Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 41 (8.10.1930)
- Date
- 1930-10-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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otbnung vorläufig untersagt. Für jeden Fall der Zuwiderhandlung wird eine Geldstrafe von 1000 RM. angedroht; nötigenfalls ist die Vorführung des Bildstreifens durch unmittelbaren Zwang zu verhindern. Die Gemeinden in Thüringen werden angewiesen, die Angelegenheit zu kontrollieren. — Womit das thüringische Innenministerium dieses Verbot begründet, ist noch nicht bekannt. Ter Besitzerin des Lichtspielhauses in Weimar wurde lediglich ein Schreiben vorgelegt, wonach die Vorführung des Films „Zwei Welten" eingestellt werden müsse, weil „die Juden als bessere Menschen im Vergleich zu den Offizieren dargeftellt" werden. Tie thüringische Regierung könnte diese Darstellung nicht gelten lassen, weil sie „dies den Blutsbrüdern in Oesterreich nicht antun" könne. Außer Herrn Frick hat bisher niemand in dem Tupont-Film eine Herabwürdigung österreichischer Offiziere erblickt. Die deutschen Reichstagswahlen und die Zionisten Noch immer herrscht keine Klarheit darüber, wie sich Deutschland unter dem Einfluß der Reichstagswahlen vom 14. September innerlich gestalten wird. Noch immer peinigt die wirtschaftliche Not eine erschreckend große Zahl von Menschen und führt sie den Extremisten in die Arme. Es ist jn dieser Zeitung schon von den Erkenntnissen gesprochen worden, die wir als jüdische Deutsche aus den Ergebnissen der Reichstagswahlen gewinnen müssen, ganz ohne Vogelstrauß-Manieren und -Methoden, aber auch ohne eine einseitige jüdische Betrachtungsweise. Denn diese Reichstagswahlen haben wir in erster Linie als Deutsche zu werten. Bei diesen Wahlen ging es um das deutsche Volk. und nicht nur um die „Judenfrage". Wie diese aber, besonders in zionistischen Zeitungen zum Anfang und Ende der Wahlbetrachtungen gemacht wurde, das muß eingehender Betrachtung unterzogen werden. Stets haben sich die Zionisten aus das Heftigste empört, wenn von Nichtzionisten mit zwingender Logik bewiesen wurde, daß eine Minderbewertung zionistischer Gruppen in staatsbürgerlicher Hinsicht sich in einem Nationalstaat wie Deutschland „als notwendige Folge des fehlenden Zugeiwrigteitswillens zur deutschen Nation" und des Bekenntnisses zu einer jüdischen Nation ergibt. Aber in aller Empörung ist es bisher keinem gelungen, diese Feststellung überzeugend zu widerlegen. Tie Zionisten behaupten also, sie sind ebenso gute Deutsche wie wir, d. h. sie sind an dem deutschen Volks- und Kulturleben des Deutschen Reiches ebenso interessiert und schaffen mit dem gleichen Betätigungswillen, wie es alle jüdischen Deutschen tun, die es ablehnen, sich zu einer jüdischen Nation zu bekennen, die es ablehnen, ihre Heimat in Palästina zu sehen. Ta ist es einmal ganz interessant und aufschlußreich, Stimmen der Zionisten zu dem Ausfall der Reichstagswahlen $it hören. Herr A. W. Rom (Alfred Berger?) veröffentlicht an verschiedenen zionistischen Blättern einen Aufsah, in dem er versucht, sich klar darüber zu werden, was getan worden ist unld was zu tun noch übrig bleibt. .Herr A. W. Rom stellt fest, und ich kann ihm darin nur zustimmen, daß die bisherige Abwehrarbeit trotz außerordentlicher Leistungen zahlreicher Persönlichkeiten und unheimlichem Geldaufwands sich nicht bewährt hat, ihre Aufgabe nicht zu erfüllen vermochte. Herr A. W. Rom sieht die Ursache des Mißerfolges darin, daß ein Teil des Judentums (nämlich die Zionisten) ausgeschlossen wurde von der Arbeit gegen beu Antisemitismus, und verspricht sich eine wirksame Bekämpfung nur, wenn die Arbeit vom „Gesamtjrldentum" ausgeht. Tie w i ch - t i ö ft e Erkenntnis, die er aus dem Ergebnis der deutschen Reichslagswahlen gewinnt, jst die, „d-aß die innere Stärkung des Judentums und der jüdischen Genieinschaft in Deutschland unendlich wichtiger ist als der anscheinend so. verlockende Kampf nach außen; Stärkung der jüdischen Position, Ludwig Hardt-Feier im Renaissonce-Theaier in Berlin Es war ein festlicher?tachmittag, als Ludwig Hardt am letzten Sonntag nachmittag zur Feier seines 25 jährigen Auftretens einlud .und erlesene Kostbarkeiten aus der Weltliteratur vortrug. Das Wort „vortrug" sagt nicht genug! Hart ist ja viel mehr, als bloß ein höchst begabter und künstlerisch hochstehender Rezitator. Er schasst in fast magischer Weise die bleibenden Leisttrngetl großer Dichter neu, er macht durch das Medium seiner aus tiefstem Erleben stammenden Sprechkunst den innersten Gehalt der wiedergegebenen Gedanken-Kunstwerke überraschend wirklichkeitsnah, er macht sie in einer bisher noch nicht gekannten Weise von. neuem sinnfällig, verständlich, zum unvergeßlichen Erlebnis! Dabei kommt ihm auch die wunderlich präzis funktionierende Mimik seiner Physiognomie, dieser Hülle seines an E. T. A. Hofftnann erinnernden Antlitzes zu Hilfe. Sein Organ hat eine Schmiegsamkeit und Modulationsfähigkeit, wie sie noch kein moderner Schauspieler, selbst in jahrelanger Uebung erworben hat. Er kann leise, verhalten singen, traumhaft still — seltsamerweise dabei gleichzeitig völlig verständlich^. — flüstern, er kann bis zum stärksten Fortissimo anschwellen. Alles dies wäre aber, selbst bis zur Virtuosität gesteigert, schließlich nur Technik, wenn nicht die unerhörte, künstlerische Feinfühligkeit und geistige Ueberlegenheit des Mannes hinzukäme. Was Hardt zum größter: lebenden deutschen Vorkragskünstler macht, ist die Fähigkeit, das Dichtwerk, immer von neuem miterlebend, derarr zu interpretieren, daß der Zuhörer ergriffen — (vielleicht zum ersten Male) — imerkt, was für eine garrze Welt in dem betreffenden Glicht oder Prosastück liegt. In eminenter Weise ist Hardt übrigens auch ein jüdischer Künstler. Es ist sicherlich kein Zufall, daß ebenso wie fast überragenden Theaterleiter Europas auch die bedeutendsten Rezitatoren der jüngsten Zeit Jrrden waren oder sind. Das Talent der Juden für Kulturverständnis, Kulturvermittlmrg, Kulturwirksamkeit kommt dabei zum Ausdruck. Englands größter Bortragskünstler, Israel T'Evans, war Jude. Die bedeutendsten deutschen Rezitatoren, die Professoren Milan und Stralosch, die beiden leider zu früh Verstorbenen, loaren Inden. Hardt ist der letzte, große noch Ueberlebende jener Reihe ganz großer Dichterinterpreten, die alle Zuhörer ausnahmslos fortreißen rrnd emporheben können. ErkeinüinS, daß das Judentum wieder einmal auf sich selbst angewiesen ist, Zusammenschluß und Solidarität, das ist die Aufgabe, vor die das deutsche Judentum gestellt ist, das ist der Weg, der wirklich Hilfe bringen kann/' Wir kennen diese Weise, wir haberr keine anderen Erkenntnisse voll einem Zionisten erwartet, denn es ist absolut logisch, daß einem Zionisterr als einzige Erkenntnis aus dem Ausfall der deutschen Reichstagswahlen der Zionismus bleibt. Und nichts anderes als Zionismus ist es, was aus den Zitaten verschämt und verbrämt herauslugt. Ich habe vergeblich gesucht, was Herr A. W. Rom über unsere Arbeit für Deutschland zu sagen hat. Daß die Erkenntnisse eines liberalen Juden und eines Zionisteit aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen sich wesentlich unterscheiden, ist selbstverständlich. Daß wir keine Rettung des deutschen Judentums und Deutschlands in der Absonderung, in dem einigen jüdischen Volk sehen, ist klar. Das System der bisherigen Abwehrarbeit war falsch. Unsere Ausgabe als Juden ist, dafür zu sorgen, daß der Antisemitismus endlich einmal aushärt, ein jüdisches Problem zu sein, daß die Bekämpfung des Antisenritismus nicht einzig Sache der Juden urrd einiger Philosemiten ist. Ter Antisemitismus ist eine Form des Ungeistes, der Verdummung, des Aberglaubens, und darum müssen alle die Menschen versuchen, ihn zu beseitigen, die gegen Ungeist, gegen den Rassenwahnsinn und nationalistische Ueberheblichkeit für Gerechtigkeit streiten.^ Darum kann man aber den Ailtisemitismus am wenigsten durch den Zionismus erfolgreich bekämpfen oder gar ausrotlen wollen. Daß wir jüdischen Deutschen das nationalsozialistische Programm von der v ö l k i s ch e n Fremdheit des Juden und des Deutschen ablehnen, braucht Wohl nicht erst betont zu werden. Was aber haben die Zionisten dazu zu sagen? Tie Nationalsozialisten stellen fest, daß die Juden eine deutschfremde Rasse sind und dem deutschen Volk daher nicht angehören können. Was haben die Zionisten daran auszusetzen? Tie Nationalsozialisten fordern dann, daß, wer nicht Staatsbürger ist, nur als Gast in Deutschland leben und nur Gastrechte genießen kann. Was haben die Zionisten daran auszusetzen? Wie oft ist diese Forderung von Zionisten erhoben worden? Ter der Poale Zion angehörende Oscar Cohn hat sogar 1919 im verfassunggebenden Ausschuß in Weimar die Bewertung der Juden als nationale Minderheit gefordert. Und muffen nicht alle Bemühungen der Zionisten, muß nicht ihre Zersetzungs- und Entwurzelungsarbeit in Deutschland zu diesem Ziel führen? Es nruß daher daraus aufmerksam gemacht werderr, daß es viele Nationalsozialisten und Antisenijten gibt, die n'eurals behauptet haben, daß die jüdische Rasse minderwertig ist. Sie stellen einzig rrnd allein fest, daß die Juden ein anderes Voll sirrd, ein Fremdkörper im deutschen Volke, der ihm vielleicht einrrral gefährlich werden könnte. Beruhigend für Nationalsozialisten, aber desto empörender für uns jüdische Deutsche ist es, wenn Jakob Klatzkin, ein bekannter Zionist, in einem von Arnold Zweig warm empfohlenen Buch folgendes schreibt: „Air pflegen uns oft zu trösten: das Juoenium ist ein ewig sittückes Ideal, das nie aushören tann — und merken nicht, daß Mir damit den ticfneu Judenschmerz auSdrücken: das Judentum kann nie aufhören, iveil es seinem Wesen nach übernational, universal ist, b. h. ein allgemein menschliches Kulturideal. Wir verkünden es mit Stolz: die Ideen des Judentums dringen immer mehr in der sittlichen Kultur durch und erobern die Menschheit — und merken nicht, daß >vir damit sagen: Tie Ideen des Judenkums treten immer mehr aus der Sphäre des Nationalen heraus und werden Gemeingut der sittlichen Menschheit. Jede dieser Eroberungen schmälert unfern nationalen B e - s i tz" (von mir gesperrt). Das ist verbohrtester Natioualisrnus urid furchtbarste Selbstsucht, die mit Selbsterhaltung nichts zu tun hat. Wodurch unterscheidet sich dieser Nationalist von allen anderen Natiorraiisten? Auch hier ist Nation Selbstzweck nicht Ausgabe. So kann der Antisemitismus nicht bekämpft werden. Die Stücke, die er am Sonntag vortrug, waren, von , verschiedenen geistreichen Scherzen abgesehen, ganz auf verinnerlichte Humanität und sozial-wirkende Ethik eingestellt. Lerrz, Claudius, Walt-Whitmann, Rilke, Tehmel kamen mit Dichtungen zu Wort, in denen tiefe Sehnsucht nach irdischer Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich zittert. Herrlich war .Hardt, als er jüdische Dichter, wie Heine, Altenberg, Polgar, auch hauptsächlich mit sozialen Dichtungen, zu Gehör brachte. Seit 25 Jahren hat Hardt, dieser einzigartige liebenswerte Künstler, Millioneri Menschen Stunden hoher Feier und reinsten Genusses geschenkt. Dafür sei ihm, auch an seinem Jubiläum, in herzlicher Weise gedankt! Und wenn wir wünschen, daß ihm noch viele Jahrzehnte gesegneten Schaffens und Wirkens beschieden sein mögen, wünschen wir uns alle selbst etwas Köstliches mit!... Dr. Ludwig T a v i d s o h n, Berlin. Goethe und die Bibel Von Regina Auerbach, Berlin. Eirrst versuchte Wieland die hervorragendsten Zeitgenosserr rrebeneirrander zu stellen. Klopstock bezeichnet« er als den größten Dichter, .Herder als den größten Gelehrten urrd Goethe als derr menschlichsten unter den menschlichen Menschen. Goethe ist nicht nur als Dichter durch die ungewöhnliche Tiefe seiner Gedanken und der Gestaltungskraft seiner Phantasie, sondern auch als Gelehrter einer der hervorragendsten Männer seines Jahrhunderts gewesen. Tie Vielfältigkeit der außergewöhnlichen Gaben, mit denen dieser Titane begnadet war, nötigten Napoleon I. den Ausruf ad: Voila un homme! Tie vielseitige vortreffliche Erziehung, die Goethe genossen hatte, konnte die Bibel als Erzrehrrngsfaktor nicht missen. Tie Mutter Goethes, die auf seine Entwicklung einen anerkannten Einfluß ausgeübt hat, war eine durchaus religiöse Frau, deren Lieblingsbuch die Bibel war. „Eine besonders hohe Aufmerksamkeit hat man der Bibel in Goethes Elternhaus entgegengÄnacht." Ja, Frau Aja betrachtete die Bibel als das Buch des Lebens, das sie als Fundament für die Entwicklung der Menschen betrachtete. Schon in der Spielschule, die Goethe in seiner Kindheit besuchte, wurde Wenn auch Goethe schon durch seine religiöse Erziehung von der Bibel günstig beeindruckt war, so gebührt Herder Bibelunterricht erteilt. Die alttestamentarischen Geschichten entzückten im höchsten Gvade den kleinen Wolfgang. Ein großes Vergnügen bereitete Frau Rat Goethe ihren Kindern Nicht durch Flucht in eine nrchtexistente Welt, nicht durch Absonderung und Verkündung des gleichen Ungeistes Für uns als Deutsche ergibt sich aus den Reichstagswahlen die Forderung nach aktiver Mitarbeit irr den deutschen Parteien oder in anderen Gemeinschaften, in denen wir wirken können für die soziale und politische Gesundung Deutschlands, um damit einen winzigen Teil beizutragen an der sozialen urrd politischen Gesundung der Gesamtwelk. Als Juden aber ergibt sich für uns, und die 'Ausführungen des Herrn A. W. Rom bestärkeir nur diese Auffassung, stärtne Ablehnung des Zionismus in jeder Form, d. b schärfste Bekämpfung rrnd Beseitigung aller Bestrebungen! die unter dem Deckmantel der jüdischen Einigkeit dein Ziel zustreben, eine sinnlose jüdische Einsamkeit zu schaffen. Wir müssen ferner mehr als bisher das Kennenlecnen und danrit das Verständnis fördern zwischenjüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Nicht um uns „anzubiedern", sondern weil es uns im Interesse des Friedens und eines freudvollen Lebens als wichtigste und notwendigste Aufgabe erscheint, Aberglauben und Böswilligkeit zu vernichten. Jedes Jahr treffen deutsche Kinder mit andersnationalen Kindern an den verschiedensten Orten zusammen und sie leben eine Weile miteinander. Jedes Jahr fahren deutsche Kinder nach Frankreich und England als Gäste und umgekehrt, und man erhofft alles von diesem Weg des Kennensernens für eine friedliche Zukunft. So glaubt inan die Jugend oor dem Einfluß hetzerischer Verleumdung bewahren zu können. Und auch nur auf diesem Wege des Kennenlerrrens wird es möglich fein, die Fremdheit im eigenen Volke, zu überwinden, dem Antisemitismus seine Waffen aus der Hand zu schlagen. Ruth Jacob. j,»j.Aus den Gemeinden'''"'' jTj Allenstein. (R e p r ä s e n t a n t en v e r s a m m l u n g.) Tie letzte Repräsentanleiiversaminlung haue sich mit der Etatsberatung zu befassen. Ter Vorsitzende des Gemeindevorstands, RechtSanwatl Dr. Neumann II, erstattete einen eingehenden Bericht über die finanzielle Lage der Synagogengemeinde. Sämtliche Verbindlichkeiten, die aus der Zeit vor uub nach dem Kriege bestanden, sind seitens der Gemeinde getilgt. Lediglich eine AufwertungSamortisationShyvothck in Höhe von chua 7500 Gotdmark fei noch zu decken. Ter Vorstand habe beschlossen, in der Gemeindeverwaltung mit Rücksicht ans die katastrophale WirtichaftSnvt die äußerste Sparsamkeit cintreten zu lassen. Infolgedessen sei es auch notwendig gewesen, eine Reihe von nicht - berechtigten Anregungen zurückzustellen. AlS Gemeindesteuer für die Zeit vom l. April 1930 bis zum 31. März 1931 sollen 11 der für das Jahr 1929 festgesetzten Reichseinkommensteucr erhoben tverden. Dieser Steuersatz stellt eine Verringerung gegenüber dem des Vorjahres um 2 o dar. Tie Repräsentantenversammlung beschloß, den vom Vorstand eingebrachten Etat zu genehmigen. Hinsichtlich de» Beitrags für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, der s.',,, °o des Reichseinkommensteuersolds der Gemeinde beträgt, sind die Gemeindelörperschasten der Ansicht, daß dieser Beitrag wesentlich zu hoch erscheint. Ter Gemeindevorsitzenoe wies darauf hin, daß er eine Rüge in der Geiieralversammlimg des Verbandes ostpreußischer Synagogengcmcinden bereits vor zwei Jahren porgebrachl habe. Tie Versammlung beschloß fernerhin, an den Snnagogenverband Ost- Preußen die Forderung zu stellen, daß ein Abgeordneter für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden aus dem Kreise der Gemeinde ANenstein genommen werden. solle. Corsfrld. (Persönliches.) Ter langjährige Vorsteher der Gemeinde I. Mendel ist im Alter von 70 Jahren aus einem arbeitsreichen Leben abberufen worden. Der Gemeinde hat der Entschlafen? mit Umsicht und Treue gedient und sich bei allen Gemeindemitgliedern und anderen Freunden ein ehrenvolles Gedenken gesichert. Lehrer Nußbaum, Bocholt, gab ein anschauliches Bild von der Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit deS gemeinnützig wirkenden Greises. Dortmund. (G c m e i n d e v e r s a m m l u n g.) Ter Vorstand und die Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde hatten die Mitglieder der Gemeinde — Männer und Frauen — für vorigen Samstagabend zu einer großen Gemeindeversammlung in den Festsaal des Gocthelyzeums eingeladen. Diese Versammlung soll eine engere Verbundenheit ztvischen der Gemeinde und ihren gesainten Organen Herstellen und den Gemeindemitgliedern die Möglichkeiten geben, in einer Aussprache Wünsche und Anregungen an die Körperdas Erzählen der biblischen Gcschichten. Der Höhepunkt wurde aber erreicht durch die Vorstellung dieser Geschichten in einem Puppentheater. David und der Riese Goliath lösten immer wieder das Entzücken des hochintelligenten Kindes aus. Dieses Erleben der Bibel steht im ursächlichen Zusammenhang mit dein Wunsch des lernbegierigen Jünglings, das heilige Bucks im Urtext zu lesen. Tie Übersetzungen genügten ihm nicht mehr. Mit großer Energie begann er das Studium des Hebräischen. Während Goethe Griechisch und Latein ohne jede Mühe erlernt hatte, mußte er dem Hebräischen. Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Aber in verhältnismäßig kurzer Zeit war er in der Lage, die Bibel mit vollstem Verständnis im Urtext zu lesen. Hingegen können seine Versuche, die Bibel ins Deutsche zu übertragen, keineswegs als gelungen bezeichnet werden. Tie Bibel, insbesondere das alte Testament, spielten in Goethes geistigen Werken eine unverkennbare große Rolle. Die Anregung zu ferner ersten dichterischen Arbeit — Wolfgang war damals zehn Jahre alt — die Beschreibung des Lebens Josephs in zwölf Bildern, verdankt Goethe der Bibel. Goethes Mutter berichtet, in keiner Lebenslage hielt das Kind eine Verteidigung Gottes für notwendig. Bei allen Schicksalsschlägen meinte er: „Gott wird wohl wissen, daß dieser unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein (Schaden geschehen kann." Hieraus ergibt sich ein Nachdenken des Kindes über die Gerechtigkeit Gottes. Jn Frankfurt noch als Schüler begann Goethe sein erstes größeres Werk, .,eüt biblisch-prosaisch-episches Gedicht". „Belsazar" ist in den ersten Akten in Frankfurt gediehen, in Leipzig aber erst beendet. Ebenso stammen andere Erstlrngs!- werke, wie Jesabel, Ruth, Selima, aus der Leipziger Zeit. Jedoch hat Goethe diese Arbeiten, die später sein Mißfallen erregten, nach seinem eigenen Bericht verbrannt. Fragmente von Belsazar sind glücklicherweise nicht der Vernichtung anheim gefallen. Jn Straßbnrg fand Goethe an Herder einen Führer, der ihrr in mancherlei Werse förderte. Goethe bemerkte hierzu: Was die Fülle dieser wenigen Wochen betrifft, welche wir zusammen verlebten, kann ich wohl sagen, dastj ich irr die glückliche Lage geriet, alles was ich bisher gedacht, gelernt, mir angeeignet hatte, zu komplettieren, an ein Höheres anzuknüpsen, zu erweitern. das Verdienst, ihm den Wert und den künstlerischen Gehalt des heiligen Buches selbständig nahegebrachl zu haben. Tier günstige EinstE den Herder ach den bedeutend jüngoren Dichter ausübte, macht sich in späteren Werfen vielfach bemerkbar. Insbesondere ist die Uebersetzung des „Hohen Liedes" auf eine Anregung Herders zurückzchühren. Ein