Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 39 (25.9.1930)
- Date
- 1930-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WjschGeraleZejtung Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. Verontmorkl. Redakteur: Bruno woyda. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Arttket. Aeuherungen und Vorschlage erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hattesche Skr. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin 71W 7, 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Vachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Ilonpareillezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedik. Nr. 39 Berlin. 25. September 1930 10. Jahrgang Weltliche Predigt Zwischen dem Feste der Selbstläuterung und dem Tage der Versöhnung zwingt uns das Dasein zum Tun des Alltags. Noch klingt in unseren: Ohr das Wort des Gebetes: Gib Frieden dem Menschen, den Tu hast erschaffen, gib Frieden der Menschheit, sie künde Tein Reich. Aber schon wandelt, sich die Aufgabe. Sammlung, Besinnung — Etappen nur sind es auf dem Wege zu unserem Ziel. Etappen, die uns Kraft schöpfen heißen für unsere weitere Wanderung, für die ewige Wanderung bis zu dem Ziel, das uns unser! Ich gebietet, und das bedeutet die Verwandlung von Glauben in Leben; das bedeutet die Verwandlung von Gedachtem und Geglaubtem, von Erstrebtem und Ersehntem in Wirklichkeit. Wird diese Wirklichkeit werden? Nähern wir uns ihr? Oder verzehrt sich unsere Kraft bei einer Aufgabe, die als unlösbar, wenigstens als unlösbar von uns Menschen angesehen werden muß? Tas Wissen der Welt ist begrenzt. Toch das Wissen unseres Glaubens schasst uns Gewißheit der Zukunft. Ihr gilt unser Streben, gilt unser Handeln. Tas Gesetz in uns verachtet säumiges Geschehenlassen, fordert Tun. Was bedeutet da Erfolg oder Mißerfolg, was äußere Welt und äußerer Fortschritt. Alles, ja alles, wird uns die Erfüllung unseres Gesetzes, des Gesetzes in uns. Was sind Hab und Gut und Leben? Alles Tinge, die vergehn! Taß wir vor Begeistrung beben, wenn wir uns zum Kamps erheben, das wird ewig fortbcstehen, das will Gott! Vor dem Reichsgericht in Leipzig verteidigen sich drei junge Reichswehroffiziere. Jst's Hochverrat, was sie taten? Gleichviel. Weit erschreckender als das Tun ist der Geist, der hier offenbar wird. Zwei Episoden aus der Verhandlung seien festgehalten. Scheringer: Im Interesse der Schlagkraft des Heere» war die Verbindung mit kn nationalen Verbänden notwendig. Sic >var notwendig für jeden richtigen Soldaten und weil die nationalen Verbände gegen die Schuldlüge und gegen den Pazifismus anftratcn. Vorsitzender: Ist denn jeder Pazifist ein vateclandsloser Geselle? Ludin: Jawohl. Unter diesen Umständen jawohl! Ein Offizier muß nationalistisch sein. Seine Parole muß sein: Alkes für das Volk, alles für das Vaterland. Scheringer: „Ten Lauen tvill ich ausspcicn aus meinem Munk." Und dieser selbstgefällig und kritiklos gepriesene „Wehrgeist" kommt bei der Verhandlung immer wieder zum Durchbruch. Scheringer: Tic Sympathie mit den Nationalsozialisten ist noch heute unter der Mehrheit der Armee vorhanden, das weiß -ich. Aber der Kurs von oben geht immer mehr darauf hin, eine Polizcitruppe aus der Reichswehr zu machen. Er geht nach links und ist pazifistisch. Vorsitzender: Links und pazifistisch? Ist denn das dasselbe? Scheringer: Jawohl, denn der Pazifismus ist der erste Programmpunkt der Soziald-emokratic. (Er überlegt einen Augenblick.) Die Kommunisten arbeiten zum Kriege hin, aber die Sozialdemokraten sind Pazifisten. Vorsitzender: Und die Staatspartei? Scheringer: Die Staatspartei ist ein ganz pazifistischer Verein. Tas also ist Weltanschauung zehn Jahre nach dem Kriege? Tas ist der Geist nationaler Jugend? Herr Leutnant Scheringer ist 24 Jahre alt, zählte also bei Kriegsbeginn acht, bei Kriegsende zwölf Jahre. Und strotzt von derartiger Unkenntnis über Wesen und Wollen des Pazifismus. Im Jahre 1742 schrieb ein Heerführer: „Ich habe getan, was ich dem Ruhme meines Volkes schuldig zu sein glaubte, nunmehr tue ich, was ich seinem Glück schulde. Tas Blut meiner Truppen ist mir kostbar, und ich verschließe alle Möglichkeiten zu weiterem Blutvergießen, wie es ein Barbarenkrieg unfehlbar mit sich gebracht hätte." Und der, der das schrieb, ist keiner von den ruchlosen Pazifisten, ist Lehrmeister nicht zuletzt in völkischen Kreisen. Er heißt: Friedrich der Große. Toch lassen wir das Für und Wider des Krieges Sache der Soldaten sein. Wie aber muß es in der: Köpfen dieser Menschen aussehen, bei denen Pazifismus zum Schimpfwort wurde, die den Glauben an dm Geist nicht besitzen, an Waffen statt an Vernunft appellieren? Unüberbrückbar die Kluft zwischen Jenen und uns. Mag noch Verstehen bleibm, Verständigung wird zur Unmöglichkeit. Und gerade in diesen Tagen empfinden wir in voller Schärfe den Kontrast zwischen dem Geist des Friedens, den unsere — und wohl jede — Religion lehrt und den: Geist des Krieges, der — noch immer, noch immer! — jene drei jungen Offiziere beseelt. Walther Rathenau hat einmal Deutschlands Jugend zugerufen: „Jeder, der mit seiner Seele in den Krieg verstrickt ist, alt oder jung, fürchtet sich und zittert, und weint Tränen, die nach innen fließen und das Herz verbrennen." Haben jene von all dem noch nie etwas gespürt? Haben sie noch nie erfahren, daß auch der Mensch jenseits der Grenze ihr Bruder ist, Gottes Geschöpf wie sie? Rathenau streckte ob seiner Liebe zum deutschen Volte die Kugel nieder. Und ein gleiches Geschick ereilte einen anderen jüdischen Deutschen: Gustav Landauer. Er war, wenn man's so will, Pazifist. Aber dennoch können jene Drei von ihm ein Wort nationaler Würde, nationalen Selbstbewußtseins lernen, das im Gegensatz zur Lügenhaftigkeit der nationalen Phrase die Wahrheit in sich birgt. Es lautet: „Tcm Volk kanu niemand Gewalt antun als eben dieses Volk selber." Von der Scylla in die Charybdis. Während in Leipzig der Nationalsozialismus seinen „Wehrgeist" erläutert, wird im Berliner Kriminalgericht der Wessel-Prozeß verhandelt. Und mit Faust muß man sprechen: Ter Menschheit ganzer Jammer faßt mich an. R.-A. Fuchs: Was verstehen Sie unter proletarischer Abreibung? Max Jainbromski: Wenn!vir Jemandem eine proletarische Abreibung geben, daun schlagen wir ihn so, daß er ins Krankenhaus cingcliefert werden muß. Man soll nicht verallgemeinern. Was wir als Juden als tägliches Unrecht erkennen, wollen wir gewiß nicht Anderen gegenüber üben. Deshalb sei deutlich gesagt: So wenig — hoffentlich — der Geist jener drei Offiziere mit dem Geist der Reichswehr identisch ist, so wenig ist — hoffentlich. — der Geist dieses Hohler und Genossen identisch mit dem Geist der Kommunistischen Partei. Und dennoch bleibt das Betrübliche: daß es möglich ist, daß Menschen dieser Art im politischen Leben aktiv wirken können. Welche Verkennung proletarischen Strebens, proletarischer Würde! Man mag das proletarische Klassenbewußtsein als eine Sonderart des Berufsstolz cs ansehen, mag Verständnis für den durch Truck geschaffenen Gegendruck aufzubringen bemüht sein — wer aber könnte Brutalität als politisches Kampfmittel billigen? Unsere Zeit hat gewiß viel geschaffen, spätere Geschlechter erst werden es zu würdigen wissen. Aber sie droht Größeres noch zu vernichten: den Gemeinschaftsgeist. Maxime des Lebens wird jenes: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein. Das Bewußtsein von der Heiligkeit des Lebens ist geschwunden. Achtung vor fremder Weltanschauung, vor dem Idealismus des Gegners gilt nichts mehr. Und statt Geist triumphiert die Gewalt. Hier wenn irgendwo hat die Religion ihre Stimme zu erheben. Nicht diese oder jene Konfession, sondern die Religion schlechthin. Sie muß wieder das Verstehen lehren, muß. wieder den Geist in der Wirklichkeit erkennen lehren, muß das Chaos wieder zum Werden wandeln, auf daß erkennbar werde: das ewige Werden im ewigen Sein. Hierzu ist eins Voraussetzung: Milderung der sozialen Not durch Einschränkung der Arbeitslosigkeit. Sind wir nicht alle mitschuldig, wenn in proletarischen Kreisen sich Verirrungen zeigen? Aus einer Statistik des Volkswohlfahrtsamtes geht hervor, daß im Jahre 1928 von 24163 Schulkindern, die man nach ihren Schlafverhältnissen gefragt hatte, 8274 ohne eigenes Bett waren. Und seit dem Jahre 1928 hat sich das bestimmt noch verschlechtert. Ter Zerfall des deutschen Volkes in extreme Gruppen wird. sich noch weiter steigern, wenn es nicEjt endlich gelingt, wirksame Schritte gegen die Arbeitslosigkeit zu tun? Vor einem halben Jahr noch nahm man eine Jahres-Turchschnittszisser von 1,6 Millionen Arbeitslosen an. Sie ist durch die Tatsachen längst überholt, man muß gegenwärtig mit einem Durchschnitt von etwa 2,5 Millionen Arbeitslosen rechnen. Diesem Problem kann man nicht dadurch beikommen, daß man statt 4y2 Prozent in Zukunft 5 bis 5y2 oder gar 6y2 Prozent Arbeitslosenbeitrag erheben wird. Vor einem halben Jahre schrieb ich hier: „Arbeit wird zum religiös-ethischen Postulat: sie ist Folge menschlicher Unvollkommenheit und Werkzeug zum Vau göttlicher Vollkommenheit. Kann bei dieser Aussassung die Beantwortung der Frage noch zweifelhaft sein, ob die Gesellschaft ein Recht hat, den Menschen der Gelegenheit der Arbeit zu berauben? Gerade diejenigen unter uns, die die Arbeitslosenversicherung als soziale Notwendigkeit der Jetztzeit voll und ganz bejahen, müssen immer wieder darauf Hinweisen, daß Arbeitslosigkeit nicht nur wirtschaftliche, sondern seelische Interessen des Menschen gefährdet. Ist als Folge der Rationalisierung und der technischen Entwicklung bei achtstündiger Arbeitszeit die zur Befriedigung des Konsums erforderliche Produktion von weniger menschlichen Arbeit^ kräften zu leisten als vorhanden sind, so daß mit einem ständigen Arbeitslosenheer zu rechnen ist, so muß eine Lösung der Schwierigkeiten gefunden werden, nicht durch Zahlung eines gewissen Entgeltes seitens der Gesellschaft an die Erwerbslosen, sondern durch weitere Verkürzung der Arbeitszeit oder Steigerung der Konsumbedürfnisse, damit wieder alle Menschen, die willig sind. am Arbeitsprozeß tciinehmen können. Tcnken >vir doch daran, daß der Psalmist beim Preise Gottes und der Schilderung der Vollkommenheit der sittlichen Weltordnung nicht zu erwähnen vergißt, daß „der Mensch auszieht an sein Werk und an seine Arbeit bis zum Abend". Heute ist das vielsach aitdcrs geworden. Tausende und Abertausende ziehen an jedem Morgen aus Mit der Hoffnung, eine neue Beschäftigung zu erhalten — und lehren heim in dem Bewußtsein, statt geschaffen wieder auf Arbeitsgelegenheit gewartet zu haben. Ist cs verwunderlich, wenn diese Menschen resignieren?" Wohin solche Resignation führen kann, haben die Reichstagswahlen gezeigt. Soll das Unheil nicht noch vergrößert werden, muß hier zuerst gehandelt werden. Dabei wird sich sicherlich zwischen einsichtigen Arbeitgebern und einsichtigen Arbeitnehmern eine Verständigung herbeiführen lassen. Bei den Verhandlungen über die Erneuerung des Tarifabkommens in der Berliner Metallindustrie, das für etwa 150 000 Arbeiter Geltung hat, ist der Gedanke einer Milderung der Arbeitslosigkeit durch Arbeitszeitverkürzung erstmalig bei derartigen Verhandlungen zur Erörterung gestellt worden. Hier hat der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes den Vorschlag eingebracht, die vierzigstündige Arbeitswoche einznführen, um einmal zu versuchen, das Erwerbslosenproblem von der Arbeitszeitseite ans zu lösen. Praktisch heißt das, daß die Tariflohnempfänger auf den Lohn eines Tages je Woche verzichten wollen, um dadurch Gelegenheit zu schaffen, einen Teil der erwerbslosen Metallarbeiter wieder dem Produktionsprozeß zuzuführen.. Das ist einer der wenigen Lichtpunkte im Dunkel unserer Tage. .Hoffen wir auf den Erfolg. Ter Pessimismus schleicht durch die Lande. Resignation lähmt das Tun. Hat unser Schassen, hat unser Leben denn einen Sinn? Lohnt all die Mühe, gibt es denn Fortschritt? Tie Religion unserer Tage muß wieder neu die Antwort auf all unser Fragen formulieren. Sie muß wieder das Glück erkennen machen, das in der Pflichterfüllung um der Pflicht willen zu finden ist. Sie muß sich befreien aus dem Ghetto der Welt, muß hin zur Fülle des Geschehens. Muß ihre Anhänger an sich ziehen, um sie als Missionare wieder ins Leben gehen zu heißen. Mit der Weisung: Gehet hin und übet Religion! Wandelt Glauben in Leben! Bruno Woyda. Ein ungeschriebenes Kapitel der Weltgeschichte Der Kamps um die Christusmhthe, der im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege so leidenschaftlich die Gemüter beschäftigte, ist heute, nach einer längeren Ruhepause, wieder in vollem Gawge. Dem Anscheine nach hat sich nicht viel geändert, beide Parteien verteidigen ihre Position und greifen den Gegner an, genau so wie früher. In Wahrheit hat sich jedoch ein erheblicher Umschwung vollzogen. Die Problemstellung ist heute eine andere geworden, die Spezialfrage, wie sie von den Mythologen, den Kalthofs, Drews, Robertson und Smith, aufgeworfen wurde, hat sich zu einer weit umfassenderen Kritik unserer gesamten geschichtlichen Uckerlieferung von einem Jahrhundert erweitert, das die wesentlichsten Grundlagen unserer Kultur geschaffen hat. Inzwischen hat man auch in jüdischen Kreisen die Bedeutung dieser Unternehmungen erkannt. Wenn kürzlich eine französische klerikale Zeitschrift dieses starke jüdische Interesse als unangckracht rügen zu müssen glaubte, so mag das vom Standpunkt der konsequenten Tradition aus verständlich sein. In der Arena des Hellen Tages jedoch sehen die Dinge ganz andexs aus. Vor kurzem ist das Werk eines jüdischen Gelehrten erschienen, durch das die Diskussion auf ein ganz neues Terrain gerückt wird. Es handelt sich um Robert Eislers „Jesus Basileus" (Heidelberg 1928 1930), das jetzt in zwei starken Bünden vorliegt. Der Untertitel des Werkes mag einen kurzen Begriff von dem Inhalt gcken: „Die messianische Unabhängigkeitsbewegung vom Auftreten Johannes des Täufers bis zum Untergang Jakobs des Gerechten nach der neu erschlossenen Eroberung von Jerusalem des Flavius Josephus und den christlichen Quellen." Eislers Untersuchungen gehen von allrussischen und rumänischen Handschriften aus, die Uebersetzungen des Flavius Josephus enthalten. Josephus ist bekanntlich der einzige antike Historiker, in dessen Werken uns eingehendere Angaben über die Tätigkeit eines Messias Jesus erhalten sind. Diese Berichte der griechischen Handschriften sind nun leider von christlichen Schreibern stark verstümmelt worden, und diese Zeugnisse sind dadurch für uns völlig unbrauchbar geworden. Man hat vielfach sogar bezweifelt, ob Josephus überhaupt Jesus erwähnt hat, und ob nicht vielmehr die Stellen bei chm freie Erfindungen und Einschiebsel der christlichen Abschreiber sind. Diese Frage darf, dank Eislers Bemühungen, als geklärt betrachtet werden. Die allrussischen Handschriften gehen,