Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 40 (1.10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Auzelgeuannahme bei der Geschäftsstelle u. fämtl. Aauoncen-Exvedit. Tlx. 40 Berlin, 1. Oktober 1930 10. Jahrgang Alfred Adler, feine Lehre und fein Kreis Ter 5, internationale Kongreß für Indi - vidualpsychologie vorn 26. bis 28. September in Berlin war eine Veranstaltungdie im nur möglichen Glanz.' einer von einer guten Idee beherrschten Organisation verlief: Vierzig Referenten, darunter hervorragende — besonders auch weibliche — Redner, die an den verschiedensten Stellm der Theorie und Praxis in Deutschland und im Auslande als Aerzte, Lehrer, Sozialpädagogen und Berater im Sinne individualpsychologischer Erkenntnisse tätig sind. E'n Publikum, das den riesigen Raum des Schöneberger Rathauses bis zu.n letzten Platz füllte und dem Aufzuge der Redner über die ganze Dauer des Kongresses gebannt folgte. Eine mustergültige Organisierung, die nicht nur an dem karg airfgchauten Programm die Ausbreitung der Möglichkeiten zeigte, die auch in der Schaffung des äußeren Rahmens uno in der Bewältigung von Zeit und Masse individualpsychologischen Erkenntnissen alle Ehre machte. (Vielleicht war nur das Thema des 2. Kongreßtages: „Jndividualpfychologie und Schule" im Vergleich zu dem des ersten — und Medizin" zu eng gefaßt. Durch Erweiterung auf — und Päda gogik" hätte man wbhl mehr von der Behandlung des Elternhauses zu hören bekommen. Auch die Leitidee des 3. Tages: „Individualpsychologie und Sozial Psychologie" wurde in der Diskussion später — durch Frau Wronffy — treffender formuliert als — und soziale Arbeit") Jede Zeit hat die Erkenntniffe, für die sie vorbereitet oder noch mehr; für hie sie reif ist. Einer spricht jene Erkenntnis aus, ein Aufatmen geht durch alle, die dunrpf und unbewußt nach dem erlösenden Wort gesucht haben — das „Aha!-Erlebnis" der Psychologie — und epidemisch breitet sich die neue Löhre aus, der oft nichts anderes gefehlt hat als ein Name, um bewußt weitergegeben zu werden. Tenn der gute Arzt, der gute Pädagoge, der gute soziale Arbeiter hat noch in keiner Epoche — Neuer, Berlin hat es ausgesprochen — anders als individualpsychologisch gesehen und gehandelt. Allerdings stets aus dem Bewußtsein seiner Zeit heraus. Und wie als Folge der naturwissenschaftlichen Umwälzungen in der Mitte des letzten Jahrhunderts eine Psychologie aufkam. welche einzelne Tatfachendes Seelenlebens konstatierte, nebeneinanderreihte und daraus Gesetze abznleitcn suchte, so ist heute unter dem Einfluß der soziologischen Lehren des ausgehenden Jahrhunderts das Bewußtsein von der Totalität des Lebens und des Menschen und das Verstehen der seelischen Dynamit erwacht. Ein Weg zu diesem Verstehen ist die Adlersche Lehre, die man viel bezeichnender mit seinem Namen assoziieren würde, (nach dem Vorbild von Pestalozzi, Froebel, Montessori ü. a., deren Namen ein bestimmtes Programm bedeuten), als mit der alles und nichts sagenden Bezeichnung: Jndividualpsychvlome. Als Einleitung der Verhandlungen des ersten Kongreß? tages gab Adler eine Darstellung der Entstehung und Entwicklung seiner Lehre. Von dem Studium von Organminderwertigkeiten ausgehend kam er zu Ergebnissen, die sich dann auch bei seelischen Verkrüppelungen und „Verklemmungen" zeigten (schlag.vortartig: Minderwertigkeitsgefühl, Kompensations- und Geltungsstreben, zögernde Attitüde, Goftähnlichke'it usw.) und den ganzen Lebensstil eines Menschen und seine mangelnde Einordnungsfähigkeit :n die Gemeinschaft erklärten. Tie Ursache dieses Verhaltens fand Adler in der „drohenden Attacke der Gemeinschastssorderungen", die den Patienten zur „Sicherung" und Ablenkung der Aufmerksamkeit aus einen „sekundären Kriegsschauplatz" zwingen, da er sich ganz einfach seinen 'Ausgaben nicht gewachsen fühlt. Dieser Nebenkriegsschauplatz kann ebensogut durch körperliche Symptome: Erkrankungen und Störungen aller Art als auch an seelischen: Depressionszuständen. Melancholie, Schuldgefühlen, übertriebenem Edelmut u. a. deutlich, werden. Adler zeigte z. B. an Hand der Rentenkampfneurosen das progressive Fortschreiten' vom körperlichen Unfall bis zur neurotischen Gestaltung des Lebensstils. Daraus ergibt sich die Ausgabe des Arztes: die Enthüllung der unmöglichen Lebenssituation, die Aussöhnung mit den individuellen Lebensfragen, und die Hilfe zur sozialen Einordnung. Es ist also nicht die Krankheit, sondern der Krank e zu behandeln, und zwar der Kranke und seine Umgebung. Von dieser Erfassung des kranken Menschen als pjychoplhysische Einheit und zugleich in seiner Fünktionsbeziehung zur Gemeinschaft wußten auch die übrigen Referate und Borträge des 1. Tages über EinzelproAeme nervöser Art zu berichten. Bei dem Begreifen dieser „Ganzheit" des Manschen ergeben sich spezifische individuelle und soziale Gefährdungsmomente als Ursachen und Aeußerungen von Störungen, Versöhnmastag Seelische Werte stehen heut niedrig im Kurs. Und es gilt das Wort: „Wenn einer das Maul ordentlich ausreißt, so fallen ihm auch gebratene Tauben hinein." Die Reichstagswahlen erst haben es wieder bestätigt. Hilft kein positives Programm mehr, so feiert noch die Phrase des Hasses Triumphe. Die Phrase des Hasses, sie ist es, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Der Mensch jenseits der Landesgrenze wird gehaßt, Haß gilt dem Volksbruder, der anderer Anschauung ist. Und das Produkt dieses Hassens ist Zerstörung und Vernichtung. Wer denn denkt heute noch an den Frieden der Welt, wer etwa noch an den Kellogg-Pakt, dessen Zustandekommen erst vor Jahresfrist von der Kulturwelt begrüßt wurde? Ein Fetzen Papier. Was Wunder, daß auch im Innern des Staates Unfriede herrscht, Mißachtung an die Stelle des Verstehens tritt. Stresemann? — Erfüllungs- Politiker! Ebert? — Novemberverbrecher! Rathenau? — Jüdischer Snob! Preuß? — Abschreiber fremder Verfassungen! Mit solchen Phrasen des Hasses wird die Stunde beherrscht. Wozu noch die Goldmünze des Geistes, wenn das Kleingeld des Hassens Kaufgeld des Menschen ist? Lassen wir uns auch in dieser Zeit den Glauben nicht rauben. All das Stürzende unserer Tage, dieses Chaos unserer heutigen Welt, es kann nur, es muß der Kündbote eines neuen Werdens sein. Die Geschichte der Menschheit zeigt keine gerade, aufsteig ende Linie. Immer wieder hat es in ihr Zeiten des Ausstiegs und Zeiten des Niederganges gegeben. Immer wieder wechselten Zeiten des Glückes mit Zeiten des Leids. Doch was kann uns Leid sein, wenn wir das Wissen des.Ewigen in uns tragen. Dieses Wissen, das Tagore, der indische Weise, in die Worte kleidete: „Die Freiheit, zu der wir durch Leid gelangen, ist größer als das Leid." Dieses Wissen, das ihn fragen heißt: „Vermag Gewalt etwas gegen die Wahrheit?" Wiederum sind in unserer Zeit die Seelen der Menschen verhärtet. Religiosität güt als Luxus^ als Ballast, wird bespöttelt. Und doch wird es auch in Zukunft keine WAbordnung geben, die nicht religiösen GeMemschaftswillen als tragendes Fundament besitzt. Mögen Formen sich wandeln, Erkenntniffe .sich mehren. Mag qualvoll die Geburt des Neum sein. Es wird der Geist auch in der kommenden Zeit seine Stätte finden. Dieser Geist, der weiß um den einen Weltengott, der Garant und Ziel des sittlichen Tuns in der Welt ist, der kündet von der universalen Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts. Dieser Geist, der Haß in Liebe wandelt und lehrt: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du." Versöhnungstag. Notwendiger in diesem Jahr noch als je. Not schaut aus den Häusern unserer Mitmenschen. Wird es gelingen, sie zu bannen, sie zu Meistern? Wie 'sollte FriÄ>en werden können, wenn die Sorge des Alltags Berkzweifeln und Empören fast zür Notwendigkeit macht? Das Grausen hat die Menschheit gepackt. Wird sie aus ihm lernen? Cs kann keinen Frieden in der Welt geben, solange nicht in den Menschen selbst Frieden geworden ist. Der Mensch baut die Gesellschaft, sie spiegelt sein Inneres wieder. Und es kann keine Gerechtigkeit, keine Hilfe, keine Rettung in der Welk geben, 'solange nicht wieder das Verstehen des Mitmenschen wach wird, das Wissen, daß der Andere mein Bruder, Kind Gottes ist. Stärken wir am Bersöhnungstag den Geist des Ewigen in ans. Wir werden damit der Welt dienen. Bruno Woyda. deren Formen und Kausalität Maday-Budapest statistisch aufzeigte, und die durch das Erzählen vieler Einzelsälle und durch Filme anschaulich gemacht wurden. Adlers Lehre als Henri st isches und therapeutisches Prinzip blieb aber nicht auf die Tätigkeit des Arztes beschränkt; sie mußte mit Notwendigkeit auch au, andere, auf den Menschen „angewandte Wissenschaften": Pädagogik und Soziale Arbeit als theoretisch! kaum mehr wegzudenkende Bereicherung übergreifen. Von der Jndividualpsychologie in der Schule kündete der 2. Tag, der ebenfalls durchs ein Referat Adlers eingeleitxt wurde. In der Schule zeigt es sich, ob ein Kind für seine künftige soziale Einordnung vernünftig vorbereitet ist, oder — wie Adler es am Beispiel des verzärtelten Kindes zeigte — schon jetzt seine erste Lebensprüfung nicht besieht und den „Ausgaben" ausweicht. Nach den Gefährdungsmomenten in der Familie bringt die Schule als ihr eigentümliche Gefahren die verschiedenen seelischen Wirkungen von Mißerfolg und Erfolg: Depression, Auflehnung, Gleichgültigkeit; sie zwingen dazu, eine Klasse nicht als homogene Masse zu betrachten, sondern zu differenzieren. Auch hier wird wiederum durch Einzel,Ülle die Bedeutung eines individualpsychologischeingestellten Blicks und entsprechender Behandlung evident. Ter Blick kann geschärft werden durch die 'Beobachtung des Verhaltens des Jugendlichen bei Turnen und Sport. Hier kommt die positive oder negative Haltung zum Leben klar zum Ausdruck und es kann viel geleistet werden, um durch: Erfassung der Gesamtpersönlichkeit durch den „Geist des Sports" den Lebensmut zu fördern. Das gleiche Ziel verfolgt der moderne Musikunterricht, der — da er den Begriff det Begabung nicht voraussetzt — nicht aus Spitzenleistungen, sondern auf Verbreitung der Musikalität ausgeht. Vor allem belastet die in einem Referat angedeutelje problematische Sonderstellung des Hils'sschulwesens das Kind und führt fast zwangsläufig zu von der Norm abweichendem Verhalten. Aber auch die Rormalschule ist heute im allgemeinen noch nicht in der Lage, individualpsychologisch' zu erziehen, infolge der zu großen Schülerzahl der einzelnen Klassen, infolge der Ueberbelastung mit Stofflichem, vor allem durch die noch nicht erfolgte Umstellung vom alten autoritativen System zur neuen Kameradschaftlichkeit. Zur Förderung der langsamen Umstellung der Schule dient die Eczichungsberatung und die Schulpslege. die es versuchen, diejenigen freundschaftlichen Brücken zu Schüler und Mern zu schlagen, zu denen die durch« ihre fiktive Zielsetzung überbelastete arm<e Schule selbst noch nicht die Kraft und Zeit besitzt. Die mit den Themm der beiden ersten Kongreßtage, an denen die Jndividualpsychologie deutlich als Gehalt, als Element, als eine spezifische Einstellung, oder therapeutisches Prinzip der Medizinder Schule (besser der Pädagogik) in die Erscheinung trat, nicht übereinstimmende Fragestellung des 3. Tages: Individual- und Sozialpsychologie anstatt, wie erwähnt „— und soziale Arbeit" — und die darin liegende Anerkennung als Wissenschaft wurde durch die Rchner selbst nach rückwärts revidiert. Denn eine autonome Wissenschaft resigniert nicht dabei, eine Theorie der Stunde, des Uebergangs zu sein — sie erhebt kraft immanenten Entwicklungsgesetzen den Anspruch auf „Ewigkeit". Dagegen ist das Fortschreiten von der Individualzur Sozialpsychologie in dem Sinne, daß auf soziologischer und individualpsychologischer Basis die Zusammenhänge zwischen Individuum und Gemeinschaft, bezw. zwischen der jeweiligen wirtschaftlichen Situation und der seelischen Entwicklung erkannt werden, nur eine logische Folge der „Ganzheitsbetrachtung". Zu dieser Erkenntnis wird die soziale Arbeit tagtäglich geführt. Ein individualpsychologisch geschulter Blick eines guten Fürsorgers wird sich daher so wenig wie der gute Arzt und der gute Pädagoge mit Symptombehandlung — meist materieller Notlage — begnügen, sowdern. eventuell unter Mitarbeit des Arztes psychotherapeutisch einigreifen. Und spezielle Gebiete der sozialen Arbeit: Gefährdeten- und Verwahr!ostensürsorge, Verbrechensbekämpfung, Gefängnisfürsorge wären ohne Psychotherapie überhaupt von vornherein ein Widerspruch in sich. Ellen 'Key scheint richtig prophezeit zu haben. Was — von ihr formuliert — ein Vierteljahrhundert Schlagwort war, ist, unterstützt durch die Emanzipation der Jugend seit der Jahrhundertwende, zum Prinzip und zur Methode der .Praxis geworden mit einer bedeutsamen Nuance: aus dem Jahrhundert des Kindes wurde das Jahrhundert der Erziehung. Es gab schon einmal eine Zeit mit diesem Untertitel. Ihr macht man heute, nachdem die Schule des Idealismus durchlaufen ist, ihren Utilitarismus zum Vorwurf. Hüten wir uns, daß wir nicht in den gleichen Fehler verfallen! Die Gefahr liegt nahe, wenn Adler in seinem den Auftakt des Kongresses bildenden Vortrag als Sinn des Lebens postulierte: „Nur das hat Dauer in der Geschichte der Menschheit, was allgemein nützlich ist. Alles andere vergeht, verschwindet —Den Sinn des Lebens sucht gewiß die ganze Menschheit. Jedes Jahrhundert, jedes Volk, jede Gemeinschaft nach dem eigentümlichen Temperament und der spezifischen Struktur. Und wenn die individualpsychologische Schule von dem Streben, der Menschheit nützlich zu sein und ihr durch ihre Erkenntnisse zu dienen, beherrscht ist, so bringen wir ihr die gleiche Dankbarkeit entgegen wie dem gutm Arzt, dem guten Erziehers dem guten Berater überhaupt. Aber einen Sinn suchte insbesondere die jüdische Gemeinschaft seit jeher unablenkbar im Transcendenten. Vielleicht hat sie dieser Blickrichtung ihre Dauer in Zeit und Geschichte zu verdanken. Hüde Ottenheimer.