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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-17 · 38 (17.9.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
38 (17.9.1930)
Date
1930-09-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Eine Notaktion in den europäischen Ländern. Me diese Errungenschaften^ — so führte Tr. Singalowfty zum Schlüsse aus — sind jetzt in einer akuten Gefahr. Selbst der dem Ort in Aussicht geteilte an sich geringe Bruchteil der Eingänge aus dem vereinigten Drive (United Jewish Campaign) in Amerika ist infolge des ungünstigen Verlaufs der Sammlungen ausgeblieben. Angesichts dieser verhängnisvollen Tatsache, sah sich die außerordentliche Beratung des Ort-Verbandes genötigt, eine Reihe von Sparmaßnahmen uno Kürzungen vorzunehmen, die mitunter bis 50«/o des früheren Etats für die landwirtschaftliche Arbeit in Polen und Bessarabien, für das Fachbildungswesen und für die Verlags., und Propaganda-Tätigkeit erreichen. Aber auch dieses gekürzte Budget ist noch nicht gesichert. Tie Beratung hat es deshalb für richtig gesunden, schon in der nächsten Zeit zu einer Notaktion in den Ländern Ost- und Westeuropas zu schreiten und die Freunde des Ort iu diesen Ländern auszufordern, dem Ort-Verband in dieser schweren Zeit den größtmöglichen Beistand zu gewähren. Um die Ort-Arbeit von Zufälligkeiten der Massensammlungen und Beiträgen einzelner Personen allmählich unabhängig zu machen, wurde eine Aktion für Erlangung von jährlichen Subventionen seitens aller jüdischen Gemeinden mit Nachdruck empfohlen. In Anbetracht der Tatsache jedoch, daß, die Aufbau-Arbeit im Osten nach wie vor aus amerikanische Hilfe angewiesen sein muß, beschloß die Beratung aus Steigerung der Ort-Einnahmen in Amerika zu wirken. Der Reonec drückte die Hoffnung aus, daß die jüdische Presse ihr Möglichstes tun wird, um die jüdische Oesfeutlichkeit über die gegenwärtige Lage der jüdischen Aufbauarbeit und die dem Ort Werk drohenden Gefahren auszutlären. Ausbau der konstruktiven AugehSrigen-Hilfe. Ueber die konstruktive Verwandten-Hilfe führte Dr. D. Lvovitch u. a, folgendes aus: Die individuelle Verlvandteuhilse in der Form von Geldüberweisungen seitens der ausgewanderten Angehörigen hat von jeher eine große ökonomische Bedeutung für' die Emigratiousländer, insbesondere aber' für die jüdische Bevölkerung der ostpreußischen Staaten, gehabt. Ganze Gemeinden lebten hier von den Geldsendungen aus den Vereinigten Staaten und den anderen überseeischen Staaten. Um diese individuelle Verwaudtenhilse gewissermaßen zu rationalisieren und somit den Wiederaufbau des osteuropäischen Judentums zu fördern, hat der Ort- Verband im Jahre 1928 die Mion der konstruktiven Berwandtenhilse m die Wege geleitet. Von Ende 1928 bis Juni 1930 wurden nach Nußland über 2000 Maschinen im Werte von rund 500000 Dollar gesandt, wodurch über 2000 deklassierten Familien eine Existenzmöglichkeit gegeben wurde. In Rußland repräsentieren diese Maschinen einen, anders halb fachen Wert, da es dem ,,Ort"-Berbrnde gelang, auf Grund des mit der Sowjetregierung geschlossenen Sonderoertrages Zoltfreiheit für diese Lieferungen zu erwirken. Ende 1929 und Anfang 1930 machte diese Aktion eine Krise durch, die auf die Koltektioierungsbestrebungen und den Kampf gegen die individuelle Wirtschaft zurückzuführen ist. Die Besitzer von Maschinen sahen sich veranlaßt, sich zusammenzuschließen und Werkstätten aus genossenschaftlicher Grundlage zu begründen, da diese Form der Arbeit die Beschaffung von Rohstoffen erleichtert hat. Tie aus diese Weise entstandenen Artels werden in das Netz der Kooperative eingeschlossen und genießen alte Vorteile derselben. Ten letzten Berichten aus Rußland zufolge ist auch die Arbeit der einzelnen Heimarbeiter in der letzten Zeit bedeutend erleichtert worden und der Druck gegenüber den Heimarbeitern hat erheblich nachgelassen. Alle Maschinen sind jetzt in voller Tätigkeit. Diese neuen Verhältnisse ermöglichen eine Ausdehnung der konstruktiven Verwandtenhilfe in Sowjetrußland. Was die konstruktive Ber- * Gottesdienste Liberale Synagoge Norden (Schönhanfer Allee 162). Freilag, 19. September, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Sonnabend, vormittags 10 Ahr, Gottesdienst. Vorabend des Neujahrsfestes, 22. September. Predigt: Rabb.-Ka«d. Mehler, 1. Tag Neujahr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki, 2. Tag, Predigt: Dr. Smarfensky. Jugend-Gottes bienst an den hohen Feiertagen Metzer Straße 1 (Wohlfahrtsamt Prenzlauer Berg): Rausch haschono Vorabend, Montag, den 22. September, 6 Ahr nachmittags. 1. Tag, Dienstag, den 23. September, 10 Uhr vormittags. 2. Tag, Mittwoch, den 24. September, 10 Uhr vormittags. Jaum Kippur Vorabend (Kol vidre), Mittwoch, den 1. Oktober, 6 Ahr nachmittags, Donnerstag, den 2. Oktober, 10 Ahr vormittags, nachmittags (N'ila) 4.30 Uhr. Eintritt für Jugendliche über 10 Jahren. Karten find unentgeltlich zu haben Schönhauser Allee 162 pt. im Büro. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraße 30). Freitag, 19. September, abends 7.30 Ahr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Hermann Cohn. — An den hohen Feiertagen beteiligen sich die Mitglieder an den von der Jüdischen Gemeinde veranstalteten Gottesdiensten. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstraße 7-8). Freitag, 19. September, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabb.-Kand. Mehler. — Gottesdienste an den hohen Feiertagen im Splendid- Thcatcr, Kaiferdamm 29. Neujahrsvorabend, Predigt: Dr. Swarfenfky, 1. Tag: Dr. Andorn, 2. Tag: Rabb.Kand. Mehler. Am zweiten Vorabend kein Gottesdienst. Berlin. Jüdische Reform-Semeiudt. Gottesdienste am Sonntag, den 21. September. Johannisstraße 16: vormittags 10 Ahr- Predigt: Dr. Jelski. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Lehmann. Predigten an den hohen Feiertagen: Neujahr Vorabend (Nosch haschana), Montag, den 22. September: Johannisstraße: Dr. Jelski; Joachimsthaler Straße: Dr. Lehmann; Kleiststrahe: Dr. Rosenthal. Neujahr Vormittags (Rofch haschana), Dienstag, den 23. September: Johannisstraße: Dr. Nofenthal; Joachimsthaler Straße: Dr. Jelski; Kkeiststraße: Dr. Lehmann. Neujahr Vormittags (Nosch haschana), Mittwoch, den 24. September: Johannis? straße: Dr. Lehmann; Joachimsthaler Straße: Dr. Rosenthal; Kleiststratze: Dr. Jelski. Verföhnungsfest Vorabend (Jom Kippur), Mittwoch, den 1. Oktober: Johannisstraße: Dr. Nofenthal; Joachimsthaler Straße: Dr. Jelski; Kleistftratze: Dr. Lehmann. Bersöhnungsfest Vormittags (Jom Kippur), Donnerstag, den 2. Oktober: Johannisstraße: Dr. Lehmann; Joachimsthaler Straße: Dr. Nofenthal; Kleiststraße: Dr. Jelski. Versöhnungstag Nachmittags (Jom Kippur), Donnerstag, den 2. Oktober: Johannisstraße: Dr. Jelski; Joachimsthaler Straße: Dr. Lehmann; Kleiststratze: Dr. Nofenthal. wandtenhilse in den anderen Ländern Osteuropas anbetrifst, so konnte diese bis jetzt ein nur geringes Ausmaß erreichen, da es bisher noch nicht gelungen ist, mit den entsprechenden Regierungen günstige Vereinbarungen über die zollfreie Einfuhr von Maschinen zu treffen. Tie Verhandlungen mit diesen Regierungen sind noch im Gange. Leider konnte der „Ort" bisher nur einen verhältnismäßig geringen Teil der Personen erfassen, die als Empfänger bzw. als Spender für die Verwandtenhilfe in Betracht kommen. Eine der wichtigsten 'vTM STOltWERO^ billig, iDohlSchmeckcnd nahrhaft. Aufgaben für die Zukunft wird es sein, weitere Kreise von aus Osteuropa eingewanderten Personen für die Idee der konstruktiven Verwertung ihrer den Angehörigen in der alten Heimat gesandten Geldunterstützungen zu gewinnen. Auch nach dieser Richtung hin hofft der „Ort"-Verband auf die tatkräftige Unterstützung der jüdischen Presse. Aus den Gemeinden Berlin. (10 0. G e b u r t s t a g.) Am 1. Tag Roschhaschonoh begeht Herr Moses Salomoil, der Vater des an der (Synagoge Schulstraße Charlottenburg amtierenden Herrn Rabbiners Dr. L. Salomon in geistiger Irische seinen 100. Geburtstag. Das Geburtstagskind legt jeden Sabbat und Festtag den über s o Stunde weiten Weg von der Wohnung Kuno Fischer-Straße bis zur Schulstraße zu Fuß zurück und hat seit seiner Anwesenheit in Charlottenburg (zirka 7 Jahre) das Amt des Thoravorlcsers übernommen, das er unermüdlich ausübt. Herr S., welcher in früheren Jahren als Kultusbeamter und Schochet in den verschiedensten Gemeinden der früheren deutschen Provinz Posen und auch im Auslande tätig war, hat dann über 20 Jahre lang als Pensionär in dem Rohrscheu: Stift .in Bchanowo gelebt. Als B. zu Polen geschlagen wurde, nahm ihn der Sohn von dort zu sich. Am 21. September mittags 12 Uhr wird eine offizielle Festlichkeit in Gegenwart von Vertretern der Behörden und der Jüdischen Gemeinde Berlin stattsinden. Dem alten Herrn wünschen wir „Ad meoh weeszrun schonoh". Berlin. (Ernennung.) Dr. Cora Berliner, die weit über die deutschen Grenzen bekannte Führerin der neutralen Jugendbewegung, ist zum Professor ernannt worden. Cora Berliner ist an jüdischen Dingen stark interessiert, sie gehörte lange dem Borstande des Central!- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an. Berlin. (Hilfskasse der Rabbiner Deutschlands.) Die im Jahre 1907 durch Professor Dr. Maybaum ins Leben gerufene Witwen-, Waisen- und Ruhcgehaltskasse der Rabbiner Deutschlands ist Ende des Jahres 1929 aufgelöst worden. Die Kasse hatte durch die Inflation den größten Teil ihres Vermögens verloren, so daß sic nicht mehr imstande loar, den von der Satzung bestimmten Verpflichtungen nachznkommcn und die vorgesehenen Pensionen-, Witwen- und Waisengelder zur Auszahlung zu bringen. Der noch übrig gebliebene Vermögensrest sollte satzungsgenräß zu einem ähnlichen Zweck Verwendung finden. Infolgedessen beschloß die letzte Mitgliederversammlung, dieses Restvermögen zur Begründung einer Hilfskasse zu verwenden, ruelche nicht mehr wie die frühere Kasse den Charakter einer Versicherung, sondern einer Wohlfahrtseinrichtung tragen sollte. Diese neue Kasse wurde unter dem Namen „Hilfskasse der Rabbiner Deutschlands" mit dem Sitz in Berlin nunmehr ins Leben gerufen. Zweck derselben ist die Gewährung von Beihilfen in Bedarfsfällen an Rabbiner in Deutschland sowie an ihre Witwen und Waisen. Mitglied der Kasse kann jeder Rabbiner in Deutschland werden, der einen Jahresbeitrag von RM. 10,—• entrichtet; andere Personen sowie Körperschaften als Förderer gegen Ein anderes Mal äußert er: „Ich weiß, daß ich nichts weiß und Du recht hast, trenn Du Deine Katze beneidest. Denn es muß sehr schön sein, primitive Gefühle zu haben. Ilud das Unglück tvollte, daß Tn und ich> daß wir beide komplizierte Gefühle hatten. Nur, bei Dir spielt der Instinkt eine große Nolle, bei mir der Intellekt. Ich glaube, das Zweite verwirrt noch mehr. Denn man paßt auf, man untersucht, man zweifelt, man deutet. Und vieles war kompliziert." Und wiederum: „Und das, Ivas Dir so gut gefiel und was Du für richtig hältst, ich meine, die „Angst vor dem Herzcu", das finde ich — verzeih' — nicht sehr richtig. Es ist ja gar keine Angst, sondern «s ist ciue Scham; der „heutige" Mensch geniert sich eben, Gefühle zu haben. In unserer kalten, sachlichen, überlegten Zeit! Kann ihn etwas mehr beschämen, als die Worte „romantisch" oder „sentimental"? Und im Hintergründe lauert wie ein Damoklesschwert (das ist wundervoll, daß es lauert), das furchtbare, das unheimliche Machtwort „Kitsch", darum schämt man sich, Gefühle zu haben und vor allem, sie zu zeigen." Besonders kennzeichnend ist Halsmanns erste Liebeserklärung nach einjähriger Korrespondenz: „Herbert Eulenburg sagt von Heine, daß seine „unüberwindliche Scheu vor allem Pathetischen, diese quälerische Lust, allem Ernstes eine Fratze zu ziehen, nicht jüdisch, sondern echt rheinländisch seien..., diese Angst vor der Phrase, diese Furcht vor der Lächerlichkeit, diese Scheu vor den eigenen Tränen, die ihr Gemüt sich zu zeigen scheut — die ist typisch rheinländisch, sie stammt aus Düsseldorf und nicht aus Palästin a." — seltsam, Ruth, daß gerade vor Dir diese typisch rheinländischcn Züge meines Wesens die Oberhand gewinnen." Auch das ist natürlich Ironie, denn Halsmann erwähnt selbst seiner Freundin gegenüber zu oft in klarer Erkenntnis seine angeblichen Stammesmerkmale, seine „negroiden Lippen", sein „exotisches Aussehen" und beklagt sich gelegentlich darüber, daß alles dies wohl zurückzuführen sei auf „jenen Neger,der vor etlichen Jahrtausenden auf seinem Stammbaum herumgeklettert sei". Er spricht höhnisch davon, daß „ein rassenpolitisch geschultes Auge dies leicht aus der Form seines Antlitzes und der Gestalt seines Leibes erkennen würde". Und immer wieder redet er ihr von den krankhaften Hemmungen, unter denen er leidet: „Nie habe ich gewußt, was Du fühltest. Aber auch nie hast Du es gefegt, oder fast nie und so ist die Geschichte meiner Liebs zu Dir eine sehr traurige Geschichte. Ich weiß nicht mal — ich will nichts beschönigen und ganz offen sein — ich weiß nicht, ob es eine Liebe war. Denn ich weiß nicht, Ivas Liebe ist. Weißt- Du es aber? Kannst Du es sagen, das ist sie und das ist sie nicht... ... Man schämt sich heutzutage starker Gefühle. Mein Gefühl war manchmal so stark, daß es mich krank machte. Und ich schämtx mich seiner. Heute schäme ich mich nicht. Ich habe Deinen Brief erhalten und dann bin ich — im Gefängnis." Philipp HalsMann spricht über Literatur mit seiner Freundin, wie ein kritischer Literat, ein zünftiger Empiriker, von vielleicht 40 bis 50 Jahren. Er fällt treffende Urteile über Goethe, Ei T. A. Hoffmamr, Madame de Stael, Maupassant, Maurois, Dvblin, Morgenstern, Coudenhove-Calerghi und viele andere. Man begreift das tragische Verhängnis, wenn er schreibt: „Ich lernte von selbst mit fünf bis sechs Jahren lesen und las alles durcheinander. Mein Vetter hatte mit sieben Jahren das Konservationslexikon von Meyer durchgelesen. Und das Seltsame dabei ist, daß er vieles behalten hat. Und bedenke, ein siebenjähriges Kind will nicht spielen, sondern zieht cs vor, Meyers' Lexikon zu lesen." Uralter Fluch eines jeden Ghettos! Tie rein cerebrale Erziehung! Aber ebenso, wie er seiner Freundin fanatisch zuschwört: „Und ich sage Dir, Ruth, daß ich solange ein verbohrter Maniak bleiben wevde, bis ich ganz und gar rehabilitiert bin, und ich werde mich solange nicht zufrieden geben und solange kämpfen, bis ich zu meinem Rechte komme und ob es Jahre dauert oder Jahrzehnte, das ist mir gleich." und ihr infolgedessen zuredet, von ihrer Liebe zu ihm lassen, ebenso, resigniert teilt er ihr mit, daß seine Familyä mit Schwindsucht „geradezu großzügig bedacht" wäre, und anläßlich einer ärztlichen Untersuchung spöttisch wie immer: „Ein vom Gericht mir vorgeschlagener Arzt untersuchte meine Lunge, ließ mich durchröntgen usw. Er stellte in mein-en Lungen einen Tuberkuloseprozeß mit alten vernarbten, aber auch neuen und frischen Stellen fest. Dennoch wurde auch mein zweites Haftentlassungsgesuch abgelehnt.Diese Nachricht, daß meine Lungen nicht ganz in Ordnung sind, braucht Dich nicht zu betrüben: — „Ich gehe noch durchaus zu heilen." Es besteht auch keine direkte Lebensgefahr, die Sache ist blaß die: Da die Tuberkulose als solche angeblich ungesund sein soll, ist es für mich nicht zuträglich, im Gefängnis zu sein (als ob es sonst zuträglich wäre!). Daraus siehst Du, daß für Dich absolut kein Grund zur Aufregung vorhanden ist." Immer der unverbesserliche Skeptiker, der nur selten aus sich heraus kann und der nur anläßlich des qualvollen Todes des von ihm wohl aus Assoziationsmotiven hochverehrten Cle- Menceau mit Busch zu stöhnen vermag „Ach, der Mensch als Kreatur hat von Rücksicht keine Spur". Dann aber, als er vom Kassationshof zu Wien endgültig verurteilt worden, der Aufschrei einer gequälten Seele: „Meine sehr liebe Ruth, in einer Stunde fahre ich nach Stein a. D. in die Strafanstalt. Zwei Beamte werden mich begleiten. Morgen früh bin ich dort. Ein Sträfling (und das bin ich ja jetzt) darf in zwei Wochen einen Brief schreiben. Darum schreibe ich Dir in großer Eile vor meiner Abfahrt.In der Nacht vom 22. zum 23. träumte ich, daß ich freigesprochen wurde. Vor lauter Glück erwachte ich uud begann mit Ungeduld auf die Entscheidung zu warten. Ich wußte nicht, daß das Urteil erst um 10 Uhr verkündet werden sollte und war daher schon recht nervös, als Dr. Pe. mich um IOI/2 Uhr besuchte. Wie ich sein gar nicht! strahlendes Gesicht sah, verlor ich allen Mut. Dr. Pe. beruhigte mich aber sofort, er sei noch immer ohne Nachricht. Dann erzählte er mir, er habe wenig Hoffnung, deutete mir an, er hätte Grund zu dieser Annahme und schließlich erzählte er mir, er sei telephonisch von Wien angerufen worden, die Nichtigkeitsklage sei abge-> wiesen, allerdings sei diese Nachricht noch nicht bestätigt. Daraufhin begann ich ihn ganz naiv zu befragen, wann denn die definitive; Antwort kommen würde. Da sagte Dr. Pe., die Nachricht sei ja endgültig, man könne nichts mehr erwarten. Und er setzte sich an den Tisch und begann regelrecht zu weinen. Er, der Außenstehende, weinte so, daß er später die Tischplatte mit einem Taschentuch abwischen mußte, aber ich, der Betroffene, hatte keine einzige Träne. Wenn mich in jenem Augenblick etwas erschütterte, so waren es nur Dr. Pe.'s Tränen. Ich werde sie niemals vevgessen. Wie sehr ich ihn in jenem Augenblick, als er die Tischplatte abnn'schte, dafür liebte.Dann kam meine Mutter, Schwester und Herr G. aus Wien. Es war sehr traurig. Und das traurigste ist, daß ich nicht der einzige bin, der darunter leidet. Z. B. muß Linba nun ihre Heirat verschieben. Ich bat sie, das nicht zn tun, doch nicht ihre besten Jahre zu verlieren, aber sie begann zu weinen und sagte, sie würde niemals heiraten, bevor ich nicht in der Freiheit bin. Kurz, wenn ich sagen würde, daß das ganze recht tragisch ist, so wäre es eigentlich keine sehr große Uckbertreibung. Morgen wird man mir in Stein den Kopf kahl scheeren, man wird mich in Sträflingskleider stecken und mich in eine Lelle einsperren. Einmal in vier Wochen werde ich einen Brief schreiben, einmal in fünf Wochen Besuch empfangen dürfen. Ich werde mich einfach fügen. Niemals habe ich so schwer empfunden, daß ich Rücksicht nehmen muß auf meine Mutter, wie jetzt, denn ich würde es sonst nicht tun, wenigstens nicht „einfach". Außerdem quält mich augenblicklich die lächerliche Vorstellung, daß jeder an meinem Aussehen rbzulesen versucht, wie ich diese endgültige Verurteilung aufnehme. Und ich versuche möglichst gleichgültig zu erscheinen, obgleich es mir manchmal schwer fällt, immer die Haltung zu bewahren. Und nun einige.Worte von uns Beiden. Früher war am Futz eines Sträflings eine Kugel angekettet, die ihn an Bewegungen hinderte. Ich möchte nicht, liebe Ruth, daß Dich der Gedanke an mich ähnlich behindert. Dich au Deinem normalen Leben stört. Bitte, liebe Ruth, ich meine es ernst. Ich möchte Dich nicht stören. Bitte, denk an meinen Brief, den ich Dir vor drei Monaten geschrieben habe, und lebe so, als ob ich nicht wäre. Ich bin ja auch n icht m ehr." Damit schließt das Buch. Aber niemals kann, niemals darf der Fall Halsmrnn so schließen. Mag das Obsknmntentum im Zillerthal gedeihen, so lange es will, mag enger Formalistensinn den Herren vom Wiener Kassationshof Scheuklappen anlegen, daß sie aus Bequemlichkeit oder Beschränktheit nicht nach allen Seiten zu sehen und zu härenvermögen: Einmal wird doch wieder die große Reveille der Gerechtigkeit und der Wahrheit geblasen werden, und die gelahrten Herren von Wien werden von ihren hochmögenden Stühlen purzeln, die tumben. Bauern vom Zillerthal sich verlegen ihre Rauschebärte kraulen. Philipp Halsmann wird frei sein. Seine Ehre wird ihm wiedergegeben werden. Genau wie im Falle Dreyfus, dem geschichtlichen Analogon. Es fragt sich nur, ob der schwindsüchtige junge Halsmann seine eigene Rehabilitation erleben wird. Aber sie ist längst nicht mehr eine Sache Halsmann, sondern sie ist eine Sache der gesamten gesitteten Menschheit. — Vergessen wir nicht, auch ein Voltaire hat für die Sache eines Toten, des etwa hundert Jahre zuvor irrtümlich Hingerichteten Bauern Jean CalaH, eines Namenlosen, gekämpft. Mit Erfolg gekämpft. Aber wo sind heute unsere Voltaires, die der Idee der Wahrheit und Gerechtigkeit zürn Siege zu verhelfen vermöchten? Doris Wittner.

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