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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-17 · 38 (17.9.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
38 (17.9.1930)
Date
1930-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tmr jöhttef dazu ist schließlich die gute und lautere Tat! Aber sie rönnen nur Mittel sein, wenn in uns ist der Schauer vor Heiligein, vor Großem, vor Weltschöpjung und Weltgeist, von dem die Himmel erzählen und die mahnenden Stimmen der eigenen Brust sprechen, bis wir all unsere Kleinheit eintauchen in solches Fühlen und Denken. „ „Gottes Lehre aber ist allumfassend, erquickt die Seele!" hierin findet die Frage ihre Antwort, ob nicht Sittlichke't ohne Religion möglich. Gewiß, wenn wir unter Sittlichkeit nur wohlanständiges Verhalten verstehen! Denn die einfache sittliche Tat ist möglich ohne Religion, ganz gleich, ob wir sie Moralität oder Legalität nennen, d. h. ob sie durch leges Gesetze erzwungen wird, oder durch mores — Sitten uns zur stillen Gewohnheit wird. Fromme Tat .aber ist mehr, da sie bedingt ist von Weltanschauung, da sie nur der letzte Ausdruck ist von einem allumspannenden Gefühl, das unserem Sinnen und Trachten, Empfinden und Denlen seine innere Weihe gibt. Das „allumfassende" der Gotteslehrc gewährt uns mit dem Tiefblick in das Walten Gottes den Antrieb all unseres Handelns. Das ift mehr als Moralität und Legalität! Eine römische Matrone fragte einst einen jüdischen Weisen, warum der Buchstabe Lamed über alle Buchstaben hinausraae. Er antwortete, da alle Verbote mit ihm beginnen (lau). — Jener Weise hatte den Sinn der Thora nicht erfaßt! Das ist lein hervorragender Standpunkt. Kindern muß. man verbieten, weil sie die sittliche Kraft zur Erkenntnis noch nicht in sich haben. Menschen niederer Kulturstufe sind Verbote das wichtigste, weil ihr sittliches Wollen kraft- und hemmungslos ist. Und nicht das ist der bestregiertc Staat, der die besten Gesetze hat, sondern der, bei dem die Gesetze überflüssig sind, weil durch Belehrung das Bewußtsein der Sittlichkeit zur Auschaung und gemütstiefen Selbstverständlichkeit wurde. — Und so erscheint die andere Auslegung treffender und dem Judentum gemäßer: „Das Lamed ragt hervor, weil Lamed lehren heißt." Lernen, forschen, lehren, hineinschauen in die Seele des Alls und in das All der eigenen Seele, das ist jüdische Frömmigkeit. Lauschen auf die Sprache des Himmels, des Alls, die von der Herrlichkeit, Ewigkeit, Unendlichkeit Gottes spricht und hinhorchen aus die Stimmen der Lehre, die uns zum Blick in die Ewigkeit bereit macht, gewinnt den Sinn des Daseins — „meschiwath nesesch Scelenbeglückung." Hilfswerk in 7lol Aeußerungen von Dr. S. A. Singalowsky und Tr. A. Lvovitch,. Im Anschluß am die außerordentliche Beratung der Mitglieder der Zentral-Verwaltung und des Ratspräsidiums des Ort-Berbandes empfing die Zentral-Verwaltung im Hotel Eden die Vertreter der jüdischen Presse Europas und der überseeischen Länder, um sie über den gegenwärtigen Stand und die in der letzten Zeit entstandenen aktuellen Probleupe der Aufbau-Arbeit des Verbandes zu informieren. Nach den kurzen Begrüßungsworten des Herrn Prof. S. Frankfurt ergriff Dr. A. Singälowfky das Wort, um über den Rahmen der Ort-Arbeit hinaus den Gesamtkomplex der Fragen d^s jüdischen Äufbaus im Osten in knappen Zügen zu skizzieren. Ihm folgt Dr. Lvovitch, der über ein Spezialgebiet der Ort-Arbeit, und zwar über die konstruktive Verwandtenhilfe, referierte. Dr. Ä. Singasowfky führte u. a. aus: „Tie Depression auf dem amerikanischen Geldmärkte, die eine lebhafte Beunruhigung in den Wirtschaftsweisen Europas hervocgerufen Die Briefe Philipp Halsmanns Am 30. Januar 1930 veröffentlichten wir an dieser Stelle unter dem unmittelbaren Eindruck der etwa am 23. Januar erfolgten Verwerfung der Nichtigkeitsbeschwerde im1 Prozeß gegen den jungen Rigaer Studenten Philipp Halsmann durch den Kaftationshof zu Wien einen Artikel unter dem Titel: „Man heißt nicht ungestraft Mardochai". Wir verwiesen damals darauf, daß sowohl das Gelehrtengericht erster Instanz, zuiammengefetzt aus Großdeutschen und Klerikalen, deutschen 5)akenkreuzlern und österreichischen Heimwehrhelden, demagogisch verhetzt von der „Straße", als auch die zweite Instanz, die Bank der Zillerthaler Geschworenen, diesem östlichen Fremdling, einem Hyperintellektuellen mit den starken Hemwungen seiner Rasse, die ihn sich selbst zum größten Feinde werden ließen und die Verteidigung stark behinderten, aus instinktmüßigen oder politischen Gründen keine Gerechtigkeit hatten widerfahren lassen. Umsomehr Vertrauen hatte die gesittete Welt auf den Kassationshof zn Wien, die Oberste Gerichtsbehörde Oesterreichs, gesetzt, der die Nichtigkeitsbeschwerde in Sachen Halsmann vorlag. Vergebens. Der Kässationshof zu Wien hatte sich — sicherlich in gutem Glauben — nur an den Buchstaben seiner Aufgabe gehalten, das Innsbrucker Urteil nur auf Formfehler zu prüfen, war aber dem Ethos seines hohen Amtes ausgewichen, das eine Wiederaüsrollnng der Sache selbst als „sittliche Forderung" präsentierte. Wir haben damals an die Analogie des Falles Dreyfus erinnert, in dem Frankreichs beste Männer und klügste Köpfe über ein Jahrzehnt hindurch für die Rehabilitierung des ihnen gewiß auch nicht sonderlich sympathischen Alfred Treysus kämpften. In Paris hat die Idee der Wahrheit und Gerechtigkeit gesiegt. Aber das Innsbruck der „Männer im' Bart" ist nicht Paris, und selbst Wien, dessen juristische Fakultät dereinst Männer von internationalem Ruf und Rang zu den ihren zählte, scheint heute ganz andere Sorgen zu haben, als die Wiedergutmachung eines offenkundig begangenen und von dem höchsten Wiener Gerichtshof bestätigten Rechtsirrtums. Vergeblich hat Alfred Kerr die „Kulturschande" dieses Verdikts durch den Rundfunk Millionen von Zuhörern in Herzen und Hirne gehämmert; vergeblich hat der Dichter Jacob Wassermann spontan, wie späterhin die Verteidigung Halsmanns offiziell die österreichische Bundesregierung um Gnade für den Verurteilten gebeten; vergeblich hocken allerorten bedeutende Männer und Frauen aller Konfessionen ihre Stimme erhoben, um Protest gegen den offensichtlichen Fehlsprucheinzulegen und Gerechtigkeit für einen Unschuldigen zu fordern; vergeblich war unser eigener Appell: „Wir, die Zeitgenossen Philipp Halsmanns, verwerfen die Gnade und werden unsere Stimme erheben, bis — allen Hakenkreuzlern, Nationalsozialisten und Heimwehrhelden zum Trotz — auch dem Sohne eines Mardochai Halsmann nicht Gnade, sondern Recht zuteil werde. hat, hat in stärkstem Maße die jüdische Bevölkerung Osteuropas betroffen. Um die hier herrschende Beunruhigung zu begreifen, muß man sich die Tatsache vor Augen hatten, daßbeinahe ein Drittes dieser Bevölkerung noch bis vor kurzem aus diese oder andere Weise von Amerika (von Verwandten, sonstigen Angehörigen) direkte Hilfe bekommen hat, und — was besonders wichtig ist — die Mittel für den organisierten jüdischen Ausbau in Osteuropa zum größten Teile aus Amerika kamen. Diese Depression droht bei der gegenwärtigen vereinigten Form der amerikanisch-jüdischen Sammeltätigkeit die Grundlagen der jüdischen Aufbauarbeit zu erschüttern. Es handelt sich dabei nicht nur um das Schicksal von so und soviel Menschen, die von den jüdischen Ausbauorganisationen betreut werden, sondern um ein viel größeres Unheil. Es gilt zu bedenken, daß der Wert und die Bedeutung der organisierten, planmäßigen Aufbauarbeit nicht allein nach der Zahl der von den Aufbauorganisationen wiederhergestellten Existenzen zn messen ist. Mag der Umfang der erwähnten Aufbauarbeit im Vergleich mit der wachsenden Rot der jüdischen Volksmassen noch so bescheiden sein, so bedeutet sie doch oen einzigen zielbewußten Widerstand, der den im gegenwärtigen jüdischen Wirtschaitsleben wirkenden zerstörenden Faktoren entgegengesetzt wird. Das Verdienst um die wesentliche Bedeutung des Ort und der anderen Aufbau-Organisationen besteht darin, daß durch ihre Jnitiativarbejt der Weg gebahnt wird, oen die Bevölkerung späterhin selbst gehen wird bei immer größerer Inanspruchnahme staatlicher Hilfe — der Weg zur sozial-wirtschaftlichen Gleichstellung mit der mchtjüdischen Bevölkerung. Dieser Umstand verleiht der Arbeit der Aufbau-Organisationen den Eharakter einer zentralen jüdischen Aufgabe, von deren Schicksal die weitere wirtschaftliche Entwicklung in erheblichem Maße abhängt. Zur Schilderung des Zustandes übergebend, in dem der Ort-Verband von der gegenwärtigen Krise heimgesucht worden ist, führte Dr. Singaiowsktz eine Reihe von Ziffern und Tatsachen au. die den Verlauf der wirtschaftlichen und kulturtechnischen Arbeit des Ort-Verbandes für 'die letzte:: vier Jahre illustrieren. Das Wachstum dieser Tätigkeit ist nicht durch Beschlüsse vom grünen Tischaus hcrvorgerusen worden, sondern erfolgte völlig organisch durch den zwangsläufigen Ausbau des bereits Vorhandenen. Der finanzielle Umfang der Ausbau-Arbeit des Ort- Verbandes in den Jahren 1926 bis 1929 erreichte die Summe von zirka 3 Millionen Dollar. Der Etat der Zentraloer-, waltung stieg von 331091,50 Dollar im Jahre 1926 auf 393 579,13 im Jahre 1927, ans 507 557,90 im Jahre 1928 bis aus 759657,11 im Jahre 1929. Hinzu kommt der Betrag für Maschinen, die von Ende Oktober 192S bis 1. Januar 1930 nach Rußland für Rechnung ausländischer Verwandten gesandt worden sind. Ferner wurden an die verschiedenen jüdischen Kreditgenossenschaften in Sowijetrußland Maschinen und Rohstoffe für einen Gesamtbetrag von über 400000 Dollar gegen Kredit geliefert. Von den in den Jahren 1926 vom Ort-Verbano neu erhaltenen 1295 866 Dollar entfallen auf Amerika (Zuwendungen des Joint, selbständige Sammlungen des amerikanischen Ort) 60<Vo. Bezeichnend ist die Tatsache, daß die Eingänge aus den osteuropäischen Ländern in: steten Steigen begriffen sind. So betrugen sie im Jahre 1926: 31037,13 Dollar, 'im Jahre 1927 46 017,42 Dollar, im Jahre 1928 89175,58 Dollar und im Jabre 1929 121909,70 Dollar. Von dem hohen Grad der Selbsthilfetätigkeit seitens der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung zeugt auch das stete Anwachsen der Rückzahlungen der landwir'lschasllichen Kredite. Sie betrugen im Jahre 1926: Niemals ist ein Urteil mit mehr Fug „gescholten" worden: denn allzeit muß über das geschriebene Recht die ungeschriebene Gerechtigkeit obsiegen." Immer noch sitzt Philipp Halsmann, trotz vorgeschrittener Lungentuberkulose, in Sträflingskteidern mit kürzgeschorenem Kopf in der Strafanstalt am Stein und verbüßt seine vierjährige „schwere" Kerkerhaft. Immerhin: Zeit und auch Menschlichkeit haben auch inzwischen für Philipp Halsmann gearbeitet, wenn er selbst auch die Früchte dieser Arbeit noch nicht zu ernten vermag. Tie vertrautesten Briese Philipp Halsmanns aus der Haft au eine Freundin — ein offenbar sehr tapferes, aufrechtes junges Mädchen von ebenso nobler Gesinnung wie starkem Gefühl — sind herausgegeben worden voll einem Dr. Karl Blanck, der sowohl Halsmann als auch seiner Familie völlig fern steht, der die Veröffentlichung jedoch der Empfängerin der Briefe, durch die er Kenntnis von den: Briefwechsel erhielt, schuldig zu fein glaubte. Ein rein christlicher Verlag Engelhorn Nachfolger, Stuttgart (es ist bitter, aber charakteristisch für unsere Zeit, daß man diese Tatsache erwähnen muß) hat die Civilconrage aufgebracht, diesen Briefwechsel zu edieren, und Kritiker von Namen und Bedeutung haben ihn zum Anlaß genommen, um die Sache Philipp Halsmann als eine Sache der Menschheit erneut dem menschlichen Gewissen zu unterbreiten und an vergängliche Moralgesetze zu erinnern. Philipp Halsmann betont in diesen Briefen jelbst unverzagt die Gewißheit seiner dereinstigen Rehabilitierung, indem er immer wieder ansruft: „Un jour viendra..." Gewiß, auch wir sind überzeugt, daß dieser Tag kommen wird, weil er kommen muß, wenn nicht das! Land, das den Fehlspruch ausgesprochen und bestätigt hat und das einen Unschuldigen leiden läßt, allgemach selbst in einen Abgrund moralischer Fäulnis versinken will. Ein anderes aber ist, ob der väterlicher- und mütterlicherseits mit Tuberkulose erblich stark belastete, schon heute schwer schwindsüchtige junge Mensch ihn in der Kerkeratmosphäre am Stein erleben wird. Alfred Treyfus war ein gesunder Mann in der Blüte seiner Jahre, als das verbrecherische Unheil ihn traf. Außerdem arbeiteten, während er auf der Teufelsinfel schmachtete, die großen Kapitalien und wichtigen Beziehungen feiner hochangesehenen Familie für ihn. Philipp Halsmann dagegen, ein ostjüdischer Student, anfangs der Zwanziger und doch schon hippokratisch gezeichnet, ein den Zillerthaler Volksrichtern durch die Hybris feines Intellekts durch und durch antipathischer und durch die seelische Schamhaftigkeit, die Hemmungen eines dank seines Stammesschicksales nur zum passiven Widerstand erzogener, mithin völlig unverständlicher Mensch: wodurch und wann soll dem die Stunde der Befreiung schlagen, wenn nicht die Kulturmenschen aller Nationen aufstehen, mit Fingern auf dm Kassattonshof zu Wim zeigm und kategorisch verlangen: Ihr habt unrecht getan, sühnt es, macht es wieder aut, oder Ihr seid des hohen Namens, den Ihr Euch anmaßt, nicht wert. 14984,27 Dollar, im Jahre 1927 40900,18 Dollar, im Jahre 1928 43 057,11 Dollar, um im Jahre 1929 aus 87 570,57 Dollar zu steigen. Das Wachstum des finanziellen Ausmaßes der Ort-7Tätigkeit steht im engsten Zusammenhang mit der Erweiterung des Aufgabenkreises oes Verbandes. 1926 und 1927 streckte sich diese Tätigkeit fast ausschließlich aus das Fachbildungswesen und die Landwirtschaft. Im Jahre 1928 setzte die Tätigkeit für die konstruktive Verwandtenhüse uyo im Jahre 1929 die intensive Jndustricalisierungsarbeit ein, die in erster Lin'e von der im Jahre 1929 begonnenen Volkswerk'zeugskampagne in Amerika finanziert wird. Zur Charakteristik des bisher von: Ort-Verband Erreichten seien folgende Zahlen angeführt. Aus dem Gebiete des Fachschulwesens — 103 Lehranstalten, darunter mehrere mir einem fabrikmäßigen Charakter, wo jüdische Arbeiter für die Industrie kurzfristig ausgebildet werden. Tie Zahl der Besucher erreichte per 31. Dezember 1929 7 779. Mährend der Jahre 1926 bis 1927 absolvierten die Lehranstalten des Ort bzw. erhielten eine teilweise Ausbildung 9 400 Personen, von denen zirka 80° 0 in ihrem Fache Beschäftigung gesunden haben. — Die landwirtschaftliche Tätigkeit des Verbanoes erstreckt sich auf 179 Ortschaften in Svwjjetrnstiand (mit zirka 5000 Familien), in Polen (mit 1152 Familien) und Lessaraien (mit 450 Familien). Als Erfolg dieser Arbeit ist zu verzeichnen die allmähliche Umwandlung des Wirtschaftssystems in den russischen Kolonien (Einführung technischer Kulturen an Stelle des Getreideanbaus, Intensivierung der Milchwirtschaft, der Viehzucht und des Weinbaus) und die Organisierung der 'jüdischen Landwirtschaft in Polen und Bessarabien auf genossenschaftlicher Grundlage. Die 25 landwirtschaftlichen Genossenschaften des Ort in Polen und Bessarabien umsaisen. insgesamr 1602 Wirtschaften mit einem Bodenbesitz von 6097 .Hektar. Tie bisherigen Ergebnisse der Jndustrialisierunasarbeit des Ort-Verbandes drücken sich. u. a. in der Organisation von 36 Artels in Sowjetrußland, von denen 17 bereits in vollem Betriebe sind und über 1600 Personen aus Herr Reihen der ehemaligen Deklassierten beschäftigen. Die restlichen 19 Artels, die demnächst eröffnet werden, werden weitere 2000 Deklassierte beschäftigen. ist, daß unter den Artels nur eine dem Schneidersach gehört. Zum Gebiete der Jndustrialisierungsarrcit gehört auch die Belieferung der Heimindustrie und der genossenschaftlichen Werkstätten. der jüdischen Kreditkooperation mit Maschinen und Rohstoffen, (die zirka 5000 Familien Arbeitsmöglichkeit gegeben hat), die Garnlieferungen, speziell für die Trikotagestcimindustric (gemeinsam mit dein Agro-Joint), die Versorgung der Deklassierten mit ausländischen Maschinen _ für Rechnung ausländischer Verwandten usw. Welchen Umfang die Versorgung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa mit modernen ^Maschinen und Instrumenten angenommen hat, zeigt am besten das Steigen der Umsatzsummen der Mm Or't-Berbande ins Leben gerufenen Eo. operative Tool Suppt h Co. der im Jahre 1928 der Agro-Joint beigetreten ist Von 65 231 T-ollar im Jahre 1929 ist der Umsatz der T öo* Supvly aus 151373 Dollar im Jahre 1927, ans 355958 Dollar im Jahre 1928 und aus 578 667 Dollar im Jahre 1929 gestiegen. Als besonderer Erfolg der Jndustrialisierungsarbeit in Sowjetrußland sind die Versuche zur Einschichtung der jüdischen Jugend aus der Ukraine und Weißrußland nt die russische Industrie, in das Transportwesen und in dre Bauindustrie Der Vertrag, der demnächst zwischen der Sowjetregierung und der Vertretung des Ort-Berbandes zum Abschluß gelangt, wird die Erweiterung dieser Tätigkeit m bedeutenden: Maste ermöglichen. Tie Briese Philipp Halsmanns, die _uid)t zum Fenster hinaus geschrieben sind, geben restlos psychologischen Aufschluß über die Persönlichkeit dieses jungen viclspältigen Märtyrers, liefern aber für oen gesunden Menschenverstand und das unverfälschte Menschengesühl auch den schlüssigen Beweis für die bedingungslose Unschuld dieses fälschlich zum Vatermörder Gestempelten. Wir schrieben schon damals m unserem Artikel, daß. Philipp Halsmann keinerlei Spuren eines echten, abasverischen Paricida, wie Schiller ihn zeichnete, gezeigt hätte. Nicht nnr, daß die ihm zur Last gelegte Tat jeglichen Motives entbehrte; fuhr er auch nicht „schaudernd vor sich selbst zurück" und flehte auch nicht „Oh, wenn ^hr Mitleid fühlt und Menschlichkeit". Im Gegenteil: Mitleid ist Philipp Halsmann verhaßt und wird von ihm in brüsken Formen abgelehnt; der Glaube an Menschlichkeit aber ist in ihm, vielleicht auch dank vieltaufendjährigen Atavismen nur gering ausgebildet und wird durch sein Schicksal nicht Eben gesteigert. Er neigt zur Selbstanalyse und zur unbarmherzigen Kritik anderer. Er ist zersetzend in seinen Toppeleigenschaften als Jude wie als intellektueller Rupe, vom Stamme der Dostojewski, Gontscharow und ihrer jünger. Er sieht seine Situation nicht nur richtig, er erkennt ,ie durch sein unbeirrbares Gefühl. Man lese beispielsweise den Passus aus! einem Brief: „Weißt Du, mau hat mich schon über einen halben Monrr nicht "rasiert. Unlängst fragte mich der Gesängnisarzt, ob ich nnc etwa einen Vollbart stehen lassen will. Was hältst Du eigentlich von dieser Idee, Ruth? Es hat schon jemand bei den Tirolern sein Glück mit einem schönen Bollbart gemacht. Und als dann das Rad der Geschichte sich um 180 Grad gedreht hatte, und ein Preis auf seinen Kopf gesetzt wurde, wollte der Betreffende nach Obcr-Ocsterreich fliehen. Aber er hätte seinen Vollbart abnehmen müssen, um unerkannt zn bleiben. Da verzichtete er lieber ans die Flucht. — Man hat hier übrigens sogar eine Straße nach ihm genannt (Andreas Hofer-Straße). Also was hältst Du vom Vollbart?" Oder die folgende Stelle: „Bor einigen Tagen bekam ich von einer fremden Dame aus Oesterreich einen reizenden Brief. Sie fühlt sich gedrängt, mir zu sagen, daß sie an meine Unschuld glaubt, daß ich den Glauben an menschliche Gerechtigkeit nicht verlieren soll usw. Aber, liebe Rutb, mein Glaube an sie ist längst — wie der Volksmund sagt — „in/Marsch". (Ob der Volksmund das auch so schreibt, weiß ich nicht, er soll ein Analphabet sein.) Denn menschliche Gerechtigkeit! ist (theologisch gesprochen) Menschenhandwerk, und gegen mich wird ein e ganz schöne Propaganda geführt. Einem hakenkreuzte rischen Blatt (es trägt den kraftstrotzenden Titel „Der eiserne Besen") geht mein Schicksal so nahe, daß es gratis Zettel verteilt und sogar verschickt, in denen es sich meiner sehr herzlich annimmt, mir Komplimente macht und mich ein „g r und g e s ch e i tes Judenjüng el" nennt. Und obgleich ich sein Interesse, seine Teilnahme und seine Würdigung an meiner Person geradezu reizend finde, tritt die paradoxale Tatsache ein, daß mein Glaube an die „menschliche Gerechtigkeit" trotz des kraftstrotzenden Namens gar nicht gekrästigt wird."

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