Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 39 (25.9.1930)
- Date
- 1930-09-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I ) nimmt Dwjardin ein Thema wieder auf, mit dem er bereits vor längerer Zeit an die Oeffentlichkeit getreten war. Seine Stellungnahme ist ein seltsames Mittelding zwischen der Mythentheorie und der Annahme eines geschichtlichen Jesus. Nach ihm war die Kreuzigung nichts anderes als ein religiöser Ritus, der seit unvordenklichen Zeiten in Palästina beobachtet wurde. Die Kreuzigung des Jahres 27, die letzte, die vorgenommen wurde, soll nun jenes berühmte Streichholz gewesen sein, auf das nach einem Worte Nietzsches bei der Stiftung einer neuen Religion alles hinauslauft. Wissen die Leute, die über solchen Hypothesen dicke Bücher aufbauen, wirklich nicht, daß die Kreuzigung eine spezifisch römische Strafe war, die in den Jahren der Wirren fast alltäglich in Palästina vollzogen wurde? Niemand wird bestreiten können, daß bei der Abfassung der Evangelien die kultischen Gebräuche Kleinasiens ihren Einfluß geltend gemacht haben, aber daß die ganze Jesusgeschichte nichts sein soll als ein blutiges Passionsspiel, ist methodische Tollheit. Mit weit größerer Wahrscheinlichkeit weiß jedenfalls Isidore Levy seine These zu verteidigen, nach der die Evangelien in den Kreisen des hellenistischen Judentums entstanden sind, in denen man die Lehren und den Roman des Pythagoras kannte („La legende de Pythagore", Paris 1927). Die Berührungspunkte der Evangelien mit der Lebensgeschichte des sagenhaften griechischen Philosophen sind zahlreich, aber diese Tatsache ist keineswegs verwunderlich. Auch das Leben jenes Apollonios von Tyana, der sich gewissermaßen als Konkurrent des Wundertäters Jesus fühlte, ist nach demselben Modell angelegt, und auch der sonderbare Heilige Pereginus Proteus ist hier unterznbringen. Die Methode der Terluntersuchnng, wie sie Levy anwendet, wird auch von dem englischen Mythologen Robertson in seinem letzten Buche („Jesus and Judas", London 1928) ausgenommen. Robertson bringt hier die Bestätigung für die Zweifel an der Existenz der Judasfigur. Die Judassage ist nach ihm erst im zweiten Jahrhundert entstanden, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen petrinischem und paulinischem Christentum. Sie wurde erfunden, um die judenchristliche Richtung und das Judentum überhaupt in den Augen der heidenchristlichen Gläubigen zu diskretiditieren. Leider belastet Robertson sein neues Buch mit allzu bissigen Polemiken gegen die Bech treter der Geschichtlichkeitsthese. Obwohl über gewisse Tcilfragen heute nahezu Einigkeit besteht, sind doch die Gegensätze zwischen den einzelnen Richtungen schärfer als je. In Deutschland hat sich der Sturm, den Drews hervorgerusen hat, zwar wieder beruhigt, aber auch die offizielle Lehre hat keine Fortschritte gemacht. Ein unfruchtbarer Skeptizismus ist vorherrschend, der sich hinter der neutralen Bezeichnung „formgeschichtliche Schule" verbirgt. Während die Theorie des alten Wolffenbüttler Unbekannten, des Samuel Reimarus, in Eislers kühner Geschichtsrekonstruktion ihre Wiederauferstehung erlebt, steht »ran bet uns noch ganz unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des herkömmlichen Jesnsbildes. Diese Katastrophe war unvermeidlich, da man überhaupt den Fehler begangen hatte, die Evangelien-Literatur als historisches Dokument zu werten. Aus den Evangelien und aus den Episteln des neuen Testamentes werden wir niemals ein einigermaßen befriedigandes Bild vom Messias Jesus und seiner Zeit gewinnen. Man wird daher weit mehr, als es bisher geschehen ist, die außerchristlichen Quellen.heranziehen müssen, um nach dem Vorbilde Eislers zunächst einmal den sozialen und politischen Unterbau der christlichen Bewegung klar zutage zu schaffen. Mag diese Methode auch nicht in vollem Umfang zu den erhofften Resultaten führen, so ist sie doch unter allen Umständen der Halbheit aller bisherigen Kritik vorzuzichen. Daß hier die jüdischen Quellen in erster Linie ausgeschöpft werden müssen, liegt auf der Hand. Wenn man das größte Rätsel, das uns die Geschichte aufgibt, eini- Den bedeutendsten internationalen KOIIQrBSSCn lind AUSSt6lllM98n Akademische Sprechen-Dienst Berlin IHM 7, Frledrlchstr. 150 ll (Eene oorotheenstr.) Fernsprecher; A 4 Zentrum 5457 / Bürozeit; 9—21 Uhr seine bewahrten uebersetzer und Dolmetscher lür 44 Fremdsprachen zur Verfügung. Leiter: Igrrnr e. Floersheim Erste in- und ausländische Referenzen aus Wissenschaft, Industrie, Politik u. Handel. Uebersetzungen, sprachzirkel und Elnzei-unterricht Gottesdienste Räte. Gottesdienst der Gemeinschaft am Bersöhnungsfest. Mittwoch, den 1. Oktober, 20 Uhr, Abendfeier mit Predigt (Dr. Gottschalk). Donnerstag, den 2. Oktober, vormittags 10.30 Uhr bis 12 Uhr, Morgengottesdienst (Seelenfeier mit Predigt — Dr. Gottschalk). Nachmittags 16.30 Uhr Abendfeier mit Ansprache an die Jugend (Dr. Gottschalk). Der Besuch des Gottesdienstes ist auch Nichkmitgliedern unentgeltlich gestattet. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 26. September, 7.15 Uhr abends, Gottesdienst. Ansprache: Dr. Swarfenfky. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Gottesdienst am Versöhnungsfest. Vorabend 1. Oktober, 6 Uhr. Predigt: Dr. Swarfenfky. 2. Oktober, 10 Ahr. Predigt: Dr. Andorn. Nachmittagspredigt 4.30 Uhr. — Jugendgottesdienst Metzer Str. 1: Vorabend 6 Uhr, morgens 10 Uhr, nachmittags 4.30 Uhr. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstratze 30). Die Mitglieder beteiligen sich an den Gottesdiensten der Jüdischen Gemeinde. Freitag, 26. September, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Ansprache: Dr. Andorn. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstraße 7, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 26. September, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Ansprache: Rabbiner Dr. Salomonski. Gottesdienst am Bersöhnungsfest in der Aula der Herderschule Westend. Vorabend 6 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Morgengottesdienst 10 Uhr. Predigten: Rabbiner Dr. Salomonski. Nachmittags 4.30 Uhr Schlutzpredigt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 23. September. Iohannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Predigten am Vrrföhnungssest. Bersöhnungsfest Vorabend (Jom Kippur), Mittwoch, den 1. Oktober: Iohannisstraße: Dr. Nosenthal; Joachimsthaler Straße: Dr. Jelski; Kleiststraße: Dr. Lehmann. Versöhnungssest Vormittags (Jom Kippur), Donnerstag, den 2. Oktober: Iohannisstraße: Dr. Lehmann; Joachimsthaler Straße: Dr. Rosrnthal; Kleiststraße: Dr. Jelski. Versöhnungstag Nachmittags (Jom Kippur), Donnerstag, den 2. Oktober: Iohannisstraße: Dr. Jelsli; Joachimsthaler Straße: Dr. Lehmann; Kleiststraße: Dr. Rosrnthal. ' g ermaßen zufriedenstellend lösen will, so muß man zunächst die jüdische Umwelt, aus der ein Messias Jesus hervorgegangen sein kann, Wiedererstehen lassen. Mag Robert Eislers Versuch auch nicht überall Zustimmung finden, als erster methodischer Vorstoß in ein Gelände, das von den Schuttmassen der Mythe und der dogmatischen Fälschung bedeckt wird, kann er nicht "hoch genug bewertet werden. Man kann nur wünschen, daß das große Unternehmen die richtigen Fortsetzer und Vollender finden möge. L. Steinfeld. Umschau Simon Tubnow 70 Jahre alt. Ter berühmte russischjüdische Publizist und Historiker Simon Tubnow, geboren an Rosch Haschanah 1860, wurde am 24. September 70 Jahre alt. Tubnow studierte an verschiedenen russischen Universitäten und debütierte zu dieser Zeit mit einer Arbeit über „Tie Hauptmomente aus der Geschichte vom jüdischen Gedanken". 1882 wurde er Mitarbeiter der jüdischen Zeitschrift „Woschod", in der er zahlreiche Artikel über jüdische Probleme veröffentlichte, besonders auch über die chassidische Bewegung. Eine Reihe bedeutender Broschüren über die Geschichte der Juden in Polen und Rußland folgten und bedeuteten Entdeckung von Neuland, besonders weil Tubnow in zäher Forscherarbeit ein seltenes, bisher unentdecktes historisches Material zusammenbrachte. In der Folge wurde der Jubilar Lektor für jüdische Geschichte an der jüdischen Volksuniversität in Petersburg. 1921 verließ, er aber Rußland, um einem Rufe des Ministeriums für jüdische Angelegenheiten in Litauen zu folgen. In Kowno wurde aber seine Professur von den Antisemiten hintertrieben und Tubnow wandte sich darauf nach Berlin, wo er heute noch wirkt. Hier reist sein Lebens- SjOliWERCf^ ff B.//.V. iDoklSchmeckerui, L nahrha.fi. und Hauptwerk, die zehnbändige „Weltgeschichte des jüdischen, Volkes" (Jüd. Verlag, Berlin). In dieser ans breiter historischer Grundlage aufgebauten Darstellung, die von den Uranfängen bis aus unsere Tage reicht und die letzten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen berücksichtigt, formuliert Tubnow eine interessante soziologische Grundaufsassung der Geschichtsschreibung. Diese Geschichte, ein Standardwerk moderner jüdischer Geschichtsforschung, wurde aus dem russischen Original ins Deutsche, Hebräische, Jiddische und Englische übersetzt. Tubnow gedenkt noch lange nicht, sich zur Ruhe zu setzen und arbeitet bereits an einem neuen großen Werke. Als Kritiker, Publizist und Politiker hat Tubnow eine eigenartige Stellung eingenommen. Zu Anfang der 80 er Jahre bekämpfte er scharf die Richtung, welche die Juden als Nation betrachtet, er hielt sie bloß für eine konfessionelle Gruppe und verteidigte eine vollständige Assimilation. Später begründete Tubnow den sogen. Folkismus, welcher in der heute noch in osteuropäischen Staaten stark vertretenen Jüdischen Volkspartei Ausdruck findet. Ter Kern des Programmes dieser Gruppen liegt in der Auffassung, daß die Juden eine historisch-kulturelle Gruppe sind, kein Staat im Staate, sondern eine Nation unter Nationen, sie erstreben keine politische, sondern kulturelle Autonomie. Tubnow war daher einst ein scharfer Kämpfer gegen den politischen Zionismus, während er mit dem kulturellen sympathisierte. In den letzten Jahren hat er eine positive Einstellung gegenüber dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina als einer gesamtjüdischen Angelegenheit bezogen. Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich die große Förderung und Belebung, welche Tubnow der jüdischen Literatur zuteil werden ließ. Aus Anlaß von Professor Tubuows 70. Geburtstag toird vom Jüdischen Verlag, Berlin, eine umfangreiche Festschrift ausgegeben und werden in einer Reihe von Städten öffentliche Feiern veranstaltet. Tie jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten im abgelaufenen Einwan-erungsjahr. Im Verlaus des letzten Einwanderungsjahres kamen unter 44 676 Einwanderern 11526 Juden in die Vereinigten Staaten. Tie den Ländern Rußland, Polen, Litauen, Tschechoslowakei, Rumänien, Ungärn, Deutschland und Palästina zugestandene Einwanderungsquote war während des im Juni 1930 abgelaufenen Einwanderungsjahres voll ausgenntzt worden. „Ter deutsche Morgen" — völkische Kunstvergewaltigung. Aus Dresden wird uns von unserem Korrespondenten berichtet: „...Und siegt Tendenz, so muß die Kunst entweichen." Wie sehr die auf Antisemitismus abgestellte völkische Bewegung in Kreise eingedrungeu ist, die ihr bisher ziemlich fernstanden, und welche Gefahr der Verflachung jegliche Tendenz in der Kunst bedeutet, zeigt erschreckend der völlig kunstfremde nationalsozialistische Einschlag in der Kunstausstellung der sogenannten I ury fr eien auf der Brühlschen Terrasse. Ob er die Krönung des Wahlsieges sein sott und ob noch weitere Proben völkischer Kunstvergewaltigung zu erwarten sind? Nicht daß, der Hitleranbeter W. Gasch sein Talent an einem großen Hakenkreuz-Gemälde zu erweisen sucht, ist das Bezeichnende und für deutsche Kultur Beschämende an der Sache; die Kunst ist frei und der Künstler kann seine Objekte, seine Sujets, da nehmen, wo und wie er sie findet, auch aus dem täglichen Leben. Auch seine Gesinnung ist nebensächlich und durchaus seine Privatangelegenheit, sofern sie ihm nicht dazu dient, Propaganda für sie unter dem Deckmantel der Kunst zu treiben. Daß das unzweideutig beabsichtigt ist, geht einmal aus der ganzen Komposition hervor: drei schöne, lebensgroße Hakenkreuzjünglinge in voller Uniform schwingen auf blumigem Ariel Acosta Tie H a b i m a, die zur Zeit im Theater am Nöllendorsplatz gastiert und mit Shakespeare einen großen Erfolg verbuch,en durfte, hat einen weniger geglückten Versuch unternommen, Gutzkows großes Tendenzstück „Uriei Acosta" neu zu beleben. Das im Urtext mit mathematischer Sicherheit und Bühnenwirksamkeit ausgebaute Trauerspiel ist, wahrscheinlich dank dem allmächtigen Willen Alexander Granowskisi vollkommen frei bearbeitet worden von M. Liwschitz, der sicher redliche Arbeit geleistet, aber der Kumt damit kaum einen Dienst erwiesen haben dürfte. Biel Glanz, viel Licht, viel Farbe, viel Tanz und Musik, wie bei allen Darbietungen großer russischer Regisseure! Aber, was eben dem Shakespeareschen Rüpeispiel gefrommt haben mag, steht der rein im Gedanklichen wurzelnden Tragödie Gutzkows schlecht an. Dieses Werk, das den ewigen Kamps der Intoleranz gegen Duldsamkeit und Geistessreiheit auszufechten trachtet und die großen Probleme echten Glaubens gegenüber silbenstechender Buchstabengläubigkeit und überholter Tradition darstellt; dessen Fundamentalsatz eigentlich heißt: „Tie Sitte aber, sollt Ihr wissen, folgt dem Urteil nicht, sie folgt dem Vorurteil", und das an anderer Stelle ausspricht: „Wie kann man, was man glaubt, beweisen wollen!", müßte eigentlich, wenn es auch zu den Herzen und Hirnen der heutigen Generation den Weg finden will, in ganz einfachen, reinen und klaren Formen vor Zuschauern und Zuhörern erstehen. Hier taugt die orientalische-halb asiatische Farbenfreude, der Rausch von Ton und Bewegung nicht. Hier dürfen auch die Schauspieler nicht, wie beispielsweise in dem von Mairowski inszen'erten modernen Zeitstück „Tie Chinesischen Kulis", nahezu marionettenhaft sich durcheinander und gegeneinander bewegen, ohne daß ein einziges Mal die Flamme einer großen Jndividualleistung lodernd emporschlägt. Wir merken dem „Urie!" L. W a r s.ch a w e r s nicht an, daß er ein „Acher" ist, ein „Ewig Anderer"; „denn im Attrderssein liegt die Gewähr des ewigen Entstehens". Sein Kampf mit Gottes Tieaern, seine Auflehnung gegen das starre Dogma, sein zwangsläufiger Widerruf und sein endgültiges Bekenntnis zu der Wahrheit, die in ihm glüht, vermögen uns nicht zu überzeugen, geschweige denn Hinzureißen. Noch weniger vermögen wir in dem von Zwi Friedland verkörperten Sylva den reinen Denker zu erkennen, der es sich ersparen will, — „vor Plato zu erröten" Er ist uns zu unruhig, zu flackernd, und es scheint folgerichtig, daß nicht ihm das Schlußwort des umgearbeiteten Stückes gebührt: „Nicht was wir meinen siegt, de Santos! Nein! Wie wir es meinen, das nur überwindet." Auch das gorße Synagogengericht, der Bannfluch des Synhedrins, entbehrt für unseren Geschmack einer gewissen erhabenen Suggestivkraft. Umsomehr, als der greise und weise Ben Akiba (Ben Chaim) nicht als die Inkarnation der Abklärung und nahezu hundertjährigen Erfahrung vor uns erscheint, sondern eher als ein putzig zappelndes und schreiendes Altmännlein, dem man gern etwas Von der biblischen Würde der Hohenpriester oder von der analogen Gestalt des Schillerschen Kardinal-Großinquisitors einstoffen möchte. Alexander Granowski ist sicherlich, wie wir schon aus früheren Erfahrungen wissen, ein genialer Regisseur, der darum den ihm zuteil gewordenen Erfolg ehrliche verdient und der, so paradox uns das auch scheinen mag, offenbar die Jugend auf seiner Seite hat. Mer gerade die Jugend neigt ^dazu — nicht nur in der Politik — oftmals Dingen und Menschen zuzujbueln, nur weil sie anders sind als wie sie vordem waren und wie sie dem ihnen eingeborenen Gesetz nach vielleicht sein müssen. Was Granowski, was die Häbima uns im „Uriel Acosta" boten, war großes russisches Theater, vielleicht mit einem kleinen Schuß Amerika. (Siche den veränderten Schluß, der wenigstens die Konzession eines halben „Happy Ends" macht, indem Judith, statt sich ebenfalls das Leben zu nehmen, die Gattin Ben Jochms wird, während nur Acosta seine 'Gedankenfreiheit auch mit einem Freitod bezahlt.) Der Glanz und der Schimmer, die Farbe und das Licht, der Tanz und der Ton dieses „Uriel Acosta" waren jedenfalls echter leidenschaftlicher Oüen. Aber vergessen wir nicht, daß es in diesem Falle nicht heißen darf: „Ex oriente lux"; daß die großen Lichter der Wahrheit und Duldsamkeit, die in diesem Stücke erglühen, im Westen Europas, in dem Amsterdam des 17. Jahrhunderts entzündet wurden. Es geht hier nicht um schöne Schau, nicht um Melodien und Rhythmen, die Sinne und Gemüter betören oder betäuben; es geht um eiskanlte glasklare Begriffe und Gedanken, deren formale Diktion der weichen slawischen Seele eines Alexander Granowski und seiner be> deutenden Künstler vielleicht zu hart erschien, so daß er sie zu mildern, zu verwischen sich: innerlich! genötigt fühlte. Aber er hat nicht verwischt: er hat verwaschen. Schauspielerisch hat er nur eines der Grundelemente der Tragödie herausgearbeitet: jene These, die da lautet: „Tief in unserem Volke wurzelt die Familie." Ihr zuliebe hat er umgedichtet, umgedeutet. Mer es gibt eine Grenze der Umdichtung, die man, nur aus Respekt vor dem Meister Granowski und seiner künstlerisch' wohldisziplinierten Truppe, nicht gerade heraus mit dem rechten Namen Verfälschung bezeichnen möchte. Daran kann auch das große Interesse und der aufrichtige Beifall, der der Aufführung der „Habima" gezollt wurde, nichts ändern. Doris Wittner.