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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-08 · 41 (8.10.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
41 (8.10.1930)
Date
1930-10-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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dolles und glückliches Lebensende ist njcht weniger ein göttlicher Segen. Salons allgemeine Lehre, wenn nicht seine schönen Beispiele dieser Lehre, bewegt sich ganz in alttestamentlichen Linien. Der Ausgang des Lebens, die Art des Sterbens entschädigt für vieles. Ein glücklicher und friedvoller Tod ist Me adäquate Entschädigung für fortgesetztes Mißgeschick im Leben. Tug egen wird vieles und langes Gedeihen ouvch einen plötzlichen Tod ausgewogen. Aber auch mit einem solchen Tod söhnt sich aus, wer an endloses Leben jenseits des Grabes glaubt. Und wer sein persönliches Glück in dem Gedeihen seiner Genreinschaft finden kann, hat den Tod auf andere Weise überwunden. Es war eine Wirkung des vorwiegend optimistischen Temperamentes der Juden und der Unerschütterlichkeit ihres Gottesglaubens, daß sie selten an der Zukunft verzweifelten. Das Goldene Zeitalter, welches die Propheten Israels verkündeten, lag vorne und nicht hinten, in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Und diese prophetische Ausfassung wurde allzeit fest gehalten. Obwohl der religiöse Individualismus ausreiste und allgemein wurde, so lies doch daneben ein Gefühl der Gerneinbürgschaft zwiefacher Art. „Oschammu, bogadnu — wir haben gesündigt, wir haben gefrevelt." Das Sündeirbekenntiris in der ersten Person Mehrzahl wurde von jedem empfunden, der es aussprach. Ein gewisses Maß von Verantwortlichkeit hat für gemeinschaftliches Vergehen wird wohl von uns allen ehrlich enrpsünden. In diesem weiten Maße teilen wir heutigen noch immer die alte Lehre, die Israel und die Judenhcit nie verleugnet haben. Doch, ferner, wenn du dich eiusühlst mit deiner Gemeinschaft und ihr Mühsal mit ihr teilst, kannst du dich mit dem Glauben an die Gewißheit ihres künftigen Ruhmes trösten. Tu wirst 'bereit sein, ohne Murren oder Verzweifluirg mit ihr zu leioen. ebenso wie du, bei einem weiteren Aufschwung der religiösen Entwicklung bereit sein wirst, f ü r sie zu leiden. Ich denke, daß aus jeden Fall die erstere dieser beiden Bereitschaften im alten Testament zu finde» i>'i. Das ist umso bezeichnender, meint man bedenkt, daß der Glaube an ein persönliches Leben jenseits des Grabes im alten Testaurent kaum eine Rolle spielt. Das bekundet einen umso größeren Glauben an Gott, eine urnso größere Bereitwilligkeit das persönliche Glücksbedürsnis in das Gedeihen der Gemeinschaft zu versenken und mit ihm zu verweben. Das ist jene gute Art üou persönlicher Nneigennützigkeit und corvorativer Gemeinbürgschast. die wir immerdar hochzuschätzen lernen mögen, weniger oon einzelnen Stellen, als von der ganzen Tendenz und dem Geist des Alten Testaments. Der einzelne gibt sich der Gesamtheit hin und solange diese gedeiht und triumphiert, wünscht er nichts mehr und nichts besseres für sich selbst. Und er fühlt diese Befriedigung und diesen Glauben, obwohl er weiß, daß das Glück und der Triumph seines Volkes erst nach seinem Tode kommen und er sie nicht in ehr erleben wird. | Das Goldene Zeitalter der Propheten ist stets eine Kombination des inwärtigen, moralischen und auswärtigen Weltlichen. Das im 60. Kapitel des Jesaja entworfene Bild repräsentiert eine annehmbare Durchschnitts.-Anschanung, obwohl etwas partitularistischer als gewöhnlich. Israel ist da reich und gedeiht wohl, aber außer dem Besitz von Gold und Silber sind seine Führer der Friede und seine Herrscher die Gerechtigkeit. Gott ist den Israeliten ein immerwährendes Licht und „sie werden alle gerecht sein". Ein anderer Schriftsteller prophezeit eine wundervolle Langlebigkeit. aber er sagt keine Sündenlosigkeit voraus, oenn „der Sünder, der mit hundert Jahren stirbt, wird als fluchbeladen angesehen". Viel edler sind die Auffassungen des Goldenen Zeitalters in den früheren Kapiteln des Buches; der messianische Fürst des 11. Kapitels wird über ein wiedergeborenes Volk herrschen: die Erde wird voll sein der Erkenntnis Gottes, wie die Wasser das Meer anssüften. Wohlwollen und Frieden werden über die ganze Erde ausgebceiüet sein und sogar die Tierwelt umfassen. Wir wissen, wie Jeremias eine Zeit voraussah, wenn die göttliche Lehre in die Herzen der Völker eingegrrben sein wird, wenn alle, vom Größten bis zum Kleinsten den Herrn erkennen werden. Und Gott erkennen bedeutet für alle Propheten dasselbe. Es bedeutet Gerechtigkeit, Mitleid, Liebe und Güte, Demut, die ganze Skala der Tugenden. Mle Kinder Jahlvehs werden die Jünger Gottes werden und groß wird ihr Friede sein. Und durch Israel wird sich die Erkenntnis Gottes über das ganze Antlitz der Erde ausbreiten. „Bon Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. Tann macht Gott allen Kriegen ein Ende. Tie Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lan- * Gottesdienste *- Liberale Synagoge Oste», Aula Mädchenschule Kaiserstraße 30. Gottesdienst Freitag, den 10. Oktober, abends 7.30 Uhr, Predigt: Dr. Plottle. Montag, den 13. Oktober, Scheminiazeres. Seelenfrier und Predigt: Dr. Swarsenfky. Dienstag, den 14. Oktober, Stmchat Thora, abends 7.30 Uhr. Predigt: Rabb.-Kand. Mehler. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Gottesdienst Freitag, den 10. Oktober, abends 7.15 Ahr. Predigt: Dr. Swarsensky. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst.' Sonntag, den 12. Oktober, nachmittags 4 Uhr, Sukkosfeier für die Jugend. Montag, den 13. Oktober, abends 7.15 Ahr, Scheminiazeres. Seekenfeier und Predigt: Dr. Friedländer. Dienstag, den .14. Oktober, vormittags 10 Ahr, Seekenfeier. Predigt: Dr. Swarsenfky. Abends 7.15 Uhr: Stmchat Thora. Predigt: Dr. Salomonsti. Mittwoch, vormittags 10 Ahr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Salomonsti. Berltn-Mstend. Liberale Synagoge Westend, Aula Herderschule, Bayernallee 4. Gottesdienst Freitag/ den 10. Oktober, abends 7 Ahr. Predigt: Rabb.-Kand. Mehler. Dienstag, abends 7 Uhr, Stmchat Thora. Predigt: Dr. Swarsensty. Berlin. Jüdische Reform-Gemeiube. Laubhiittrn-Schlutzfest mit Seelenfeier: Sonntag, den 12. Oktober, vormittags 10 Uhr, Johannisstraße 16; Predigt: Dr. Rosenthal, Kleiststraße 10: Predigt: Dr. Jelski. zen in Gartenlnesser. Kein Volk wird die Waffe gegen das andere erheben, noch sollen sie überhaupt jemals Krieg lernen". Diese schönen Bilder, Träume, Prophezeiungen, man nenne sie, wie mau wolle, können nie ihren Wert verlieren. Wir trinken noch immer aus der Quelle ihrer Inspiration und vernehmen ihren Widerhall in manchen Psalmen." Ter eine wird sprechen: Ich bin Jähwehs, der andere wird den Namen Jakobs verkünden, wieder ein anderer macht aus seiner Hand das Zeichen „zu Jahwcib" der .Knecht Gottes ward berufen worden, um zu sein ein „Licht der Völker", seine Ausgabe ist es, „die Augen der Blinden zu öffnen, die Gefangenen aus dem Verschluß zu führen", so daß durch Israel, „das Heil bis an alle Enden der Erde reicht". Auch will Gott zu Israel andere sammeln, außer jenen, die sich schon um e§ gesammelt haben, sodaß Gottes Haus genannt werden wird „das Hans des Gebetes für alte Völker". Die Hoffnung, welche diese Verse mit so einfachen und großartigen Worten ansdrücken, ist in Israel und im Judentum nie erloschen. Keine Verfolgung vermochte sie ganz zu unterdrücken: sie mochte eine Zeit lang schlafen, sie 'mochte vom Partikularismus oder Rachedurst überkruslet werden, aber sie stand immer bereit, wieder zu erwachen; sie hegt in sich ein Prinzip des ewigen Lebens, ihr Un'- vkrsalismus ist im Einklang mit den anderen Lehren des Judentums. Und in der Gegenwart ist diese Hoffnung in den Vordergrund unseres Bewußtseins getreten als Schlußstein all unserer Hoffnungen, Anstrengungen, Opfer. Gemeinschaftliches Unglück ist allenfalls im Lichte dieser Anschauungen der Sendung Israels erklärlich und erträglich. Gemeinschaftliches Unglück erscheint in dieser Beleuchtung verklärt. Zu diesem Zweck kann Israel passend die Worte der Propheten wiederholen und Kraft zum Ausharren und Ermutigung finden. „Gott hat meine Ohren geöffnet und ich war nicht widerspenstig noch, wendete ich mich ab. Ich, überließ meinen Rücken den Schlägen und meine Backen denen, die mein Haar ausrausten. Ich oerbarg mein Gesicht nichr vor dem Beschämt- und Bespienwerden." Großartiger, heiliger und befriedigender kann keine Erklärung der -Leiden Israels gedacht werden, als jene in dem berühmten 53. Kapitel des Jesajah geboten wird. Wenn hier wirklich die Völker die Sprecher sind — und es ist entzückend »zu denken, mit Recht oder mit Unrecht dies durch die Jahrhunderte die vorherrschende Meinung der jüdischen Ectärer war, dann, was kann es erquickenderes, gütigeres, ethischeres und religiöseres geben, als die unsterblichen Morte; „Gewiß er hat unsere Krankheit getragen und unser Leid war ihm aufgeladen, während wir ihn als von Gott geschlagen, heimgesucht und gequält betrachteten. Aber er ward verwundet für unsere Sünden, er ward verletzt für unsere Missetaten. SToüwercK billig, =% iDohlSchrmdicnd. j L nahrhaft, jl Tie Strafe, welche uns zum Frieden führte, wurde ihm zuteil und durch seine Striemen wurden wir geheilt. Weil er seine Seele im Tode aushauchte, dadurch wird er viele zur Gerechtigkeit führen. Er trug ihre Bosheiten und für die Frevler hat er um Vergebung gebeten." Ob die Gestalt Israel ist oder nicht, die Lehre bleibt dieselbe. Freiwillige Selbstaufopferung für andere, ihre geistige Heilung durch das freiwillig übernommene Leid, das ist die feinste Palliative des Leids, die-menschliches Denken und menschliche Liebe je ersonnen haben. Wir finden dieses Palliativmittel nirgends sonst als in der einen Stelle bei Jesajah. Aber in einem mattabäischen Psalm begegnet uns die Idee des Leidens für eine Idee. „Für dich, für dich lassen wir uns den ganzen Tag töten." Hier ist der Kern der Idee des Märtyrertums. In anderem Zusammenhang wird darznlegen sein, wie diese Auffassung von den Rabbineu fruchtbar entwickelt wurde. Ein anderes Palliatioum, von welchem die Rabbiuen häufig Gebrauch machten, findet sich in einfacher Form im Allen Testament. Das ist die Idee von der Disziplin, oder wie die tIriechen auch sagten „Pathema matherna" (Das Leiden eine Zuchtlehre). Ter Vers in den Sprüchen Salornons: „Wen Gott liebt, den züchtigt er" ist sehr volkstümlich geworden. Dieser Vers selber war nur eine Entwicklung des TeuteronLmis'chen Gedankens: Gleich wie ein Menschi feinen Sohn züchtigt, so züchtigte dich, Jah.veh dein Gott. Wir findenden beit Gedanken wieder bei Job: „Selig der Mann, den Gott züchtigt, darum mißachte nicht die Heimsuchungen des Allmächtigen, denn er verursacht Schinerzen und heilt sie, er verwundet und seine Hand verbindet die Wunde." „Es ist gut für mich, daß ich Teiümmert ward, denn zuvor ging ich irre, von da ab jedoch halte ich dein Wort." So sagt auch Elihu in Job: „Er befreir den Kummervollen nur mittels seines Kummers, er öffnet sein Ohr mittels des Leidens." Dieser Vergleichs weisen. Verklärung mancher Arten des Leidens, welches derart nicht mehr Strafe ist, sondern Unterweisung der Liebe, entspricht eine Verklärung des Lohnes. Es ist höchst merkwürdig, daß diese Verklärnng selber zum Teil durch die Herrschaft des Gesetzes vollbracht wurde. Christliche Kritiker denken gewöhnlich. — und unter dem unermeßlicken und sekularen Einfluß von Paulus war es für sie nicht leicht, anders zu denken, — daß der Legalismus und die Herrschaft des Gesetzes nicht nur die Sehnsucht nach Lohn enorm gesteigert haben mußten, sondern auch die Gewißheit, daß" Gedeihen eine Folge der Gerechtigkeit sei, ebenso wie das Leiden auf begangene Sünden schließen lasse, deren Strafe es sei. Der Legalismus, so wird angenommen, degradiere die Tugend: die Menschen erfüllen die Gsebote um der Strafe zn entgehen und Lohn zu ernten. Es gibt keine Güte uin ihrer selbst willen. Güte wird zu einer bloßen Zähl vereinzelter Taten (sogar wenn es Taten der Liebe und Gerechtigkeit sind) und diese Taten werden um des Nutzens und des Lohnes willen vollbracht. Das mag wohl m einzelnen Fällen vorgekommen sein. Es gibt keine Religion, die nicht korrumpiert und entstellt werden kann. Aber die höhere Tcnoenz des Gesetzes wirkte in genau entgegengesetzer Richtung. Glück bedeutet nämlich durchaus nicht langes Leben und äußerliches Wohlergehen. Es bedeutet das Beobachten des Gesetzes und das Studium des Gesetzes. Schon allein im Beobachten des Gebotes lag der Lohn dafür, abgesehen von aller Voraussetzung eines anderen Lohnes. „O, wie liebe ich dein Gesetz!" „Wie süß sind deine Woctq meinem 'Geschmack!" „Tein Gesetz ist meine Wonne." „Deine Bezeugnisse sind die Freude meines Herzens." Das Gesetz bracht wurden. Nebukadnezar, der Jerusalem zerstörte, seinen König Zedekia blenden und die Bevölkerung Palästinas in das Babylonische Exil wandern ließ, war nicht nur ein blutrünstiger, vom Cäsarenwahn befallener Regent, sondern auch ein prunkliebender Herrscher, der mit allen Mitteln eines feudalen Machthabers sein Land und seine Stadt mit Kunstdenkmälern auszuschmücken trachtete. Und eben die Ausgrabungen dieser babylonischen Pracht bilden vielleicht das st ä r k st e Erlebnis der Museumsneubauten. Das Jschtartor — (Tor der Astarte) — aus Babylon mit seinen blauglasierten Ziegeln, seinen farbigen Stieren und Drachen, scheint uns geraden Wegs in eine Märchenwelt hineinzuführen. Mit meisterlicher Hand haben hier Archäologen und Architekten die einzelnen Funde zusammengestellt, so daß ganze Bauten vor unseren Augen emporwachsen. Ueberall sind die farbenfreudigen Keramiken des babylonischen Kunstgewerbes, die zum Teil aus den Ruinen des Palastes von Nebukadnezar ansgegraben wurden, zu imposimten Wandfriesen zusammengestellt worden. Als ein tiefes, nahezu traumhaftes Wunder erscheint uns die P r o z e s s i o n s st r a ß e mit ihren bald tiefblauen, bald türkisfarbenen Wänden, von denen sich die babylonischen Löwen in weiß und gelb pittoresk abheben. Diese Straße soll einstmals dreihundert Meter lang und sechzehn Meter breit gewesen sein. Im Vorderasiatischen Museum bekommen wir sie natürlich nur en miniature, d. h. auf dreißig Meter Länge und acht Meter Breite zuscrmmengedrängt, zu sehen. Und trotzdem vollzieht sich in unserem Innern eine Wandlung; eine Verwandlung gcht mit uns vor. Der Alltag fällt ab von uns. Wir sehen sie wieder, unsere Vorfahren, wie sie vor nahezu drei Jahrtausenden in dieser Straße zwischen diesen bunten Mauern einherwandelten, wie sie das Jschtartor mit seinen Nebukadnezarlöwen durchschritten, wie sie werkten und wirkten in der Verbannung, unter dem Tyrannen, aber ohne an dem Gotte zu verzagen, der es zugelassen Hatte, daß Nebukadnezar Jerusalem, die „Fürstin unter den Städten", hatte zerstören und den Tempel- und Palastschatz des Volkes Israel nach Babylon hatte verschleppen lassen. Wir sehen mit dem inneren Auge weißglutende Sonne über weißglutenden Mauern. Und wir sehen in dieser Stadt, deren eine Straße uns mit so viel genialem Fleiß rekonstruiert wurde, die Väter unseres Stammes handeln mit allen Köstlichkeiten und Kostbarkeiten dieser Erde: Gold und Silber, Elfenbein, edle Bauhölzer, bunte Steine, fein ziseliertes Schmuckwerk, Affen und Pfauen. Und auch die Frauen sehen wir auf- und niederschreiten, die Frauen Judas, denen der ergrimmte Prophet nachgesagt hat, daß sie „hoch einherfahren, im Gehen den Hals emporrecken und freche Blicke werfen, immerfort tänzeln und mit den Fußspangen klirren...." Die gleichen Frauen, denen nach des Zornpredigers Verheißung Jahwe abreißen sollte die „prächtigen Fußspangen und die Stirnbänder und die Halbmonde, die Ohrtropfen und die Armketten und die Kopfbunde, die Schrittkettchen und die Prachtgürtel und die Riechfläschchen, die Amulette, die Fingerringe, die Feierkleider und die Mäntel, die Ueberwürfe und die Taschen, die Spiegel und die feinen Linnen und die Turbane und die Schleier". Wir danken dem Professor Walter A n d r a e, der sich mit so inbrünstigem Eifer um die Wiederherstellung der babylonischen Stadtschönheit verdient gemacht hat, für die Eindrücke des Herzens, die er uns schenkt. Bunt, phantastisch, abenteuerlich wirkt das Vorderasiatische Museum, gemessen an der marmornen Kühle des Pergamon Museums. Deutsche Archäologen und Architekten haben mit unermüdlicher Hingebung getrachtet, ein Gemälde jener großen ruchlosen Stadt nachzuschaffen und uns vor Augen zu rücken, jener Stadt, in der die Ahnen unseres Stammes lebten und litten, geräuschvoll arbeiteten und leise klagten. Vielleicht haben die emsigen Hände des versklavten Hebräerstammes jene wundersamen Keramiken geschaffen, die uns noch heute in ihren satten Farben und ihrer lüsternen Glätte entgegenleuchten. Vielleicht haben sie mitfronen müssen an dem Märchenpalaste des großen Nebukadn«ar, dem Königssitz ihres erbarmungslosen Feindes. Und vielleicht hat manch jüdischer Wanderer, der die prunkvolle Prozessionsstraße vor zweieinhalb Jahrtausenden ourchschritt, der Weissagung gedacht: „Wehe! Ein Tosen vieler Völker — wie Meerestosen tosen sie Und ein Brausen der Nationen — wie das Brausen gewaltiger Wasser brausen sie! Aber bedroht Er sie, so fliehen sie in die Weite und . werden dahingejagt. Wie Spreu auf den Bergen vor dem Sturm und wie wirbelnder Staub vor der Windsbraut. Zur Abendzeit, oa waltet Bestürzung, vor Anbruch des Morgens sind sie dahin. . Das ist das Schicksal unserer Berauber und das Los unserer Plünderer." Tie Stadt Babylon mit all ihren Palästen und Tempeln ist zerfallen. Andere Völkerschicksale fuhren über sie dahin. Aber die leidvolle Erinnerung an sie blieb lebendig in dem Gedächtnis Israels. Und sie scheint aus Schlaf und Traum der Jahrtausende zu erwachen, wemr man heute andachtsvoll und ehrerbietig die Räume durchschreitet, in denen deutsche Forschung und deutsche Arbeit jenes Wunderwerk einer künstlerischen Wiedergeburt vollendete. Die Jahrhundertfeier der Berliner Museen, ihre Vereinheitlichung und ihr Zusammenschluß zu einem organischen Ganzen, bedeutet ein großartiges Stück kultureller Tätigkeit, umso bewundernswerter, qls es in den schwersten Notstandsjahren Deutschlands unverzagt gefördert und zu Ende geführt wurde. Hoffentlich tragen nicht nur die laienhaften Beschauer, sondern auch die Fachmänner, d. h. die modernen Architekten, etwas von dem Pathos und Ethos, von dem Glanz und dem Schimmer, der Noblesse und Phantasie, der schöpferischen Ideologie und dem realen Können der in diesen Museen angehäuften Schätze in ihren eigenen Beruf hinaus, der ihnen mehr als Beruf, nämlich Berufung, sein soll.

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