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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-08 · 41 (8.10.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
41 (8.10.1930)
Date
1930-10-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Das Problem des Leids und des Lösen im Allen Testament Von Claude G. Tic geistvollen uno tiefschürsendeir Lchrijleir Montesiorcs zur Bibel und Rcligionspsycholvgie, in denen der mir der ganzen Bildung seiner Zeir ausgerüstete Verfasser die tiefsten Fragen des Lebens und des religiösen Denkens von der höchsten Höhe der modernen Weltanschauung behandelt und die in der ganzen anglosächsischcn Welt zum festen Besitz der Intellektuellen, nicht nur der jüdischen, geworden sind, sind leider in Deutschland dem breiten Publikum der Gebildeten ganz unbekannt. Wir bringen hier die nachfolgende kleine Studie, die .Herr B injamin Segel, Wien, ans dem Englischen überlragen hat. Sic behandelt ein Thema, >velches Gegenstand des in den Herbftfciertagen vorgerragencn Predigers jkohelet ist. Wir wissen, daß im Alten Testament die überwiegende Tendenz vorherrsche, das Leid und die Zünde in einen ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Nun, wenn über mich ein Unglück hereinbricht, mag wohl ein außenstehender Bo -obachter schließen, daß ich nur die wohlverdiente Heimzahlung für begangene Sünden erhalte. Umgekehrt, meint ich eine Sünde begangen habe, so must ich mich auf eine Strafe gefaßt machen, und Strafe bedeutet Qual, Leiden, Unglück. Es ist überflüssig, das Unbefriedigende, Ungenaue und Aeußerliche dieser Tendenz oder Lehre näher darzulegen. Uns ollen sind ihre schwachen Seiten wohl vertraut. Ta aber mein Bestreben hier dahin geht, dasjenige hervorzuhelben, was im Alten Testament für uns ewig wahr und wertvoll ist, so ist es nicht meine Aufgabe, seine Unebenhörten und Mängel darzulegen. Für meinen Zweck wird es entsprechender sein, zu beobachten, wie das Alte Testament selsber diese seine Lehre hier urtd dort kritisiert und modifiziert. Aber bevor dies und anderes, was damit zusammenhängt, geschieht, ist es nötig, zu betoneu, dast die Gl/eichsetzung von Leid und Sünde eine bemerkenswerte Stufe der Höherentwicklung in der ethischen und einheitlichen Auffassung und Deutung der Wett bezeichnet. Dies ist zum mindesten der Fall in jener Anwendung und Behandlung dieser Glehchsetzung, derzufolge alles Leid eine Strafe bildet, die der moralische Wille Jahwes über den Sünder verhängt. Hinter dieser entwickelten Form der Lehre liegt eine lange Periode, in welcher verschiedene Erklärungen des Leides einander ablösten. Bevor Jahweh der einzige Gott Israels und die letzte Ursache alles dessen wurde, was dem Menschen widerfährt, mochte wohl ein 'gegebener Unglücksfall einer anderen Gottheit oder Halbgottheit und nicht unbedingt Jahweh zugeschrieben worden fein. Andererseits, bevor das Individuum seine religiösen Rechte und seine religiöse Selbstständigkeit sozusagen entdeckt und sichergestellt hatte, mochte mmn das Leid als einen blosten Zufall betrachten. Es war nicht Jahwehs Werk, ihn ging es nichts an. Und wenn, es nicht Jahwehs Schickung war, so war es auch nicht die Folge einer Sünde des Individuums. Da ferner der gewöhnliche Bürger nur ein winziges Glied des großen Volkslörpers war, dem er angehörte, so hatte es zu leiden, wenn das Ganze litt. Und das Individuum beklagte sich darüber gar picht. Das Leid mochte wohl eine Strafe für Sünde sein, aber es war eher eine nationale als eine individuelle Sünde. Mochte der Einzelmensch schuldig sein oder nicht, er hatte jedenfalls zusammen mit den Uebrigen zu leiden oder die Sünde mochte von seinem Vater oder Großvater, nicht von ihm selbst begangen worden sein. Pflegte nicht Jahwch die Sünden der Väter an ihren Kindern heimzusuchen? Oder schließlich, sogar wenn das Leid von Jahwch verhängt war, und zwar direkt und ohne Beziehung und Rücksichtnahme auf den Volkskörper oder auf die Vorfahren, so mußte man daraus noch nicht notwendig schließen, daß dies vonwegen der Sünde geschah. Denn Jahlveh hatte, wie jeder andere Naturgott, unberechenbare Launen. Er war nicht gehalten, von seinen Handlungen Rechenschaft abzulegen. Und die Gründe für seine Handlurrgen und Taten waren bisweilen unersorschlich. Es ist klar, daß alle diese älteren Anschauungen (von denen die einen älter waren als die anderen) das Leid viel weniger schwer zu ertragen machten. Wenn mein privates Leid kommt, einfach weil es kommt, ohne den Willen und die Absicht Jahwehs, oder wenn es durch die Sünde veranlaßt wurde, oder wenn ich den Tadel dafür auf meinen Großvater abwälzen kann, oder wenn irgendein böswilliger M o n t e f i o r e. Geist die Ursache davon ist, oder wenn zwar Jahweh der Urheber ist, aber nicht Jahweh der Richter und Vergelter, sondern ein launischer, unberechenbarer Jahweh, — dann brauche ich mir den Kopf nicht zu zerbrechen. Ich must die Zähne zusammenbcrsten und es tragen, so gut ich kann. Ich brauche mich nicht darüber zu quälen, was für bekannte »der unbekannte Sünden ich verübt haben mochte, noch darf mein Nachbar fein .Haupt über mich schütteln mit Verdammung und Tadel. Auf diese Weise weicht mau Schwierigkeiten aus. Aber das geschieht auf sehr bedeutende Kosten, besser gesagt, es war nötig, diesen 'Schwierigkeiten zu begegnen, wenn eine höhere Auffassung von Jahweh und eine' höli-ere Auffassung vom Individuum erreicht wurde. Wenn irgendein Vorkommnis oder eine Erscheinung von Jahweh herrührt, so must sie von seiner Liebe und Gerechtigkeit herrühren. Nichts von dem, was Er tut, kann außerhalb des Umkreises seines Charakters geschehet!. Noch auch kann irgendein Vorkommnis oder Erscheinung einer anderen göttlichen Kraft zugefchoben werden, denn keine solche Kraft existiert. Und obenbreht existiert, abgesehen vom Verhältnis der Gemeinschaft zu Jahweh, die Beziehung des Einzelmenschen zu Ihm. Kein Individuum ist so klein, dast Er nicht dafür sorge und wenn er der Richter und Vater des Königs ist, so ist er zugleich der Richter und Vater der niedrigsten unter des Königs Untertanen. Alle Schwierigkeiten und seelischen Mühen lohnten sich demnach, denn der Gewinn war größer als der Verlust. Religiöse Schwierigkeiten und Mühen, welche einer höheren Gottesauffassung entspringen, sind besser als Behaglichkeit und Sorglosigkeit, die eine niedrigere Auffassung von Gott gewährt. Die unvorteilhafte Seile dieser Schwierigkeiten ist, wie ich annehme, das; die niedrigere Auffassung Tatsachen einschliestt, die gleichwohl ans irgend eine Weise mit der höheren Anschauung in Einklang und Uebereinstinunung gebracht werden müssen. Denn es ist ja wahr, das; in nationalen Unglücksfällen der Unschuldige mit dem Schuldigen leidet. Es ist wahr, dast als Folge, wenn auch nicht als Srrafe, Kinder für die Sünden ihrer Väter leiden. Wenn also Gott die letzte Ursache alles dessen ist, was über den Menschen kommt, und wenn nichts von allem, was Er tut, außerhalb des Umkreises und Spielraumes Seiner Güte gedacht werden kann, und wenn das Unglück des Einzelnen einen vernünftigen Grund haben soll, abgesehen von seiner Gemeinschaft und seinen Vorfahren, so bleibt nichts übrig, als die Sünde. Denn die alten Hebräer wußten nichts von halben Ausflüchten, wie z. B., dast Gottes Wirken nur durch allgemeine Gesetze geschehe und das, was das Individuum anbetrifft, nicht der direkte Ausfluß des göttlichen Willens sei. Je besser und heiliger also Jahweh, je intimer seine Beziehungen stu jedem israelitischen Einzelmenfchen wurden, desto tiefer mußte das Niveau des religiösen Sinnes sinken, desto unvermeidlicher mußte es erscheinen, daß Unglück auf Sünde hindeute, umso mehr schien jeder Eliphas gerechtfertigt, wenn sein Job verdammte, und destomehr mußte jeder Job seine Seele zermartern durch Setbstanklagen oder durch Zweifel an Gottes Gerechtigkeit, umsomehr mußte das Gedeihen der Bösen den Beobachter verwirren und das Gedeihen des Gedankenlosen seine Selbstgerechtigkeit und seinen Stolz steigern. Denn was anderes konnte Unglück bedeuten, als Sünde, oder was anderes konnte Gedeiben bedeuten, als Gerechtigkeit? Denn hier ist ein anderer charakteristischer Zug der alttestamentlichen Lehre, ein Zug, der zugleich eine starke und eine schwache Seite bildet. Die alttestamentlichen Denker verachteten niemals das äußere Wohlergehen, noch nahmen sie irdische Trauer und Kummer leicht. Die sinnlichen Glücksgüter waren ihnen weder Illusion noch gleichgiltig, umgekehrt, sie waren ihnen sowohl wirklich als wertvoll. Und die Denker des Alten Testamentes machten nie einen klaren, scharf umrissenen und tiefen Unterschied zwischen dem, was wir gemeinhin physisches und moralisches Uebel nennen, zwischen dem Leiden des Körpers und dem Leiden der Seele. Sie eigneten sich nie die düstere Lehre der Stoiker an, daß es in Wirklichkeit auf nichts ankomme, außer auf Tugend und Laster, oder daß das einzige wahre Gut die Tugend und das einzige wahre Uebel das Laster Die Kunst verflossener Jahrtausende Zur Eröffnung der Berliner Museen. Von Doris Witiner. In einer Zeit, da die Kunst der Architektur unter dem Schlagwort der .,neuen Sachlichkeit" mehr und mehr einem tzwecktümlichen Ungeschmack verfällt, berührt es wohltuend, daß Man anläßlich der Eröffnung der neuen Museen Gelegenheit.erhielt, wieder einmal mit freudigem Staunen wahrzunehmen, um wieviel eingebungsreicher und sinnlicher und dabei doch auch den eigenen Zeitbedürfnisfen entsprechend die Baukunst nahezu verschollener, um Jahrtausende hinter uns liegender Kulturen gewesen ist. Die heutige Architektur — oder was sich so dafür hält — zeichnet sich durch eine geradezu erschreckende Phantasiearmut rein technischer Konstruktionen aus. Noch dazu beruht sie auf der gedankenlosen Nachahmung von Prinzipien, die jenseits des Ozeans, will sagen in Nordamerika, aus räumlichen Gründen ihre Legitimation haben mögeir. Wenn in New Ä)ork auf der schmalen Landzunge von Manhattan die ersten Wolkenkratzer in die Luft stiegen^ so tvar das gewiß, berechtigt, weil, bei noch so strenger Parzellierung, die sparsame Bodenfläche keine Möglichkeit für die Entwicklung einer Millionenstadt, noch dazu mit dem größten Handelsverkehr der Welt geboten hätte. Und auch andere Metropolen der „United States" haben durch die Schuelligkeit ihrer Entstehung — die meisten der amerikanischen Riesenstädte haben kaum mehr als ein Menschenalter hinter sich — ihr Augenmerk mehr auf Nützlichkeit als auf Schönheit richten müssen. Europa aber ist mit seinen schon von Goethe gescholtenen „verfallenen Schlössern und Basalten" selbst heute noch nicht gezwungen, jene absonderlichen Monstren aus Glas und Beton in kubischen oder futuristischen Formen errichten zu lassen, die als Fabrikstätten zulässig sein mögen, die aber als Wohnhäuser für kultivierte Menschen eine Scheußlichkeit ohnegleichen darstellen. Und wenn man auf dem alten Kontinent diese ideenlose Mimikry amerikanisch infizierter Baukonstrukteure sich so weit austobcn läßt, das; selbst G o t l e s h ä n s e r, Theater, Bildungsanstalten sowie andere, als öffentliche Zierden der Städtekuust gedachte Baulichkeiten sich wie unbeholfene oder groteske Spielereien eines mit Steinwürfeln hantierenden Kindes ausnehmen, so ist es ganz gesund, wieder einmal aus der Antithese zu lernen, daß schon vor Jahrtausenden reiche Völker Ewigkeitsmonumente geschaffen lzabeu, deren verschwenderische Fülle an Einfällen und an genialischen Details uns noch heute — oder gerade heute wieder — in Ba nn zu schlagjem vermögen. Vor hundert Jahren ist Schinkels Museum am Lustgarten, das klassische Alle Museum, eingeweiht worden. Und genau ein Saeculum später sind ans der Museumsinsel — einem der schönsten Flecken Alt-Berlins — die neuen Kunststätten eröffnet worden, die seit vielen Jahrzehnten ein Streitobjekt der öffentlichen Meinung gebildet haben. An anderer Stelle mag gewürdigt werden, was deutsche Künstler und deutsche Gelehrte für die Zusammenlegung der Berliner Museen mit der gewaltigen einheitlichen Messel-Front geleistet haben. Uns interessieren an den künstlerischen Neubauten insbesondere jene, die dem grauen Altertum und den orientalischen Völkern ihre Entstehung verdanken. Als das Glanzstück gilt in dieser Gruppe das neue Pergamonmuseum mit seinem durch einen Ehrenhof gekennzeichneten Bautrakt, wo nunmehr der pergamenische Altar iu seiner vollen Ausdehnung in äußerst repräsentativer Weise zur Schau gestellt wird. Wir haben dm Pergamonaltar — eines der blendendsten Kunstwerke der spätgriechischen Epoche, ungefähr zweihundert Jahre vor Christi Geburt — geliebt und bewundert, auch schon als er nur partiell und an bescheidmerer Stelle zu sehm war. Jetzt wird man nahezu überwältigt von diesem gigantischm Fries mit seinm kollosalischen Maßstäben, die wohl kaum ihresgleichen in der Welt haben. Der Altar, der ehemals für einen Hügel unter fei. Hättm sie das getan, so hätten sie sich wahrscheinlich viel Seelenpein erspart, aber andererseits ist es nicht sicher, ob sie dann nicht Generale ohne Armee geblieben wären. Die Verfasser des Psalters sind weniger frei und viel empfindlicher für äußere Leidm als Epiktet und Aurelius, aber gleichwohl war der Psalter die Stärkung, die Aufmunterung und die Freude von Millionen (und wird es iu Zukunft sein), während Epiktet und Aurelius offenbar niemals anderes sein können, als ein nüchterner Trost für die Wenigen. Kann man sich überhaupt einen solchen Psalter vorstellen? Aber wir werden immer unserer Stoiker als Ergänzung bedürfen, und ihre unnachgiebige Lehre wird nie aufhören uns zu beschäftigen. Wie wir sehen werden, können weder die Rabbinen noch das Neue Testament sie ersetzen. Jesus spricht zwar das großartige'Wort: „Was kann es dem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt?" Doch diese feierliche Frage drückt weniger aus, daß Gerechtigkeit der einzige wahre Wert ist, als daß angesichts des neuen Lebens und der seelischen Wonnen nach dem Tode das Laster sicherlich höchst unratsam und nur eine Folge größter Kurzsichtigkeit sei. So weit es nun die Leiden des irdischen Lebens airbwtrifft, änderten sich die Bedingungen des ganzen Problems sehr gründlich, als die neue Lehre vom 'jenseitigen Leben sich ausbreitete, in dem es Glückseligkeit oder Verdammnis gab. Man brauchte nur diese Lehre anzunehmen und man war weder vom Unglück der Guten noch vom Glück der Bösen hieuieden beunruhigt. Das eine wie das andere konnte mehr als gut gemacht werden jenseits des Grabes. Lebte der Verfasser des Job im Zeitalter Hillels, Jesus oder Akibas, er hätte nie und nimmer sein Buch verfaßt. Und es war nicht nur die Vorstellung von der künftigen, ausgeichenden Vergeltung, die die Anschauungen über die irdische Glückseligkeit und die irdische Pein umgestaltete. Wenn man einmal überzeugt war, dast die himmlischen Freuden nicht nur dauerhafter waren als die irdischen, sondern von einer verschiedenen und höheren Art als diese, so war es unveymeidlich, daß gleich wie Kümmernisse auf Erden erträglicher wurden, so auch die irdischen Freuden als weniger wertvoll und erstrebenswert empfunden werden mußten. Hierin lag eine gewisse Tendenz, sich der stoischen Ansicht von der Wertlosigkeit alles Aeustereu zu nähern, obgleich auf gänzlich verschiedenen Motiven. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß im Judentum, trotz des intensiven und leidenschaftlichen Glaubens an das jenseitige Leben die daraus fließende Geringschätzung der irdischen Freuden und Leiden nie sehr weit ging. Das Judentum hielt gleichsam das Gleichgewicht zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Das Judentum lebte immer den Glauben, daß diese Welt ebenso wie die andere eine Schöpfung Gottes ist und daher wieder sollte und mußte ein Königreich Gottes auf Erden ebenso wie im Himmel aufgerichtet werden. Und dieser Glaube führte zu dem anderen, oder besser, er schloß diesen anderen Glauben ein, nämlich, das; ein wirklicher, vernünftiger und somit gottgewollter Zusammenhang zwischen Tugend und Glück, zwischen Unglück und Laster bestehe. DaS beste irdische Leben, nach dem die Menschen zu streben batten, das Leben also, das Gott für das Goldene Zeitalter wollte, ist demnach auf jeden Fall nicht ein Leben, in welchem die Gerechtesten äußerlich die Unglücklichsten und die Bösesten äußerlich die Glücklichsten sein sollten. Daß Ehrlichkeit die beste Politik sei, hat eine tiefe Bedeutung. Das erscheint mir der erste Kern von bleibendem Wert in der alrtestanrentarischen Lehre, daß Leid Sünde bedeute. Es heißt nur dieselbe Wahrheit in eine andere Form zu kleiden, wenn wir sägen, daß es eine wahre" Auffassung ist. wonach im weiteren Verlauf des Geschehens Tugend durch Glück. Laster durch Leid heimgezahlt wird. Doch geht diese Form der Lehre in einem anderen Sinne über jene hinaus. Es wird weder gesagt, noch angedeutet, von welcher Art Glück-, selrgkeit und Leid sein würden. In Wirklichkeit können beide seelisch oder äußerlich und je innerlicher, desto intensiver sein. Und nur in diesem Sinne will das Judentum diese alttestcrmentliche Lehre beibeyalten und entwickeln. Nach Gottes Willen ist in Gottes Welt tatsächlich solch ein Ding bie Strafe vorhanden, und es ist solch ein Ding wie Lohn tatsächlich vorhanden. Und das ist, nach meiner Meinung, der andere Kern von bleibendem Wert in der alttestamert-- tarischen Gleichsetzung von Leid und Sünde, aber was die Natur dieser Strafe und dieses Lohnes anbetrifft, können wir über die Grenzen oes Altert Testamentes hinausgeden und sind in der Tat hinausgegangen. Tic alttestamentliche Lehre gleich vielen anderen Lehren des Altertums legt viel Schwergewicht aus den Ausgang. Ein langes Leben ist ein göttlicher Segen, aber ein fried^- dem strahlend blauen hellenischen Himmel gedacht war, wirkt jetzt grandios über der gewaltigen marmornen Freitreppe, die seitlich die Reliefs — unter anderem den eittzückenden Telephos-Fries — dem Beschauer offenbaren und gleichzeitig den Blick auf den Opserhof sreilassen. Der Kampf der Titanen mit den Göttern ist in seiner jetzigen Schaustetlung kaum minder eindrucksvoll — kann es kaum minder sein — als an dem Ursprung seiner kultischen Stätte. Der ungeheure Raum, der gegenwärtig den Zeusaltar und die Nebensriese birgt, atmet eine erhabene Freiheit und läßt durch die klägliche Tönung der Farbe im Beschauer die Illusion von Freiluft und Freilicht entstehen. Der Umgang gestattet eine minutiöse Betrachttma der künstlerischen Einzelheiten, ohne dadurch dem Ganzen feinen impetuosen Charakter zu rauben. Wenn man die Freitreppe hinaufsteigt, vermeint man etwas von dem Fluidum der einst in der Antike so berühmten Opferstätte zu spüren. Ehrfurchtsvoll erkennt man an, daß die Bewegtheit der griechischen Plastik unerreichbar bleibt. Nun ist Griechenland ja über in Dingen der Architektur und Skulptur zum selbstverständlichen Paradigma in der Geschichte aller ihm folgenden Völker und seiner Kulturen geworden. Selbst als Rom Griechenland bezwang, übernahm es doch den Geist griechischer Kunst und Kultur und suchte ihn mit der eigenen Wesensart Zu verschmelzen. Darum wirken auf uns vielleicht noch zauberhafter, unbegreiflicher, ja nahezu unwirklicher die Denkmäler jener vorchristlichen orientalischen Künste, die dank der neuen Museumsordnung in dem Vorderasiatischen Museum besonders günstig Zur Geltung kommen. Durch das „Markttor von Milet" gelangt man unmittelbar aus bm griechischrömischen Architektur-Museum an der Fassade eines Parthuschen Liwans aus Assur in den Raum des sogenannten Fschtartor-Saales. Und hier sehen wir uns mitten im VI. Jahrhundert v. Ehr., in dem Babylon Nebukadnezars, wohin die Völker Aegyptens und Syriens und das Volk Israel aus Palästina in hie Verbannung per-

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