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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-25 · 39 (25.9.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
39 (25.9.1930)
Date
1930-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN«W 66 “» MAUERSTR. 79 FIRNRUF: ZINTRUM 3023 u. 5024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IEHEHDEKORATIOHEH IR KORSTLERISCHER AUSFOHRUEB wie Eisler überzeugend nachweist, auf die aramäische Urschrift des Buches „Ueber den jüdischen Krieg" zurück, und zwar aus die erste griechische Ueberarbeitung des ursprünglichen Entwurfes, die uns nicht erhalten worden ist. Aus den Handschriften folgt mit aller Deutlichkeit, daß bei Josephus ursprünglich ein christenfeindlicher Passus über Jesus gestanden hat, der von den Abschreibern dann in Sätze verfälscht worden ist, nach denen Josephus beinahe als Christ erscheint. Durch die pon Eisler untersuchten Handschriften wird nicht nur erwiesen, daß ein Jesus als Messias auftrat und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, sondern es zeigt sich in ihrem Text, ebenso wie auch in einigen hebräischen Exemplaren des Josephus, des sogen. Josippon, ganz klar, daß das Auftreten dieses Messias Jesus sich unmöglich in der Art vollzogen haben kann, wie die Evangelien es schildern. Das wenige, was unter den christlichen Ueberarbeitungeu von den Worten des Josephus noch zu erkennen ist, reicht zu der Feststellung aus, daß Jesus hier als politischer Empörer geschildert wird. Dasselbe ist schon früher vermutungsweise behauptet worden und bedeutet an sich keine Ueberraschnng. Denn der Messias galt den damaligen Juden durchaus als ein weltlicher Herrscher, der sich auf den ihm rechtmäßig zustehenden Thron Davids setzt und sein Volk von seinen Unterdrückern, von den Römern und ihren idumäischen Schützlingen, befreit. Erst viel später setzt sich auch im Judentum die mehr spiritualistische Messiasaussassung durch, die an christliche Vorstellungen erinnert. Eisler kommt nun zu der Auffassung, daß zunächst Johannes der Täufer als Apostel der nationalen Unabhängigkeit, als religiöser Demokrat auftrat, dessen Lehre von drm Satz des Deuteronomiums ausging, daß niemand König sein solle, als Gott. Seine Predigt zeigt große Uebereinstimmung mit dem Programm der Partei der nationalen Unabhängigkeit, der Zeloten, deren wichtigster Grundsatz es nach der Schilderung des Josephus war, keinen Herren anzuerkennen als Gott. Auch in der Predigt Jesu gibt es mehrere Stellen, aus denen man, freilich unter späterer theologischer Ueberarbeitung, den gleichen Grundsatz erkennt. Jesus stammte nach Eislers Ansicht aus einer Familie der Rekhabiten, die ihren Stammbaum auf König David zurückführte. Die Rekhabiten waren Nomaden, Wanderhandwerker, später, nachdem sie im Exil zum Levitendienst herangezogen worden waren, a^ch wohl Wanderpriester. Eisler zeigt im Anhang zum ersten Bande in einer Photographie eine Gruppe von Slebs (wörtlich: die Bekreuzten), von heutigen arabischen Nomaden, in denen man die Nachkommen der alten Rekhabiten erblickt, und die in ihrer Tracht und chrem Aussehen, wenn man von den modernen Feuerwaffen absieht, vollkommen den Typus ihrer Ahnen zur Zeit Jesu konserviert haben. Die Wirksamkeit Jesu vollzog sich nach Eisler im Anschluß an die Predigt des Täufers und war wie diese in erster Linie dem Gedankm der nationalen Unabhängigkeit gewidmet. Aber das Wirken Jesu hat zunächst keinen großen Erfolg, mit der Entsendung der Jünger kommt es nicht zu dem erhofften Herbeiströmen großer Volksmassen. Jesus predigt jetzt die Auswanderung in die Wüste. Als dann Pilatus zum ersten Male römische Feldzeichen im Tempel aufpftanzen läßt, ein Vorgang, in dem man das von Daniel geweissagte „Greuel der Verwüstung" erblickte, das dem Erscheinen des Messias vorausgeht, kommt es zur offenen Empörung, zur Ausrufung Jesu als Messias, zum Einzug in Jerusalem, znm Kampf mit den Römern und zur Kreuzigung. Soweit Eisler in .seinen beiden zitatenschweren, etwas schwierig lesbaren Bänden. Nicht überall ist man von den geradezu revolutionären Ergebnissen, zu denen er gelangt ist, erbaut. In Deutschland hält man sich in dieser Frage einstweilen noch zurück. In Frankreich aber ist gegen Eisler ein hartnäckiger Gegner in dem protestantischen Theologen Maurice Goguel erstanden. (Zuletzt in seinem „Jean Baptist«", Paris 1928, und in zahlreichen Artikeln der Fachpresse.) Goguel mag in manchen Dingen vom Standpunkte der Kritik und der Religionsgeschichte aus recht haben. Sehr häufig zeigt er sich jedoch von einer wenig erfreulichen Kleinlichkeit. So z. B. polemisiert er gegen Kisters Behauptung, Simon Barjona bedeute Simon der Eiferer, nicht Simon Sohn Jonas, weil in der hebräischen Toledoth Jeschu Barjon in diesem Sinne vorkomme. Dabei weiß Goguel sicher recht gut, daß dieser Simon nur ein Double jenes Simon-Peter sein kann, der bei Lukas und in der Apostelgeschichte Simon der Kanait, d. h. der Eiferer, Simon der Zelot genannt wird. Tie bisher von allen Richtungen geleugnete politische Bedeutung des Auftretens Jesu ergibt sich mit voller Klarheit aus all den Stellen, die Eisler anführt. Sie paßt auch vollkommen zu dem allgemeinen Bild, das man sich von den messianischen Erwartungen und von den messianischen Parteien im Judentum jener Zeit machen muß. Mit Recht nennt Eisler das unpolitische Jesusbild eine unhistorische und verzeichnete Schöpfung. Das Christentum ist ihm eine anfangs romfeindliche Bewegung, die von den Römern in eins gesehen wurde mit den unaufhörlichen messianischen Aufständen in Palästina. Während Eislers Untersuchung mit den Mitteln einerprofunden Gelehrsamkeit das größte und dunkelste Kapitel der jüdischen Geschichte zu rekonstruieren versucht, löst das Buch des Franzosen Daniel Masse ,,L' enigme de Jesus- Christ" (Paris, Edition du Siecle) die Dinge mit Hilfe der Intuition. Dabei hat Masse die Zusammenhänge zwischen dem Urchristentum und der allgemeinen jüdisch-messianischen Bewegung gut erkannt. Aber er verläßt sich zu ausschließlich auf historische Hypothesen und kommt so zu einer Reihe höchst frappierender Resultate. Er geht davon aus, daß der Ort Nazareth, der erst im achten Jahrhundert n. Chr. auftaucht, unmöglich der Geburtsort Jesu gewesen sein kann. Das wirkliche Nazareth ist nach ihm die Bergfeste Gamala am See Gennezareth. Jesus war niemand anders als ein Sohn, und zwar der erstgeborene Sohn Judas des Gauloniten, den man auch den Galiläer nannte und der in Gamala zu Hause war. Josephus nennt ihn uns als den Gründer der „vierten Partei", der Zelotensekte. Die Mutter Jesu hieß nach Masse nicht Mirjam-Maria, sondern Salome. Sie war die Tochter einer Kleopatra. die in zweiter Ehe die Frau Herodes des Großen wurde. Tie Kleopas, von denen es in den Evangelien wimmelt, sollen aus diese Verwandtschaft hindeuten. Man könnte auch an jene berühmte, von Masse jedoch nicht erwähnte Talmudstelle denken, nach der Jesus „der Regierung nahe stand". Das Empörertum war, wie wir wissen, in der Familie Judas des Gauloniten erblich. Sein Vater Ezechias wird von Josephus als „Räuberhauptmann" geschildert, der von Herodes dem Großen besiegt ünd hingerichtet wird. Juda selbst leitet nach dem Tode des Herodes einen Ausstand in Galiläa, in dessen Verlauf er sich der Stadt Sepphoris bemächtigt. Tann tritt er wieder als Führer des Ausstandes hervor, der sich im Anschluß an die Volkszählung des Quirinius im Jahre 7 n. Chr. entwickelt, und alter Wahrscheinlichkeit nach ist er in diesen Kämpfen an der Seite Zadduks, des Mitbegründers der Zelotenpartei, gefallen. Später werden nach Josephus zwei Söhne Judas, Jakob und Simon, von Tiberius Alexander gekreuzigt, Menähenr, der in den Kämpfen gegen Vespasian und Titus eine Rolle spielte und als Messias ausgerufen wurde, ist Judas jüngster Sohn, der „Räuberhauptmann" Eleasar (nach Masse der Lazarus der Evangelien) ist sein Neffe. Allem Anschein nach fühlten sich die Nachkommen des Ezechias als Sprossen Davids, als rechtmäßige Könige gegenüber den stammesfremden Herodeern. Daß Juda der Gaulonit als Messias betrachtet wurde, wissen wir aus einer Reihe apokrypher Bücher. U. a. deutet das von Eisler erwähnte Priestergespräch über den Messias auf ihn, in den jüdischen Partien der Offenbarung finden wir ihn als Engel wieder und auch die „Assumptio Mosis" ist wohl auf Juda gemünzt. Die Abstammung des Messias Jesus, oder besser gesagt, des „unter Pontius Pilatus Gekreuzigten" von Juda dem Gauloniten will nun Masse damit begründen, daß die beiden von Tiberius Alexander gekreuzigten Brüder Jakob und Simon mit den Aposteln Jakob dem Gerechten, dem „Bruder des Herrn", und mit Simon-Petrus identisch seien. Simon-Petrus werde zwar in den Evangelien von einem „Engel" aus dem Gefängnis errettet, aber es sei klar, daß es sich hier um eine leicht zu durchschauende Erfindung handele. Simon-Petrus müsse am Leben bleiben, weil er ja später in Rom als erster Papst zu erscheinen habe. Aber nach dem Urteil selbst orthodoxer katholischer Theologen sei Petrus niemals in Rom Lewesen. Es sei daher anzunehmen, daß man ihn zusammen mit Jakob dem Gerechten ans Kreuz geschlagen habe. Habe man aber den Nachweis erbracht, daß man es hier mit wenigstens einem der „Brüder des Herrn" zu tun habe, der ein Sohn Judas des Gauloniten war, so folge daraus, daß auch der „unter Pontius Pilatus Gekreuzigte" ein Sohn des Gauloniten gewesen sein müsse, und zwar der Erstgeborene. Sein wahrer Name, der durch die Bezeichnung „Jehoschua" — „Jahwe hilft" verdeckt wird, soll Juda bar Juda gewesen sein. Diese Beweisführung Masses würde viel für sich haben, wenn man sich über die Bedeutung des Ausdrucks „Brüder des Herrn" im Klaren wäre. Hier handelt es sich jedoch um eine stark umstrittene Frage, und man kann manche der kritischen Behauptungen der Mythologen zu diesem Punkte nicht gut entkräften. Die Fachwissenschaft hat übrigens, wie vorauszusehen war, das Buch Massös entweder totgeschwiegen oder mit einigen spöttischen Sätzen abgetan. Jedoch, die Dinge liegen keineswegs ganz so einfach. Man trifft immer wieder auf Spuren, die mit Masses These in gewissem Einklang stehen. So wird z. B. die vornehme Abstammung der Mutter Jesu durch eine recht soirderbare, Masse unbekannt gebliebene Talmudstelle bezeugt. Ferner nimmt auch Klausner, der im übrigen völlig auf dem Standpunkt des geschichtlichen Jesus steht, in seinem nunmehr auch deutsch erschienenen „Jeschu ha Nosri" an, daß Jesus eine Reihe von Brüdern und wenigstens zwei Schwestern hatte. Er legt eine Anzahl von Stellen des neuen Testamentes, die stark umstritten und ungeklärt sind, ganz ähnlich aus wie Masse. Der Haupteinwand, der die These Masses trifft, ist das^ Spiel mit dem Namen Jesus. Gewiß ist zuzugeben, daß der Name Jehoschua als Messias-Prädikat eine Rolle ipiett; auch der falsche Messias Theudas hat sich diesen Namen beigelegt. Dabei ist jedoch die Frage noch offen, ob Theupas sich nicht als wiedererstandener Jesus, ähnlich wie Simon der Magier, aufspielen wollte. Auch die Mythentheorie basiert bekanntlich znm wesentlichen ans der sakralen Bedeutung des Jehoschua-, des Jesus-Namens. Leider wissen wir von dem angeblichen Kult eines Gottes Jehoschua so gut wie nichts. Auf dem Boden Palästinas war er jedenfalls zur damaligen Zeit bei der streng monotheistischen Ordnung des Landes' ein vollkommenes Ding der Unmöglichkeit. Aber was hat man mit diesem rätselhaften Jehoschua-Kult nicht alles begründen wollen? Selbst der französische Forscher Guignebert, der im übrigen an der Geschicklichkeit Jesu keineswegs zweifelt, findet es in seiner „Vie cachee de Jesus Christ" höchst auffallend, daß der Sohn Josefs einen Namen erhielt, der einen Messiastitel darstellt. Welchen Wert diese Bemerkung hat, kann man bei einer flüchtigen Lektüre etwa der Lebensbeschreibung des Flavins Josephus leicht feststellen. Der Name Jesus war in den damaligen Zeiten in Galiläa mindestens so häufig vertreten wie heute bei uns die Namen Karl und Wilhelm. Ter Kamps um die Geschichtlichkeit Jesu tobt heute wohl am leidenschaftlichsten in Frankreich, das bisher von diesen Dingen nicht allzuviel wissen wollte. An erster Stelle zu nennen ist hier Paul Louis Couchoud, der glänzendste Stilist unter den französischen Religionshistorikern. Couchoud hält die Dogmatik des Paulus für unvereinbar mit der Existenz eines menschlichen Wesens Jesus, (Le mystere de Jesus, 1924, später in zahlreichen Vortrögen). Da die Geschichte einmal nur Götter kenne, die menschliche Gestalt annehmen, nicht aber Menschen, die vergöttlicht werden (die römischen Kaiser und Wundertäter wie Apollonios von Tyana werden freilich als Ausnahmen zugelassen), so müsse man, meint Couchoud, auch davon ausgehen, daß der „Gott" Jesus, der in den Briefen des Paulus auftritt, ein bloßes Gedankending sei. So geistreich die Darlegungen Couchouds auch sein mögen, so irrig ist ihre Grundlage. Denn gerade in der Zeit der Entstehung des Christentums häufen sich die Fälle der Vergöttlichung menschlicher Wesen, und die neue Religion ist durch diese Vorbilder, wie z. B. den Kaiserkult, geradezu erst ermöglicht worden. Und ferner hat Paulus, wenn er zu den Griechen sprach, Gründe genug gehabt, um vom irdischen Leben des vergöttlichten Jesus so gut wie nichts zu berichten. Von dem Menschen Jesus, vor allem wenn er ein Empörer gegen die staatliche Ordnung war, durften die Gläubigen nnr recht wenig erfahren, wenn sie die mystische Botschaft vom Gott, der am Kreuz gestorben ist, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen, glauben sollten. Ein Außenseiter unter den französischen Religionshistorikern ist Edouard Dujardin. Als Dichter und Romanschriftsteller zählt er zu den ersten Köpfen des heutigen Frankreichs. In seinem Buch „Le dieu Jesus", Paris 1927, Zweimal Habima: Was ihr wollt Shakespeare-Aufführung der Habima im Berliner Nollendorspiah-Theater. am 15. September 1930. Nur zwei Einwände sind geltend zu machen: Erstens: es geht nicht an, von einer „jüdischen" Theaterkunst als solcher zu sprechen! Die mit Recht berühmte Truppe Habima, das einzige in hebräischer Sprache spielende Theater der Welt, ist nicht „jüdisches Theater" in dem Sinne, zu dem' es gewisse Nationalisten aus verschiedenen Lagern propagieren möchten. Sondern es handelt sich um eine Kunst, welche die genialen modernen russischen Regisseure von Stanislawsky über Tairoff bis zu Meyerholdt als Lehrer gehabt hat. Und diese großen Anreger und Neuerer besitzen in den hochbegabten Ostjuden Schüler, auf die sie stolz sein können! Zweitens: es ist eine Sünde Wider den Geist, Shakespeare, den größten Dramatiker der Menschheit, derartig umzukomponieren. Das Lustspiel „Was ihr wollt" ist nicht nur büh-- nentechnisch und psychologisch ein solch unübertreffliches, Jahrhunderte überdauerndes Meisterwerk, daß jeder Transveftitisüms, jede Verniedlichung zur blasphenischen Verballhornung werden muß; Kürzungen sind allenfalls noch diskutabel, „Umdichtungen" nicht! Man entgegne nicht, daß Beerb ohm Tree und andere englische Regisseure mit Shakespeare ähnlich umgesprungen sind. Derartige Verirrungen haben höchstens als abschreckende Beispiele Wert. Von diesen beiden Einwänden abgesehen muß mit herzlicher Begeisterung zugegeben werden, daß es sich bei dem Spiel der Habima-Leute um ganz große, ja um hinreißende und beglückende Theaterkunst handelt. Man hörte in Berlin nach Fallen des Vorhangs nicht häufig einen solch einmütigen Jubel, man beobachtete nicht oft derartige Begeisterung, in die Kritiker aus allen Lagern, ja von ganz rechtsgerichteten Zeitungen, bedenkenlos einstimmten. Man sah endlich wieder einmal in Berlin wirkliche Ensemble-Kunst mit höchst präzisem Zusammenspiel, das jetzt bei unserem Star-System selten geworden ist! Jede Gestalt war auf das sorgsamste durchgearbeitet, überlegt und doch individuell verschieden, alles paßte wundervoll zusammen! Dabei war das Ganze eine einzige, in rauschendem Furioso dahinwirbelnde Orgie von Lustigkeit, die Spielenden waren wie in einem Rauschzustand, sie spielten — ohne die künstlerische Harmonie je zu verletzen — sozusagen mit allen Gliedern; alles bei und an ihnen war Bewegung, Bewiglichkeit, Bewegtheit. Ein solches Erfülltsein von komödiantischer Besessenheit ist schließlich selbst für Berlin, die erste Theaterstadt der Erde, etwas Ungewohntes, Selten-Gesehenes! Welche Freude muß es dem ausgezeichneten Regisseur Michael Tschechow, dem guten Reinhardtschüler, bereites haben, auf einem solchen Instrument zu spielen! (Er muß, nebenbei bemerkt, ein sehr östlich-eingestellter Herr sein, denn im Programmheft entdeckt er mit entwaffnender Naivetät, daß „Shakespeare eigentlich nicht langweilig ist.") Die Schauspieler einzeln zu preisen, ist nicht angängig, da mau in diesem Falle enthusiasmiert summarisch loben muß. Sie waren alle prachtvoll. Mir gefiel am besten die vor Lustigkeit schier berstende dralle Magd der Biniar und Meskins berserkerhafter Tölpel von Junker Tobias. Aber auch Katzbeins semmelblonder Pinsel, Benjaminis Narr und Baratz' Karikatur waren unvergeßlich! Die Olivia (Händler) erinnerte seltsam an die Bergner. Sie war vielleicht ein bißchen zu sehr von Kopf bis Fuß auf Empfindsamkeit eingestellt! Wunderfein war auch Toch's begleitende Bühnenmusik. Seit langer Zeit hat dieser Komponist nicht mehr etwas so Fröhliches und Launiges geschrieben! Das Lachtrio am Schluß des ersten Aktes war ganz köstlich! Schließlich muß noch erwähnt werden, daß die hebräische Sprache von diesen Künstlern sephardisch mit hohen, offenen Vokalen gesprochen, sehr schön klingt, ganz anders als das bei uns in der Synagoge gehörte askenasisch-plattr Hebräisch!... Mit großem Interesse wird man fortan nach diesem ersten „Schritt ins Freie", nach dieser ersten hebräischen Shakespeare-Interpretation die künftigen Versuche der Habima-Künstler verfolgen, für die hebräisch sprechenden Bewohner Palästinas, die leinen entwicklungsgegebenen Spielplan haben, ein hebräisches Repertoire zu schaffen. Wie bereits erwähnt, war der Beifall am Schluß der Vorstellung ungewöhnlich herzlich und langanhaltend. Draußen zog gerade mit Hakenkreuzfahnen ein Wahlsieg-feiernder Razitrupp vorüber, der rhythmisch „Juda verrecke!" schrie. Drinnen applaudierte der als Referent erschienene Herausgeber eines deutschvölkischen Blattes spontan, hingerissen, sehr lebhaft! Mir fiel dabei die alte, schöne, biblische Legende von Bileam und seinem Esel ein.... i Dr. Ludwig Tavidsohn, Berlin. .

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