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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-09-10 · 37 (10.9.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
37 (10.9.1930)
Date
1930-09-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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anwalt in Bamberg erklärt am 24. August 1926: der Angriff beziehe sich garnicht auf die Religion, sondern auf die jüdische Rasse; daher könne § 166 nicht zur Anwendung kommen. In diesem Fall hatte die eingelegte Beschwerde Erfolg. Und weiter: Ein Journalist schreibt von der jüdischen Religion der Verbrecher. Darin sieht ein Staatsanwalt keinen Angriff gegen die Religion, sondern einen gegen die jüdischen Stammesgenossen. Als das Reichsgericht am 4. April 1928 (L.Z. 28, Nr. 15—16) über den Ausdruck, die evangelisch-lutherische Kirche sei mit Verbrecherorganisationen verbündet, zu urteilen hatte, war es weiser. Da wies es die Behauptung zurück, der Angriff richte sich nur gegen die ausdrückliche genannte Pauluskirche eines bestimmten Ortes, sondern sagte: mindestens mittelbar sei die gesamte evangelisch-lutherische Kirche in ihrer Eigenschaft als staatlich anerkannte Religionsgesellschaft getroffen; sie sollte auch getroffen werden. Die Bezeichnung als Verbündete von Verbrecherorganisationen sei eine rohe und ehrverletzende und gemeine Herabwürdigung und Verächtlichmachung der evangelisch-lutherischen Kirche und daher nach § 166 zu bestrafen.-Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Reichsgericht auch in dem vorliegenden Falle gleich geurteilt hätte. (Schluß folgt.) Der moderne Aude und die Religion Von Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Der moderne Jude ist nicht bloß der, welcher ein Gebet mehr oder weniger spricht, sei es in deutscher, sei es in hebräischer Sprache. Auch nicht der, der die Gebetstage verändert, den Gottesdienst verkürzt. Ter moderne Jude ist vielmehr der, welcher wie der moderne Mensch überhaupt sich grundsätzlich zu religiösem Leben und Erleben anders einstellen will. Diesen Typus des modernen Juden hat es immer gegeben. Wenn wir nur an das 19. Jahrhundert erinnern sollen, so können wir bei Mendelssohn beginnen und bei Montefiore aufhören. Gewiß, Mendelssohn hatte eine orthodoxe Lebensführung, aber er hat doch in dem bekannten Briefe an Laoater das Wesentliche seiner Religion bereits unterschieden von Zusätzen urw Mißbräuchen, und er hat, was weniger bekannt ist, auch folgendes gesagt: „Ich traue keinem Sterblichen einen engelreinen Mund zu, ich möchte selbst voll der Autorität eines Erzengels nicht abhängen, wenn von ewigen Wahrheiten die Rede ist, muß hierin also schon auf eigenen Füßen stehen und fallen." Und vor Montefiore hat es einen Moritz Lazarus gegeben, der die Schrift herausgab, „Erneuerung des Judentums", oder vielmehr sie erst nach keinem Tode herausgeben ließ. Er nennt diese Schrift sein Vermächtnis an seine Glaubensgenossen und bemerkt in ihr: „Tie wahre Erhaltung des Judentums als eines Gedankenkreises und einer Gemütswelt von schöpferischer geistiger Kraft und wirkungsreicher Gesinnung kann nur durch eine fortschreitende Läuterung und Erhebung desselben bewirkt werden, denn dadurch allein wird es in den Stand gesetzt, mit den die Geschichte der Menschheit gestaltenden geistigen Mächten in Harmonie zu bleiben und berechtigten Einfluß aus sie zu üben. Aber es muß eine Erneuerung sein von Grund auf und von Gottes wegen." Und vor kurzem haben wir Julius Goldstein verloren, der nicht nur das Wort gesprochen hat: „Wir wollen in keinerlei Ghetto zurück, auch in kein nationalistisches, wir wollen die schlichte Frömmigkeit der Vorfahren", und auch nicht bloß geschrieben hat: „Deutsch sein heißt für uns die Weltoffenheit Goethes, die Innigkeit Mörickes, die Helle Mozartscher Musik und der Tiefsinn ragender Denker", sondern der auch einmal erklärte, wir hätten als moderne und entschieden fortschrittlich religiöse Inder: zwei Möglichkeiten, entweder noch 50 Jahre zu warten, bis sich dann vielleicht eine Entwicklung des Religiösen Lebens bei uns offenbart, oder schon jetzt und sogleich einen kühnen Schritt zu tun. Und Montefiore: „Wenn wir eine Religion verloren haben, müssen wir eine andere finden. Religion kann man nur durch Religion ersetzen." So sehen wir also ein fortdauerndes Streben auch des modernen jüdischen Menschen, seine Religion zu läutern, eine neue religiöse Einstellung zu gewinnen. Und man wird diese neue Einstellung letztlich in der Religiosität selbst zu finden haben. Man wird nicht mehr das Wesentliche des jüdiichen Menschen im Glauben erblicken, wie es ja nie der Fall war, aber auch nicht in seiner Vorstellung von Gott. Nur ob ein Mensch religiös ist, werden wir zu fragen haben, aber nicht, wie er 'sich seinen Gott vorstellt; denn darin gleichen sich der Prophet und der einfachste Mann, der auf dem Scheiterhaufen endete, daß sie religiös waren, mochte ihre Gottesvorstellung noch so verschieden sein. Nur das werden wir zu prüfen haben, ob der neue Jude die jüdische Ethik anerkennt, ob er für Gerechtigkeit und Liebe, für Wahrheit und Menschheitsverbrüderung, für Freiheit und Versöhnung, für sozialen Ausgleich, für soziale Gerechtigkeit einstehen und kämpfen will, und ob er das bewußt als religiöser Jude tut. Auf welchen Wegen könnte nun ein in diesem' Sinne neustrebender Jrrde seine Religiosität finden und immer wieder neu stärken? In Anlehnung an einetn bekannten jüdischen Versammlungskalender Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Ortsgruppe Norden. Gemeindeabend für unsere Mitglieder zur Aussprache über die RepräfentantenVahlen, Montag, den 15. September, abends 8 Uhr, Metzerstraße 1 (Wohlfahrtsamt Prenzlauer Berg). Vortrag: Die bevorstehenden Repräfentantenwahlen. Was wir zu tun haben. Referent: Bruno Wvyda. Mitglieder auch aus andern Bezirken und durch Mitglieder eingeführte Gäste find herzlich geladen. j» j. Gottesdienste j»j Berlin-Nor-en. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Allee 162). Freitag, 12. September, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Swarfenfky. Sonnabend, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstraße 29-30). Freitag, 12. September, abends 7.30 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Plotke. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstraße 7-8, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, 12. September, abends 7 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. ' Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschuie, Nikolsburger Platz). Freitag, 12. September, abeuds 7.15 Uhr, Gottesdienst. Abschiedsfeier von den bisherigen Räumen. Festpredigt: Rabbiner Dr. Galliner. — Mit Einweihung der Synagoge Prinzregentenstraße wird der Gottesdienst dort abgehalten. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 14. September 1930. Johannisftraße 16: vormittags 10 8hr; Predigt: Dr. Lehmann. Kleiststratze 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rofenthai. Spruch: „Auf drei Dingen beruht die Welt, auf Lehre, Gottesdienst und Liebeswerken" möchten wir sagen auf drei Wegen kann das erstrebte Ziel erreicht werden: durch religiöse Dildung, durch Stunden der Weihe und durch Beschäftigung mit den Fragen der Welt vom religiösen Standpunkt aus. Das gilt für Erwachsene und gilt für die Jugend.t Die religiöse Bildung der Erwachsenen wird sich zum Ziele setzen, eben jene Teile des jüdischen Schrifttums aller Zeiterr kennen zu lernen, die für den neuen religiösen Menschen heute noch und immerdar Lebenskraft besitzen. Er wird deshalb bei diesen Schriften alles ausscheiden — und die Bibel ist hier nicht ausgenommen — was für ihn von feinem Standpunkt aus überlebt ist. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf Kultusvorschriften, sondern auch ans grundlegende Anschauungen, wie z. B. die über den Krieg. Er wird aber ferner, und das wird das Neue seiner religiösen Bildung sein, auch auf nichtjüdische Schriften aller Zeiten bis in die jüngste Gegenwart sein Augenmerk richten, die von religiösem Geiste erfüllt find. Er wird das ebenso tun, wie er sich um die Kunst, um die Dichtungen, nm die Musik und deren religiöse Aeußerungen innigst kümmern wird, weil er so am besten dem universalistischen Gotte seiner Religion gerecht wird, dem Gotte, dessen Herrlichkeit die ganze Erde erfüllt, dem Gotte, der seine Offenbarungen nicht nur einmal und nicht nur jüdischen Menschen zuteil werden ließ. So wird er am besten glauben, jenem bekannten Spruche nachleben zu können: „Ganz sollst du sein mit dem Ewigen, deinem Gotte". Zur religiösen Bildung gesellen sich die Stunden der Weihe. Sie werden dem neuen jüdischen Menschen jene Gemütswerte zu verschaffen haben, die bisher der Gottesdienst in der überlieferten, mehr oder weniger veränderten Form bieten wollte. Diese Stunden der Weihe werden natürlich eine Diskussion über so untergeordnete Tinge wie: wann man beten soll, wie lange, ob nach einem Gebetbuch überhaupt oder in freier Gestaltung der Andacht, in welcher Sprache und dergleichen gar nicht mehr kennen. Es muß hier gesagt werden, daß die „Richtlinien" von 1912 in dieser Beziehung einen unerträglichen Standpunkt einnehmem Sie sprechen in bezug auf zeremonielle Tinge von unerläßlichen Forderungen, mit denen man Jude ist. Sie nennen die Beschneidung eine heilige Institution. Sie wollen den Feiertagen ihren herkömmlichen Charakter gewahrt wissen. Ein Liberalismus aber, der sich derartig selbst eingrenzt und einschnürt, steht mit sich selbst in Widerspruch, kann sich nicht wundern, wenn die von ihm proklamierten Richtlinien dem modernen Menschen keine Richtschnur sein können. Gewiß ist für Tausende von Juden Beschneidung eine heilige Institution, aber für viele Tausende und vielleicht noch mehr als jene ist sie es! eben nicht. Soll man sie nicht mehr religiöse Juden nennen? Und so muß auch den Stunden der Weihe eine völlig freie Ausgestaltung gestattet sein. Es muß gleich sein, w,e oft STOliWERCfr{ Ö« (/< </, iDohlSchmeckenrt, k nahrhuft. sie stattfinden. Es darf nichts ausgezwungen werden, es muß alles aus dem Bedürfnis der Gemeinschaft erwachsen. Diese Stunden werden sich dauernd variieren lassen, sie können die Mannigfachsten Themen in den Mittelpunkt stellen: das Thema etwa der Frau, des Kindes, der Arbeit, der Ehe, der Kunst, der Dichtung und dergleichen. Immer wird man bemüht sein, in diesen Stunden edelstes jüdisches Gut aller Zeiten ebenso sprechen, singen und erklingen zu lassen wie edelstes Gut zrichtjüdischer, weltlich frommer Menschen. Ueberhaupt: Weltfrömmigkeit, das wird das Ziel des neuen religiösen Menschen zu sein haben. Es ist klar, daß man in diesen Stunden die Gedanken unserer Feiertage, des Sabbaths ebenso wie des Versöhnungstages, für den neuen religiösen Menschen, dem diese erhabenen Gedanken wegen der für ihn unmöglichen Feier vielleicht verloren gegangen sind, zu neuem Leber: wird erwecken können. Und auch das werden diese Stunden zu beachten haben, daß sich das neue Judentum zu einer Religions-Demokratie wird umbilden müssen, wenn es weiteste Kreise neuer religiöser Menschen für sich wird gewinnen wollen. Das Wesen dieser Demokratie aber wird, wie gesagt, darin bestehen, daß man Religiosität als die tiefste jüdische Kraft in den Menschen wird wecken wollen, verbunden mit dem stärksten Antrieb zu sittlichem Tun, unbekümmert aber um die Art der Gottesvorstellung, jeden grüßend, er mag sich religiös-begrifflich eirrgliedern, wohin er will. Und endlich die Beschäftigung mit den Fragen der Welt vom religiösen Standpunkt aus. Auch das wird ein Neues feilt und ein ungeheuer Wichtiges. Hier wird der neue Jude fühlen müssen, wie Religiosität nichts vom Leben Abgezogenes sein will und darf, sondern wie es dieses ganze Leben vom religiösen Standpunkt aus zu beeinflussen suchen muß. In ähnlicher Weise aber werden wir auch die Jugend zu führen haben. .Hier wird das Neue zunächst einmal darin bestehen, daß. wir mit der Behauptung Ernst machen, es gibt keinen Religionsunterricht, es kann keinen geben. In der Tat, gerade wir, die wir in der Religiosität, im Erleben, im Gefühl die eigentliche Kraft, den eigentlichen Antrieb zur Auswirkung der Religiosität im Leben sehen, gerade wir werden diesen Satz anerkennen. Wir werden daher die Jugend neu zu gliedern haben und für die Kleinen den Religionskreis, für die Mittleren das Religionsheiin, für die Aelteren den Religionsbund schaffen. In allen dreien werden wir religiöse Bildung, Stunden der Weihe und Beschäftigung mit Fragen des Lebens, immer natürlich dem Alter entsprechend, zu pflegen haben. Es ist klar, daß sich so etwas nicht mehr m einer Schule, sei es einer öffentlichen oder einer Religionsschnle, abspielen kann. Wir wollen von der neuen Religiosität und von der Erweckung für dieses alles, was Schule heißt, alles was Schulluft atmet, fern halten. Worte wie Stofs, Pensum, Disziplin dürfen keine Rolle mehr spielen, keinen Einfluß ausüben. Jedes Gefühl des Zwanges' muß wegfallen und die Kinder, die zusammenkommen, müssen wissen und merken, daß sie nicht zu einem Lehrer kommen, sondern zu einem Freund, einem Führer, einem Kameraden. Sie müssen wissen, merken und sehen, daß dieser Führer und Freund ihnen nicht nur Stoff vermitteln will, sondern! daß er mit ihnen lebt, daß er auch an ihren weltlichen Sorgen Anteil nimmt, daß er die Welt, die Gegenwart, den Tag kennt, daß er sich mit ihnen freuen und aussprechen möchte. Wie er bei dieser Methode rrun doch gewisse Grundwahrheiten, gewisse Texte und Bücher jüdischen Inhalts den Kindern vermittelt, das ist natürlich die neue große Kunst, die der Religionsfreund und Führer wird lernen und üben müssen. Bald wird er es durch Erzählen erreichen, bald durch Sirrgen und Musizieren, bald durch Bildbetrachtung, bald durch einen Gang in der Natur, bald durch Führung durch das Museumbald durch Besuch eines Theaterstückes, eines Konzertes, bald durch Mitarbeit, soweit möglich, am Leben der Gemeinde, der jüdischen und der allgemeinen. So dürfte es ihm gelingen, umsomehr, wenn die ihm anvertraute Jugend eine religiös völlig einheitliche ist und sie gemeinsam das neue religiöse, entschieden liberale, weltoffene Judentum kennen lernen soll, diese für sich zu gewinnen, vor allem aber für di« Zukunft des Judentums. Bekämpft mit uns Wählt Liste die Hitlerei! Pemsdie Staaisnartei

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