Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 40 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* Aus den Gemeinden * Für die Zukunft! Zur Einweihung des Kindertagesheims K-ln-Lülz. „Ein Werk der Gerechtigkeit", des Ausgleichs, ein Denkmal jüdischer Wohlfahrtspflege, so nannte man den herrlichen Neubau des Israelitischen Kindersparvereins an der Blankenheimer Straße in Wlir-Sülz. Und nur «in solches Werk hat Berechtigung 'in einer Zeit der Not, des wirtschaftlichen Tiesstands, in einer Zeit, da der Begriff Menschlichkeit scheinbar seinen Sinn verloren hat. Da steht in freiester sonniger Lage ein flacher langgestreckter Bau, modern in der Linie, dem Auge wohltuend, umgeben von Rasenplätzen, weiten Spielflächen, dem Licht und der Sonne den Zutritt ermöglichend und doch nicht der schattigen Bäume entbehrend. Im Innern sechs hohe, lichte Räume, teils rund, teils eckig gebaut, mit vielen Fenstern und Glastüren, die zu Terasse und Garten führen. Sie sind Spieluud Eßraum für vier Gruppen vorschulpflichtiger Kinder und zwei Gruppen 6- und 7 jähriger Schulkinder. Daran schließen sich zwei nach txm Garten hin offene Räume, als Liegehalle gedacht, an Sommerregentagen aber auch als Spielräume verwendbar. Gegenüber diesen Aufenthaltsräumen, die an der Sonnenseite liegen, finden sich mehrere behaglich eingerichtete Wohnschlafzimmer für die Angestellten, die H-ausmeisterwohnung, das Arztzimmer, das mit Höhensonne und allen zur Heilung und körperlichen Ertüchtigung erdenklichen Apparaten ausgestattet ist, die Toiletten, Wasch- und Baderäume, die den Höchstforderungen der Hygiene Nachkommen, die obendrein in ihrer Wandmusterung und Ausgestaltung so lindertümlich und dem Begriffsvermögen und Gedächtnis der kleinen Noch-Analphabeten so angepaßt sind, daß Verwechslung von Gebrauchsgegenständen — Glas, Handtuch, Waschlappen, Bürste — ausgeschlossen sind und das Wiederauffinden der reizenden Mcrkmotive in den Wandplatten den Kindern jedesmal eine Freude bedeuten, ihren Reinlichkeitstrieb günstig beeinflussen wird. Fünf Badewannen, mehrere Brausebäder, zirka 30 Waschbecken, Mundspülbecken verdienen wohl Erwähnung ebenso wie zwei vollkommene eingerichtete Küchen. Die Garderoben befinden sich im Flur, ebenso die gesundheitlich einwandfreien, gut isolierenden Ständer für Schkafdecken und Kissen. Die Wandschränke in den Kinderzimmern beherbergen Spiel- und Arbeitsmaterial, Liegestühle usw., so daß in keiner Weise der Anblick der hübschen bunten Tischchen und Stühlchen beeinträchtigt wird. Helle Vorhänge umrahmen die Fenster, die den Ausblick auf die schöne Gartenantage mit acht Sandkästen, Beeten, Planschbecken, Spiel- und Liegewicsen gewähren. Ein Paradies für das kleine Volk, das sich hier 'kräftigen und geistig gefördert werden soll für die Entbehrungen, die Zeitnot ihm auflegt, für das Fehlen der mütterlichen Hand, die allzuoft sich im Berufsleben betätigen muß, — eine Erleichterung für die Mütter, die ihre Kleinen nicht besser aufgehoben wissen können. Der Führung voran ging eine eindrucksvolle Feier, cingeleitet durch das schöne Harmonium-Vorspiel des Herrn Organisten Kreuz, der auch die künstlerischen Gesangsvorträge Herrn Oberkantor Fleischmanns begleitete. Die 1. Vorsitzende des Vereins, Frau L. Frank, begrüßte die Anwesenden, die Vertreter der Stadt, des Landeshauptmanns, der Regierung, der verschiedenen Frauenvereinc und Organisationen, des städtischen und jüdischen Wohlfahrt»- und Jugendamts, der Gemeinde, der Logen und Lehrerschaft. Sie beleuchtete die Entstehungsgeschichte des Vereins, seine 33jäfjrxge Arbeit,, deren Grundstein von der unvergeßlichen Frau Fanni Marx gelegt wurde, erzählte von seinem Wirken um Schulspeisung, Turnen, Kindcrkleiderkammer, Erholungsheime, endlich von seiner Kindergarten- und Schulhortarbeit, von seinem ständigen Wachsen, den Schwierigkeiten, die die unzureichenden bisherigen Räume boten, von den crmeitcrten Möglichkeiten, die ein hygienisches, sonniges Heim neben der kräftigen Ernährung, der ärztlichen und pädagogischen Betreuung bietet. Sie schloß mit herzlichen Dankworten an ihre getreuen Mitarbeiterinnen, die ehrenamtlichen Leiterinnen des Tagesheims, Frau Frida Szilard und Frau Alice Meyer, an den Schatzmeister, Herrn Generaldirektor Alfred Tietz, dessen Tatkraft viel an der Schaffung des neuen Heims zu verdanken ist, den verdienstvollen Architekten Falk und Frohnert. — Die Weihe des Hauses vollzog Herr Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal, der in seiner Rede in warmen Worten die vorbeugenden Maßnahmen des Vereins würdigte, nochmals seiner Gründerin gedenkend, die die Brücke begann, auf der man „von der Erinnerung über Dankbarkeit zur Hoffnung" schreiten kann. Die Glückwünsche der Organisationen und Behörden folgten, Herr Emil Blumenau sprach in seiner warmherzigen und launigen Weise für die Gemeinde, der Vorsitzende des Wohlfahrtsamts, Herr Kaiser-Blnth, gab dem Gedanken Ausdruck, daß nichts der Förderung mehr wert sei als die Beschäftigung mit Erziehung und die Ertüchtigung der Jugend". Herr Gemeinderabbiner Dr. Kober, der im Auftrag der Logen und des Jugendamts sprach, bczeichnete das Ziel des Vereins mit den schönen Worten: „Ich trage den Dank der Gegenwart an die Vergangenheit ab und wirke selbstlos für die Zukunft. Frau Geheimrat Anerbach brachte die Glückwünsche Oeffve das Tor! Zum Versöhmuigstag. Von Rabbiner Dr. Gott schall, Köln. Und nun. Ewig erhabner, großer Gott, Dein Tag geht zu Ende. Und all die Schreie deiner Getreuen, Tie sich ihren unsäglichen Jammer Stunde um Stunde Stückweise von ihren Herzen gerissen, Verhallen. Doch auch die leiseren Tränen alle, Die dich wie Wiegenlieder Umkosten, süß und selig, Liebedurchzittert, dankentquollen, Glückdurchfiebert, Versickern. Tein Tag geht zu Ende. Doch ehe wir scheiden, Ballt sich im Dunkel Geheimnis zusammen. Ein Ruf. Ballt sich, ringt sich von schlaffen Lippen, Flüstert, zuckt auf und schwillt und schwillt, Bis er wie Sturzbäche dich übertost, Wie dröhnende Hammerschläge Anpocht an deine urewigen Pforten, Ehern, gewaltig, dich selbst noch erschütternd: Oeffne das Tor! Nicht jenes letzte, das erbarmungslos donnernd zusch Und grausig umklammert, was es empfing, Nicht jenes kleine, * Wo alle die Seichten und alle bv Satten Wieder ihr kleines Leben verzehren — Oeffne das Tor. Und allem Verzweifeln Und allerMSehnen jubelnder Liebe Bahne deMWeg. O e f f n Tor. Und all^Mnste, die kraftvoll sich recken Und trcmrig sich senken, Weil sie den Stoff deiner Erde Dir nicht gestalten können und formen Wie ihre glücklichere Brüder. Alle die Arbeitsvertriebenen — Jauchzend laß sie von neuem An deiner Erde wieder genesen! Oeffne das Tor. Und göttlich lachend Sieh deine Jugend, Ewigstolze Enkel der Ahnen, Hindurchziehn Und donnernd, siegtrotzig Zuschlägen die Pforte Geiferndem Haß, GewaltgeseUen! Höre, horche, wie sie morgenfroh Mit taufrischen Lippen, Weitausschreitend, Dir jubilieren: Oeffne das Tor. Tein Tag geht zu Ende. Oeffne das Tor, Tein Tag — er beginnt! des Frauenvereins und des Frauenbundes. — Dr. Alfred Tietz schilderte dann die Notwendigkeit des Baus aus dem Anwachsen, der Kinderzahl, der hygienischen Forderung heraus. Er dankte für die Bereitwilligkeit der Stadt, für ihr, der Gemeinde, des Hilfsvereins und des Landeshauptmanns Entgegenkommen. Er gedachte der hervorragenden Arbeit beider Architekten und dantte auch den Handwerkern, die durch beste Arbeit und bestes Matierial bei billigstem Preis ihr Scherftein zum guten Werk beitrugen, dankte allen Mithelfern im Vorstand und Verein, vor allem auch seiner treuen Mitarbeiterin Fräulein Grete Frank. „Wärme, Licht, Freude und Frohsinn" — immer wieder kehrten diese Worte in Reden und Wünschen — Wärme, Licht, Freude und Frohsinn, sie werden die .Herrscher in diesem Kinderreich sein. Cilli Marx, Köln. Berlin. (Moses S a l o m o n s 100. Geburtstag.) Während des jüdischen Neujahrsfestes vollendete der Berliner Bürger Herr Moses Salomon (in der Cuno-Fischerftraße 19 zu Charlottenburg) sein 100. Lebensjahr. Aus diesem Anlaß fand am Tage vorher im Heim des Jubilars eine offizielle Feier statt, die Rabbiner Dr. Salomon, der Sohn des Hundertjährigen, einleitetc. Im Aufträge des Ministerpräsidenten Dr. Braun und gleichzeitig im Namen der preußischen Staatsregierung überbrachte Polizeipräsident Zörgiebel die Glückwünsche und überreichte eine Hiuidertjährigeniasse der Berliner Porzellan-Manufaktur. Für die städtischen Behörden, das Bezirksamt Charlottenburg und den Bürgermeister sprach Stadtrat Dr. Sußmann, für den Vorstand der jüdischen Gemeinde Direktor Kareski, sowie Rabbiner Dr. Emil Levy, die dem Jubilar ebenfalls herzliche Glückwünsche und Geschenke darbrachten. Der Chor der Synagoge Schulstraße umrahmte die Feier mit gesanglichen Darbietungen. Berlin. (Jubiläum.) Der in weiten jüdischen Kreisen bekannte Kapellmeister für Privalsestlichkciten Max Schmerl, Berlin, konnte in diesem Jahre an den Hohen Festtagen ans eine 25 jährige Tätigkeit als Chordirigent zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurde er vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde und der Kommission für festgottesdienstliche Angelegenheiten in einem Schreiben mit einer Ehrengabe bedacht. Berlin. (Eingemeindung ö st l i ch e r Vororte.) Tie Berliner jüdische Gemeinde, die im letzten Jahre ihren Wirkungskreis über die nördlichen Vororte bis Oranienburg und über die östlichen Vororte bis Cöpeuick ausgedehnt hat, feierte in Oranienburg die Uebernahme dieser Gemeinde und ihrer Institutionen. In der festlich geschmückten Synagoge übergab der bisherige ,1. Vorsitzende des Oranienburger Gemeindevorstandes, Rechtsanwalt Dr. Bärwald, den Berliner Gemeindebehörden das Gotteshaus. Im Namen des Berliner Gcmeindevorstandes dankte Direktor Kareski für den Willen zu brüderlichem Anschluß, versprach weitgehendste Berücksichtigung aller Wünsche der neu in die Gemeinde Eintrebenden und wies aus die besonders Notwendigkeit des engen Zusammenschlusses in diesen ernsten Zeiten hin. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, der im Namen der Repräsentanhenversammlung sprach, ging auf das Problem der kleinen Gemeinden ein, die den Großgemeinden an Menschen und jüdischen Werten unsagbar viel gegeben hatten, jetzt aber leider im Absterben! begriffen sind. Herr Rabbiner Dr. Emil Levy hielt eine tief ergreifende Festpredigt. Der feierliche Akt wurde von Sologesängen des Herrn Oberkantor Ahlbeck eiugerahmt. Es folgte ein gemütliches Beisammensein der gesamten Oranienburger Gemeinde mit den Berliner Gemeindebehörden, bei dem eine Reihe von Wünschen geäußert wurde, deren Erfüllung zugcsagt lvurde. Berlin. (Einbruch in die Synagoge Alte Schönhauser Straße.) Ein schwerer Einbruch wurde in der Nacht zum Sonnabend in die Synagoge in der Alten Schönhauser Straße 10 verübt. Nach dem Gottesdienst am Freitag abend war das Haus ordnungsgemäß abgeschlossen worden, aber als sich gestern früh gegen. 7.30 Uhr die Mitglieder der Synagogengemeinde zum Gottesdienst einfanden, tvar die Türe ausgebrochen. Diebe tvaren in der Nacht eingebrochen und haben ivertvvlle Gegenstände entwendet, unter anderem den Schmuck der Thora und einen wertvollen Kronleuchter sowie zwei silberne Hände. Anscheinend genügte ihnen aber diese Beute noch nicht. Sie brachen alle Schränke ruf und dnrchwühlten sie, ohne jedoch hier weitere Wertgegenstände zu finden. Nur in dem Schrank des Synagogendieners fanden sie einige Lebensmittel vor, die sie Mitnahmen. Tie Polizei hat die Ermittlungen nach den Einbrechern ausgenommen, ohne jedoch irgendeine Spur von ihnen zu finden. Elberfeld. (Hundcrt-J ahrfeier des Städtischen Realgymnasiums in der Synagoge.) Tie vom 28. bis 30. September stattgefundene Jahrhundertfeier wurde ossizielt, d. h. innerhalb des Festprogrammes, durch drei Gottesdienste eingeleitet, durch einen evangelischen, durch einen katholischen und durch einen jüdischen. Es ist Tradition an dieser Schule, daß das Prinzip der konfessionellen Parität respektiert und mit Ausnahme» der Zusammensetzung des Lehrkörpers auch in die Tat umgesetzt wird. Ter für den vergangenen Sabbat anberaumte Gottesdienst in der Synagoge vollzog sich in Anwesenheit von zwei Studienräten und sämtlichen jüdischen Schülern der Anstalt, sowie einiger früherer Abiturienten derselben und vieler Gememdemitglieder als ein Festgottesdienst von erhebender Art. Die Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Norden lehnte sich au eine Textstelle der Thoravorlgsung an und zeigte, wie im Judentum die religiöse Unterweisung und das Erlernen von andern nützlichen Dingen schon in der vorchristlichen Zeit, schulmäßig geübt und gepflegt wurden. Auch das nunmehr hundert Jahre alte hiesige Realgymnasium sei eine Stätte, an der Jacques Offenbachs 50. Todestag 'Ter Vorwurf, daß das Judentum einseitig kritizistisch, nicht aber schöpferisch veranlagt sei, ist an dieser Stelle schon häufig genug entkräftet morden. Dieses Thema braucht also nicht erneut unter Beweis gestellt zu werden. Inter-. essant und belehrend zugleich aber ist es, — anläßlich eines Gedenktages, wie beispielsweise des 50. Todestages von Jacques Osfenbach am 5. Oktober dieses Jahres — wieder einmal zu erkennen und sestzulegen, daß die Schöpferkraft des Judentums sich nicht immer und allenthalben nur um „der Menschheit große Gegenstände", um Ethos und Pathos, bewegt, sondern daß sie auch das Genie des — Lachens besitzt, wo solches Lachen Widerhall findet und dem Genie vorbehaltlos Tribut gezollt "wird. Die Operette wird von „Unentwegten", von Moral- Philistern, die an alle Dinge dieses Lebens den Maßstab des „voll und ganz" anlegen, nie ganz ernst genommen, wird von ihnen höchstens in das Reich einer fiktiven zehnten Muse verwiesen. Sei's drum! Diese zehnte Muse bat zuweilen mehr Heiterkeit — nein, mehr Glück — in die Welt gebracht als das vollendetste Gemälde, die untadligste Skulptur, ja selbst als die gedankenschwerste Dichtung, die unverständlichste Philosophie. Und der unbestrittene Meister dieser berückenden und entzückenden Freudespenderin? — Ein echter „Käl'scher Jung", aber ebenso echten jüdischen Blutes und jüdischer Konfession. Am 21. Juni 181*9 wurde zu Köln am Rhein — „der Stadt, die viele hundert Kirchen hat" — dem jüdischen Kantor Juda Eberscht, genannt Offenbach, ein Sohn geboren, der den Namen eines der Erzväter, nämlich Jacob, erhielt, den er späterhin, dank der Sprache seiner künftigen Wahlheimat, in „Jacques" französierte. Dazumal war das Rheinland noch nicht bevölkert von sogenannten „Mußpreußen", sondern es ließ seinen Symprchien für die Nachbarn jenseits der Vogesen noch fröhlichen Spielraum; — die Juden aber, erst seit sechs Jahren, — und. zwar auch« auf die Initiative des französischen Kaisers Napoleon I hin, emanzipiert, .bewahrten ihren Befreiern inbrünstige Dankbarkeit. Was Wunder, daß der junge Jacob Offenbach, in dem die Musikalität des frommen Vaters — nur in unfrommerer Weise — revoltierte und rebellierte, sich kurzer Hand entschloß, im Herzen der Welt, in der Lichtstadt Paris, der Musik als Berus und Berufung nachzugehen. Er bildete sich am Pariser Konservatorium zum Cellisten (unter Nablin) aus und trat — wenig später — schon als „Jacaues" Osfenbach — in das Orchester der Komischen Oper ein. Aber — der Genius kennt keine Meilensteine; er hat die „Galoschen des Glückes" an; — schon 1849 mit knapp dreißig Jahren war er Kapellmeister des Theatre francais", Frankreichs klassischer Bühne. Jedoch der Drang zur Unabhängigkeit war zu groß in ihm: schon knappe sechs Jahre danach löste er sich und — seine Sehnsucht ans den Banden des in Traditionen erstarrten Theaterensembles und gründete sich ein eigenes Bühnchen — die „Bousses Parisiens" — wo er seinen großen Meister und Rivalen Herve alsbald — wie man es mit einem heutigen Sportausdruck bezeichnen würde, „knockout" schlagen sollte. Osfenbach führte die Direktion seiner Bühne persönlich von 1855—1866 und abermals von 1872—1876. Tie erste Epoche umfaßte die Glanzzeit des zweiten Kaiserreichs, während deren Dauer die Augen ganz Europas auf diesen Hof gerichtet waren, an dem, unter dem Einfluß der Kaiserin Eugenie und ihrer vertrauten Freundin, der Fürstin Pantine Metternich, die höchste Eleganz und eine hoffähig gewordene Frivolität triumphierten. D a s war die Lust, die ein Jacques Osfenbach brauchte, um seine kecksten Ketzereien in die Welt hinaus zu trällern. Die Neigung seines Stammes zu Witz und Persiflage vermählte sich trefflich mit dem Lebensüberschuß und dem in aestheticis gleichfalls übermütigen und keineswegs seriösen Geschmack der regierenden Kreise Frankreichs. Champagner, Mousseux in Men Lebenslagen: das war die Losung des Tages. Ach, und in Offenbach moussierte es ständig. Ton und Witz: sie übersprudesten sich in diesem Schöpfer, dem es nicht gegeben war, Götter oder Menschen ernst zu nehmen. So entstanden seine genialen Travestien der griechischen Mythologie: „Orpheus in der Unterwelt" und „Die schöne Helena". So auch seine meisterlichen Satiren aus die Etikette von Tnodezresidenzen, wie beispielsweise: „Die Großherzogin von Gerolstein" und „Blaubart. So sein hinreißendes Tongemälde „Pariser Leben" (wie ec es erlauscht und evlebt hatte). Und aus all seinen Werken — annähernd hundert hat der nicht Sechzigjährige der Nachwelt hinterlassen — tollte sein ausgelassenes Lachen — eine Gabe der von ihm verspotteten Götter — in alle zivilisierten Länder hinaus tönten aber auch, die süßesten, frechsten, unsterblichsten Melodien in eine aushorchende, ihm zujubelnde, grandstigueurale Welt. Der Sohn des jüdischen Kantors Juda Eberscht zu Köln war längst der verwöhnte Liebling des feudalsten Kaiserhoses und einer internationalen Aristokratie geworden. Ter Ruhm seiner Zeit umbrandete ihn in hohen Wellen. Aber auch Preis mrd Anerkennung der Nachwelt sind diesem leuchtenden Genie des „heiligen Lachens" treu geblieben. Kein Operettenkomponist, der nach ihm kam, hat ihn übertroffen. Seiner musikalischen wie humoristischen Intuition gleich gekommen ist vielleicht nur noch einer: Johann Strauß mit seiner ebenso unsterblichen „Fledermaus". Ofsenbachs letztes Bühnenwerk „Hofsmanns Erzählungen", infolge des unglücklichen Zufalls, daß bei seiner Erstaufführung das Ringtheater zu Wien in Flamwen aufging, von abergläubischen Bühnenleuten Jahrzehnte aus den Index gesetzt, gehört heute wieder zu den festen Repertoirestücken aller großen Opernbühnen. Ein Jude, der durch seine unverwüstliche Heiterkeit, rch die ihm innewohnende leben bejahende Schöprkraft Zeiten und Welten in Taumel versetzt und glnckher gemacht hat. Ein seltsames Naturschauspiel, sollte rn meinen. Und doch vielleicht erklärlich. Die Ata- -men, die in ihm gewirkt haben, mögen vielleicht nicht rückzuführen sein auf jene, „die an den Wassern zu Babel ßen und weinten", sondern eher auf die freudige Vitalit, die einen König David vor der Bundeslade einhermzen hieß. Etwas Tänzerisches war auch m rcques Osfenbach; und ein König — im Reiche hielt mst — war auch er. Und ob Tavidsstern, gilt letzten Endes üch. Ein Stern war Jacques Offenbach jedenfalls; und uns regen sich Glücksgefühl und Dankbarkeit für die Latche, daß die weitstrahlende Glut dieses Sterns noch heute fünfzig Jahre nach seinem Tode — weder erloschen ist, ch zu erlöschen droht. . , Doris Wrttner.