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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-10 · 37 (10.9.1930) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
37 (10.9.1930)
Date
1930-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Eine Erwiderung zur Reichstagswahl Bon sozialdemokratischer Seite sind uns zu der hier geführten Diskussion über die Rcichstagswahl noch zahlreiche Zuschriften zugegangen. Sie weisen die Vorwürfe bezüglich Rcligionsseindlichkeit der Sozialdemokratie mit Entschiedenheit zurück, betonen aber andererseits, daß sie den Gedankengängen nicht beüpflichten können, die hier Herr Reis für eine Stimmabgabe zugunsten der sozialdemokratischen Partei angeführt hat. Wir haben uns für verpflichtet gehalten, aus dieser Gruppe von Zuschriften die folgende hier zum Abdruck zu bringen. Tie Red. In der „Jüdisch-liberalen Ztg." voin 27. August 1930 ist von verschiedenen Seiten zur Reichstagswahl Stellung genommen worden, und da im liberalen Judentum zu den politischen deutschen Parteien strikte Neutralität herrschen soll, so sei auch mir als Vertreterin der sozialistischen Weltanschauung eine Entgegnung gestattet. Vorweg möchte ich im Namen vieler Gesinnungsgeirossen auch aus dem Vorstand der S.P.D. für das westliche Westfalen erklären, daß wir auf jüdische Mitläufer nur aus Ressentiment und aus Furcht vor Hitler, die üns nur kennen, wenn'der Judenhaß in Deutschland Orgien feiert und uns sonst genauso bekämpfen wie die politische und soziale Reaktion, gern verzichten. Anton Erkelenz, Pfarrer Ernst Lehmann und noch bedeutende Führer der entschiedenen Demokraten sind jetzt mit großem Vertrauen zu uns gekommen, weil sie in unserer Partei nicht nur den stärksten Garant für die Verfassung von Weimar sehen, sondern weil sie bei uns auch die Ideen der Gesinnungsfreiheit, der Freiheit in kultureller und religiöser Hinsicht am besten gewahrt wissen. Den Ausführungen von Herrn Max Reinheimer kann ich in fast allen Dingen zustimmen und muß im Gegensatz zu Herrn Siegm. Reiß erklären, daß man die Wahlen zum Reichstag nicht nur vom jüdischen Standpunkt aus betrachten darf. Derjenige, der kein Sozialdemokrat ist und keine Sympathie für uns hat, der nichts Schulter an Schulter mit der Arbeiterschaft für den Sozialismus, für die Enterbten und Entrechteten kämpfen kann, der soll sich die Ziele und praktische Arbeit seiner Partei ganz genau ansehen. Nach richtiger Prüfung muß er sich dann fragen, ob er als deutscher Jude in der Deutschen Staatspartei oder in der Deutschen Volkspartei als vollwertiges Mitglied arbeiten kann. Zu den Artikeln von Herrn Dr. Katzenstein und Herrn Gordon muß ich Stellung nehmen. Mit Herrn Dr. K. verbindet mich wohl die gleiche Auffassung in jüdisch-religiöser Hinsicht, doch wirtschaftlich sehe ich die Lage für Deutschland und die Welt ganz anders. Freie Wirtschaft, verehrter Herr Dr., gibt es im Zeitalter der Truste, Konzerne und Genossenschaften schon längst nicht mehr uuo bei der internationalen Verflechtung, bei der Konzentration in Industrie und Handel, soll man endlich einsehen, daß wir längst eine Kollektivwirtschaft haben. Es war einmal, so sage ich hier mit all denen, die nicht blind sind für die Vorgänge auf dem GMete der Weltwirtschaft. Nun beschwert Dr. K. sich, daß die S.P.D. unfern religiösen Belangen kühl, manchmal sogar feindlich gegenübersteht. Darf ich daran erinnern, daß in Preußen die Zuwendungen für die jüdische Religionsgemeinschaft nur mit Hilfe der Sozialdemokratie zustandegekommen sind? Gewiß, unsere Genossen in Bayern haben dem Schächtverbot zugestimmt, doch frage ich in aller Oeffenllichkeit und man soll mich meinetwegen als Ketzer verdammen, steht und fällt denn das Judentum mit dem Schächtveribot? Ist das Judentum, um mit Claude Montefiore, dem Vorkämpfer für eine wahre Erneuerung unseres Glaubens, zu sprechen, denn eine Art „Küchenreligion". Sind die Grundlagen nicht der D ekalog und die sittliche Religiosität im Sinne unserer Propheten? Herr Dr. K. weiß mit mir ganz genau, daß 90 <y» aller reformierten und liberalen Juden den Speisegesetzen keinen Wert wehr beilegen, warum nicht die Wahrheit zugeben? Gewiß, für unsere orthodoxen Glaub-ensbrüder mag es ein Gewissenszwang sein und bo muß unbedingt Abhilfe geschaffen werden, damit sie nach ihrer Ueberzeugnng leben können. Dieser Ansicht sind auch! vieler Freioenler in unseren Reihen. Nocheins, über 20 Jahre bin ich mit vielen Sozialisten zusammengekommen, habe in dm stürmischm Zeiten deutscher Politik die schwerstm Stunden mit ihnen erlckt; noch nie in all den Jahren habe ich auch nur eine häßliche Bemerkung gegenüber Judentum und Judenheit weder von Arbeitern noch von Akademikern vernommen. Im Wahlkampf wird gegen uns immer noch der Vorwurf und die Hetze der Religionsseindr schaft in die Wählermassen geworfen. Diese Vorwürfe sind unglaMich gewissenlos. Die Sozialdemokratie macht ihrm Mitgliedern keine Vorschriften über ihr religiöses Verhalten. Wir verlangm im Staat die Schulhoheit des Staates, nicht der Kirche; wir sind Gegner der konfessionellen Schule, die schon die Kinder unseres Volkes auseinanderreißt. Die Sozialdemokratie hat Raum für alle Weltanschauungen; mehr als zehn Jahre hat in Preußen die S.P.D. mit dem Zentrum regiert. Wäre das überhaupt möglich gewesen, wenn wir eine so religionsfeindliche Haltung eingenommen hätten, wie sie Herr Gordon aus Harburg uns zuschreibt? In Rheinland und Westfalen, auch im Bielefelder Land, sitzen Sozialdemokraten in dm evangelischen Kirchenvorständen; sie haben im Parieileben dieselben Rechte und die Ächtung wie die Freidenker. Dem Bund religiöser Sozialisten macht in der S.P.D. kein Mmsch Schwierigkeitm. Gewiß nimmt der Bund zu wirtschaftlichen und politischen Fragen eine andere Stellung als die Leute, die stets die Religion im Munde führen, deren Taten sehr oft ganz anders ausschauen. Beim Bunde religiöser Sozialisten sind fast 200 evangelische Geistliche, die doch wphl wissen, was jie tun, wenn sie sich der Sozialdemokratie anschließen. Dazu gehört von einem Geistlichen hmte noch immer Mut uno Heroismus, Herr Gordon. Wir wissen, daß wir Freidenker und Atheisten in unfern Reihen habm, aber gibt es die im andern Lager nicht genau so? Soll ich Tausende Troßjuden rüszählen, die von einem Gottesglauben, auch ohne Sozialismus, überhaupt nichts mehr wissm wollen? .Hier könnte ein großer Teil der jüdischen Bourgois sagen: Mea culpa, mea maxima culpa. Anna Siemseu ist fanatische Freidenkerin, doch sie ist nicht diejenige, die nur die Jugend führt. Es sind so viel Gegenkräfte in der Partei vorhanden, daß ich deswegen für unsere Jugend pichts fürchte. Herr Gordon sagt, daß alle sozialistischen Intellektuellen und Gebildeten ju^ngegnerisch entgefteüt sind. Ich protestiere hiergegen mit fielen nichtjüdischen Intellektuellen in schärfster Zorm. Nichts hat den Zom meiner Genossen so hervorgerufen wie diese Behauptung eines Judenhasses von Seiten der sozialistischen Akademiker. — Herr Gordon, ich kenne aus eigener Erfahrung jüdische Intellektuelle in der Partei, die eine Art an sich haben, daß man sie schon aus Achtung vor dem Judentum sehr kühl behandeln muß. Diese Art Intellektuelle und Akademiker lehne auch ich im Interesse unseres reinen Kampfes ab und bekenne mich in dieser Hinsicht zur Abschreckungsmethode unseres alten Genossen Viktor Adler. Wer es ernst meint mit seiner Arbeit und seiner Ueberzeufgung, dem Ganzen zu dienen, der weiß, daß wir Sozialisten schon im alten Deutschland wegen unseres Eintretens für die volle Gleichberechtigung der deutschen Juden in jeder Hinsicht von unfern Gegnern seit Jahrzehnten den schönen Namen „Judenknechte" erhalten haben. Wir haben es nie geduldet, daß die deutsche Judenheit ihres Glaubens und ihrer Abstammung wegen als „minderwertig" angesehen wurde. Erst durch unsere schweren Kämpfe ist es zum großen Teil gelungen, daß in der deutschen Republik der jüdische Deutsche bis in höchste Regierungsstellen befördert wird. Ich bin nicht der Ansicht wie Herr Siegmund Reiß, daß alle Juden wegen der Gefahr des Hakenkreuzes nun der S.P.D. ihre Stimme geben sollen. Wer in der Fusion von Hermann Fischer, Koch und Ordensritter Mahraun, in dieser Mischung von Geldschrank und Parsifal nun sein Heil oder dasjenige Deutschlands sieht, der mag der Synthese von Schwarz -weiß-rot und Schwarz-rotgold beistimmen. — In diesem Wahlkampf, Herr Gordon, geht es nicht um Religion und Kirche, um die Lastenverteilung innerhalb des Volkes. Daß wir uns dagegen wehren, daß durch eine ungerechte Wirlschafts-, Zoll- und Steuerpolitik die große Masse der werktätigen Bevölkerung und der Arbeitslosen noch mehr ins Unglück gestürzt werden, ist für uns sittliche Pflicht. Mit Herrn Reiß sehe ich ganz gut voraus, welchen Anschauungsunterricht die deutsche Judenheil erhält von einer Koalition, die von Hitler bis Brüning reicht. Wir, die wir neben der Bibel Herr Gordon, auch noch Karl Marx durch gearbeitet haben, wissen, daß er die Welt sah wie die Propheten undJesussie gesehen haben — eine untergehende Gesellschaft. — Man sicht nicht die Widergöttl r'ch keil ihrer Grundlagen, nur eine Erneuerung der Gesellschaft wehrt der Zersetzung. Und hier trennen wir religiöse Sozialisten uns bewußt von denen, die meinen, mit Gebet und Gesang, tritt Ritual- und Zeremonien-Aus- Übung „fromm" zu sein. In der Unruhe der Massen sehen wir die Lage der Menschheit deutlich, wir hiören den Rus'der aus den Tiefen dringt und wollen Gott dienen an diesen Gering st en unter unsecn Mitmenschen. Nur wer in der gewaltigen Sehnsucht mit ihnen schreitet, die gtzwastige Arbeit mit ihnen leistet, mit ihnen die Heuchelei des Bestehenden zu zerbrechen sucht, dient dem, was die Lage der Welt von uns fordert. Im entschlossenen Kampf gegen unsere eigene Beschränktheit, unser eigenes Verhaftetsein in den Lebensgewohnheiten unseres Kreises, im Kamps um neue Gerechtigkeit und Frieden, gegen Gewaltgeist und Machtgier, um Gestaltung aller Lebensverhältnisse in diesem neuen Geist iviro es eine Erneuerung der Gesellschaft geben. Das ist die Botschaft der Sozialisten gegenüber den Freunden im liberalen Judentum und zum 14. September, sage kfy mit einem Größeren : „Wer die Hand an den Pflug legt und sichet zurück, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes." H. Vor reut er. * Das Jli'Programm Berlin. JU-Singireis. Montag, de« 15. September, abends 8 Uhr, bei Ilse Fintrl, Charlottenburg, Riebuhrstratze 58. Oliva and Neu-Charlotteuburg. Freitag, den 12. September, abends 8 Uhr, Freitagabendfeier bei Rose Seligsobn, Grunewaid, Douglasstratze 30. Mitglieder aus andere« Groppen sind willkommen! — Mittwioch, dm 17. September, abends 8 Ahr, bei Herbert Schwarz, Moabit, Iagpwstratze 43. Thema: Ostjüdische Kultur. Sieglitz. Dienstag, den 16. September, abends 7 Uhr, bei Hilde Deutschland, Sieglitz, Heinrich Seidelstraße 6. Thema: Colin Rotz, Well puf der Waage! Pankorv-Oste«. Dienstag, de« 16. September, abeicks 8 Uhr, bei Ruth und Gerda Jacobfohu, Niederschönhause«, Kaiser Wilhelmstratze 5. Thema: Wassermann, Mein Weg als Deutscher und Jude. Hermsdmf. Leitung: Manfted Schwarz. 1. Zusammenkunft Donnerstag, de« 11. September, abends 8 Uhr, bei Elle« Jacoby, Frohnau, Franziskanerweg 8. Breslau. Jüngeren-Sruppe: Dienstag, de« 16. September, 20 Uhr, im Jugendheim: Bortrag von Hans Hammer: „Krieg dem Kriege!" — Happtgruppr: Mittwoch, de« 17. September, 20.15 Uhr, im Jugendheim: Bortrag von Herrn Dr. Ludwig Kor«: „Probleme der Mischehe." Frarttfrrer a. M. Jli-Iugeudgruppe: Samstag, den 13. September, bei Wolfgang Edinger, Gartnerweg 55, 16 Uhr, Aussprache: Unser Wiuterprograunn. Liegnitz. Montag, den 15. September, abeuds 8.15 Uhr, veranstaltet der Liegnitzer Jli einen Ausspracheabend im Gemeindehaus in der Backen strotze mit dem Thema: Das Ergebnis der Reichstagswahk und seine Folgen. Ratibor. Am Mittwoch, den 17. September, spricht Herr Bieberfeld aber: ».Die großen Feste." Werbt neue Mitglieder! MUIIER.GIB DEINEM KINDE MEHR ONICl m r, h Aber nur den reinsten u. reifsten B I ENENHONIG C. M. IM KLEE netto 9 Pfd. 11.70 netto 5 Pfd. 7.00 netto 3X3 Pfd. 12.40 netto 2X3 Pfd. 8.50 netto 1X3 Pfd. 4.50 Nachnahme. Frei Haus. CJK& CHR. MARTENSEN, MARNE i. HOLST. Poetfacb C 170 Malerarbeiten zur neuen verbesserten 36. Preußisch - Süddeutschen Klassen-Lotterie. Ziehung am 24. und 25. OKtober. Größte Gewinne auf ein Dopnellos bis 2 Millionen RM, auf ein ganzes Los bis 1 Million RM. Lospreis für jed. 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