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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-08 · 41 (8.10.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
41 (8.10.1930)
Date
1930-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WjschllberaleZellung Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. Verautwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Di« Vereinigung für da» liberale Zudentum übernimmt nur fü« diejenigen Aussähe, die ausdrücklich als in ihrem Namen »der ln ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die veraatrvortuaa. Alle anderen Artikel. Aeutzerungen und Vorschläge erscheine« unter der Verantwortung der Redaktion. Di« «Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Gefchüflsstelle: Berlin Sw 11. yallesche Slr. 1 ffetnntf: Bergmann 3350, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7, 137069 (Vereinigung für das liberale Zudentum» Nachdruck sämtlicher Original-Leiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 31. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im TNitglledsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt.Nonpareillezeite0.45 Anzeige ntarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. samtl. Annoncen-Expedit. Nr. 41 Berlin. S. Oktober 1930 10. Jahrgang Milche - - - -- Drei Tage nach der Schlacht bei Jena ließ, Graf von der Sckulenburg an den Straßenecken Berlins plakatieren: „Ter König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Nutze die erste Bürgerpflicht. Ich fordere die Einwohner Berlins dazu auf. Ter König und seine Brüder leben!" Das war 1806. Ta sich seitdem wohl viel in dem äußeren Bilde oer Welt, aber wenig in der Seele der Menschen gewandelt hat, ist es nicht verwunderlich, daß in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten unter dem Motto: „Ruhe ist die erile Bürgerpflicht", eine Vermeidung der für den 30. November dieses Jahres ausgeschriebenen Wablen zum Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und zu den Repräsentantenvcrsammlnngc.n verschiedener jüdischer Groß- und Mittelgemeinden angestrebt wird. Tiefes Streben hat zunächst nirzweifelbast etwas Bestechendes. Tie wirtschaftliche Depression bereitet wie oem gesamten deutschen Volke, so insbesondere auch den jüdischen Deutschen so zahlreiche Sorgen, daß itzr Interesse an beit Vorrängen des jüdischen Gemeindelebens dadurch eingedännnt wird. Und das -Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung, die ungeklärten politischen Verhältnisse tzaben in indischen Kreisen eine Atmosphäre entstehen lassen, durch die eine Klärung der innerjüdischen Fragen wesentlich erschwert wird. Es kann natürlich im jetzigen Stadium der Beratungen Abschließendes nicht gesagt werden; aber einiges Grundsätzliche muß, nachdem von verschiedenen Seiten über cingeleibete Schritte in der Oefsentlichkeit berichtet worden ist, klargestellt werden. Es wäre frivol, wollte man heute einen Wahlkampf in Bezirken führen, in denen die zu erwartende Entscheiduna im voraus bekannt ist. Wenn beispielsweise aus den Wahlkreis Provinz Sachsen zwei Mandate entfallen, von denen eins die Liberalen und eins die Jüdische Bolkspartei innehatten, und auch nach einer Neuwahl innehaben würden, so muß hier jeder denkende Mensch für die Vermeidung des Wahlkampfes eintreten. Aber so einfach liegen die Verhältnisse nicht überall. Besonders in den Großgemeinden und in Berlin bedürfen die Erwägungen zur Vermeidung eines Wahlkampfes eingehendster Prüfung. Sie ergibt leider nicht selten, daß, unter dem Deckmantel der Herbeiführung des Friedens unerfüllt gebliebene politische Wünsche ver.virklicht werden sollen. Tie Zeiten der Geheimdiplomatie sollen ja hinter uns liegen. Deshalb darf wohl einmal in aller Offenheit über die Voraussetzungen eines friedlichen Ausgleichs gesprachen werden. Dabei müssen, selbstverständlich Fragen der Mandatszahl, auf die die einzelnen Parteien glauben mit Recht oder Unrecht Anspruch erheben zu können, ausgcschieden bleiben. Sie sind in verschiedenen Gemeinden verschieden zu lösen und scheinen uns meistens nicht einmal das Entscheidende zu sein. Viel wesentlicher ist es unseres Erachtens, daß der Sinn eines Kompromisses nicht darin gefunden wird, einen Augenblicksfrieden zu erzielen oder gar nur vorzutäuschen ,durch den tatsächliche vielleicht für mindestens weitere vier Jahre Unfrieden in der jüdischen Gemeinde stabilisiert wird. Das Ansehen der jüdischen Gemeinschaft wird von der Außenwelt ja weit weniger nach einem wenige Woche dauernden Wählkampf beurteilt, als nach der ständigen Zusammensetzung der Gemeindekörper-, schäften und ihren leitenden Persönlichkeiten. Deshalb ist die Entscheidung, die für den 30. November getroffen wird, auch, nicht nur eine Entscheidung für diesen einen Tag, sondern eine Entscheidung für Jahre. Tiefe Tatsache erfordert stärkstes Verantwortüngsbewußtsein aller Verhandlungspartner. damit nicht für heute einer Entscheidung zugestimmt wird, die sich morgen oder übermorgen schon als verhängnisvoll erweisen könnte. Sollen die Verhandlungen ein positives Ergebnis zeitigen, so ist darum in erster Linie Einigung auf ein sachliches Programm für die nächsten Jahre Voraussetzung. Hierbei muß völlig klargestellt werden, daß in den jüdischen Religionsgemeinden nach me vor allen religiösen Richtungen Rechnung zu tragen ist. Es muß, möglich sein, Friede zwischen den religiösen Richtungen zu wahren und zu kkästigen. Den religiösen Bedürfnissen der Orthodoxie wird von der jüdischen Gemeinde ebenso Rechnung zu tragen sein, wie den Entfaltungsmöglichkeiten des religiösen Liberalismus. Tie Gegensätzlichkeit, die der Klärung bedarf, liegt also nicht aus religiösem Gebiet. Sie hat ihre Ursache in den Ansprüchen der zionistischen Jüdischen Volkspartei für die Gestaltung der jüdischen Gemeindearbeit. Wenn deshalb eine Verständigung herbeigeführt werden soll, so muß, sie hier aus sachlichem Gebiete gesunden werden. Erste Voraussetzung muß sein, daß die Tätigkeit der Gemeinde auf den Anfgabent'reis einer jüdischen Religionsgemeinde in Deutschland beschränkt wird. Dieser Aufgabenkreis ist gewiß nicht eng. Umfaßt er doch das Gebiet des Kultus, des Religionsunterrichts und der Wohlfahrt. Ihn zu erweitern, wäre in der Gegenwart verhängnisvoller denn je. Leider aber scheinen in dieser Hinsicht die zionistischen Kreise — offensichtlich mit Rücksicht auf die innerzionistischen Streitereien — mit umfangre-chen Neuforderungen auftreten zu wollen. Für Berlin beispielsweise verlangen sie einen „großzügigen" Ausbau des jüdischen Profanschulwesens der jüdischen Gemeinde, das nun seine Krönung unter anderem in der Errichtung einer höheren jüdischen Schule finden soll. Die Turchiührnng einer solchen Absicht macht natürlich das Gelingen eines Kompromisses unmöglich. Ter jüdische Deutsche zahlt für Profanschnlen seine Steuern an Stadt und Staat. Tiefe sind unter ganz bestimmten Voraussetzungen verpflichtet, auch jüdischen Interessen da Rechnung zu tragen, wo ein Bedürfnis vorliegt. Nunmehr den jüdischen Steuerzahlern auch noch Gelb für ein Privatschulwerk der jüdischen Gemeinde aus der Tasche zu ziehen, ist in der jetzigen besonders unerträglich. Wotzin die Beschreitung derartiger Wege führt, zeigt ein Blick in den Etat der Berliner jüdischen Gemeinde, in dem neben den Ausgaben für den Religionsunterricht bereits jetzt etwa 600000 Mark für allgemeine Schulzwecke aufgewiesen werden. Es wäre auch ganz unsinnig. wollte man nun etwa die Kosten eines Wahlkampfes ersparen, wenn dadurch gleichzeitig ein vielfaches dieser Kosten in den folgenden Jahren ausgegeben werden würde, mit denen die Jüdische Gemeinde nichts zu tun hat. Dabei haben wir absichtlich alle grundsätzlichen und politischen Erwägungen außer Acht gelassen, die uns die Gründung höherer jüdischer Schulen, zumal in der jetzigen Zeit, als völlig abwegig erscheinen lassen. Tie Gemeinde müßte sich für die nächsten Jahre lediglich denjenigen Gebieten zuwenden, auf denen die Bereicherung ihres Wirkens unumstritten ist. Alles andere müßte sic der Privat-Initiative der einzelnen Gemeindemitglieder oder den zuständigen öffentlichen Stellen überlassen. Insbesondere hätte sic sich auch in Zukunft in jüdisch-politischen Fragen neutral zu verhalten. Mag der einzelne sich an der Palästina-Arbeit beteiligen ober nicht, mag er den Keren Hajessod oder die Jewish Agency unterstützen oder nicht, Einigkeit muß darüber geschaffen werden, daß. die jüdische Gemeinde in derartigen Fragen nickt mitsprechen und nicht Mitwirken kann, da sie das Gebot politischer Neutralität zu befolgen hat. Auch für das Gebiet der Abwehrtätiakeit wäre eine Verständigung erforderlich. Hier versuchen die Zionisten in letzter Zeit es offenbar wieder, den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu erschüttern und seine Arbeit dnrck die jüdischen Gemeinden vollführen zu lassen. Dabei leitet sie offenbar auch das Bestreben, daraus hinzuwirken, daß, von den Inden in Deutschland die Gleichberechtigung nicht mehr ans Grund deutscher Volkszugehörigkeit gefordert wird, sondern lediglich unabhängig von' der Nationalität ans staatsbürgerlicher Grundlage^ So heißt es kennzeichnenderweise in einem Artikel der letzten Nummer der Jüdischen Rundschau: „Solange die Juden als Ziel ihres Kampfes gegen den Judenhaß in Deutschland die vollständige Anerkennung als „deutsche Volksgenossen" an sehen, solange wird ihr Kamps aussichtslos sein. Erst wenn sie sich ans den Standpunkt stellen, daß sie restlose Gleichberechtigung im Staatsleben fordern, einerlei, ob sie sich als Ganz-, Halb¬ oder Bierteldeutsche im volklichen Sinne fühlen, erst dann ist eine brauchbare Basis für einen aussichtsreichen Kamps um Gleichstellung gegeben." Herr Moses Waldmann, der diese Sätze schrieb, ist Repräsentant der Berliner jüdischen Gemeinde. Er ist weder Ganz-, noch Halb-, noch Vierteldeutscher. Tie jüdischen Deutschen werden mit seinen falschen Rezepten nichts anzufangen wissen. Und mit einer derartigen Anschauung kann es kein Kompromiß geben. Tie Ue-erpartei. Die billigen Lorbeeren, die es zu ernten gibt, wenn man die Friedensphrasc statt ernstlpften Friedenswillens verkündet, haben nun auch wieder einmal Herrn Tr. Jsmar Freund auf den Plan gerufen. Ter Mann, den alle Eingeweihten als einen der größten Störenfriede zu schätzen wissen, als Friedensapostel! Schwer fällt es, eine Satire darüber zu schreiben. Er hat, da er gegen die Parteien ist, eine Ueberpartei geschaffen, die nunmehr mit dem folgenden „Programm" an die Oefsentlichkeit getreten ist: „Die überparteiliche Vereinigung für die Gesamtinteresfen und die Einheit des Judentums bezweckt den Zusammenschluß aller derjenigen, die, auf welchem Standpunkt immer sie per-! svnlich stehen mögen, das Ueberhaudnehmen des Parteiwesens ' in unserem öffentlichen jüdischen Leben als ein Unglück empfinden, weil sie ind er dadurch bedingten Verschärfung der Gegensätze eine Gefahr für den Bestand der Gemeinden und, in einer Zeit höchster wirtschaftlicher und politischer Not, eine selbstmörderische Untergrabung unserer Widerstandskraft erblicken. Sie erstrebt eine Entgiftung des öffentlichen jüdischen Leben« durch Verwirklichung des Grundsatzes, daß in der jüdischen Arbeit nicht das Sonderinteresse der Parteien, sondern das Wohl des Ganzen dm Maßstab der Dinge zu bilden habe und nicht durch Herausarbeitung des Trennenden die Gegensätze verschärft, sondern durch Betonung und Pflege des Gemeinsameri die Grundlagen für eine Verständigung geschaffen werden müssen. Tie will dieses Ziel dadurch erreichen, daß sie in die Vertretung der Gemeinden und Verbände Persönlichkeiten eirtsendet, die unbeschadet ihrer eigenen Einstellung in ihrer öffentlichen jüdischen Tätigkeit sich nur als Vertreter der Gesamtheit fühlen und von der Ueberzeugung leiten lassen, daß nicht durch Radikalismus und extreme Forderungen von der einen oder der anderen Seite, sondern nur durch eine Politik, die eine Verständigung sucht, der Frieden und die Einheit der Gemeinden und des Judentums erhalten werden können. Sie will dadurch gleichzeitig wertvolle Persönlichkeiten der jüdischen Arbeit gewinnen, die, abgestoßen von der Verwilderung der Sitten und nicht gewillt, sich von einem Parteidiktat Norm und Wegziel weisen zu lassen, bisher von ihr ferngehalten haben, und sie erwartet davon eine gerade in der Gegenwart doppelt notwendige Bereicherung unseres öffentlichen jüdischen Lebens." Man darf wohl dieses „Programm" mit Recht als etwas mager empfinden und das alte Wort daraus anwenden: Das Gute daran ist nicht neu, und das Neue daran ist nicht gut. Darf man wohl an Herrn Dr. Freund die Frage richten, welcher Unterschied beispielsweise zwischen der Mittelpartei und der Ueberpartei besteht, weshalb also die Zahl der Parteien noch um eine vermehrt wurde? Oder ist der Anlaß zu dieser Gründung nur in einem Zerwürfnis des Herrn Tr. Freund mit der Mittelpartei zu suchen? Müssen wir nun zwei Mittelpartcien für die Einheit des Judentums haben, weil eine nicht einmal in ihrer eigenen Mitte Frieden bewahren kann? Es ist Herrn Tr. Freund gelungen, für sein neues Unternehmen vornehmlich aus den Kreisen der bisherigen Mittelpartei Unterschriften prominenter Persönlichkeiten zu gewinnen. Wir wollen hoffen, daß es diesen glücken wird, die sogenannte überparteiliche Vereinigung nicht zu einer Partei Freund und nicht zu einem Prellbock gegen die Liberalen werden zu lassen. Wir wollen auch hoffen, daß die nächsten Wochen Klarheit darüber bringen werden, wie sich denn diese Ueberpartei in den konkreten Fragen des jüdischen Gemeindelebens zu verhalten gedenkt. In der letzten Nummer des von Herrn Tr. Freund redigierten Gemeindeblattes findet sich beispielsweise in einem Artikel des Herrn Tr. Kollenscher der Satz: „Tie Frage der Einrichtung höherer Schulen stcht auf der Tagesordnung und erheischt iit nächster Zukunft eine Lösung." Wie also denkt sich die Ueberpartei diese Lösung? Und ebenso wie diese eine Frage ließen sich noch viele aus der Praxis des Gemeindelebens aufwarten, die nicht einfach durch die Zauberformel beantwortet werden können, man sei für die Erhaltung des Friedens und der Einheit der Gemeinden und des Judentums. Wahlen oder nicht. Wir haben tersucht, die sachlichen Voraussetzungen für eine Vermeidung des Wahlkampfes zu prüfen. Tie nächsten Wochen werden lehren, ob diese Vermeidung möglich ist. Leicht herbeizusühren wird sie sicherlich nicht sein. Und auf jeden Fall dürfen die Wahlvorbereitungen-keine Unterbrechung erleiden. Voraussetzung jeder Verständigung muß sein, daß die jüdischen Gemeinden, an ihrer Spitze die Berliner jüdische Gemeinde, sich wieder als Repräsentanten des deutschen Judentums betrachten, als ein Glied des religiösen Judentums, nicht als ein Glied des Volksjudentums. Nur durch Einigung in diesen Grundfragen kann ein Frieden herbeigestilhrt werden. Sonst wäre ein Frieden nichts anderes als ein Rahmen ohne Inhalt. Bruno Woyda. Sendende« fSlligeiiBeiltog für das 4. Quartal 1930 aus das Postscheck-Konto drr Bereinigung für d«S liberale Judcutum Berlin Nr. 13? 00» ei«. 1585811434

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