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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-10-01 · 40 (1.10.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
40 (1.10.1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Jahrgang Mmmer 40 WW-liberale Zeitung Beilage 1. Oktober 1SZ0 Neue Wege Zur Einführung des Herr« Rabbiner Dr. Gottfchatt in »die Gemeinschaft«, der Kölner Vereinigung für fortschrittliches Judentum „Tie Religion unserer Tage muß wieder neu Antworten auf all unser Fragen formulieren." Dies Wort Bruno WoydaS, das vor wenigen Tagen in diesen Blättern zu lesen war, es war wohl der leitende Gedanke in jenen Männern und Frauen der Kölner Gemeinde, die vor geraumer Zeit sich zusammenfanden, neue Wege zu suchen, aus dem Geist der Zeit heraus neue Formen zu finden. Und ein Wort des Mannes, der in diesen Tagen sein Amt als geistiger Führer jener Männer und Frauen, als geistiger Führer der „Gemeinschaft" antrat, schuf Antwort aus ihr Fragen: „Ruft Freiheit aus, denn keine Religion wirkt ohne Freiheit! Ruft Freiheit aus, aber auch keine Freiheit ohne Religion." Es ist ein Ausspruch Tr. Benno Gottschalks, der am 27. September im Tempel der Rheinland- und Moriahloge, der Bruder-Loge — möge der Rahmen ein Symbol sein für die Einfügung der „Gemeinschaft" in die Gemeinde — begrüßt wurde. — Das Stadium der Vorbereitung der „Gemeinschaft" ist beendet, so führte der 1. Vorsitzende der Vereinigung, Herr %?:. Blank, aus, das erhoffte Ziel ist näher gerückt. Kein unheilbarer Konflikt solle durch die neue Gruppe entstehen, der geistige Kampf aber sei willkommen, denn das Judentum sei stark genug. Reibung zu ertragen, Reibung, die den springenden Funken erzeugt. Unzufrieden sein mit dem Bestehenden heißt den Jndifferentismus bekämpfen. Dr. Blank begrüßt Rabbiner Tr. Gottschalk als,den neuen Führer, den Führer zum „Wohin?", den Anzeiger des „Woher'?", den Führer im fortschrittlichen Sinne nach seinem eigenen Wort: „Herr, lehr' mich Jude sein, laß. mich nicht, stolz auf Väterworte, nur frevelträg beiseite stehn und andre heil'ges Werk vollenden — Herr, lehr' mich Jude sein und herzentflammt auch meinen Brand hinfchleudern in die Weltenglut!" Ten Gruß der Gemeinde überbrachte ihr alloerehrter Vorsteher, Herr Emil Blumenau, der den Abend als einen für die ganze Gemeinde bedeutsamen hinstellte, für die Gemeinde, die doch eine große Familie bildet, in der ein Mitglied sich verantwortlich fühlt für das Wohl des andern. Und führen einmal die Wege eines einzelnen abseits, so fühlt er sich doch der Familie verbunden. Anerkennung und Ehrung der Wünsche des andern, keine Störung seiner Kreise, Miteinander-Arbeiten an der Erweckung des Interesses der Jugend für jüdische Tinge, damit auch sie später wirke am Gemeindewohl. — Rechtsanwalt Dr. Heinz Frank sprach für die Kölner Vereinigung des liberalen Judentums. Sie, die die „Gemeinschaft" mit fundiert habe, dürfe nicht fehlen, betonte er. Er nannte den außerhalb der organisatorischen Aufgabe der Gemeinde stehenden Wirkungskreis Dr. Gottschalks einen schweren, viel erfordernden. Er begründet den Schritt der Gemeinschaft historisch, zeichnet das vor 2000 Jahren in seiner Entwicklung stehengebliebene Judentum prophetischen Geistes in seinem Hingleiten zum Partikularismus. Ter mosaistische Unioersalismus des Prophetentums, das Sittengesetz und Gotteserkenntnis predigt, hat für spätere Gesetzesbürde noch keinen Raum. Anknüpfen an die Propheten gilt es wieder, frei werden, religiöse Perspektive gewinnen. Dr. Frank wünscht dem neuen Mitglied der Gemeinde, daß es Mittler werde ähnlich Hiob, der den drei Freunden gegenübersteht, nicht wie sie göttliches Wirken mit menschlichen Maße messend. Die Botschaft der Gemeinschaft nennt er nach den Worten des Deuteronomium „nicht verborgen und nicht so fern, nicht im .Himmel und nicht jenseits des Meeres — sondern sehr nahe ist sie dir, in deinem Munde und deinem Herzen." Rechtsanwalts Dr. Siegfried Kaufmann überbrachte den Gruß der Vereinigung für das liberale Judentum Deutschlands, deren Ziel es sei, ihren Anhängern Freiheit des Denkens und des Geistes zu verbürgen, die jeden Weg begrüße, der zum Judentum führt. Tiefstes seelisches Empfinden, vergeistigste Religiosität sprach aus den Worten Rabbiner Tr. Gottschalks. Man kann die Frage stellen, so führte er aus, wie eine Anzahl von Menschen in dieser Zeit der Wirtschrstsnot und Arbeitslosigkeit den Mut finde, eine Sondergruppe des Judentums zu bilden. Wer aber so fragt, hat die.Zusammenhänge des menschlichen Lebens, das Wunder jüdischer Existenz nicht erkannt. Die Erscheinungen der Zeit erschüttern, gewiß, — auf die Tauer aber vermögen sie nicht, die treibenden Kräfte, Geist und Seele, aus dem Gleichgewicht zu bringen. Im tiefsten Sinne führt die Gemeinschaft die Tradition des Judentums fort: „Liebe verlange ich und Gotteserkenntnis, mehr als Feueropfer." Und wenn in neuer Zeit ein Fichte ausruft: „Nicht die Gewalt der Waffen, nicht die Kraft der Arme, sondern die Macht des Gemütes ist es, die Siege erringt!", so ist es der gleiche Gedanke. Geist und Seele! Das allein wäre noch nicht das Neue in der Gemeinschaft. Das Neue aber, das die Gemeinschaft in Anlehnung an jene Urkräfte darbieten will, liegt darin, daß sie — über die Tradition hinaus — ihre Menschen hinaufführen will, nicht vom Judentum sott, sondern im Sinne des Kantschen Wortes: „Wir verzichten darauf, Gott zu b egreifen, .aber nicht darauf, ihn zu ergreifen!" Den Menschen will man in den Mittelpunkt alles religiösen Erlebens stellen — nicht den kleinen materialistischen Menschen, sondern den von Geist und Seele erfüllten. Ter ewige Geist in uns, der allmächtige Geist in uns verleiht uns göttliche Vernunft. „Wer sich selbst entdeckt, entdeckt auch Gott!" Wir wollen jeden nicht los- Den bedeutendsten internationalen HOROPftSSOn (Md A(ISSt6lllM06n AkademischeSpnacnen-Dienst Berlin luv 7. Friedrichen*, iso II ««««„ME, Fernsprecher: A 4 Zentrum 5457 / Bürozeit: 9—21 Uhr seine bewährten uehersetzer und Dolmetscher für 44 Fremdsprachen zur Verfügung. Leiter: Ign» e. Floersneim Erste in- und ausländische Referenzen aus Wissenschaft, Industrie, Politik u. Handel. uehersetzungen, spracnzirkei und Einzel-Unterricht lösen von Gott, aber ihn anketten mit ehernen Ketten an das Göttliche. Nicht nach den Formen, die dabei verwandt werden, darf geurteilt werden, sondern nach der Intensität des Jüdischen, das da gepflegt wird. Den Himmelsgott der Kindheit wollen wir zum Herzensgott der reisen Jahre machen, nicht den Glauben an Gott, sondern durch Gott. — Auch die Frau sprach Dr. Gottschalk an: „Ihren Mund öffnet sie mit Weisheit, und ihre Worte sind Lehren der Liebe." Tie Hand der Frau von heute muß mit am Kulturwerk wirken, den Führerposten darf auch die Frau einnehmen, das Letzte aber für sie ist das „Mysterium des Mutierseins". „Frauen sind die Mittlerinnen, bringen den Frieden", führt der Redner ein Wort von Gertrud Marx an und auch die Fundierung, die Lady Montagu dem Frauen- und Mädchenleben gab: „Ich habe nur ein Tüpfelchen getan und hätte auch das nicht tun können, wenn ich nicht eine lebendige Religion gehabt hätte. — Ein Wort an die Jugend: Wieder müßte man die Jugend wie im Weltkriege beklagen, weil sie in der Zeit der Zahlen lebt, weil man ihr — in welchem Berufe wäre es nicht so? — die Zukunft versperrt. Dies Weltproblem kann Oie Gemeinschaft nicht lösen, aber sie kommt zu euch und ruft euch aus mit dem Wort des Psalmisten: „Wer in seinem Himmel sitzt, der lacht darüber!" — nicht mit leichtsinnigem Jugendlachen, sondern, mit jenem göttlichjüdischen Lachen, das allein uns unsere jüdische Existenz bewahrt hat. Wie Reuchlin ruft Dr. Gottschalk der Jugend zu, jenes Wort der Bibel, das der große Gelehrte in jene unseligen Kämpfe, die die Kölner Judenschaft zu kämpfen hatte, hineinwirft: „Mögen sie fluchen, wenn du nur segnest!" Tie Gemeinschaft will die Jugend führen zu einem Ziel, das Rathenaus Wort meint: „Die Seele kehrt^ heim, nicht zum Paradiese, zu neuen Schmerzen und Kämpfen, zu wahrer Verklärung." Jude sein — wie Fleg es russpricht, weil für Israel die Welt noch nicht vollendet ist, weil das Wort Israels das älteste und das neueste zugleich ist. Und wenn sie alle wider dich aufstehen — jüdische Jugend, glaube an dich! — Dr. Gottschalk dankt allen, die ihn begrüßten, und schließt mit dem Wort der Tage der Umkehr: Adaunoi, hu hoelauhim! Eindringen soll es in alle Herzen: Neige dein Ohr göttlichem Chor! Tie weihevolle Stunde wurde umrahmt von künstlerischen Darbietungen: Herr Organist Alois Kreuz verschönte sie durch feierliches Harmoniumspiel, das Adagio von Locatelk'e vorgetragen durch den städtischen Konzertmeister, Cellisten Franz Chr. Faßbender, das „Tank sei Dir Herr" Händels und der Schlußgefang aus Faust von Herrn Oberlantor-H. Fleischmann vorgetragen, gaben der Feier eine Note mehr der Weihe. Ein Neues wird in die Kölner Gemeinde hineingetragen. Aber auch der, der nicht auf dem Boden der Gemeinschaft steht, darf sagen: Wer dem Jndifferentismus, vor allem dem Jndifferentismus der Jugend Seelen entreißt, wer Menschen, die nicht mehr die alten Pfade gehen wollen, auf neuen Wegen zum alten Ziel, zur Religiosität führt, der kann nicht auf Irrwegen gehlen. M. Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Die Jüdische Rundschau veröffentlicht — sie hält das offensichtlich für .eine der dringendsten Aufgaben, die die Juden in Deutschland zu leisten haben — Kundgebungen zionistischer Verbände und Parteien zur Spendensammlung für den jüdischen Nationalfonds, damit von diesem Boden in Palästina gekauft werden kann. Eine dieser Kundgebungen sei hier in vollem Wortlaut aus der Jüdischen Rundschau vom 19. September w i ed erg e geben: Mutter Erde — Mutter Land — Mutterland! Land der Mütter, Land der Väter — Vaterland! Hunger nach Land, Gier nach Landbesitz führen im Staate zu Unterdrückung und Ausbeutung, int Völkerleben zu Imperialismus, zu Blut und Krieg. Friedlicher Bodenerwerb sichert dem Volke die Grundlage für nationale Kolonisation, für nationale Kultur; Penetration pacifiqne führt zur staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Anerkennung. So werden die Zelte Jaakobs, die Wohnstätten Israels wieder geschaffen. Auch der Bodenerwerb muß unter dem Zeichm planvoller, politischer Arbeit stehen. Eine Gefahr ohne Garantien privatrechtlicher und öffentlich-rechtlicher Art — wird er zum nationalen Segen, wenn er mit der Verbreitung der Rechtsgrundlage fortschreitet. Schasset Rechte und erlverbet Boden! Dann wird der Boden zum ewigen Besitze — Keren Kajemeth — des jüdischen Volkes werden! Max Kollenscher. Unabhängige Allg. Zionisten. Dieser Herr Kollenscher, der 1918 bei den nationalen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen sich neutral erklärte, weil er zum jüdischen Volke gehöre, der nun als sein Mutterland und sein Vaterland Palästina preist, ist der Vorsitzende des Schulvorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde. Er nicht zuletzt bestimmt den Geist, in dem die jüdischen Künder in den jüdischen Schulen, aber auch im jüdischen Religionsunterricht erzogen werden. Soll dieser Geist jüdischen Galuthempfindens in Deutschland, dieser Geist des zionistischen Nationalismus die jüdischen Deutschen in ihrem Vaterland entwurzeln helfen? Sind dies die Ausgaben einer jüdischen Gemeinde in Deutschland? Der 30. November muß die Antwort geben. Die jüdischen Gemeinftewahlen, die an diesem Tage in den meisten Orten Preußens stattfinden, werden über das Geschick der jüdischen Deuft'chen entscheiden. Darum werbe schon jetzt ein scher für eine Stärkung des liberalen Judentums in den Gemeindestuben dafür, daß die Zusammensetzung der Gemeindeparlamente ein Spiegelbild der tatsächlichen Mehrheilsverhältnisse im deutschen Judentum wird. Jugend-Gottesdienst in Frankfurt a. Al. In der großen Westend-Synagoge fand am Nachmittag des ersten Tages Rausch haschonoh ein Jugendgotte s d i e n st von besonderer Prägung statt. Sämtliche Funktionen desselben wurden von Jugendlichen versehen, denen es in hervorragender Weise gelang, in dieser einstündigen Feier ihre Zuhörerschaft tief zu beeindrucken. Lediglich der Synagogenchor war es. der als beamteter Träger des Gottesdienstes mitwirkte. Als Vorbeter, der es ganz ausgezeichnet in einer durchaus aus musikalischer Höhe stehenden Leistung verstand, die hebräischen Gebete vorzutragen und die Thoravorlesnirg! in ihrem hebräischen Text in der üblichen Weise darzubieten, fungierte der noch in seiner kaufmännischen Ausbildung befindliche Fritz Cohen. Durch den Vortrag der deutschen Gebete und die Wiedergabe der deutschen Uebersetzung der Thoravorlesung unterstützte ihn in kraftvoller und,doch inniger Sprechweise der Unterprimaner Metz. Tie Ansprache ,die sich in schlichten, warmen, eindringlichen Worten an die in Scharen von mehreren Hundert erschienenen Schüler und Schülerinnen richtete, hielt Oberprimaner Hochschild. Das Amt des Synagogenvorstehers versah Obersekundrner Hirsch. Und aus der Orgelempore entledigte sich Unterprünaner Würzburger seiner Ausgabe, die Gesänge auf dem herrlichen Orgelinstrument der Westend-Synagoge zu begleiten, mit außerordentlichem Geschick. Am Ende des Gottesdienstes verrichtete Unterprimaner Baum in tiefempfundener Vortragsweise das Kaddischgebet für die Leidtragenden. Selbstverständlich wurden zur Thoravorlesung und für die dazugehörigen Ehrend errichtungen nur Schüler ausgerufen. So war dieser Jugendgottesdienst nicht bloß für die Jugend, sondern von der Jugend s e l b st gstaltet. Die Gottesdienstordnung stellte einen Ausschnitt der wesentlichsten Stücke aus dem Vormittagsgottesdienst dar, wie ihn dir von Rabbiner Tr. Cäsar Seligmann für die Westend-Synagoge geformte Liturgie als erhebende Feier der Gemeinde der Erwachsenen seit nunmehr zwei Jahrzehnten in einer Andacht von innerer Kraft und äußerer Schönheit geschenkt hat. Daß sich auch die Jugend diesen aus wahrhaft liberalem Geist geschaffenen Gottesdienst für ihr religiöses Erleben angeeignet hat, beweist die starken Wirkungsmöglichkeiten jüdisch-liberalen Strebens. Als eine weitere erfreuliche Tatsache sei noch angemerkt, daß verschiedene jüdische Jugendvereine und Bünde in den genannten Funktionären, die einträchtig zusammengearbeitet haben, vertreten waren, wie „Jli", „Kameraden" und „Bund' jüdischer Pfadfinder". Möge das hier dargestellte Beispiel in vielen liberalen Gemeinden baldigst Nachahmung finden. Umschau Außerordentliche Beratung des Hauptvorstandes der ,.Ort"-GefelLfchast, Adt. Deutschland. Am 18. d. Mts. fand in Berlin unter dem Vorsitz von Herrn Wilhelm Graetz eine erweiterte Vorstandssitzung der „Ort"-Gesellschaft, Abteilung Deutschland, unter Beteiligung einer Reihe angesehener Führer der Berliner Judenheit statt. Dr. Singalowfky hielt ein ausführliches Referat über den gegenwärtigen Stand der „Ort"- Arbeit in den verschiedenen Ländern. Ueberall in der jüdischen- Welt, bemerkte er einleitend, herrscht jetzt eine nicht allein der Jahreszeit, sondern auch der tatsächlichen wirtschaftlichen und politischen Lage entsprechend, Elul-Atmosphäre. Ta wir aber, abgehärtet durch die schweren geschichtlichen Erfahrungen, gewöhnt sind, so manches Unwetter zu ertragen, so gilt es diesem Moment erst recht, alle moralischen Kräfte zu sammeln, um d as Banner jener edlen, erhabenen jüdischen Aufgaben hochzuhalteu, die unserem Sein den höheren Sinn verleihen. In knappen Zügen schilderte Herr Tr. Singalowsky die Entwicklung der Aufbauarbeit des „Ort" während der letzten Periode. An Hand mehrerer Zahlen beleuchtete er die Errungenschaften auf den Gebieten der fachlichen Erziehung der Jugend, der Heranziehung der deklassierten jüdischen Bevölkerung zur Industrie und der Befestigung der jüdischen Landwirtschaft in Rußland, Polen und Bessarabien. Durch den Ausfall eines großen Teils der in Amerika aufzubringenden, für die Aufbauarbeit im Osten bestimmten Gelber, sei das jüdische Aufbauwerk stark gefährdet. Die Front der bittersten jüdischen Not ist ungeheuer ausgedehnt. Sie erstreckt sich auf alle Länder des riesigen europäischen Ostens. Im Zeitalter verschärften wirtschaftlichen und sozialen Kampfes, höchst konzentrierten Kapitalismus und aktivster Einmischung der Regierungen in das gesamte Wirtschaftsleben, in dem Zeitalter der Monopolisierung, des Genossenschaftswesens und allerlei Staatssozialismus, — in diesem Zeitalter wird die ökonomische Funktion von Hunderttausenden jüdischen Händlern g änzlich aufgehoben. Tie logische und soziologische Konsequenz ist die wirtschaftliche Umgruppierung. Von diesem Standpunkte aus ist die Bedeutung der „Ort"- Tätigkeit und die Tragweite der gegenwärtigen Krise zu beurteilen. Herr Tr. Traub berichtete alsdann über die Entwicklung der „Ort"-Gesellschaft in Deutschland, die trotz der herrschenden Wirtschaftskrise auch während der letzten Zeit keine Verlangsamung erfahren hat. So ist die Zahl der Mitglieder von 1671 Ende 1929 aus 2 300 Mitte 1930, die der Aktions-Ausschüsse im Reiche von 48 Ende 1929 aus '61 Mitte 1930 gestiegen. Tie Mitgliedsbeiträge sino von 6 261 im Jahre 1926 auf 9510 im Jahre 1927, Iß 587 im Jahre 1928, 27 274 im Jahre 1929 und auf 19313 int ersten Halbjahr 1930 gestiegen. Tie Gesamteinqänge betrugen 1928 74 735,58 und 1929: 120721,39 Marl. Nachdem Herr Dr. Traub über einige in Deutschland und speziell in Berlin im Rahmen der einzuleitenden Notaktion während der kommenden Wintermonate geplante Maßnahmen berichtete, kam es zu einer lebhaften. Aussprache, an der die Herren Dr. Brodnitz, Dr. Jsmar Freund, San.-Rat Dr. Alfred Goldfchmidt, Kommerzienrat Hamburger, Direktor Dr. Wilhelm Kleemann, Geh.-Rat Prof. I. Rosin, S. Schäiit, Kammergerichtsrat Leo Wolfs u. a. m. teilnahrnen. Einstimmig wurde die Bedeutung des „Ort"- Wcrkes äls einer der aktuellsten Aufgaben der jüdischen Gegenwart anerkannt und die Pflicht der gesamten deutschen Judenheit betont, der durch die ungünstige Wirtschaftslage stark behinderten „Drt"-Arbeit ihren vollen moralischen und

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