Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-08 · 41 (8.10.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
41 (8.10.1930)
Date
1930-10-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614053-2614094--3743-2621369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

gewährt auch Trost und Gleichgewicht im Kummer. „Wäre dein Gesetz nicht meine Wonne, ich wäre gekommen in meinen! Kummer. Gemeinschaft mit Gott ist der höchste Lohn." „Deine liebende Gnade ist besser als das Leben." Wir kennen den edlen Ausrus: „Wen habe ich im Himmel außer dir und nichts ist aus Erden, das ich begehre außer dir." „Es komme da, was ih m wolle." „Gott ist die Stärke meines Herzens und meines Anteils stir ewiglich." Das ist das wirksamste aller religiösen Palliativmittel. Kein äußerer Kummer kann dem Menschen Gott und die freudige Liebe zu Ihm rauben. Wir hören, wie diese Idee durch die Geschichte vom Märtyrer Akibas aufs vornehmste illustriert ist. Ein anderer interessanter Zug im Alten Testament betreffend die ganze uns hier beschäftigende Frage ist, daß, trotz seiner überwiegenden Tendenz, das Leid mit der Sünde und das Gedeihen mit der Gerechtigkeit in ursächlichem Zusammenhang zu bringen, die Schwierigkeiten dieser Kombination lebhaft gefühlt wurden und beredtsamen und nachdrücklichen Ausdruck fanden. Zunächst "der Protest betreffend die verschobene Strafe. „Die Väter haben sanre Trauben gegessen und die Nachkommen haben stumvse Zähne bekommen." Wir wissen, daß Ezechiel dieses Prinzip abgelehnt bat. Der Psalter ist voll von Klagen gegen die Vorsehung, die die Leiden der Gerechten nnd das Geheißen der Bösen zuläßt. Daß der Böse bald bestraft und der Gute bald belohnt werden müßte, daran zweifelte man nicht im geringsten. Das Unzulängliche der Lehre au sich wurde nicht anerkannt, alles mas vorgebracht wird, ist ein Protest dagegen, daß die Lehre in diesem Leben selbst nicht angewendet.wird. Sie müßte sich ja bewähren, aber das geschieht nicht. In den Psalmen sind die Bösen entweder die Angehörigen der entgegengesetzten Parte', oder es sind die Heiden im Gegensatz zu Israel, als Exempel und innerhalb der Grenzen dieses Kontrastes erscheint Israel als der Gerechte, wo aber der Glückliche sowie der Unglückliche beide Israeliten sind, da find die anderen jene, die Gottes Gesetz aehorchen, während die erstecen es übertreten und verachten. Im Buche Job ist das Problem generalisiert und verfeinert. Des Leben? Ironien werden betont, gleich wie dies im „Prediger" geschieht. Entweder ein Schicksal für alle, oder rersch'edene Schicksale ahne Rückftcht aus das Verdienst. Glück für den einen. Elend für die anderen. „Ter eine stirbt in voller Kraft, er ist aanz in Wohlbehagen und rnhio. der andere stirbt mit verbitterter Seele nnd f at nie das Glück gekostch." Verruchte Menschen verbringen ihre Tage in Reichtum und WohOand, sie erreichen ein bähe? Alter und sterben in Frieden. Braucht man sich da zu wundern, daß fie kein Bedürfnis haben. Gottes Weoe zu kennen, daß fie bühnend ausrufen: „Wer ist der Allmächtige, daß wir ifim diew'n und welchen Nutzen haben wir, wenn wir zu ibm beten?" Auf diese bittere Frage bietet der Dialog von. Job keine Antwort. .Wir finden allenfalls den Ausrui, daß die Gerechten aus ihrem Weg be!-arrcn und die reine Hände haben, immer fester nnd fester werden. Und Job ist sicher, daß ihm ein gerechter Erlöser lebt. Doch das Natzmenwerk des Dialoges und der ganze Zweck des Buches suggeriert etwas ui ehr: „Leid bedeutet oft gar nicht Sünde." Ta ist schon ein wichtiger Punkt gewonnen und er erreicht den Stempel der göttlichen Zustimmung. Ferner: Es existiert notwendig uneigennützige Güte. Es ist Satan, der Ankläger, der Zweifler, der eingibt, daß Jobs Frömmigkeit nicht tief reiche. Er dient Gott nur um des Lohnes willen. Aber Satan wird in Verwirrung geschlagen. Job ist vom Unglück überwältigt, aber er sündigt nicht, er schreibt Gott nichts Ungeziemendes zu. Im Gegenteil, er spricht die zwei klassischen und unsterblichen Sätze reiner Güte und uninteressierter Frömmigkeit aus, „Gott hats gegeben und Gott hat genommen, gelobt sei der Name Gottes" und: „Sollen wir nun das Gute annehmen, das Schlimme aber nicht annehmen?" Religiöse Entsagung kann nicht weiter gehen. Abgesehen von dem selzr alten Mvtbns im zweiten und dritten Kapitel der Genesis der für das Alte Testament von keinem weiteren Einfluß, von keinen weiteren Folgen ist, enthält dieses keine Betrachtungen über den Ursprung des Uebels. Er schiebt glücklicherweise das Uebel nicht den Machinationen eines Teufels zu. Satan, nock immer nicht der Teufel, spielt bloß eine kleine Rolle in diesen Blätkeru und nur an einer Stelle wird engedeutet, daß er der Grund der menschlichen Sünde ist. Andererseits fehlt auch ein anderer, besserer, mehr philosophischer Versuch, diesem Problem beizukommcn. So z. B., daß ein Geschöpf wie der Mensch die Freiheit znm Sündigen benötige um ein Gerechter fein zu können, die Freiheit zu hassen, um lieben zu tonnen, wstd nicht angedeutet. Noch wird entschieden sestgcstellt, daß, wenn Jugend immer Glück (abgesehen von den in ihr selbst liegenden) nnd Sünde immer Kummer brächte, hinieden zwar wenig Sünde, aber, in einem liefen Sinne, es noch weniger Tugend gäbe. Dem Ursprung des bösen Triebes wird nicht nachgeforscht. Gut und Böse haben immer existiert aus 'Erden und werden wenigstens bis zum Anbruch des messianischen Zeitalters existieren. Daun erst wird wohl das „böse Herz" entfernt und alle Mcuscheu werden Jünger der Weisheit und Jahwehs seju. Es ist nicht die Abwesenheit von Untersuchungen über den Ursprung des Bösen, noch von Anstrengungen, das Unlösbare zu lösen, was wir am Alten Testament schmerzlich entbehren. Was wir anders haben möchten, ist die häufige Kombination von äußerem Leid und innerer Sünde, die häufige Wiederholung, daß. Gott den Menschen auf der Basis von Maß für Maß behandelt und nach dem Gesichtspunkt von Lohn und Strafe. Wir sehnen uns irgendwie danach, daß eindringlicher und klarer daraus Gewicht gelegt werde, daß Sünde schlimmer ist denn Leid, daß das Leiden ein Eingang zur Heiligung und Weihe werden kann. Wir bedürfen, der Lehre (die erst die Agada. an die Bibel sich anlchumd, einschärft), daß. sehr oft, wenngleich nicht immer te Leiden ein Erziehungsmittel, eine Hingabe, ein Opfer kann, Indessen, während das Alte Testament vielleicht viel zu sehr auf das Zeitliche Gewicht legt, ist dies, wie wir schon gesehen haben, nur ein Mangel, der einem Vorzug entspringt. Denn es entspricht der jüdischen Lehre, daß. das Zeitliche nicht eine bloße Illusion, daß die sichtbare urrd die unsichtbare Welt von demselben Gott kontrolliert werden und eine Einheit bilden, daß. irdisches Glück nicht Unrecht, sondern .vohlberechtigt ist und daß. ein gewisser Zusammenhang zwischen Güte und Wohlgedeihen besteht. Entschädigung für Gerechtigkeit oder für Sünde in einer anderen Welt zu erwarten, ist im Wesen ganz dasselbe, wie sie aus Erden zu erwarten oder zu begehren. Nichtsdestoweniger, wenn, wie dies im ganzen späteren Judentum der Fall war, die ausgleichende Entschädigung jenseits des Vorhanges verlegt wird, so erwächst daraus ein gewisser Vorteil: das Gedeihen des Bösen und das Elend der Gerechten hört aus, unsere Empörung zu erregen. Alle diese zeitlichen Widersprüche können in der Ewigkeit ausgeglichen werden. Und da die Menschen dann Kummer und Pein geduldig ertragen, so fürchten sie den Tod weniger und werden weniger durch ihn beunruhigt. Daher sorge» die Menschen weniger für das Materielle und legen weniger Gewicht darauf. Sie sorgen sich mehr um das Geistige und Unsichtbare. Tie seelischen Güter können sie mit sich in ein anderes Dasein nehmen, die Güter des Leibes vergehen. Erde und Himmel, dieses Leben und das kommende: das sind Gegensätze. Aber in einem gewissen Sinne lann man hinieden und in der Gegenwart von einem ewigen Leben sprechen, in diesem Sinne bedeutet Ewigkeit etwas anderes als bloß die endlose Verlängerung der Zeit. Fruchtbare Keime dieser Auffassung findet man in gewissen mystischen Stellen der Psalmen, die wir alle kennen: „Ich bin unaufhörlich bei dir." „Gott ist immerdar vor mir." „Er hält meine rechte Hand." Solches Gottesbewußtsein und solche Gottesqemeinschaft finden sich hinieden und rn der Gegenwart. Ter Tod selber mag sie vielleicht nicht stören, noch ändern. Aber es sei denn wie immer, sie sind ans jeden Fall das beste Palliativmittel gegen das Problem des Bösen, die beide Korrektur einer einseitigen Betonung von äußerlichem, irdischem Lohn und äußerlicher, irdischer Strafe. 6 0 CH ER SC H A u"T*! Literarische Notizen Die bekannte Schrift von Immanuel Bernfeld: „Eid und Gelübde nach Talmud und Schulchan Aruch" ist nunmehr in dritter Auflage im Philo-Verlag erschienen. Das Heft hat unter Berücksichtigung des Nürnberger Talmud-Prozesses gegen Holz und Streicher wegen Religionsbeschimpfung und Gotteslästerung eine interessante Erweiterung erfahren. Dr. Ludwig Freund: Am Ende der Philosophie, Verlag von E. Reinhardt, München. Untertitel: „ein kritisches Wort an die Zeit und ihre Philosophen". Rücksichtslose Kritik und radikale Skepsis sind das methodische Rüstzeug dieser tief schürfenden, die letzten Wurzeln philosophischer Spekulation bloßlegenden Arbeit des Münchener Syndikus des C.-V. Freund steht sichtlich im Banne seines Lehrers Driesch, bleibt aber nicht bei dessen System stehen, sondern legt an jedes Gedankengut die Deszort’sche Sonde des Zweifels an. Ob die Karlesianische Formel des cogito ergo sum für Freund noch Gewißheitsgeltung hat, scheint noch nicht einmal sicher. Mit gedanklicher Schärfe rückt Freund der Begriffsumschreibung der Philosophie zu Leibe, wobei sich ihm die Unmöglichkeit einer exakten Definition der Philosophie ergibt: „Die Philosophie ist keine exakte Wissenschaft. Sie ist ein Gebiet, dessen Inhalt immer variiert." So kommt Freund erkenntniskritisch zu dem Resultat: „Wenn irgendein Zweig menschlicher Tätigkeit, so mußte die Philosophie die rin geheuchelte Demut im Menschen erwecken. Denn nichts zeigt ungeschminkter und unbezweifelbarer als sie die Machtlosigkeit und Beschränktheit des Menschen." Es sei hier schon gesagt: die wir von einem System herkommen, von einer — philosophischen „Schule" etwa, haben mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn wir dem Verfasser folgen sollen. Dem gebildeten Laien, der unbelastet von Begriff und Methode einer philosophischen Einstellung das stilistisch glänzend und „unphilosophisch" geschriebene Werk liest (unphilosophisch, weil vollkommen frei von dem oft so abschreckenden Ballast der Fachausdrücke), ist die Arbeit sicher ein intellektueller und literarischer Genuß. Was uns vom jüdischen Standpunkt an Freunds Werk besonders interessiert, ist seine Einstellung zu den ethischen und religiösen Problemen. Da die Logik wenig Gnade vor dem Richterstuhl Freunds findet, lehnt er jede logisierende Ethik ab. „Sobald eine Moral bewiesen werden soll, haften ihr all die Lücken lind Mängel des Begriffs, der Definition und der Theorie an." Ernsthaft fragt Freund, „warum ist die Vernunft z. B. wichtiger als die Sexualität?", da es eine objektive Wertbestimmung (und Ethik ist doch Wertbestimmung) nicht geben kann. Was nach Freund übrig bleibt, ist, wenn theoretische Einsicht und freier Willen nicht endgültige Resultate in Wissenschaft und Ethik liefern, die subjektive Gewißheit, die persönliche Ueberzeugtheit, das Glauben. Hier steigt die Problematik der Intuition auf, die von Spinoza bis zu Bergsohn, Heidecker und Husserl eine so wesentliche — vom Kantizismus, namentlich von der Marburger Schule so scharf bekämpfte Rolle spielt. Von hier aus nimmt Freund zu den religiösen Problemen Stellung. Der Verfasser sagt geradezu, daß man nur entweder Rationalist, also Philosoph resp. Wissenschaftler, oder Mystiker sein könne, eines das andere ausschließe. Eine Definition der Mystik ist, als gedankliche Funktion an und für sich, ein contradictio in adjekto. Entweder sei man kein Philosoph oder kein Mystiker. Hier glauben wir, daß die Forschung noch viel Arbeit zu leisten hat. Wir verweisen z. B. darauf, daß Görland, ein Systematiker vom Scheitel bis zur Sohle, in seiner Religionsphilosophie immer wieder Meister Eckehardt als Kronzeugen heranzieht, allerdings Böhme und gar die erotischen Mystiker entschieden ablehnt. Die Geschichte der .Mystik zeigt alle Variationen, vom rein rationellen Denkakt bis hinab in die Sphäre des nur gefühlsmäßigen. Welch ein Weg liegt z. B. zwischen der Mystik .eines Eckehardt und der eines Schleiermacher und Fichte (Anweisung zum seligen Leben). Die jüdische Mystik zeigt meist weniger divergierende Tendenzen. Hier: philosophische Grundlegungen in der Kabbala, die fast das Hegelsche System konstruktiv vorgeahnt haben über den Neuplatonismus Ihn .Gabirols bis zur Gebetsmystik eines Israel bal Sehern Togo und der erotischen Mystik chassidischer Kreise. Wenn man nicht von Philosophie, sondern immer nur von einem philosophischen System sprechen kann, so auch nur von einer bestimmten Richtung in der Mystik. Sicher ist, daß auf die radikale Skepsis, wie sie Freund erbarmungslos gebraucht, um der Philosophie zu Leibe zu rücken, die Mystik folgen muß. Das war schon bei Berceley so. Die philosophische Situation unserer Zeit überschaut und bloß gelegt zu haben, ist ein Verdienst dieses Buches, ihr den Wegweiser in das Alt-Neuland der Religion gewiesen zu haben, macht es gerade uns wertvoll. Dem Laien gibt Freunds Werk einen brauchbaren Ueberblick, dem philosophisch geschulten Denker, dem Theologen besonders, Gelegenheit, sein „System" unter dem Aspekt philosophischer Skepsis zu betrachten. A. Gordon, Harburg-Wilhelmsburg. Berichtigung In bem Aufsatz: „Alfred Adler, seine Lehre und sein Kreis" muß es heißen: „Eine mustcrgüilim Organisierung, die nicht nur an dem klug ausgebauten Programm die Ausbreitung der individualpsychologischen Methoden, bez-w. ihre Ausbreitungsmöglichkeiteu zeigte, sondern auch in der Schaffung des äußeren Rahmens und in der Bewältigung von Zeit und Masse individualpsychologischen Erkenntnissen alle Ehre macht." & lilteimterrii erteilt stiid. phil. et theol. Blumen t ha l, Berlin, Spenerstr. 25 (Bahnhuf Bellevue) Nahe Stadtbahn (Schles. Bahnh.) gutes möMieries Zimmer an Dame od Herrn billig zu vermieten. Zuschriften unter A. 5 an die Exped. ds. Bl. erbeten. MURER, CIB DEINEM KIHOE MEHR ONICl f VJ Aber nur den reinsten u. reifsten B IEN ENHONIG C. M. IM KLEE netto 9 Pfd. 11.70 netto 5 Pfd. 7.00 netto 3X3 Pfd. 12.40 netto 2X3 Pfd. 8.50 netto 1X3 Pfd. 4.50 Nachnahme. Frei Haus. C CH R. MARTENSEN, MARNE i. HOLST. PoMfneh <« 170 Für unser Gotteshaus und Verwaltungsgebäude suchen wir zum möglichst sofortigen Antritt einen Hauswart Besoldung nach Gruppe 8, Pr B O. Ausführliche schriftliche Bewerbungen erbeten. Vorstand der Jüdischen Reform-Gemeinde Berlin N 24, Johannistrasse 16 Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. ▼erni. kostenlose renerbeMtattung Annahme W 35, Lfllzovrstrafl« 44, Telefon: Lfltzow 960-61 Malerarbeiten Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokalen, Trepp^nüitren und Fassaden. Robert eutheim Berlin W 50 Kulmbacher Strasse 7 B5 Barbarossa 6260 a Btrioft: Bettbrigtma pk da» liberal« Zndeuhrm e. B., Betliit «M. N. — eera»ttvEcher «edakemr Dipl.-Jng. Brun» Wohda, Berlin BA.29. — Druck: Hermann Wegner fr Co., Berlin-Mariendorf. ■v 929

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.