher dartun, daß es uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran wie einer zweiten WHt versuchen und daran verirren, ausklären und au Gilden mögen." Betrachtet man Ottiliens Wellanschauung in den Wahlverwandtschaften, so läßt sich ^eicht das alttestamentarische Unsterblichkeitsmotiv erkennen. Guttstadt. (Siebzigster Geburtstag Moses Saß.) Der erste Vorsteher der hiesigen Synagogengemeinde, Moses Saß, der in breitesten Kreisen der Sladt sich großer Beliebtheit erfreut, beging am ersten Tage des Laubhüttenfestes seinen siebzigsten Geburtstag. Moses Saß steht der Guttstädter Gemeinde bereits seit dreißig Jahren vor. Hadamar. (Todesfall.) Nach schwerem Leiden ist der hiesige Lehrer Adolf Oppenheimer gestorben. 40 Jahre »var der Verblichene der geistige Führer der Gemeinde, der er seine Arbeitskraft widmete, bis er vor etwa drei Jahren in den Ruhestand trat. Die Beliebtheit des Entschlafenen wurde ans der ungewöhnlich starken Beteiligung an der Beisetzungsfeier ersichtlich. An seiner Bahre sprachen Bczirksrabbiner Dr. Lazarus, Wiesbaden, Lehrer Hartogsohn für die Gemeinde, Dr. Lüwenstein, Bad Nauheim, Oberkantor Nußbaum, Wiesbaden, im Auftrag des israelitischen nassauischen Lchrervereins, dessen Vorstandsmitglied der Verewigte viele Jahre gewesen war. Auch der katholische und evangelische Pfarrer von Hadamar gaben in tief empfundenen Worten dem Mitgefühl über den Heimgang des auch in ihren Kirchengemeinden beliebten Mannes Ansdruck. Olerkantor Nußbaum sang seinem verewigten Freunde als ergreifenden Abschiedsgruß das Gebet „El mole rachamim". Hannover. (Einheitsliste aussichtsreich.) Neben den Wahlen zum Preußischen Landesverband rüstet Hannover zu den Wahlen zur Gemeindevertretung, die diesmal erstmalig nach dem Proportionalwahlsystem stattzufinden haben. — Zu einer Vorbesprechung hatte der Verein zur Pflege der Interessen der Synagogengemeinde Hannover die Gemeiudemitglieder eingeladen. In seinen einleitenden Worten unterrichtete Herr Julius Wechsler die Versammlung über die hauptsächlichsten Unterschiede zwischen alter und neu-er Wahlordnung für das Repräsentanlenkollegium. Er schlägt zunächst Aussprache über die Möglichkeit einer Einheitsliste vor. — Herr Walter Buchholz bemerkt, ein Wahlkampf würde zwar die Durchorganisierung der Parteien betreiben, jedoch in seiner Schärfe die heute so notwendige innerjüdische Festigkeit und Einheit gefährden. Im Augenblick sei die Hauptsache die ordnungsgemäße Fortführung der Gemeindegeschäfte und die Einigkeit der hannoverschen Juden. — Herr Kommerzienrat Berliner, der 1. Vorsteher der Gemeinde, erklärt, es sei begründete Aussicht vorhanden, daß eine Einigung zustande komme. Er habe auf allen Seilen den besten Willen dazu festge- Den bedeutendsten internationalen HOII9r8SS8l1 Ulld AliSStOllUnQ6H Akademische Sprechen-Dienst Berlin hui 7, friedricnstr. iso II ik«»«o»mi>««E, Fernsprecher; A 4 Zentrum 5457 / Bürozeit: 9—21 Uhr seine bewährten uenarsetzer und Dolmetscher für 44 Fremdsprachen zur Verfügung, Leiter: ignaz E. Fioersheim Erste in- und ausländische Referenzen aus Wissenschaft, Industrie, Politik u. Handel. ueüersetzungen, sprachzirkei und Einzel-Unterricht stellt. Ueber die Namen der Kandidaten sei bislang noch nicht verhandelt worden. — Herr Rechtsanwalt Block erklärt für die jüdischdemokratische Volkspanei, ihr sei ein Wahlkampf erwünscht, weit er Leben in die Gemeinde bringe. Aber derartige Wünsche müßten hinter den wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurücktreten. Wenn es sich unter erträglichen Bedingungeit vermeiden ließe, dann wolle die Partei der Gemeinde nicht zumuten, Zeit und Geld in einem Wahlkampf zu verschwenden. Sobald eine Einigung bezüglich der Gemeiirdewahlen zustandegekommen sei, werde die Partei auch 'in Verhandlungen betr. Wahlen zum Landesverband eintreten. — Für die Frauen teilen Frau Dora Buchholz und Frau Gertrud Lichtenberg mit, daß der von einer Frruenversammlung gebildete Ausschuß beschlossen habe, auf Aufstellung einer besonderen Fraucnliste zu verzichten. — Herr Dr Schwarz stellt fest, die Arbeit im Repräsentantenkollegium habe gelehrt, daß das Wohl der Gemeinde immer im Vordergrund aller Beschlüsse stände. Es käme jetzt vor allem darauf an, die geeigneten Persönlichkeiten zu finden. — Herr Kommerzienrat Berliner erklärt, Einheits¬ und Liberale Partei seien bereit, sich einer Einheitsliste anzuschliehen. — Zum Schluß nimmt die Versammlung eine Entschließung an, daß sie von allen Partes^a mit Bestimmtheit erwarte, daß sie für die Wahlen zum RepräseMantenkoltegium und zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden zu einer Einheitsliste kommen. Kassel. (Abschieds- und E i n f ü h r u n g s f e i c r in der Israelitischen Volksschule.) Am 30. September fand im Sitzungssaal der Gemeinde in Gegenwart der Vertreter des Vorstehcramtes der Israeliten, der Gemeindeverwaltung und des Elternbeirates der Israelitischen Volksschule und unter Anwesenheit des Kollegiums Ebenso wie in einem Gedicht des Divans: „Mit dem Stairbe nicht der Geist zerstoben — dringet in sich selbst gedrängt nach Oben." Tie schmerzlichen Worte Werthers: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Tn mich verlassen?" sino den Psalmen entnommen. Ueber den Glauben urteilt der Dich-. ter: „Es ist ein schönes, löbliches Wort: Ich gtairfse an einen Gott. _ Aber Gott anerkennen, wo und wie er sich« offenbare, das ist die eigentliche Seligkeit auf Erden." Sein Gottvem trauen läßt fern Aussprucherkennen: „Wer nicht wie Elieser mit völliger Resignation in seines Gottes überall einfließ,ende Weisheit das Schicksal seiner ganzen, zukünftigen Welt dem Tränken der Kamele überlassen kann, der ist freilich übel dran!" Aus einem Brief an Frau von Stein: Mit mir verfährt Gott, wie mit feinen alten Heiligen uiw ich weist nicht, woher mir's kommt. Tie Lebensanschauung Goethes war durchaus bejahend, bezeichnend dafür seine Worte: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut." Tie Bibel bot Goethe die Anregung zu einem tvenig bekannten „Entwurf einer Geschichte des jüdischen Volkes". Welche unendliche Bereicherung^ seiner Seele Goeche der Bibel verdankt, geht aus den Worten hervor: „denn fast der Bibel allein war ich meine sittliche Bildung schuldig, und die Begebenheiten, Lehren und Symbole, die Gleichnisse, alles batte sichtief bei mir eingedrückt und war ans eine oder andere Weise wirksam gewesen." Bibelkenner haben in Goethes Werken über dreihundert Citate aus der Bibel gefunden. «Aeber die Unwirksamkeit der zehn Gebote" lautet die Ueberschrist einer Abhandlung des in weiten Kreisen bekannten Schriftstellers Arnold Zweig in der Wochenschrift „Tie literarische Wett"' vom 3. Oktober 1930. Der Verfasser kommt zu dem Resultat, daß; die Unwirksamkeit der wichtigsten Verbote im Tekalog aus der rein negativischen. Fassung der übersetzenden Wortgefüge herrMredaß psychologisch betrachtet in positive Form gefaßte Anweisungen, wie: Verwehrt ist dir zu böten oder: Verwehrt ist dir zu stehlen, wickuuMwUer seien. Weiter heißt es wörtlich: „Betrachten wir-— den biblischen Text z. B. des sechsten Gebotes „lo-tirzach", so ergibt sich zunächist die und der Schüler anläßlich de- Scheidens des bisherigen Leiters Dr. Lazarus mrd der Einführung seines Amtsnachfolgers eine stimmungsvolle Feier statt. Nach einleitendem Harmoaiumvortrag des Kapellmeisters M. Lion und dem Schülergesang richtete Landrabbiner Dr. Walter an den scheidenden Direktor Dr. Lazarus herzliche Worte des Dankes und der Würdigung seines pädagogischen Wirkens während der 33 jährigen Tätigkeit im Dienste jüdischer Jugenderziefyi.nig art Kasseler Schulen. Er überreichte ihm ein Anerkennungs-Schreiben der Schulabteilung der Kasseler Regierung und führte dann als seinen Nachfolger den früheren Seminarlehrer Jos. Moses in sein Amt ein.. Dabei betonte er die Bedeutung der Amtsübernahme in einer politisch und wirtschaftlich kritischen Zeit, versicherte ihn des Vertrauens aller am Aufblühen der Schule interessierten Kreise und wünschte ihm reichen Segen für die beginnende Amtsführung. Ein Sprechchor der Schüler trug den Psalm 121 in hebräischer und deutscher Sprache vor. Dann nahm der neue Schulleiter und erste Lehrer, Herr Moses, das Wort, um für das entgegengebrachte Vertrauen zu danken und die tatkräftige Unterstützung der Amtsgenossen, des Elternbeirates und der Behörden zu erbitten. Seinem Amtsvorgänger, Direktor Dr. Lazarus, widmete er herzliche Worte des Dankes für die verständnisvolle und kollegiale Stellungnahme zum Lehrkörper; als „Zeichen der Verbundenheit" überreichte er einen vom Lehrkörper gestifteten silbernen Pokal mit entsprechender Widmung. Der Ersitzende des Elternbeirates, Rechtsanwalt Seemann, stattete dem scheidenven Schulleiter den Tank der Elternvertretung ab, versicherte seinen Nachfolger des Vertrauens und der bereitwilligen Mitarbeit des Elternbeirates und ivünschte ihm Gottes Segen für sein ferneres Wirten. Direktor Dr. Lazarus erwiderte den Vorrednern mit Dankesworten und gab in teils ernster, teils launiger Betrachtung einen Rückblick seines erzieherischen Schaffens als ehemaliger Direktor der Lehrerbildungsanstalt und Schulleiter; er schloß mit herzlichen Wünschen für das weitere Gedeihen der israelitischen Volksschule. Rechtsanwalt Dalberg sprach für das Aeltesten-Kollegium dem scheidenden Schulleiter den Dank aus und versicherte seinen Amtsnachfolger der Sympathien der Gemeindevertretung. Mit abermaligem Gesang des Schülerchores und dem Harmonium-Vortrag des Beethovenschen „Die Himmel rühmen" schloß die würdig verlaufene Feier. Köln. (Gottesdienst in der Gemeinschaft.) Die Gemeinschaft hielt am Versöhnungsfeste im Tempel der Rheinlandloge ihren ersten Gottesdienst ab. Die Jüdische Reformgemeinde in Berlin hatte drzu ihre Liturgie zur Verfügung gestellt. Dank ihres überaus liebenswürdigen Entgegenkommens, namentlich dank der Großzügigkeit des Herrn Hans Lachmaini-Mosse und der Mühewaltung des .Herrn Dr. Schildbcrger konnte das herrliche Schallplattenwerk der Rcformgemeinde im Gottesdienst Verwendung finden. Es >var gewiß ein gewagter Versuch, diesen völlig neuen Weg der Kultgestaltung zu beschreitcn; aber cs darf gesagt iverden: der Versuch ist geglückt. Orchester, Chöre und Soti erklangen wunderbar schön und rein. Musik und Bortrag stimmten harmonisch zueinander; die Illusion war voll kommen. Ter Gottesdienst, dessen Höhepunkte die drei Predigten Dr. Gottschalks waren, hatte derart viele Menschen ragelockt, das; nicht alle Platz sausen. Die Beterschar verharrte von Anfang bis zu Ende in tiefster Andacht. Leider trugen eine Anzahl unreifer halbwüchsiger jüdischer (!) Jungens und Mädchen, die mit der Absicht gekommen waren, den Gottesdienst zu stören, einen bedauernswerten Mißttang in die Veranstaltung. Königsberg. (R e p r ä s e n t a n t e n s itz u n g.) Die zweite im September abgehalwne Repräsentantenversammlung hatte sich zunächst mit Neuwahlen für die Kommissionen infolge des Ausscheidens der .Herren Kaufmann Emil Rosenthal unb Apolhekcr Max Rosenthal aus der Repräsentanz zu befassen. Es wurde beschlossen, von einer Ersatzwahl in die Kultus- und die Friedhofskominission abzusehen. Hinsichtlich der Ergänzung der musikalischen Kommission soll ein Vorschlag dieses Ausschusses eingeholt weroen. Für den Kampffond des Rcichstagswahlausschusses 1930 wurde eine Beihilfe von Mt. 500,— bewilligt. Ein Vermächtnis des verstorbenen Rentiers Josef Lcewensteiu in höhe von Mk. 200,—, baidie Abhaltung der Jahrzeit für den Verstorbenen zur Pflicht mach:, wurde angeuominen. Der Cheivra Kadischa wuroe eine Zuwendung von Mk. 125,— zur Beschaffung von Ehrenlampen in den Ausbahrungsräumen bewilligt. Die Versammlung nahm davon Kenntnis, daß die Verträge mit den beiden Kultusbeamtcn dev Synagoge „Adaß Jisrocl", Rabbiner Peritz und Lehrer Miloslawer, gekündigt sind. Da bei einer Verlängerung des Vertrages mit beiden Beamten dieser vier Jahre laufen und die Gemcindekasse zu sehr belasten würde, soll ein erneuter Vertrag mit Rabbiner Peritz auf ein Jahr und ein solcher mit Lehrer Miloslawec auf zwei Jahre abgeschlossen werden. Die Frage, ob die Reprasentantenversammlung der Kündigung zuzustimmen habe, wurde dem Rechtsausschuß zur Prüfung unterbreitet. — Vom Gemeinde Vorstand wurde Justizrat Dr. Lichtenstein zum Wrhlleiter bestätigt. Dieser stellte fest, daß nur ein Wahlvorschlag, der vier Namen enthält, cinqegangeu ist. Zu Mitgliedern des Gcmeindevorstands wurden an Stelle der ausscheidenden Vorstandsmitglieder Sigmund Wolfs und innige Verbindung zwischen dem verneinenden „so" und dem verbotenen „tirzach" durch einen verbindenden Strich, bedeutsam bei einer mit Charakteren, z. B. mit Bökalen, sparenden Ursprache. Tiefes „lv" nun drückt ganz offenbar eine Vermehrung aus, inniger mit dem Gegenstand des Verbotes verbunden als unsere westliche grammatische Verneinung „nicht", so daß man das Gefüge „lo-tirzach" am besten mit „Verwehrung des Tötens" oder „Verwehrung des Mordes" niiedergegeben könnte. Ties „lo", geschrieben „lamed aleph", erweist sich beim ersten Blick aus die hebräische Schriftseite als die Umkehrung der Vorsilbe „el" oder „al", geschrieben „aleph lamed", die eine Zielrichtung ausdrückt: Das Hinströmcnde, jede Belveguug zu etwas hin, und die auf großartige Weise damit zu dem Wort für „Gott" wurde, „el", als zu dem Ziel, zu welchem die Menschheit hinftrömt. (Daß. damit durchaus nicht auch notwendig die statuarische Gestalt einer väterlichen Gottesperson verbunden sein muß, sei hier nur angemerkt, um Mißverständnisse abzulehnen.) Wenn also die Verbindung „aleph lamed" das Hiuströmen ansdrückt, auch grammatikalisch, so daß der Satz: Er sprach zu Mose — wajomru el mosche — formuliert ist, die Verneinung aber ,.lo", „lained afeph^ geschrieben ist, so darf gefragt werden, ob nicht diese Umkehrung des Hinströmens ein sinnliches Wegschieben, ein Verwehren im wörtlichen Sinne bedeutet; und eben damit werden genau die Forderungen erfüllt, die die moderne Psychologie an den Sprecher von Verboten richtet. So daß stls'o unser Vorschlag: „Verwehrt ist dir zu töten, zu stehlen, zu fluchen üsw." der Ursprache und dem Geiste wörtlich entspricht, aus welchem diese Regelung der menschlichen Triebe hinreißend herausgesprochen wurde." — Hierzu möchten wir folgendes bemerken, daß im hebräischen Text beim 6., 7. und 6. Gebot (ou sollst nicht morden, du föülfi' nicht ehe-« brechen, du sollst nicht üehlen) das „lo" (nicht) mit einem verbindenden und einem trennenden Akzent versehen ist und nicht, wie man nach Zweigs Anssührungen vermuten könnte, mit einem Wagerechten Strich (Makkep), der eine Tongruppe darstellt, wie wir ihn beim 9. Gebot und dem zweiten Halbvers des 10. Gebotes finden. Tie Bemerkungen über „lamed aleph" und „aleph lamed" atmen den Geist Samson Raphael HirschÄ und ähneln seiner exezetischen Methode. Vielleicht bieten diese wenigen Zeilen Anlaß; zu einrv eingehenden Aussprache über Zweig's Auffatz. Tr. M. Spanier, Magdeburg.