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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-25 · 39 (25.9.1930) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
39 (25.9.1930)
Date
1930-09-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Wiesenplane vor den im Hintergruwde sichtbaren Bergen und Burgen Deutschlands ihre im Winde flatternde Hakenkreuzfahne. Wie geistig arm muß ein Künstler sein, der nichts weiter zu geben vermag als ein in seiner naturalistischen Oberflächlichkeit mühsames Wahlplakat! Damit aber nicht genug, um den wahren Charakter dieser durch Mitwirkung auswärtiger Künstler von Ruf (Liebermann u. a.) weiter über örtliche Belange hinausgreifenden Ausstellung zu erweisen. Im Treppenhaus von demselben Pinsel geschaffene Bilder Hitlers und seiner Mannen in verschiedenen Posen, am Eingang Reproduktionen davon zum Verkauf, bei der Eröffnung Hakenkreuzler als Ehrenposten neben dem Gemälde, schließlich eine völkisch gefärbte ganz dazu passende Eröffnungsrede. Interessant das Echo in der Dresdner Presse. Nur die sozialdemokratische Zeitung hat den Mut, die Gelegenheit zu saftigen ironischen Schläger unter der Ueberschrift „Hakenkreuz am Pinsel" wirksam zu benutzen. Es heißt darin, daß einigen der ausstellenden Künstler, darunter sehr gute Namen wie Körner mit einem stimmungsvollen Bild der Dresdener Synagoge, der politische Charakter der Unternehmung erst am Eröffnungstage bewußt geworden ist und daß sie bei der Leitung scharfen Protest erhoben hätten.... Zwei Mittelblätter streifen die Entgleisung nur oder schweigen sie tot, wohl um damit zu sagen, daß diese Kunstleistung unter jeder Kritik ist, während das Rechtsblatt den „Deutschen Morgen" — und das stimmt auch — die Sensation der Ausstellung nennt „durch die starke politische Betonung nationaler Gesinnung". Aufruf des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands. Der Zentralverband jüdischer Handwerker Deutschlands e. V., Sitz Berlin (Vorsitzender Wilhelm Marens), erläßt den folgenden Ausruf: „Furchtbar und verheerend sind die Auswirkungen der Wirtschaftsnot in jüdischen Kreisen, vor allem im gewerblichen Mittelstand; verursacht durch die allgemeine schlechte wirtschaftliche Lage, besonders aber durch einen sich täglich steigernden Antisemitismus. Unzählige selbständige Existenzen sind nicht nur erschüttert, sondern z. T. zum Erliegen gebracht worden. Menschen, die früher in geordneten Verhältnissen gelebt haben, sehen keine Möglichkeit mehr, den Daseinskampf aufzunehmen, wenn in diesem Augenblick höchster Not der Ernst der Stunde von denen nicht erkannt wird, die in der glücklicheren Lage sind, von der ganzen Wucht des Wirtschastskampfes nicht betroffen zu sein. Das Rausch-Haschonoh-Fest, das uns zur Einkehr und Nachdenklichkeit mahnt, soll und muß allen Glaubensbrüdern und -schwestern ganz besonders Veranlassung sein, derer zu gedenken, die unter der Last der täglichen Sorgen zu zerbrechen drohen. Darum appellieren wir an das Solidaritätsgefühl eines jeden und wenden uns mit besonderer Eindringlichkeit an unsere Glaubensbriider mit der Bitte: Gebt unseren jüdischen Handwerksbrüdern Arbeitsmöglichkeit! Entlohnt sie aber auch nach ihren Leistungen! Keiner nütze die Arbeitskraft seiner Mitmenschen infolge der ungeheuren Not aus!" Aus der Ili-Vewegung Verantwort!.: Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands Vorsitzender: Dr. Hugo Hosfmann, Frankfurt a. Main Abschied Dr. Gottschalks von Frankfurt Allen, die sich bisher noch nicht klar darüber gewesen sein sollten, welche Lücke der Weggang von Rabbiner Tr. Gotischalt von Frankfurt für den hiesigen Jli bedeutet, wird der Heimabend vom letzten Dienstag diese Tatsache voll und ganz zum Bewußtsein gebracht haben. Ein besonderes Thema oder Programm war für den Abend nicht vorgesehen. „Tr. Gottschalt 'verabschiedet sich vom Jli". T-iese Kunde genügte, um unseren gesamten Kreis zu einem Abend zu vereinen, der uns nochmals vor Augen führte, was Tn. Gottschalk' in den 41/3 Jahren seiner hiesigen Tätigkeit für den Jli geworden war. Von einer akademischen Feier oder Weihestunde war aus Wunsch von Tr. Gottschalk abgesehen worden, so war denn nur ein Heimabend wie jeder andere veranstaltet worden, und doch lag eine ganz andere Stimmung über dem Abend als sonst. Einleitend entwarf Dr. Hosfmann ein Bild res so wertvollen Wirkens von Tr. Gottschalk in unserem Kreise, wie er uns nicht nur Führer und Lehrer, sondern dem Einzelnen „väterlicher Freund" geworden ist, wie er trotz aller Anfeindungen von außen immer kqusequent und aus innerster Ueberzeugung seinen Weg gegangen, gewirkt und uns an seinen Gedankengängen hat teil nehmen lassen. Und er sprach dem Scheidenden unser aller Dank aus und knüpfte daran die Hoffnung, daß wir auch fernerhin trotz räumlicher Entfernung wertvollste Anregung und Förderung von Tr. Gottschajk erfahren werden. Auch Frau Tr. Gottschalk haben wir vieles zu verdanken und Tr. Hosfmann unterließ es nicht, auch hieraus besonders hinzuweisen. Mit dem Wunsch, daß Tr. Gottschalk in seinein neuen Wirkungskreis volle Befriedigung finden und er in Köln so zum Mittelpunkt religiösen Wirkens werden möge, wie er cs bei uns Jugendlichen geworden, brachte er unser aller Gedanken zum Ausdruck. > Im Rahmen eines kurzen Berichtes kann unmöglich wiedergegeben werden, was nun Dr. Gottschalk selbst in seiner Ansprache an uns aussührte. Es war ein Appell an die Jugend, den religiösen Geist, der in ihr lebe, unabhängig von allen Widerständen, die sich ergeben, zur Verwirklichung zu bringen, ihn in die Kreise der Indifferenten zu tragen, um so im Sinne der großen Vorkämpfer des Liberalismus, die das vergangene Jahrhundert hervorgcbracht hatte, zu wirken und für den wahren Geist des Judentums zu kämpfen. Gleichsam als Wegweiser zu solcher Ausgabe sprach er dann von dem neuen Kreis, der „Gemeinschaft" in Köln, bei welcher Tr. Gottschalk von nun an wirten wird, er sprach von den Möglichkeiten und Ausgaben, die solcher Gemeinschaft harren. Dr. Gottschalk schloß seine Ausführungen damit, daß ec neben einem neu verfaßten Gedicht einen früher von ihm erschienenen Artikel „Glaube" zur Vorlesung brachte, der in den Worten gipfelt: „Glaube an dich, glaube an die anderen, glaube durch Gott!" Nach kurzen Schlußworten von Tw. Hossmann sollte der Abend eigentlich sein Ende finden, aber aus dem Erleben der Stunde heraus brachten noch Jakob Flörsheimer und Kurt Rothschild spontan das zum Ausdruck, was die Jugend in solcher Abschiedsstunde empfindet. Besonders bemerkenswert war hierbei die vom zweiten Redner zum Ausdruck gebrachte Anschauung: Dr. Gottschalk sei so ganz anders als das, was man sonst unter dem Rabbiner verstehe; daß er immer unter uns weilte, als wäre er nichts anderes als selbst der Geringste von uns, das habe ihn während seines Wirkens in unserem Kreise das Herz der Jugend zugeführt und ihn ihr zum Freund werden lassen. Dem Abend im engeren Kreis des Jli folgte am Samstag ein vom Verein Hauptsynagoge in Gemeinschaft mit dem Jli veranstalteter Abschiedsabend in den Klubräumen von Groß-Franksurt. Obwohl am Vorabend der Wahlen wohl mancher am Kommen verhindert war, war der Saal zu diesem gemütlichen Beisammensein doch bis zum letzten Platz gefüllt. Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch einen Prolog, von dem Jlimitglied Arthur Astheimer verfaßt, von Rene Metz vorgetragen. der den Dank der Jugend zum Ausdruck brachte. In der Ansprache, die Rechtsanwalt Dr. Hosfmann hielt, und in welcher er die Wünsche der verschiedenen Vereine und Kreise, in welchen Tr. Gottschalk gewirkt hatte, zum Ausdruck brachte, knüpfte dieser an die bevorstehenden Wahlen an, die im Zeichen des' Kampfes zwischen Geist und Ungeist üchen. Er betonte, daß wie auch der Ausgang der Wahlen sein möge, doch, schließlich das Prinzip von Tr. Gottschalk zum Turchbruch kommen müsse, daß man nicht am Alltag kleben dürfe, und man die Gegenwart als einen Teil der Ewigkeit betrachten müsse. Tie Ideen, die Tr. Gotischalk immer wieder zum Ausdruck bringt, sollen die Brücke zu all denjenigen schlagen, die noch abseits vorn Judentum stehen und wie in dem Gedicht von Dr. Gottschalk „Ter Hämmerer" die Forderung erhoben wird, das „Menschßcsts,Judentum" zu hämmern, so ist das Wirken Tr. Gotisch alks als das eines Hämmerers zu betrachten. Freilich darf cs nicht verwundern, daß seine Ideen bei 'Menschen, die am Althergebrachten haften, auf starken Widerspruch stoßen müssen, 'wenn sie sehen, daß die engen Grenzen durchstoßen werden sollen. Sein Opfer- und Bekennermuch, sein Wahrhastigkeitsdrang haben ihn zum Vorbild per Jugend gemacht. Im Auftrag der Jli-Jugend überreichte Tr. Hofsmann dann dem von uns Scheibenden eine vom Jli zusammengestellte Broschüre, die Gebete, Gedichte und Ausschnitte aus Artikeln, enthält, die von Dr. Gottschalk in den letzten Jahren erschienen sind. Das kleine Heft soll den Dank der Jugend zum Ausdruck bringen, ihn den Kreisen, in denen er hier gewirkt in dauernder lebendiger Erinnerung halten und darüber hinaus im Kreise des liberalen Judentums und besonders auch der Jugend seine Gedanken verbreiten helfen. Anknüpsend an persönliche Erinnerungen gab dann Rabbiner Tr. Settgmaun ein Charakterbild des Abschiednchmenden. Er schilderte ihn als eine Persönlichkeit, die sich nicht in Schablonen pressen lasse, als einen Menschen „sui generis" von unendlicher Gedankenfülle, der ohne dazu irgendwie verpflichtet gewesen zu sein, überall zur Verfügung stand, wenn man ihn brauchte. Möge er. der seinen Werdegang im Osten begonnen hat, nach Köln, dem äuß,erneu Westen des Reiches, das Licht des Ostens bringen. Nachdem noch Oberlehrer E. Gut in von Humor getragenen Worten besonders des Wirkens von Frau Dr. Gottschalk, gedacht und Frau Bodenheimer in launigen Versen die Gedanken der kleinen Teilnehmer an den Kindernachmittagen des Hauptsynagogenvereins Ausdruck gegeben hatte, ergriff Tr. Gottschalk selbst nochmals das Wort, erzählte von den wechselseitigen Schicksalen seines Werdegangs und spra^b dann seinen Dank für all die Ehrungen, die ihm zuteil geworden seien, aus. Sie haben ihm gezeigt, daß doch fein Wirken hier nicht umsonst gewesen sei. Tic Veranstaltung war umrahmt von Liedervorträgen, die Oberkantor Scheuermann von der Westendsynagoge zu Gehör brachte und mehrere vom Singkreis des Jli zum Vortrag gebrachte Lieder beschlossen das Programm des wohlgelungenen Abends. Es begann ein lange dauerndes persönliches Abschiednehmen und allgemein wurre der Wunsche laut, Herrn Tr. Gottschalk auch in Zukunft recht häufig hier begrüßen zu dürfen. Alex Jakobsohn. * Das Ili-Programm * Berlin. Gemeinsame Veranstaltungen. Am Sonntag, den 12. Oktober, Sukkauß-Feier in Hermsdors. Treffen 9.45 Uhr Stettiner Fernbahnhof. Sieglitz. Dienstag, den 30. September, abends 7 Uhr, bei Julius Stern, Lankckitz, Corneliusstraße 22. Jli-Singkreis. Donnerstag, den S. Oktober, abends 8 Uhr, Singprobe zur Sukkauß-Feier bei Paul Löwenstein, Moabit, Jagvwstraße 1. Aetterengruppe: Ae n der nn g! Der Ausflug findet nicht am 28. September, sondern am Sonntag, den 5. Oktober, statt. Treffen vor dem Bahnhof in Wannsee um 9.30 Uhr. Oliva und Neu-Charkoltenburg. Montag, den 29. September, abends 8 Ahr, bei Hilde Bach» Kufsterner Straße 13. Thema: Lstjüdifche Kultur. Hermsdorf. Heimabend, Mittwoch, den 8. Oktober, Albrechtstraße 10, & Uhr. Thema: Liberalismus. Breslau. Jüngeren-Gruppe: Dienstag, den 30. September, 16.30 Uhr, im Jugendheim: Aussprachenachmittag über „Fragen der Gottesdienstgestaltung"; einleitendes Referat von Julian Sauer. Jüngsten- Gruppe: Montag, den 29. September, 16 Uhr, bei Berger, Charlottenstratze 4. Frankfun a. M. Dienstag, den 30. September 1930: Feierstunde. vereinsnachrichken Am Mittwoch, den 17. ds. Mts., findet abends 8 Uhr im Saalbau Fricdrichshain die Schlußrunde um den Bruno Goldstciu^ Pokal zwischen den Vereinen Maccabi und Westen statt, die.sich in den Vorrimdcn--Kümpfcn ihren Gegnern überlegen gezeigt haben. Besucht Berlins schönste Synagoge! Am Bau der Synagoge Prinzregentenstraße beteiligte Firmen: VT LI MsSIIam Neukölln, Hermannstrasse 56 u. He PlUlltSl* Telefon F 2 Neukölln 9566 Bau- und Kunstglaserei, Spiegelglashandlung ■■ Die Kunstglasätzereien und andere mod. Verglasungen in der Synagoge Prinzregenten-Str. und der Jüdischen Schule Auguststr. wurden von mir ausgeführt. mimi Malerarbeiten Renovierung von 1 Metallbedachungen in Zink, Kupfer, Blei, Aluminium, Sanitäre Anlagen. 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