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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-10 · 37 (10.9.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
37 (10.9.1930)
Date
1930-09-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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10. Jahrgang ftummet 37 Benage 10.Sepkember1S30 Umschau Bon der Iewish Agency. In den letzten Augusttagen trat das Administrativ-Komitee der Jewish Agency in Berlin zu einer Sitzung zusammen. Tie politischen Verhältnisse in Palästina wurden eingehend beraten, und für die Arbeit im kommenden Jahr wurde ein Budget in Höhe von 665600 Pfund beschlossen. Bei der Ergänzungswahl für die Exekutive wählte die Versammlung Herrn Nahum Sokolow zum Ehrenvizepräsidenten der Jewish Agency. Tie neue Exekutive, die statutengemäß aus vier von den Zionisten und vier von den Nichtzionisten gewählten Persönlichkeiten zusammengesetzt werden sollte, wurde bestimmt. Ueber ihre tatsächliche Zusammensetzung berichtet die Jüdische Rundschau im Leitartikel ihrer Ausgabe vom 5. September u. a. wie folgt: „Tie Agency-Exekutive besteht jetzt aus folgenden vier Zionisten: Brodetsky, Berlin. Kisch und Ruppin. Hinzu treten die vier N i ch t z i o n i st e n, von denen freilich drei seit Jahren der Zionistischen Organisation angehören, nämlich Julius Simon,Tr. Senator und Tr. Bernhard Kahn; hierzu tritt als vierter Tr. Hexter aus Amerika... Tr. Kahn, der bereits jahrelang im Keren Hajessod mitarbeitet, ist europäischer Direktor des Joint. Neben ihm sind noch zwei der nichtzionistischen Exekutivmitg'tieoer aus der Joint-Bürokratie hervorgeg annämlich Tr. Hexter und Tr. Senator. Beide sind jüngere Kräfte von großen Fähigkeiten, deren Arbeit man mit Erwartung entgegensieht. Der vierte „N i ch tz i o n i st", Julius Simon, ist eine h i st o r i s ch e Figur der Zio - nistenkongresse. Er ist zuletzt 1921 im Zionismus hervorgetreten und hat sich dann in Amerika der Brandeis- , Gruppe verbunden. Ein eigentümliches Zusammentreffen fügt es, daß Julius Simon als nichtzionistischer Vertreter in die Agency-Exekutive kommt zu einer Zeit, wo gerade die Brandeis-Gruppe wieder die Oberhand im amerikanischen Zionismus erhielt. Ob und wann Julius Simon tatsächlich nach Palästina übersiedelt und dort aktiv an der Leitung teilnehmen wird, ist bisher unbekannt. Wie wir hören, wird er im nächsten Winter zunächst auf einige Monate Palästina besuchen." Ter Vorstand der Vereinigung ftir das liberale Judentum hat bekanntlich eine Beteiligung der Liberalen Bereinigung an der Jewish Agency bei den Verhandlungen im vergangenen Jahr abgelehnt. Dennoch haben sich vereinzelt Liberale an der Arbeit der Agency beteiligt. Es ist bedauerlich, daß diese Nichtzionisten derart wichtige Positionen wie die Zugehörigkeit zur Exekutive aus freien Stricken Zionisten übertragen. Hierdurch muß die zionistische Phraseologie in der Grundlage der Agency, die unseres Erachtens entsprechend dem Beschluß der Liberalen Vereinigung Nichtzionisten die Mitarbeit hätte verbieten müssen, auch die praktische Agency- Arbeit entscheidend bestimmen. Befremdlich wirken auch Reden, die ohne Widerspruch von seilen der nichtzionistischen Mitarbeiter in der Agency gelegentlich eines Empfanges der Berliner Jüdischen Gemeinde für die Agency gehalten werden konnten. Wenn dabei der Führer der Jüdischen Volkspartei, Herr Rechtsanwalt Tr. Klee, die Vertreter des Weltjudentums begrüßte und aussührte, der Geist der Jewish Agency werde in den Räumen der Berliner Jüdischen Gemeinde gepflegt, so ist das zweifellos nur seine Privataufsassung. Wir hoffen, daß seine Prophezeihung, die Jüdische Gemeinde Berlin werde sich in den K'lal Jisrael einreihen und ihren Beitrag sür den Keren Hajessod leisten, nicht in Erfüllung gehen wird. Wir glauben auch, daß in die,er Forderung zahlreiche Nichtzionisien trotz ihrer Mitarbeit in der Agency mit uns übereinstimmen. Wie der Einzelne auch zu den Dingen stehen mag. Einigkeit sollte im liberalen Lager darüber bestehen, daß es nicht Sache der jüdischen Gemeinde ist, sich an der Agency-Arbeit zu beteiligen, gleichviel, ob materiell oder ideell. Wenn vereinzelt der Standpunkt vertreten worden ist, die jüdischen Gemeinden haben die Agency-Tätigkeit als ..Gemeinlchaftsaufgabe" zu unterstützen, so wissen wir, daß diese Auffassung erfreulicherweise bei Nichtzionisten in der Agency den gleichen Widerspruch findet wie bei uns. Palästina m dem Völkerbund. Ter Völkerburrdsrat, der anr Montag, den 8. September, zu seiner 60. Tagung zusammentrat, ist gleich in seiner er'ten öffentlichen Sitzung in die Beratung der Palästina-Frage eingetreten. Ten Vorsitz führte der Delegierte von Venezuela, der greise Minister Zumeta. Um hp12 Uhr begann der Berichterstatter für Mandatssragen Procop mit der Verlesung des auf Grund der vorangegangenen Besprechungen mit Henderson nwdisizierten Berichtes oec Mandatskommission. Er bezeichnete ihn als ein gründliche durchgearbeitetes gerechtes Dokument und hob besonders hervor, daß es nicht in der Absicht der Mandatskommission gelegen sei, ihren Kompetenzkreis zu , überschreiten und sich an die Stelle der Mandatarmacht zu setzen. Er billigt den Standpunkt der Mandatarmacht, daß die Einwanderung von Juden der jeweiligen ökonomischen Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt werden müsse und erkennt an, daß die Erklärung der britischen Delegation, die Einstellung der Einwanderung sei nur eine zeitweilige, geeignet sei, Befürchtungen der Juden nach dieser Richtung zu zerstreuen. Er stellte ferner fest, daß des Premiers Macdonald jüngste Erklärung im britischen Unterhaus hinsichtlich der Palästina-Politik der englischen Regierung als Mandatarmacht als ein unzweideutiges Bekenntnis zur Balfour- Tel'laration und zur Politik des Jüdischen Nationalheims aufzüfassen sei. Ter Berichterstatter erklärte, es sei nicht seine Absicht, auf die einzelnen Einwendungen einzugehen, die die britische Delegation zu oen Punkten des Mandatsberichtes gemacht habe. Er schlug c>em Völkerbundsrat vor, dieser möge beschließen, die Schlußfolgerungen, welche sich aus den Mandatsprotokollen ergeben, an die britische Regierung weiterzuleiten und sie einzuladen, Maßnahmen zur Verwirklichung der im Mandatsberichte enthaltenen Vorschläge zu treten. — Henderson erklärte, die Einschränkung der Einwanderung betreffe nur die Acbeiterschedule und auch diese Einschränkung sei nur zeitweilig. Er billigte der Mandatskommission das Recht und die Pflicht zu, die Mandatarmacht zu kritisieren. Tie überzeugenden Ausführungen Procopes hätten ihn, Hen- Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Am Sonntag, den 31. August, wurde die neue Mädchen-Volksschule der Berliner Jüdischen Gemeinde eingeweiht. Ueber die Einweihuügsfeier erhalten wir von einem' Augenzeugen, der weder der extremen liberalen Richtung angehört, noch entschiedener Gegner der jüdischen Schule ist, den nachstehenden Bericht. Zur Einweihung der neuer: Mädchen- Volksschule in Berlin. „Bei der Einweihung der neuen Mädchen-Volksschule der Jüdischen Gemeinde in der Auguststraße am Sonntag, den 31. August, wurden auch deutsche Lieder gesungen — und meisterlich gesungen; denn der Musiklehrer der Gemeinde- Mittelschulen, Herr Löwy, weiß aus spröden Kinderkehlen Kunst hervorzuzaubern. Auch die Sprache der Festredner war deutsch, nicht — (noch nicht) — hebräisch. Aber daß hier die Weihe einer deutschen Volksschule vor sich ging, das war fast unmöglich zu entnehmen. . Das Haus selbst ist architektonisch und pädagogisch ein Meisterwerk, und der Architekt der Gemeinde, Herr Regierungsbaumeister Beer, der den Plan entworfen und den Bau ausgeführt hat, kann stolz darauf sein, ein Werk geschaffen zu haben, das von der baulichen wie von der pädagogischen Fachwelt als gleich mustergültig angesehen werden kam:, das wahrhaft modernen, in die Weite wirkenden Geist atmet. Welcher Geist aber die weiten, lichten Räume durchfluten, und die neuen Generationen durchdringen soll, das offenbarten mit erschreckender Deutlichkeit die Ausführungen der offiziellen Festredner. Alle waren auf den gleichen Ton gestimmt. Ihre Reden waren im Kern nichts anderes als sehr geschickte und für andere streife berechnete Plaidoyers zugunsten der konfessionellen Schule, der jüdischen Volksschule, wie sie sich die jüdische Volkspartei denkt, die jetzt ja auch in der Schulverwaltung maßgebend ist. Ihr Ideal ist es, wie es die Reden deutlich zum Ausdruck brachten, daß die Jugend erfüllt werde nicht bloß mit „jüdischer Heiligkeit", sondern auch mit „jüdischer Weltlichkeit". Im Begriff „Jüdifche Schule" liege schon das urnsafsende Programm, daß der Gesamtunterricht den „jüdischen Geist" atmen müsse, daß er die Jugend vorzubereiten habe — ebenso wie für Deutschland, auch für „Erez Israel". Alle derson, bewogen, der von Procope unterbreiteten Resolution zuzustimmen. Ein Programm über ihre Zukunstspolitik in Palästina werde die britische Regierung erft; nach! Prüfung des Simpson-Berichtes dem Völkerbundsrat unterbreiten. Im weiteren Verlaufe oer Ratssitzung erklärte der holländische Delegierte Van Rees namens der Mandatskommis-, sion, deren Vizepräsident er ist, diese habe nicht erwartet, daß der 'Mandatsbericht über Palästina eine so günstige Aufnahme bei der Mandatarmacht finden werde. Er drückte seine Zufriedenheit darüber aus, daß die Mandatarmacht in ihrer Erkläunrg oen ursprünglich von Henderson vertretenen ablehnenden Standpunkt aufgegeben habe, und sprach die Hoffnung aus, oaß der Rat den Gerechtigkeitswitlen und die Unparteilichkeit, von denen die Mandatskommission bei ihrer schwierigen Aufgabe sich hat leiten taffen, anerkennen werde. Der Vertreter Persiens, Kahn Alla, bemerkte, die Mandatskommission habe in ihrem Berichte die Rechte der nichtjüdischen Bevölkerungsteile Palästinas nicht genügend berücksichtigt und befürwortete die Schaffung von Sel'bstverwaltungsorganen. Ter jugoslawische Außenminister Marinkovic gab dem Wunsche Ausdruck, die Mandatsregierung möge die Rechte der Araber schützen und, während sie den ersten Teil des Mandates durchführt, den zweiten Teil nicht vernachlässigen. Ter Berichterstatter Procope drückte schließlich seine Zufriedenheit über die zustandegekommene Einigung aus und zollte der Mandatskommission für ihre Unparteilichkeit Aanerkenn nug. Der Bericht wurde vom Völkerbundsrat einstimmig angenommen. Reden waren gleichmäßig eingestellt ans die Betonung der „jüdischen Belange", — fast bis zum Ucberdruß. Es schwirrte darin nur so von „jüdischer Erziehung", „jüdischem Geiste", „jüdischer Seele", „jüdischer Heiligkeit", „jüdischer Weltlichkeit", „jüdischer Sehnsucht", die in die Herzen von Schüler und Lehrer gesenkt werden müßten. Kein Wort d;von, daß hier eine deutsche Volksschule für jüdische Kinder geweiht werde, kein Wort von der Liebe zum Vaterland, von der Staatsgesinnung, von der Staatsgemeinschaft, zu der auch wir gehören! ' Erst die Vertreter der staatlichen Behörden mußten — zur Beschämung vieler Teilnehmer — darauf Hinweisen — und sie haben es in höchst wirkungsvoller Weise getan —, daß es Aufgabe auch der jüdischen Schule sei, in die Jugend das freudige Bekenntnis zum Staat im Sinne des deutschen Volkstums einzupflanzen, daß. jüdische Schule erst dann nicht Einschränkung bedeute, wenn ne sich bewußt in den Dienst der Menschheit stellt, wenn sie die Jugend nicht isoliert, sondern zum Kampf fürs Leben in Deutschland vorbereitet. Und selbst der deutschnationale Schulrat stellt, bei aller Betonung der Pflege der Gottesfurcht, als notwendige Aufgabe auch dieser Schule hin, die Erziehung zum Menschentum und zu treuer Staatsgesinnung. — Es ist sehr schade, daß diese Feier nur in der beschränkten Oeffentlichkeit eines kleinen Kreises vor sich gegangen ist. Die große Oeffentlichkeit der Berliner Gemeinde hätte fie erleben müssen. Es wäre dann viele::, vielen klar geworden, wohin wir heute gekommen sind. Nicht die jüdische Schule als solche — denn die aus dem Geiste Mendelssohns und seiner Zeit geborenen zwei ältesten Schulen der Gemeinde haben von jeher einen anderen Geist gepflegt — wohl aber der Geist, der aus den Einweihungsreden sprach, bedeutet — trotz der Verwahrung eines der Redner — nicht die „Harmonisierung des modernen Juden", sondern im Grunde nichts anderes, als ein „Zurück ins Ghetto", als eine „Isolierung" unserer Jugend, als eine Verengung des Geistes unserer Religion, als eine Abkehr von den universalen Welt- und menschenumspannendeu Ideen, die von den Propheten an bis auf .Hermann Cohen als die höchsten Errungenschaften des jüdischen Geistes gepriesen worden sind. Soll es so weitergehen?" Am 30. November sind die Wahlen zur Berliner Repräsentantenversammlung und zum Preußischen Landesverband. Durch sie wird entschieden werden, ob unsere Kinder ins Ghetto zurückgehen werden oder als deutsche Staatsbürger für die Verwirklichung des Menschheitsvolkes schaffen werden. Für den sozialen Volksstaat Gegen völkische Hetze und Antisemitismus Wählt nur Liste 1 Sozialdemokraten

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