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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-25 · 39 (25.9.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
39 (25.9.1930)
Date
1930-09-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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gen und Heime werden als wichtiges Schulungsmittel angesehen. Darüber hinaus betont der I. F. B., daß die Ver-t antwortung für Staat und Gemeinde sich nicht auf die Zeit b-er Wahlen und auf die in diese Körperschaften gewählten Brauen beschränkt. Das Bewußtsein Staats- Und Gemeindebürgerin zu sein, muß jeder Frau innerer Besitz werden." Aus der engeren Vorstandssitzung möchten wir zur Kenntnis geben, daß im Anschluß an die im März ds. Js. erfolgten Angriffe auf den I. F. B. im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden (das Protokoll ist vor kurzem erschienen)'der Wunsch ausgesprochen wurde, die Oesftntlichkeit darüber zu informieren, daß die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu Unrecht erhoben wurden. Insbesondere möchte der I. F. B. feststellen, daß es ihm völlig fern gelegen hat. den Vorsitzenden der Berliner jüdischen Gemeinde, „weil er Zionist sei", nicht zu seiner Jubiläumstrgung einzuläden. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde war, wie alle jüdischen Körperschaften, zu der offiziellen Feier geladen und auch durch den Herrn Vorsitzenden vertreten. Zu einem inoffiziellen Abendessen war keine einzige Organisation, also auch nicht der Gemeindevorstand geladen worden, sondern lediglich mit der Frauenbundsarbeit direkt verbundene Einzelpersonen. Wir hoffen, daß diese Feststellung zu einer Befriedigung und zur Beseitigung etwa noch vorhandener Mißverständnisse beitragen wird. Zur Einweihung der jüdischen Mädchen-Volksschule In dem von uns veröffentlichten Bericht über die Einweihung der Mädchen-Volksschule in Berlin sendet^uns Herr Rechtsanwalt Tr. Kollenscher, der Vorsitzende des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes der Gemeinde ein Schreiben, in dem er gegen die Tendenz unseres Berichtes Einspruch erhebt. Wir glauben sehr wohl, daß die Empfindungen des Herrn Tr. Kollenscher bei der Einweihung eines jüdischen Schulgebäudes sich recht wesentlich von denen unserer Leser unterscheiden. Herr Tr. Kollenscher verkennt völlig den Charakter unseres Berichtes, der ja selbstverständlich kein einfacher Tatsachenbericht war, sondern darüber hinaus als Stimmungsbericht angesehen und gewertet werden sollte. Der Bericht wollte den Eindruck wiedergeben, den die Feier in ihrer Gesamtheit erweckt hat." Herr Tr. Kollenscher schreibt u. a.: „Es ist nicht richtig, daß kein Wort davon geredet worden sei, daß eine deutsche Volksschule für jüdische Kinder geweiht werde, daß kein Wort von der Liebe zum Vaterland, von der Staatsgesinnung, von der Staatsgemeinschaft gesprochen worden wäre. Es ist vielmehr im Gegenteil von allen Rednern dieser Charakter der Schule betont und von mir mit dem Gelöbnis der Erfüllung des Artikels 148 der Reichst) ersassung besonders hervorgehoben worden. Es ist unrichtig, daß erst die Vertreter der staatlichen Behörden den Hinweis auf den deutschen Charakter der Schule hätten voruehmen müssen. Im Gegenteil hat der Vertreter des Provinzialschulkollegiums ausdrücklich betont, daß er sich gefreut habe, auf der Zinne des Hauses die Fahne der deutschen Republik wehen zu sehen, und daß es ihn bewegt habe, aus den Reden der Vertreter der Gemeinde feststellen zu können, daß es sich hierbei nicht bloß um ein äußeres Symbol gehandelt habe, sondern daß die entschlossene Bereitschaft zu einem Wirken im Sinne der Staatsgesinnung und Staatsgemeinschaft vorhanden sei." Herr Tr. Kollenscher hätte sicherlich noch weit mehr berichtigen oder richtiger ergänzen können. Wäre! es uns darauf angekommen, nur die Tatsachen aneinanderzureihen, so würde der Bericht die Einzelheiten der Reihe nach — von den hebräischen Kinderliedchen an bis zur Rede der Leiterin — wiedergegeben worden sein. Ter Bericht hätte dann natürlich auch darauf hingewiesen, daß der Vertreter des 'Gemeindeoorstandes — was gern bescheinigt sei — betont habe, auch die jüdische Schule könne und werde sich den allgemeinen Verpflichtungen nicht entziehen, sondern unterstelle sich gern der Kontrolle der Staatsbehörden, sie werde auch deutsche Heimat und deutsche Muttersprache pflegen; daß. ferner der Vertreter des Provinzial-Schulkollegiums seiner Freude über die Hissung der deutschen Reichsflagge Ausdruck gegeben habe. Er hätte dann freilich auch an den verschiedenen Festreden im einzelnen zeigen müssen, worin der im Bericht festgestellte Eindruck begründet war. Aber alle Einzelheiten sind irrelevant. Der Gesamtton der Feier war so deutlich, daß. unter den Teilnehmern sicher keiner über den Eindruck im Unklaren blieb. Und der war bei allen nicht national Eingestellten: Erregung und Ablehnung! Wenn der Bericht die Empörung der Liberalen, die allgemein zum Ausdruck kam, auch nur einigermaßen hätte zeichnen wollen, so wäre er viel schärfer ausgefallen. Hat doch einer der gemäßigsten Liberalen (zudem ein Verfechter der jüdischen Schule) nach dem Erscheinen des Artikels gemeint: Sehr schwach, viel zu matt! Sollte man sich bei den Gemeindebehörden so über den Eindruck haben täuschen können? Nun, dann seien als besonders bezeichnend die Aeußerungen zweier nicht liberaler angesehener Persönlichkeiten aus der Berliner Gemeinde angeführt: Tie lächelnde Begrüßung des einen nach der Feier lautete (bem Sinne nach): Nicht wahr? Doch sehr schön? Nicht beinahe ebenso wie in Jerusalem? — Und der andere, der bisher für die jüdische Schule eingetreten ist, äußerte: „Ich bin zwar niemals ein begeisterter Verehrer und Verfechter der jüdischen Schule gewesen; diese Feier hat mich zu ihrem entschiedenen Gegner gemacht!" Aus den Gemeinden Berlin. (Liberale Synagoge Berlin.) Die Rabbinatskandidaten Dr. Hans Andorn und Dr. Manfred Swarsensky sind nach erfolgter Bestätigung der Wahl durch den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zu Predigern der Liberalen Synagoge Berlin bestellt worden. , ■ Berlin. (G r u n d st e i nl c g u n g für d i e konservative Synagoge Agricolastraße.) Die Jüdische Gemeinde Berlin legte heute im Tiergarteuviertel in der Agricolastraße den Grundstein zu einer neuen konservativen Synagoge. Zu der Feier hatten sich die Berliner Gemeinderabbiner, die Herren der Verwaltung und eine außerordentlich große Zahl von Bewohnern des Berliner Nordwestens versammelt. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Freimann, der besonders warm« und herzliche Töne fand. Für den Gemeinde^ Vorstand sprach dessen Vorsitzender Direktor Georg Kareski, den Ernst der Zeit streifend und darauf hinweisend, daß die einzige Antwort, die wir zu geben haben, die immer engere und tiefere Verknüpfung mit jüdischem Wesen und jüdischer Arbeit sei. Geheimrat Stern begrüßte das Werk, das dem Ausbau des Vätererbes diene. Rechtsanwalt Dr. Klee erwähnte, daß er vor mehr als 40 Jahcen dev ersten Begründung einer Synagoge im Hansaviertel, deren Nachfolgerin die neue Synagoge sei, als Knabe beigewohnt habe. Er wünsche der neuen Synagoge, was Professor Berliner damals ausgesprochen habe, daß sie ein Haus des Gebetes, aber auch ein Haus der Versammlung jüdischer Menschen zur Meisterung ihres Schicksals sei, und daß von ihr ein Gebet der Liebe und Wahrhaftigkeit ausgehen möge. Für die Bewohner des .Hansa-Viertels sprach Rabbiner Heinrich Cohn. Nachdem der Gemeindebaumeister, dem der Bau des neuen Gemcindegebäudes anvertraut ist, Regierungsbaumeister Alexander Beer, die Bauurkunde verlesen hatte, wurde sie mit anderen Dokumenten der Zeitgeschichte in einer Kassette unter den Grundstein versenkt. Es folgten die üblichen Haminerschiäge. Die neue Synagoge, deren Eröffnung spätestens im Frühjahr stattfinden soll, ist für etwa 800 Personen gedacht und soll einem dringenden Bedürfnis der konservativen Bevölkerung des Nordwestens von Berlin entgegenkommen. Breslau. (Sitzung der Gemeindevertretung.) Nacklängerer Sommerpause trat am 17. d. Mls. die Gemeindevertretung wieder zu einer Sitzung zusammen. Den loichtigsten Punkt der Tagesordnung bildete der zionistische Antrag, das Wahlrecht zur Gemeindevertretung mit dem Wahlrecht zum Preußischen Landesverbände in Einklang zu bringen. Dieser vom 7. Mai d. I. stammende Antrag war inzwischen dadurch gegenstandslos geworden, daß der Rat die Herabsetzung des Wahlalters abgelehnt hat. Der Antrag trat nun in der Form auf, die Gemeindcsatzung dahin abzuändern, daß jedes Gcmcindemitglied wahlberechtigt wäre, das das 20. Lebensjahr vollendet hat. Gemcindevertreter Lur (Zionist) begründete den Antrag mit dem Hinweis auf das Wahlalter zum Reichstag. Sein Parteigenosse Jacobsohn vervollständigte die Begründung dahin, daß man sich durch den Ausfall der letzten Reichstagswahl den Blick nicht trüben lassen dürfe und daß sich bei der jüdischen Jugend die Reife zeitiger einstelle, um über jüdische Angelegenheiten urteilen zu können. Ihnen erwiderte Gemcindevertreter Spitz (liberal), daß er, trotzdem er ein leidenschaftlicher Freund der Jugend wäre, in die Herabsetzung des Wahlalters nicht einstimmen könne. Nach bürgerlichem Rechte übernehme der junge Mensch erst mit 21 Jahren die Selbstverant,- Wortung. Die Forderung der Jugend entbinde nicht von der Verantwortung zu prüfen. Die Jugend habe andere Ausgaben, als zu wählen. SÄati müsse ihr ein wichtiges Jahr länger Zeit geben zur Vorbereitung. Nachdem noch ein konservativer Gemcindevertreter sich gegen den Antrag ausgesprochen hatte, verfiel dieser der Ablehnung. Ter Gemeindevorstand hatte ihn vorher schon in zwei gesonderten Sitzungen abgelehnt, weil zur Zeit llein Grund zur Aenderung vorläge. — Dem verstorbenen früheren Borstandsmitgliede Sigfried Haendler widmete der Vorsitzende herzliche Worte des Gedenkens. I Der jüdische Friedhof in Breslau-Hundsfeld wird nach Vertrag mit der Gemeinde Oels nach seiner Eingemeindung in das Eigentum und die dauernde Pflege der Breslauer Gemeinde übernommen. Eine Auseinandersetzung mit der Kultusgemeinde Karlsbad über die Bezahlung von Beerdigungskosten wird zur Kenntnis genommen und dem Preußischen Landesverbände überwiesen. 'Die Errichtung eines Kindergartens und Kinderhorts im Jugendheim und seine Subventionierung durch die Gemeinde wird vertagt. Der Rechnungsabschluß des vergangenen Verwaltungsjahres wird genehmigt. Drei Grabpflege- und Jahrzeitstiftungen gelangen zur Annahme. — Die geheime Sitzung beschäftigt sich wie immer mit Personalangelegenheiten. Sie wählte zum Mitglieds des Schulausschusses den Vorsitzenden des Kultusausschusses I, Dr. William Boß, zum Leiter des Lehrlings- Heims crnd. med. Rotter. Breslau. (Ausstellung jüdischer Künstler.) Der Verein Jüdisches Museum E. V. in Breslau, dessen Ausstellung: „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" i. I. 1S2S di« Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gezogen hat, bereitet nunmehr eine gänzlich andersartige Ausstellung vor. Wie jene Ausstellung auf dem Gebiete jüdischer Kunst und Kulturgeschichte ganz neue Wege gegangen ist, so wird auch die kommende Gelegenheit geben, das Schaffen jüdischer Künstler der letzten 50 Jahre in eigenartiger, bisher nie dargebotener Zusammenstellung zu sehen. Sie soll den Titel führen: Pissaro — Liebermann — Chagall und Zeitgenossen. Ihre künstlerische Leitung liegt in den Händen des Direktors des Schlesischen Museums der Bildenden Künste, Dr. Erich Wiese. Man wird in der Ausstellung kleine geschlossene Sammlungen der drei Künstler finden, nach denen sie genannt ist, daneben soll aber auch das Werk von 20 anderen (jüdischen Künstlern gezeigt werden. Namen wie Lesser Ury, Max Pechstein, Th. Heine zeigen die Linie, auf der sich die Ausstellung bewegen wird. Die Ausstellungsräume befinden sich in Breslau, Schweidnitzer Straße 24-25. Die Monate Dezember—Januar sind für die Ausstellung in Aussicht genommen. Man erwartet, daß diese Schau viele Besucher nach Breslau führen wird. Der Verein begibt sich — wie der J.T.A. geschrieben wird — mit dieser Ausstellung bewußt auf ein neues Gebiet. Er will damit der jüdischen Oeffenllichkeit sagen, daß er seine Aufgabe nicht nur in pietätvoller Pflege der Schätze unserer Altvorderen, sondern auch in der Förderung des Schaffens der zeitgenössischen jüdischen Künstler sieht. Von dieser Ausstellung wird sicherlich eine starke Anregung für das jüdische Leben der Gegenwart ausgehen. Dürkheim. (Goldene Hochzeit.) Der Vorsteher unserer Gemeinde und Stadtrat Ludwig Strauß beging mit seiner Gattin das Fest der goldenen Hochzeit. Aus diesem Anlaß fand im festlich geschmückten Gotteshause ein feierlicher Akt statt, bei dem Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher die Festpredigt hielt und die Verdienste des Jubelehepaares um die Gemeinde und ihre Einrichtungen mit anerkennenden und tief empfundenen Worten hervorhob. Namens des Synagogenrats, des Jünglings- und Frauenvereins überbrachte Herr M. A. Reiß Glückwünsche und eine sinnige Aufmerksamkeit. Viele Vereine und Körperschaften» deren Vorstand der Jubilar als rühriges Mitglied angehört, ließen ihre Wünsche aussprechen; auch ein Schreiben des Reichspräsidenten wurde den Jubilaren überreicht, in deren Namen Stadtrat Strauß allen Gratulanten in bewegten Worten dankte. Frankfurt a. M. (N a t i o n a l s o z i a l i st e n in e i n e r Synagoge.) In eine kleine Frankfurter Synagoge war während des Gottesdienstes eine Gruppe ^Nationalsozialisten eingedrungen, die „Heil Hitler"-Rufe ausstieß. Die Rowdies konnten von der herbeigerufenen Polizei nicht mehr erwischt werden. Fritzlar. (Einweihung der renovierten Synagoge.) Am 19. September wurde die seit mehreren Monaten renovierte Synagoge wieder durch einen feierlichen Abendgottesdienst ihrer Bestimmung übergeben. Außer der gesamten Gemeinde nahmen der Landrat, der Bürgermeister, die Geistlichen beider Konsessionerr und andere Ehrengäste an der Feier teil. Landrabbiner Dr. Walter aus Kassel hielt die Weiherede, die auf alle Teilnehmer nachhaltigen Eindruck machte. Der Bau, der vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden in Berlin, dem Vorsteheramt der Israeliten in Kassel und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Fritzlar finanziert worden war, machte nach seiner Vollendung einen würdigen und gefälligen Eindruck. Als Bauleiter hatte Architekt K. H. Sichel aus Kassel fungiert. Kreisvorsteher M. Lissauer, der mehrere Jahre schon als Gemeindeältester mit Eifer und Geschick vertrat und sich auch um die Renovierung der Synagoge mit besonderer Hingabe einsetzte, feierte am Tage der Einweihung des Gotteshauses seinen 60. Geburtstag und wurde aus diesem Anlaß von vielen Seiten geehrt. Haigcrloch. (Einweihung der renovierten Synagoge.) 'Der 21. September war ein Freudentag für unsere Gemeinde. Unsere Synagoge, 1783 erbaut, 1839 erweitert und zuletzt 1904 hergerichtet, bedurfte seit Jahren einer gründlichen Ueberholung und Ausbesserung. Durch eine Beihilfe des Preußischen Landesverbands und durch Gaben von Mitgliedern und auswärtigen Söhnen , der Gemeinde wurde die Inangriffnahme .der Arbeiten möglich. Nun sind die Schäden nach 10 wöchiger Instandsetzung behoben, und die Synagoge hat mit ihrer neuen schlichten Ausmalung und ihren einfachen, aber vornehmen neuen Beleuchtungskörpern ein weit feierlicheres Gepräge als früher erhalten. Unter zahlreicher Beteiligung von jüdischer und nichtjüdischer Seite fand nun die Einweihung statt. Lewandowskische Chöre, korrekt und warm vorgetragen, Ivechselten mit Psalmworten und Ansprachen ab. Nach dem Entzünden der Ewigen Lampe sprach der Vorsitzende der Gemeinde Worte der Begrüßung für die erschienenen Vertreter des Landratsamts, der Stadtverwaltung, des Oberrats der Israel. Religionsgemeinschaft Württembergs, "des katholischen und evangelischen Pfarramts und Kirchcnvorstands und der Vorsteherämter der jüdischen Nachbargemeinden. Er hob die Eintracht der Konfessionen hervor, die sich heute wiederum bekunde und dankte allen denen, die durch Spende ^und Mitarbeit zur Erneuerung des Gotteshauses beigetragen haben. Unter den Klangen des Wajhi beissoa und des Lch» adonah (in C-dur) von Lewandowski zogen die Thorarollen ein und wurden nach Umzügen zum Heiligen Schrein getragen, während der Chor und Kantor den Lewandowskischen Uw uuchan jaumar sangen. Nun erfolgte die Weiherede des Rabbinatsverwesers Spier, der über die Psalmverse: Erhebt ihr Tore, eure Häupter.... daß einziehe der König der Ehren usf. (Ps. 24) sprach und die Bedeutung eines Gotteshauses für die jüdisck-e Gemeinde in alten und heutiger lübdc getan vor Gott, zögere nicht, es' zu erfüllen", soll dieser Betrachtung als Leitsatz, oienen. Tie jüdische Religion ist dadurch ausgezeichnet, daß sie den Sinn für die höchsten idealen Güter weckt und der Macht des Geistes den größten Vorzug einräumt. Deshalb gilt auch Israel der Bersöhnungstag als der heiligste Tag des Jahres, well er die Macht des menschlichen Geistes zeigt, weil er davon Kunde gibt, wie der Mensch imstande ist, die Fesseln der Sinnlichkeit und Selbstsucht abzuwerssen und zu fliehen „aus dem engen dumpfen Leben in des Ideales Reich". So begeistert aber auch die jüdische Religion für die höchsten idealen Güter ist; so hat sie dennoch nicht den Blick für das wirkliche Leben außer acht gelassen. Tie Religion Israels betrachtet die Erde nicht als ein Jammertat, sondern als eine Stätte ernster und edler aber auch freudiger Wirksamkeit. „Zu allem ist die Zeit!" ruft Kohelet uns zu zur Freude ebenso wie zum Ernste. Darum konnte im Judentnme nicht die Anschauung Wurzel fassen, daß man die Welt fliehen und sich von ihr zurückziehen müsse. Ja, unsere Religion betrachtet es nicht etwa als ein Verdienst, sondern vielmehr als Sünde, wenn der Mensch! allzuviel Entbehrungen sich auferlegt. „Wer in Kasteiungen verharrt, verdient den Namen eines Sünders", jagen unsere Weisen. Selbst der Nasir, der nur für kurze Zeit sich durch Enthaltsamkeit hervortun wollte, mußte, wenn jene Zeit vorüber war, ein Sündopfer bringen, weil er, wie die Thora selbst angibt, an seiner eigenen Person gesündigt durch eine Enthaltsamkeit, welche die göttliche Lehre nicht verlangt. Darum begreifen wir auch das Wort der Thora: „Wenn du es unterlassest, Gelübde zu tun, so begehst du keine Sünde." Wer vermag aber dem menschlichen Herzen in allen Lagen und in allen Augenblicken zu gebieten? Nehmen wir an, es wird jemand von einem harten und schweren Schicksalsschlage getroffen. In seinem Seelenschmerze gelobt oder schwört er, an keiner Freudenfeier mehr teil zu nehmen. Doch die Zeit vergeht, die Wunde vernarbt, und beispielsweise eine verlassene Waise feiert ein Freudenfest. Gerne möchte er daran teilnchmen, — es gilt ja ein unglückliches und betrübtes Waisenherz zu erfreuen, — allein das Gesetz der Thora nach! seinem strengen Wortlaute, nach seinem Buchstaben genommen, verbietet es. Denn also lesen wir im 4. /B. Moses: „So jemand ein Gelübde tut, oder einen Schwur schwört, wodurch er« sich selbst bindet, so darf er nicht leichtfertig umgehen mit seinem Worte; was er gesprochen, soll er erfüllen", und im gleiche Sinne ruft Kohelet uns zu: „So du ein Gelübde getan vor Gott, zögere es nicht, zu erflillen." Oder ein anderes, nicht festen vorkommenoes Beispiel! Jemand wird von seinem Nebenmenschen schwer gekränkt und beleidigt. Da schwört er, kein Wort mehr mit diese-n Menschen zu sprsch.en, ihm nie mehr einen Gefallen zu erweisen. Nach dem Wortlaute bes vorhin erwähnten Gesetzes der Thora dürfte ein solches Gelübde nicht gebrochen werden. Doch unsere Weisen waren ebenso gründliche Bibelforscher wie tiefe Menschenkenner; sie faßten die Thora nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem Geiste auf, und schufen daher für jene Gelübde und für jene Schwüre, durchs welche man nur sich selbst bindet, keineswegs aber das Recht anderer, verletzt, für Schwüre und Gelübde, welche man im liefen Seelenschmerze oder in der Aufwallung des Zornes gesprochen, jene Einrichtung, die unter dem Namen „hatoras Nedorim", „Auslösung der Gelübde", bekannt ist. Bor drei Männern hat man seine Reue ob der unüberlegten oder unedlen Gelübde auszusprechen, um' daraus die Lehre zu ziehen, nicht leichtsinnig mit seinem Worte umzugehen. Daraus nun ist auch zurückzuflihren das „Kol Niore", das so oft mißverstanden uno zum Anlaß genommen wurde, Israel und seine Religion zu verleumden. Es ist daher eine Notwendigkeit, immer wieder zu sagen, daß es sich nicht um Gelübde und Schwüre, die das „Mein uno Dein" betrefgen, im „Kol Nidre" handelt, sondern wie ausdrücklich daselbst im Anschlüsse an den Wortlaut des Parin erwähnten Gesetzes lautet: um Gelübde und Schwüre, wodurch wir uns selbst etwas verschwören, wodurch wir oft, sei es im Seelenschmerze oder im Sturme der Leidenschaft, einen unüberlegten oder unedlen Vorsatz gefaßt. So soll gerade durch das „Kol Nidre" uns Gelegenheit gegeben werden, unedle Gelübde auszulösen. Taß aber der Eid, der Schwur, mit dem irgend eine Verpflichtung gegen den Nebenmenscheu verbunden ist, jedem Israeliten heilig ist!, heilig sein muß — — darüber 'braucht nicht erst zu BLkennern jüdischer Religion gesprochen zu werden. Unsera Thora hat die Heiligkeit des Eides zuerst, ausgesprochen und der ganzen Welt gelehrt; aber nicht bloß die Thora, auch der Tcckrnud ist allerorten von der Wrfurcht fttNü Heiligkeit des Eides durchdrungen, erklärt er ja: „Größere Verheerungen als die Elemente des Wassers und Feuers anrichten können, richtet der falsche Schwur an"; dämm muß die Anschauung, dem Israeliten sei der Eid nicht heilig, als Verleumdung niedrigster Art gebrandmarkt werden. A. Adler, Oberlehrer, Ulm a. D. t

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