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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-17 · 38 (17.9.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
38 (17.9.1930)
Date
1930-09-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWlhÄwckZülW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. R«dakt«»rr Brno BorOo. AteB«eedüg«mg für da» Nberale Judentum übernimmt nur t* diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Rame« »Derin ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Deriflhwctorag. Alle anderen Artikel, Arntzernagea und vorichW^ erscheinen «nter der VeranKvvrtnng der Redaktion. Die „Jüdisch-Uberals Aeiluagerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. yollesche Str. 1 ernrtij: Vervmaun 3355, 3359 Rachdruck sämtlicher Original-Beitrag« oftscheckkouto: Berlin RV 7. 137 069 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für da» liberale Judentum» Redaktion gestattet. Lezugsprel» durch die Geschäftsstelle '/«jährlich VL 1*» > Einzelnummer 0.25. Sei freier Zusendung i. Inland 8J0 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der bezugrprei» im MitgliedsbeiKage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12 gespalt. Nonpareillezeile L4L Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Auzeigeuaaaahme bei der Geschäftsstelle u. famtl. Auaouceu-Es»edit. Nr. 38 Berlin. 17. September 1930 10. Jahrgang Aach der Relchstagswahl Daß die Nationalsozialisten als Nutznießer der politischen Unzufriedenheit und der wirtschaftlichen Not des deutschen Volkes gestärkt aus der Wahl zum Reichstag heroorgehen würden, war allen gewiß. Daß es ihnen gelingen würde, die Stimmen- und Mandatszahl gegerrüber der erst vor zwei Jahren stattgefundenen Reichstagswahl aus das Acht- bis Neunfache zu steigern, bedeutete dennoch für jeden eine Überraschung. Nun ist die Nationalsozialistische Arbeiterpartei die zweitstürkste Partei im deutschen Volke geworden. Das Erste, was wir hierüber empfinden, ist das Gefühl tiefster Beschämung als Kulturmenschen. Ist es begreiflich, daß auf die Rattenfänger-Melodien einer Partei sich sechseinhalb Millionen wahlberechtigte Deutsche in die Irre führen lassen? Daß sie einer Partei folgen, die nicht durch Geist sondern durch Geschrei, nicht durch Taten sondern durch nach Belieben auszufüllende Blanko-Rezepte zu werben versteht? Man mag gewiß dagegen schreiben, daß nun als Folge des Wahlausgangs der Pessimismus noch weiter um sich greift, mag zur Entschuldigung für den Ausfall der Wahl auf den krankhaften Zustand des deutschen Volkskörpers Hinweisen und die Wahlen als Fieberwahlen bezeichnen. Die Tatsache bleibt, daß seit den Tagen der Weimarer Nationalversammlung bis zur Reichstagswahl 1930 das deutsche Volk in seinem Denken und Tun ein erschreckendes Stück Weges zurückgelegt hat, der von dem Geist der Humanität, dem Geist der Gerechtigkeit, dem Geist des Friedens fortführt. Mit nicht geringerer Sorge muß vom deutschen Standpunkt ans festgestettt werden, daß der Begriff der deutschen Volksgemeinschaft bedroht ist. Nahezu jä>e dritte Stimme wurde für die Kommunistische oder Nationalsozialistische Partei abgegeben. Sechseinhalb Millionen Nationalsozialisten ftehen aus dem anderen Flügel viereinhalb Millionen Kommunisten gegenüber. Gilt da noch das Bekenntnis echter Volksgemeinschaft, der Rütli-Schwur: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr? Werden nicht im neuen Reichstag die Reden an der Tagesordnung sein, die mehr der Vernichtung als dem Ausbau dienen können, die von Prrteienhaß mehr beseelt sind als von dem Geiste der Volksverbundenheit? Man denke nur an das kommende Reichstagspräsidium, das ja nach der Stärke der Parteien gebildet wird, also: Präsident ein Sozialdemokrat, erster Vizepräsident ein Nationalsozialist, zweiter Vizepräsident ein Kommunist. Mit dem Ausgang der Wahlen ist dem völkerverbindenden Wollen ein schlechter Dienst erwiesen worden. Aber nicht weniger dem Streben nach Volksverbundenheit. Unzufriedenheit und Verzweiflung sind die Wahlpaten gewesen. Deshalb muß alle Energie darauf verwcnrdt werden, die Erreger dieser Stimmungen zu beseitigen. Das soziale, wirtschaftliche und politische Fundament muß wieder so gestaltet werden, daß den demagogischen Zauberkünstlern der Agitationsboden entzogen wird. Hier mitzuarbeiten, in weit stärkerem Maße als bisher, in einem Geiste, der von sozialem Verständnis und Verantwortungsbewußtscin und gestaltendem Zukunftswilleu gleichermaßen bestimmt wird, ist dringende Pflicht. Das Schiff, mit dem unser Ich verknüpft ist, befindet sich in Seenot. Wer darf sich der Rettungsarbeit entziehen? Ter jüdische Deutsche hat nach diesen Wahlen noch eine ganz besondere Pflicht zu erfüllen. Gewiß sind nicht alle Wähler der Nationalsozialistischen Partei nur aus Antiseimitismus zur Abgabe ihres Stimmzettels veranlaßt worden. Aber die Tatsache, daß sechseinhalb Millionen Deutscher keinen Anstoß daran nehmen, eine Partei zu wählen, die mit dem Judenhaß die wirksamste Reklame für ihr Geschäft betreibt, muß uns zum Nachdenken über die Wirksamkeit der bisherigen jüdischen Abwehrarbeit Anlaß bieten. Dabei wird in späterer Stunde auch manch ernstes Wort über die Betriebsamkeit bei jüdischen Kandidaturen und jüdischen Wahlaufrufen zu sagen sein. Die gesamte Arbeit gegen den Judenhaß wird eine Umstellung von Grund auf erfahren müssen. Statt weiterhin der einen antisemitischen Lüge den Kopf abzuschlagen, an dessen Stelle doch nur zehn neue erwachsen, wird es geboten sein, die Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen neu zu knüpfen und zu befestigen. Niemals stärker als bei diesem Reichstagswahlkampf zeigte sich doch, daß bei Millionen nichtjüdischer Deutscher die Kenntnis des jüdischen Deutschen durch ein Schreckgespenst ersetzt wird. Ideologien mögen trennen. Aber gemeinsame Arbeit verbindet. Und stärker als die nationalsozialistische Theorie wird das Beispiel des lebenden jüdischen Deutschen zu wirken geeignet sein. t Nach dieser Reichstagswahl müßte es Pflicht eines jeden jüdischen Deutschen sein, weit stärker als bisher Beziehungen mit Nichtjuden zu pflegen. Jeder Einzelne kann aus diesem Gebiete einen Baustein zu dem neuen Hause der Volksverständigung beitragen. All die Absonderung, die in den letzten Jahren in jüdischen Kreisen propagiert wurde, gleichviel ob auf dem Gebiete der Schule, der sportlichen Betätigung oder wo sonst immer, sollte jetzt einmal einer gründlichen Revision unterzogen werden. Tie jüdischen Gemeinden müssen wieder lernen, sich auf den Aufgabenkreis von Religionsgemeinden zu beschränken, auf dem Gebiete des Kultus, des Religionsunterrichts und der Wohlfahrtspflege sind die religiösen Aufgaben zu erfüllen, und sie sind wahrlich nicht gering. Aber der Geist der Absonderung, der unter dem Schlagwort vom jüdischen Milieu propagiert wird, muß dem Willen gemeinsamer Arbeit der jüdischen mit den nichtj irdischen Deutschen weichen. Kennenlernen und Aussprechen ist ein weit besseres Erziehungsmittel, als Fremdheit bestehen lassen und Bekämpfen. Das ist die Lehre, die sich für den jüdischer: Deutschen aus den Wahlen ergibt. Ter aus Unkenntnis bei der: Nichtjuden in Mißkredit geratene jüdische Name muß durch Neuanknüpfung persönlicher Beziehungen und gemeinsame Arbeit wieder zur Ehre gebracht werden. Der deutsche Jude wird dadurch nicht nur sich und seiner jüdischen Gemeinschaft dieuerr, er wird auch einen Beitrag liefern zur Genesung der deutschen Volksgemeinschaft und zum Verstehen in der Menschheit. B. W. Jüdische Frömmigkeit Eine Roschhaschonoh-Betrachtung des 19. Psalms Von Rabbiner Dr. Tavin Schönberger, Aachen. Es ist mir schon des öfteren begegnet, daß auf meine Frage nach der Stellung eines jüdischen Menschen zur Religion man mir antwortete: „Fromm bin ich nicht, d. h. ich halte nichts von den Formen und Bräuchen. Wohl aber gehe ich zu den hohen Feiertagen ins Gotteshaus, denn meine Eltern taten das auch, und ich bemühe mich, sonst, ein redlicher Menjch zu sein." — Ein anderer aber antwortete mir auf meine Frage: „O ja, ich bin noch fromm, kty lege iogar noch Tefillin und trage im Tempel einen Tallis." — Diese beiden Antworten sind charakteristisch und kennzeichnen zur Genüge, daß von uns liberalen Juden der Umkreis der jüdischen Frömmigkeit längst nicht genügsam bekannt ist. Beide Men,chen zeigen in ihren Antworten, daß sie nach jüdischer Auffassung noch nicht fromm genannt zu werden verdienen. Weder der Eine, der Mensch der Pietät und anständigen Gesinnung, noch der Andere, der die Treue überlieferter Formen hält. Jedem fehlt einmal das, was der andere vor ihm voraus hat, und beiden mangelt das Letzte und Tiefste jüdischer Frömmigkeit. Vielleicht der herrlichste Gedanke unserer jüdischen Weltanschauung ist es, daß der Sinn des Lebens nicht im Glauben gefunden wird, sondern im absoluten Wert der Tat des einzelnen Menschen. Jeder soll sprechen, wie ein talmudisches Wort es einmal sagt: „Um meinetwillen ist die Welt erschaffen." Dieser Glaube öu den Wert unseres Daseins, wurzelnd in der Göttlichkeit feines Ursprungs, ist der lebendigste Teil jüdischer Frömmigkeit, der zugleich urrser Ich mit der Mannigfaltigkeit des Weltgeschehens verknüpft. Frömmigkeit ist da, wo die Erkenntnis des Menschen um seinen Platz, im All ihn hinaussührt aus der Vergänglichkeit seines Seins zum unvergänglichen Bleibenden. Hier dürfte es uns klar werden, daß die Religion nicht ein Abseitsstehen von der Welt ist, daß sie nicht eine überflüssige Zutat zum Lebensganzen bildet, sondern daß sie sich im Leben selbst offenbart und hinweist aus das, was das Leben uns offenbaren will. Doch auch hiermit ist der Bezirk jüdischen Frommseins noch nicht abgegrenzt. Tic Welt der Erde ist doch in Wirklichkeit nur ein ganz ungeheuer geringer Teil des Weltganzen, des Kosmos. Tie Kosnwnogie des Judentums, seine Anschauung des Weitganzen greift unmittelbar irr die Ethik über. Das heißt ja sich eine Weltanschauung bilden und darum hat jede echte Persönlichkeit eine Weltanschauung, weil das Verhalten zur Welt im tiefsten Grunde zurückgeht auf die Anschauung vom Wesen der Welt, und weil ferner dadurch unser bloß triebhaftes oder bloß anständiges, ethisches Verhalten hinausgehoben wird in die Sphäre des sinnvolten (weil göttlichen)' Weltganzen. Auf dieser Weltanschauung baut sich das religiöse Judentum aus, darum knüpft sich seine wichtigste religiöse Vorschrift — die Heiligung des Sabbaths — unmittelbar an die Lehre von der Weltschöpsung. Darum sagten unsere Weiserr: der „jaum hadin", der Tag, da Gott den Menschen richtet, war „jaum Harras aulom", der Tag, da Gott begann, die Welt zu erschassen. Das Weltall und das Weltgefühl, sie sind hier ein Grundlegendes der jüdischen Frömmigkeit. Erschauen und Erschauern, Erkennen und Erzittern greifen ineinander. Werrn Gott einherzieht, wanken die Berge, die Hügel hüpfen wie Widder, das Meer bäumt sich auf. Die ganze Natur erschauert im Angesicht ihres göttlichen Ursprungs, und mit jubelndem Erbeben gibt der Psalmsänger ihr Ausdruck: „Tie Himmel erzählen Gottes Herrlichkeit, das ausgedehnte Firmament verkündet dos Wunderwerk seiner Hände. Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht gibt's der nächsten weiter, und doch ist nicht Sprache und Rede und nicht vernehmbar die Stimme." Was hier der Psalmift so wundervoll verkürrdet, alle Zeiten und Menschen müssen es erleben, so sie zu dem kommen wollen, was das Judentum unter Frömmigkeit versteht. Nur sind vorüber; nun müssen die innerjüdischen Aufgaben wieder in den Vordergrund treten. Die Wahlen zum „Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden“ müssen vorbereitet werden. Deshalb, Freunde und Mitglieder, sendet sofort Euren Umlage - Beitrag von mindestens RM 10.— auf das Postscheckkonto Berlin Nr. 137069 der Vereinigung für das liberale Judentum! unser Jnnerrblick muß geöffnet sein, nur unser seelisches Hören darf nicht abstumpfen, dann tönt uns aus den Wundern des Alls Gottes Stimme, und dann schauen wir seine ausgestreckte Hand. Hinter der dunklen Wolken Ziehen Glüht leuchtender Welten güldenes Blühen, Und wie wir sie scharren und schauernd erbeben. Ahnen wir Gottes atmendes Leben Um seiner Herrlichkeit Schöpfung schweben, Fühlen sein Lächeln uns gütig umfächeln. Weltall und Weltgefühl, Weltanschauung und Gottesbewußtsein, Erschauen und Erschauern geben der jüdischen Frömmigkeit ihren unerschöpflichen Jungbronnen. Ter goldene Eimer, der in die Tiefe des Brunnens tauchen muß, ist die Seele. Das Herz des Menschen muß dem Gesetz des Alls sein eigenes Gesetz gegenüberstellen. „Zwei Tinge sind es, die das Gemüt immer mit neuer, zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht erfüllen, je öfter und je anhaltender sich der Geist mit ihnen beschäftigt: Der gestirnte Himmel über uns und das Gesetz in uns." Diese schöne Wahrheit des Philosophen Kant hat der Sänger des 19. Psalms schon früher und inniger ausgesprochen. Ter poesievollen Schilderung der Gestirne, die einander Gottes Macht künden, folgt die ehrfurchtsvolle und kraftvolle Gewißheit „Gottes Lehre ist vollkommen, ist allumfassend, sie erquickt die Seele". Wie die himmlischen Heerscharen der Gestirne Zeugnis ablegen von Gott und ihr schönheitsduftender Kranz uns entzückt, so tragen wir Gottes Zeugnis in uns und mit uns! Nichts anderes ist die Thora als der Ausdruck seelischen Fuhlens und Wollens, das um Gott weiß. Die Thora ist das Gewissen, ist die Seele des Judentums, weil aus ihr das Gewissen und die Seele der Juden spricht, die sie durch die Jahrhunderts hielten, trugen und Weitergaben! Wo die Thora ist, so sagen uniere Weisen, ist die Schechina, d. h. die Majestät Gottes, und wo Menschen sich mit der Gotteslehre befassen, ist der göttliche Glanz darum unter ihnen. Von diesem Gedanken ausgehend erhält die Stätte der Thora, die Synagoge, ihre kosmische Bedeutung. So lehrt R. Schimon b. Jochai: Wo immer das Volk der Synagoge und der Lehrhäuser wandert, wandert Gott mit. Diese Gottverbuudenheit, wurzelnd im göttlichen Gebot („Gottes Lehre ist allumfassend") hinaufragend in die unendliche Schönheit und Zweckmäßigleit der Weltschöpfrmg (davon „die Hiuimel erzählen") vereint Weltanschauung und Weltgefühl zur Frömmigkeit des mit Gott, in Gott und durch Gott lebenden Menschen. Wie kleinlich mutet hiergegen die Aussassung des Wortes „Frowmscin" an, wie wir sie eingangs schilderten. Tenn es ist ja Religiosität und Frömmigkeit gar nicht an Ritus und Wohlanständigkeit gebunden, vielmehr gewinnen beide (das Halten der Formen und die religiöse Ethik) erst ihren Wert in dem Grundgefüht und warmen Empfinden, in der den Alltag überwindenden Derrkrraft und erschauernden Bewunderung Gottes. „Tie Erquickung der Seele", das ist der wahre Ausgangspunkt, Inhalt und Ziel der Frömmigkeit. Die erquickte, harmonische reine Seele, die Seele, die freudig in des Daseins Hast und Taumel über Tod und Vergänglichkeit hinschreitet zum Bewußtsein des Unvergänglichen, Lebenswerten — diese Seele gewinnen, ist Ausgabe Frommseins. Alles andere ist nur Mittel! Mittel dazu sind die Symbole und Feste, Formen und Bräuche, ja auch

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