Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 36 (3.9.1930)
- Date
- 1930-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614089--3703-2621324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ter Bericht der Mandatskommission prüft dann die gesamte britische Politik in Palästina, wobei die Schwierigkeiten aus dem Toppelgesicht des Mandates sich ständig bemerkbar machen. So billigt die Kommission den Wunsch der britischen Regierung, die jüdische Einwanderung der Aufnahmefähigkeit des Landes anzupassen, erhebt aber gleichzeitig die Frage, ob die Verpflichtung, die jüdische Siedlung zu fördern, nicht auch die Verpflichtung mit enthält, durch eine aktivere Politik die Aufnahmefähigkeit des Landes für eine steigende jüdische Einwanderung zu erhöhen. Tie Kommission meint, man kann angesichts einer gut organisierten jüdischen Masse, der große Kapitalien zur Verfügung stehen, verstehe;,, daß der unorganisierten und der Finanzmittel entbehrenden arabischen Masse Besorgnisse hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Zukunft entstehen konnten. Man sollte eben dem arabischen Element einen Schutz der Interessen in der Form einer Agrarpolitik gewähren, die die Vergrößerung des anbaufähigen Bodens, Schaffung von Agrarkrediten, Aufbau eines Kooperativwesens zum Ziele hat. Tiefe Politik sollte vervollständigt werden durch Justruierung der Fellachen in oer Handhabung moderner landwirtschaftlicher Methoden. Tie Furcht der Araber wegen des Uebergehens von Boden an Juden wäre weniger in Erscheinung getreten, wenn gleichzeitig die Fläche des brauchbaren Bodens vergrößert worden wäre. Durch solche Aktionen hätte auch das Indische Rationalheim gefördert werden können. Tie Kommission hofft, daß die Mandatarinacht in Zukunft mehr als in der Vergangenheit ein Programm konstruktiver Arbeit in Palästina verwirklichen wird. Das wird den Fellachen ermöglichen, die materiellen Vorteile, die das zionistische Werk dem Lande Palästina bringt, richtig einzuschätzen. Tie Mandatskommission glaubt, daß eine attivere Politik und ein entschlossenerer einmütiger Wille aller britischen Vertreter in Palästina, die Maudatsbestimmung in ihrer Gesamtheit durchzuführen, den herrschenden Antagonismus unterdrückt hätten: mindestens hätten ste ihn abgeschwächt. Jede Unklarheit und jedes Zögern der Regierung unterstützen die extremen Elemente in beiden Lager:.. Im zweiten Teil des Berichtes nimmt die Mandatskommission Stellung zu den vor, oer Regierung getrojfluwi: Maßnahmen bezüglich der zukünftigen Sicherheit. Hier erllärt sich die Mandatskommission mit den Regierungsmasnahmen einverstanden. Ter dritte Teil behandelt die zukünftige Politik. Tie Kommission will nicht die Endziele des Mandats mit den unmittelbaren Verpflichtungen der Gegenwart verwechseln. Endziele sind: Errichtung des jüdischen Nationalheims und Schaffung von Selbstverwaltungsorganen. In dem Mandat ist ein Datum für die Verwirklichung dieser Endziele rricht fixiert. Gegenwärtige Pflichten der Mandatarmacht find da.- gegen die Schaffung solcher Verhältnisse, sie die Errichtung des Nationalheims und der Selbstverwaltungsorgane sichern. Bei diesen beiden Verpflichtungen besteht reine Priorität bezüglich der Wichtigkeit und der Durchführung. Tie gegen die Mandatarmacht erhobenen Vorwürfe, daß sie das Nationalheim nicht errichtet und Selbstverwaltungsorgane nicht geschaffen hat, sino unberechtigt, da es sich hier um Endziele des Mandates, nicht aber urn unmittelbare Verpflichtungen handelt. Tie Mandatskommission ist mit der Erklärung des britischen Vertreters einverstanden, daß das Palästina-Mandat oynamischer. nicht statischer Natur tst. Tie Durchführung des Mandats stellt eine schwierige Ausgabe dar, die aber nicht unüberwindlich ist. Durch excessive Ungeduld werden die Palästina-Einwohner das Funktionieren des Mandaissystcms, dessen internationale Grundlage sich ihrer Kritik entziehen, erschweren. Tie Paiästina-Eiuwohrrer sollten die Vorzüge des Systems anerkennen, unlso eher, als sie niemals politische Freiheit besaßen, ja, nicht einmal Garantien für individuelle Freiheit genossen. Das Palästina-Mandat bereitet in Palästina die Gründung einer Kollektivität vor, die nach dem Beispiele anderer Nationen organisiert sein wird, die in der Heterogenität ihrer Bevölkerung eine Quelle ihrer Vitalität fanden und in den Religionsunterschieden den Geist der Toleranz lernten. Daß die Darlegungen der Mandatskommission für die Zukunft einen klaren Kurs in der Palästina-Politik herbeiführen werden, glauben wir nicht. Das Manoat selbst beruht auf der gleichzeitigen Anerkennung zweier völlig verschiedener Prinzipien für ein verhältnismäßig kleines Territorium: dem Grundsätze der Selbstbestimmung der Böller und den: der historischen Verbundenheit Außenstehender und freier Einwanderung dieser in das Land. Hieraus müssen sich in der Praxis immer wieder Auseinandersetzungen ergeben. Sie können durch eine gute Verwaltung gemildert, durch die Vernunft der Beteiligten in ihren Formen gewandelt werden, beseitigen lassen sie sich unseres Erachtens nicht. Tie britische Regierung hat zu dem Bericht der Mandatskommission eine scharfe Erwiderung veröffentlicht. Sie behauptet, die Kommission messe einseitigen und unberechtigten Kritiken gegen das Verhalten der Regierung mehr Bedeutung bei, als den reifliche überlegten Schlüssen der Shaw- ¥ Gottesdienste Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten, Kaiserstraße 30, Aula der Mädchenschule. Freitag, den 5. September, abends 7.30 Uhr: Festgottesdienst zur Feier des einjährigen Bestehens. Predigt: Dr. Swarsenski. Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden (Schönhauser Aller 162). Freitag, den 5. September, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Mehler. Sonnabend, vormittags 10 Uhr. Berlin-Westend. Liberale Synagoge Westend (Aula Leistikowstraße 7-8, nahe Reichskanzlerplatz). Freitag, den 5. September, abends 7 Uhr. Predigt: Boos. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (Cecilienschule, Nikolsburger Platz). Freitag, den jj. September, abends 7.15 Uhr. Predigt: Dr. Andorn. Berlin. Jüdische Reform-Gemeiade. Gottesdienst am Sonntag, den 7. September. Johannisstratze 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Rosenthal. Kleiststraße 10: vormittags 10 Uhr; Predigt:Dr. Felski. Kommission, deren Feststellungen aus einer kontradiktorische;: Untersuchung basieren. Tie britische Regierung zähst die Schwierigkeiten der Mandatserfüllung aus und stellt sich hinter den Shaw-Bericht. Wenn Araber gegen die politische Lage in Palästina protestieren, so richte sich dieser Protest nicht gegen die britische Regierung, sondern gegen das Mandat und die Aktion des Bölterbundes. In der britischen Regierung sähen die Araber nur das Executiv Organ des Mandates. Tie Mandatskommission habe die von ihr selbst 1029 für richtig befundene Politik 1930 als völlig verfehlt bezeichnet. Tie britische Regierung betonte ,'erner, daß der Mandatarmacht nicht die Ausgabe zusällt, das jüdische Naticnalheim zu errichten. Tiefe Aufgabe falle vielmehr den Juden selbst, geführt oon oer Jewish Agency, zu. Ten Bemerkungen der britischen Regierung ist ein ausführlicher Anhang beigesüat, in welchen: auf Grund oer Berichte Sir Herbert Samuels über die Jahre 1920 bis 1925, wie auch spätere Jahresberichte, die Leistungen der Negierung aus den Gebieten oer Landwirtschaft, des Verkehrs, der Hygiene, der Bodengesetzgebung usw. anfgezählt werden. Zun: Schluß 'betont die britische Regierung, daß bezüglich der Staats- und Brachländereien ein Mißverständnis besteht, die Vermutung, die Regierung besitze ausgedehnte Staatsländereien, sei eine absolut unrichtige. Tie Fläche oes anbaufähigen Bodens ist sehr beschränkt. Tie einzige große Bodenfläche im Beisan wurde bereits unter die Araber verteilt. Auf Grund dieser ihrer Bemerkungen konnnt die britische Regierung zu dem Schlüsse, daß sie ihre Verpflichtung hinsichtlich der Entwicklung des Landes erfüllt hat. Ae Mandatskommission hat die bereits geleistete Arbeit zur Entwicklung und Verbesserung der Lage in Palästina unerwähnt gelassen. Bisher hat die Mandatskommission niemals eine Unzufriedenheit mit dem erzielten Fortschritt beknndct. Tie Bemerkungen der britischen Regierung schließen mit der Ankündigung, daß die britische Regierung den letzten Teil des Berichtes der Mandatskommission hinsichtlich der zukünftigen Politik einer neuen Prüfung unterziehen lvird. Liberale Synagoge Osten, Berlin Zu ihrem einjährigen Bestehen. Es ist ein knappes Jahr her, seit die Liberale Synagoge Osten sich gebildet und die Einrichtung eines Freitagabend-Gottesdienstes versucht hat. Vielleicht hat keine der gegenwärtig vorhandenen vier liberalem Synagogen Berlins sich so schnell und in solchem Umfang eingebürgert wie dieser Gottesdienst in der Aula der Mädchenschule Kaiserstraße 29-30, obwohl gerade im Publikum gewöhnlich die Meinung verbreitet wurde, der Osten sei durch und durch konservativ. Taß sich hier seit langem ein starkes Bedürfnis nach einen: fortschrittlichen Gottesdienst regte, darüber war in eingeweihten Kreisen kein Zweifel. Es ist bekannt, daß die Filial-Gottesdienste an den hohen Feiertagen im Osten weit überwiegend Orgelgottesdienste sind, und seit langem waren Wünsche gekommen, einen ständigen liberalen Gottesdienst einzurichten, ohne daß bis dahin die Verwirklichung möglich gewesen wäre. War doch im ganzen weiten Bezirk des . Ostens, der eine zahlreiche jüdische Bevölkerung zählt, für SrOÜ:WERCk( # billig, iDohlSchmccJuincL, Tiah.rha.fi. einen liberalen Menschen keine Gelegenheit, wo er — außerhalb der hohen Feiertage — sein religiöses Bedürfnis hätte befriedige:: können. Tie konservativen und orthodoxen Gemeinde- und Privat-Gottcsdienste — es gibt nur solche im Osten — sind für ein anderes Publikum berechnet und geeignet. Gerade aber der Berliner Osten mit seiner wirtschaftlich besonders schwer ringenden Bevölkerung hat das Sehnen nach einem Gottesdienst, der mit der starken Inanspruchnahme durch das geschäftliche Leben rechnet. Tie gegenwärtigen Verhältnisse machen es den meisten unmöglich, am Sonnabend vormittag den Gottesdienst zu besuchen, und das gleiche gilt vom Freitag abend, der mit seinem wechselnden und besonders im Winter zu frühen Beginn in gleichem Maße mit der Berufstätigkeit fast aller kollidiert. Auch die Art des konservativen Gottesdienstes befriedigt nicht mehr das Bedürfnis gerade der Mensche;:, in denen religiöses Leben und Sehnen sich wieder regt, besonders in der Jugend. Ihnen liegt es nicht mehr, viele und den meisten unverständliche Gebete mechanisch herunterzusagen. Wenige, aber verständliche innige Gebete, Weihestimmung, erhöht durch Chorgesang und Orgel, regelmäßige kurze Predigtansprachen, das sollte der Kern eines Gottesdienstes sein, der durch notwendige Kürzung zugleich eine Intensivierung und damit zugleich eine erhöhte Wirkung erzielen kann. Für diese Bedürfnisse fand sich in der Gemeindeverwaltung kein Organ; selbst der starke Andrang zu den Gottesdiensten des Ostens mit neuem Ritus an den Hohen Feiertagen war nicht imstande, den Gedanken nahezulegen, daß mpn diese religiösen Regungen doch nicht brach liegen und verkümmern lassen dürfe, daß vielmehr für diese Gruppe der Bevölkerung auch regelmäßige Gottesdienste das ganze Jahr hindurch eingerichtet werden müßten. Es geschah nichts Derartiges. Wohl aber wurde unter den Interessenten der Gedanke propagiert, daß man in dem Stadtteil, der bisher schon ausschließlich konservative Gottesdienste besitzt, eine zweite konservative Gcmeindesynagoge bauen müsse,_ und daß nur eine konservative Synagoge im Osten möglich sei. Das war für weite Kreise des Ostens auf die Tauer nicht tragbar! Und da niemand von den berufenen Kreisen sich zur Tat regte, ergriff — wie vorher im Norden und Westen — eine Gruppe von Laien die Initiative und schuf nach ihren: Vorbilde einen Freitagabend-Gotte sd i e n st, der den religiösen Anforderungen des modernen Menschen Rechnung trägt. Er hat folgerichtig die Liturgie der Liberalen Synagoge Norden zugrunde gelegt, er beginnt das ganze Jahr hindurch gleichmäßig nach dem Schluß der Geschäftszeit, um 7.30 Uhr, und schafft somit einen Ausgleich zwischen beruflicher Tätigkeit und Synagogenbesuch. Wie richtig und glücklich der Gedanke war, beweist die Zahl der Besucher und Mitarbeiter. Selbst für diejenigen, denen die Verhältnisse vertraut waren, bot der Erfolg eine Ueberraschung. Tie Zahlen der Statistik mögen sprechen: In einem Betraum, der höchstens 200 bis 300 Personen faßt, betrug in den bisher 40 Gottesdiensten die Besucherzahl insgesamt 6 584, d. h. im Durchschnitt für jeden Gottesdienst — 16 5. Ten geringsten Besuch (an dem heißesten Tage des Jahres) wies ein Juli-Gottesdienst mit 45 Personen auf, während den höchsten Stand ein Juni-Gottesdienst mit 39 2 Personen erreichte, wodurch eine unerträgliche Ueberfüllung entstand. Und dies Ergebnis ist erzielt unter keineswegs günstigen Umständen: Ter Betraum, eine zwar würdige, aber doch nur behelfsmäßig für einen Gottesdienst eingerichtete Schulaula, zu der man 2Hz Treppen hinaufsteigen muß, liegt nicht im Zentrum des Interessentenkreises, sondern an seiner Peripherie. Er gilt im Publikum vielfach, weil eine private Einrichtung, als nicht etwas Vollwertiges, ihm mangelt die natürliche Autorität und Anziehungstraft der Gemeinde-Synagogen und vor allem der Gemeinde-Rabbiner, die ihm nur in den seltensten Fällen zur Verfügung stehen. Zudem war und ist irgendwelche nennenswerte Propaganda nicht möglich, da die Mittel von dem sehr armen Stadtteil nicht aufgebracht werden können. Muß man doch selbst um die Subvention die Hitlerei! Bekämpft mit uns Wählt Liste oeutscne Staatspartei