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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-08-27 · 35 (27.8.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
35 (27.8.1930)
Date
1930-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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da roi.vkli.ch von politischer Reife und Uoberlegung, diese Entwicklung unterbrechen zu wollen und die uns gebotene Hand zurückzuweisen, nur weil noch nicht alle Vorurteile weggeräumt sind? Unsere Aufgabe muß es gerade sein, unsere nichljüdischen Mitbürger, wie in anderen Parteien so auch in der Staatspartei, vom Wert unserer Mitarbeit zu überzeugen und ihnen auch hinsichtlich unserer persönlichen Art zu zeigen, wie Vorurteil sich von Wirklichkeit unterscheidet. Herr Reis will reiten „gen politischen Unverstand". .Aber Politik ist kein Gebiet für Reiterkunststücke. Man hüte sich, gegen Windmühlen zu reiten. R.-A. K a tz e n ft e i n, Bielefeld. Nicht für aber um die deutsche Staatspartei Unser Dresdner Vertreter schreibt uns: Während es an den ersten Ausführungen über die Staatspartei an dieser Stelle sympathisch berührte, daß eine bestimmte Propaganda für (oder gegen) eine Partei immerhin vermieden wurde, hat man leider das Gefühl, daß von diesem Standpunkt der Neutralität, der für eine jüdische Zeitung selbstverständlich ist und daher in Zukunft beibehalten werden möchte, in der letzten Nummer erheblich ab gewichen wird. Einmal ist dies in den an sich verständigen und durchdachten Ausführungen von Siegmund Reis, dann aber ganz besonders in der kurzen Zuschrift Ludwig Herrmanns (was ja schon aus der Überschrift hervorgeht) der Fall. Erstens befindet sich noch alles in einem täglichen Flusse der Entwicklung und' es hat daher gar keinen Zweck, sondern ist gefährlich, bereits jetzt mit Hilfe eines einzelnen Argumentes eine Lanze brechen zu wollen, wo genug Tatsachen dagegen sprechen, über die ein aufrechter Jude nicht so leicht hinwegkommt. Außerdem war dieses Argument bereits durch die Tagespresse bekannt geworden, so daß Herrn Herrmanns Hinweis sich dadurch erübrigte. Ferner: eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und Berlin ist nicht Deutschland. Mithin besagt das Aufstellen eines prominenten oder ähnlich wie Herr Reis in treffendem Sarkasmus sagt: Renommier-Juden durchaus nichts für das Gewährleisten dmaufrichtigen und dauernden Judenfreundlichkeit innerhalb aller Kreise der neuen Partei. Mag es auch ein Schritt vorwärts sein, daß jetzt Jungdo- Führer trotz ihrer nach wie vor betonten Arischkeit Inden in ihrer Nähe dulden, so ist doch, um ein Bild zu gebrauchen, die Situation noch immer bedenklich genug dien in den Salon (den Jungdo) läßt man Juden nicht hinein, die Türen (nämlich zur Staatspartei) bleiben aber geöffnet und im Vorsaal draußen, in der großen Halle, wo sich alles trifft, ist auch Juden der Aufenthalt gestattet. Lassen wir uns also ja nicht von einem günstig erscheinenden Argument, von einer einzelnen Tatsache, von der man nicht weiß, ob sie nicht auf Stimmfangtaktik beruht, blenden! Sondern verfolgen wir die nächsten Vorgänge, die bei der merkwürdigen Zusammensetzung des neuen Parteigebildes noch Ueberraschungen bringen können, genau und wählen wir dann, jeder von sich aus, gemäß seinem Verantwortungsbewußtsein und seinem Jüdischkeitsgesühl die Partei, die uns als Deutschen und als,Juden in ihrer endgültigen Gesamtkonstellation am meisten züzusagen scheint. Dr. Richard Elb, Dresden. ^Aufmarsch;u den Reichstagswahlen Moritz Simon schreibt in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" einen Artikel über den „Aufmarsch zu den Reichstagswahlen"; er saßt seine Ansicht dahin zusammen: „Selbstverständlich kann ein Jude keine Partei wählen, die ihn der Möglichkeit der Mitgliedschaft und somit aktiver Parterbeeinstussung beraubt. Aber darüber hinaus sollte der jüdische Deutsche bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag der Partei seine Stimme geben, die er ohne „Judenfrage" wählen würde. Und er soll in dieser Partei darauf hinwirken, daß aus ihr die „Judenfrage" verschwindet." Daraus antwortet Siegmund Reis in längeren Ausführungen, die darauf hinauslaufen, zu beweisen, daß die jüdien Interessen nur in der Sozialdemokratie gewahrt seien, verlangt von den nichtsozialistischen Deutschen jüdischen Glaubens ein Gesinnungsopser, um auf diese Weise die antisemitisch gefärbten Parteien zu erziehen. Die 6—8 Mandate, die auf diese Weise letzteren durch die Stellungnahme der jüdischen Wähler zu Gunsten der Sozialdemokratie verloren gingen, würden sie zur Besinnung bringen. Glauben Sie wirklich, sehr geehrter Herr Reis, Ihre mathematischen Konstruktionen machen auf einen Politiker, der nicht gerade gerade eine Wahlrede halten muß und daher mit irgendwelchem Zahlenmaterial balancieren möchte, den geringsten Eindruck? Halten Sie wirklich sämtliche einflußreiche Personen etwa in der Staatspartei und in der.Volkspartei für so weltfremd, daß diesen Ihre durchaus falsche mathematische Rechnung in ihrer inneren Brüchigkeit nicht klar wurde? Sie sagen: durch eine antisemitische Einstellung vertiert z. B. die Staatspartei 6—8 Mandate und errechnen diese aus 220 000—240000 jüdischen Stimmen. Und wenn die Staatspartei keinen judengegnerischen Flecken auf ihrer Weste hätte, kämen ihr dann die 6—8 Mandate, die ihnen dre Juden verschaffen könnten, zu? Weiß nicht jeder Sekundaner, daß von diesen jüdischen Stimmen ein erheblicher Bruchteil auf jeden Fall sozialistisch, ein kleiner Bruchteil sogar kommunistisch wählt — unabhängig von der Einstellung der Staatspartei zur Judenfrage? Ihr gutes Recht ist es, für dje Sozialdemokratie Propaganda ,zu machen. STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN W 66 MAUERSTR. 79 FERNRUF: ZENTRUM 3023 u. 5024 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK INNENDEKORATIONEN IN KÜNSTLERISCHER AUSFOHRUNG Nur müssen Sie hierzu sich einwandfreierer Mittel bedienen als es die Zahlen sind, mit welchen Sie operieren. Ihr Schluß, die Staatspartei würde durch das Hinübergleiten der jüdischen Stimmen, die nicht sozialistisch denken, in die sozialistischen Wählermassen, zur Besinnung kommen, ist falsch. Das liberale Judentum hat es stets vermieden, zu pvlitischen Parteien Stellung zu nehmen. Heute ist man dazu gezwungen, auch aus religiösem Aspekt heraus zu fragen: welcher Partei gibst du deine Stimme? Herr Siegmund Reis behauptet nun ferner, daß bei dieser Fragestellung die Antwort nur ruf die Sozialdemokratie fallen könne. Der Sozialismus ist sozialistisch und nicht judenfreundlich oder judengegnerisch. Wenigstens in seinem Programm. Anders als die programmatische Theorie sieht allerdings die Praxis aus. Darf man an das Schächtverbot in Bayern erinnern, das mit Hilfe der Sozialdemokratie zustande kam? Hat hier die Sozialdemokratie nicht über das Judentum das Urteil unethischer, weil tierquälender Grundlagen gefällt? Ist dann noch Religion Privatsache, wenn der Staat religiöse Menschen durch seine Gesetzgebungsmaschine in schwere Gewissenskonflikte bringt? Vor mir liegt eine Broschüre: Religion, Kirche und Sozialismus von Dr. Anna Siemseu aus der jungsozialistischen Schriftenreihe, herausgegeben von der Reichsleitung der Jungsozialisten. Wer diese Schrift aufmerksam durchlieft, wird einwandfrei finden, daß in ihr absichtlich vermieden ist, von Religion viel zu reden. Recht klug streut die Verfasserin einige harmlose Bemerkungen ein, die dem Gegner die Waffe aus der Hand schlagen sollen. Aber die Tendenz dieses so klug und überragend geschriebenen Büchleins — ein es Leitfadens für junge Sozialisten — ist religionsfeindlich. Stein ans Stein wird herangeh ölt, um nachzuweisen, daß Religion gleich Kirche sei; Kirche aber gleich sei der politischen Reaktion. Hans Löwenberg in Hamburg hat vor kurzem in der jüdischen Schulzeitung auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die der jüdischen Jugend praktisch durch diese Tendenzen erwachsen. Wer mit offmen Augen im Leben steht, wer als Seelsorger gar manchen Blick tun, darf in die Tiefen der menschlichen Psyche, die dem Politiker verschlossen bleiben, der weiß, wie diese religionsgegnerische Propaganda wirkt. Man sagt so oft, pie Austritte aus dem Judentum hätten nur finanzielle und pädagogische Gründe. Das trifft nur zu einem Teil zu. Die freidenkerische Propaganda der Sozialdemokratie hat einen gewissen Prozentsatz dazu beigetragm, diese Menschen ihrer angestammten Religion abspenstig zu machen. Das sind so mehr od.er wmiger kleine Sünden der Sozialdemokratie. Gewiß: sie wiegen nur ein Geringes gegen den offenm Antisemitismus, der noch im Jungdmtschen Ordm steckt — aber sie sind doch vorhanden und niemand weiß, ob nicht diese Tendenz eine Bewegung werden kann. Eins ist sicher, das kann ich aus meiner Erfahrung im politischen Leben nicht streichen: die intellektuellen, die gebildeten Schichten der Sozialdemokratie sind innerlichst judengegnerisch eingestellt. Ganz roh gesprochen verübeln sie' es dem Sozialisten jüdischer Herkunft außerordentlich, wenn dieser Einfluß gewinnt im Parteileben und er selbst beiseite stehen muß. Dann greisen aixch sie gerne zu dem Schlagwort vom Iudm, der entweder führen will oder in den Tiefen wühlt und bohrt. Sozialismus ist eine Weltanschauung und nicht identisch mit sozialem Denken und Handeln, das in anderer weltanschaulicher Einstellung ebenso gut, mitunter sogar noch besser möglich ist. Wer Persönlichkeit will, kann unter Umständen aus taktischen Gründen sozialdemokratisch wählen, nicht aber Sozialist sein. Und um die Taktik geht es für uns momentan. Zugegeben, der Jnngdeutsche Orden hat eine antisemitische Tendenz — er behauptet das Gegenteil. Hat man sich denn in breiter Oeffentlichkeit schon mit der Ideologie des Jungdeutschen Ordens beschäftigt? Ich betone eines: dieser Kreis von Menschen ist erfüllt von reinstem Idealismus. Das haben wir zu respektieren. Sein Kamps geht gegen die Plutokratie, gegen die Macht des Geldes; ihm gilt der reine Mensch, nicht das Bankkonto. Wer mit diesen Leuten bei der Gründung der Staatspartei in irgendeiner Weise verhandelt hat, wird bemerkt haben, wie sie mit äußerster Strenge darauf sahen, das Materielle auszuschalten, nur durch die Kraft reinen Menschentums wirken zu wollen für Staat und Gesellschaft. Mich erinnerte diese Einstellung oft an die ethische Predigt eines Amos und Jesaias. Uns ist bei der Fusion der demokratischen Partei mit der volksnationalen Bereinigung sehr Schweres, oft sogar beleidigend Herbes zugemutet worden. Die Herren vom Jungdo prüften die vorgeschlagenen Kandidaten auf Herz und Niereit und sprachen ein eisernes „Nein", wenn sie glaubten, daß jemand in ihrem Sinne belastet sei. Sie sahen im Inden vor allem den Menschen des Geldes. Ich sagte einem Jungdomann einmal: „wie wäre uns im Grunde doch wohl, wenn alle Inden so viel Geld hätten, wie Sie glauben". Das ist der Antisemitismus des Jungdo. Wer Sozialdemokrat ist, möge sozialistisch wählen. Wen eine Weltanschauung vom Sozialismus trennt, der soll nicht glauben, daß diese Partei allein jüdische „Interessen" betreut. Das Wort vom Jnteressenhaufen und der Staatspolitik aus dem Munde eines Demokraten war ein Alarmruf, der eine neue Wendung der geistigen Einstellung ankündete. Sie ist vollzogen. Wir Juden wollen in der neuen Staatspartei weder führen noch wühlen. Wir haben eine Ausgabe, eine jüdische Ausgabe, eine Aufgabe der jüdischen Menschen. Nicht abschließen und grollend in die Ghettomauern uns zurückziehen sollen wir uns; die Zeit für die Konservierung der jüdischen Idee ist vorbei. Mitarbeiten, mitschaffen in reinem Wollen; der Welt, auch dem Jungdo, den anderen Juden zeigen, den man bisher weder gesehen hat noch sehen wollte. Wer die Kraft dazu suhlt, der setze sich auch in dem neuen Parteigebilde durch. Er wird nicht nur durch seinen Wahlzettel, sondern durch den Einsatz seiner Persönlichkeit dem Judentum einen Dienst erwiesen haben. Und wenn uns das heute und morgen nicht gelingt, dann meine ich, wir waren noch zu viel Taktiker und rationale Rechner; dann glaube ich, so sehr sich die Nichtsozialisten dann im deutschen politischen Leben heimatlos fühlen werden. Gesicht eines alten Huden Von Max Spanier. Deine Augen weinen mich an, fremd und schm aus morgenländischer Tiefe, Hiobs Leid und Jeremias verzweifelte Klage. Deine Lippen, von Schmerz gepreßt, mahnen stumm. Sie verschweigen die Frone, Rute, Zucht und Ghettomauern. Kalt und grau ruht deine Stirn, müde, zerfurcht. Zu viel hat sie durchdacht Talmud, Wissenschaft, Gesetz und Macht. Insel und Wälder ruhen in deinen Gesicht, Menschen und Feste, Kinder- und Greisesverzückm. Babels Zinnen, Spaniens Gärten und Rußlands Gericht. Erde bist du mit Himmelstau gemischt. Stein, den die Maurer wegwarfen. Lin Jude König in Polen? In der Geschichte der polnischen Juden spukt die Sage van dem Königtum eines Juden Saul, nach seiner Königswahl „Saul Wahl" genannt. Eine Nacht lang sei er Herrscher über Polen gewesen und in dieser einen Nacht habe er den Iudm viele Vorrechte gewährt, durch die sie sich von ihren Glaubmsgmossen in anderen Ländern so günstig unterschied m. Als nämlich der damalige polnische Herrscher gestorben war, schritt man wie Mich zur Wahl eines nenm Königs. Es besteht Nun bei dem polnischen Adel ein Wahlgesetz, wonach man vor der Sttmmabgabe einen bestimmtm Tag festsetzt, an dom die endgültige Wahl zu Stande kommen muß. Dieser Tag war nun erschienen und immer noch gäb es Memungsverschiü)enheiten unter den rauflusügm Adligen. Der Abend rückte heran, man sah, daß es unmöglich wäre, die gesetzliche Frist zur Königswahl einzuhalten. Und doch durfte der Thron die Nacht über nicht verwaist bleiben! Der Fürst Radziwill, nach dem Könige der vornehmste Mann im Reiche, schlug nun vor, den reichen und angesehenen Juden Saul zum König zu wählen. So geschah es denn, man ries einstimmig: Es lebe unser Herr und König! und Saul war Herrscher. In der Nacht Werg ab man ihm das Buch, worin der jeweilige Herrscher nach Gutdünkm neue Gesetze und Rechteeinzeichnen konnte. Saul Wahl schrieb allerlei Bestimmungen und Vorrechte zu Gunsten der Juden ein. Einem dieser Gesetze zufolge kam der Mörder eines Juden nicht mit einer bloßen Geldbuße davon, sondern er wurde wie der Mörder eines Adligen mit dem Tode bestraft; für damalige Verhältnisse wahrlich eine gewaltige Neuerung. Wie kam denn aber Fürst Radziwill dazu, die Wahl gerade auf einen Juden zu lenken? Auch hierüber gibt die Legende Auskunft. Radziwill hatte wiederum eine seiner kostspieligen und verschwenderischen Reisen unternommen und befand sich in Padua in Oberitalien in großen Geldverlegenheiten. Nach Sitte der damaligen Zeit, wonach die Großen ihre Geldgeschäfte durch Juden besorgen ließen, wandte er sich an den berühmten Rabbiner Samuel Juda Katzenelleubogeu mit der Bitte um ein Darlehen. Da seine Wünsche mit der größten Zuvorkommenheit erfüllt wurden, "wollte er dem Juden gefällig sein und bat, ihm einen Gegendienst leisten zu dürfen. Der Rabbi machte ihn auf seinen 'Sohn Saul aufmerksam, der in Brest studiere; der Fürst möge sich seiner annehmen und fürderhin für ihn Sorge tragen. Die Legende kennt aber noch eine phantasievollere Fassung der Saul-Wahl-Sage, die wiederum mit dem Vorspiel in Padua beginnt uüd mit der Krönung Sauls endet. Fürst Radziwill hatte eine ausschweifende Jugend verlebt. Als er jedoch in die Jahre kam, da das Gewissen in ihm erwachte, ging er nach Rom, um zu beichten. Der Papst legte ihm die Buße auf, „drei Jahre lang, Reichtum und ^Vaterland entsagend, yn ärmlichen Gewände, einem Bettler gleich, umherzuirren". Gerade neigte die Prüfungszett dem Ende zu, als er auf einer Stufe, dem Hause des Rabbi Juda gegenüber, sich niederließ. Der Rabbi, der ans Fenster getreten war, erkannte deu Fürsten im Bettlergewande, lud ihn zu sich und begegnete ihm mit der größten Ehrerbietung. Während des Mahles, das der Rabbi seinem Gast zu Ehren ausrichtete, befahl er mit lauter Stimme, einen Sklaven zu holen und zu schlachten und dann weiter „nach Brauch" mit ihm zu verfahren. Dieses Spiel wiederholte sich mehrere Male. Der Fürst, der hoch anshorchte, fragte ihn schließlich, was denn das zu bedeuten habe. „Weißt Tu denn nicht, daß wir Juden Menschenblut gebrauchen?" Der Fürst blickte ihn starr an, der Rabbi aber fuhr nach einer Weile fort: „So wisse denn, wie unrecht ihr daran tut, die Juden in Polen des Blutgebrauches zu bezichtigen. Siehe, hier gibt es so viele Sklaven, die ich schlachten lassen und nach Polen schicken könnte, so daß die dortigen Juden es wahrlich nicht nötig hätten, einen Christen unter Lebensgefahr zu ermorden. Uns Juden ist aber der Gebrauch jeglichen Blutes aufs strengste untersagt. — Die Gefangenen sind natürlich nicht geschlachtet, sie werden den Anfang Deiner Dienerschaft bilden." Der Fürst war durch das einnehmende Wesen des Rabbi so bezwungen, daß er sich einige Tage in dessen Hause aufhielt. Er lernte alle Familienmitglieder kennen und hörte auch von einem Sohne, der in Polen für verschollen galt. Er versprach, bei seiner Rückkehr Nachforschungen anzustellen. Und wirklich machte er ihn unter den Talmndschülern ausfindig und nahm sich väterlich seines Schützlings an. Nach dem Tode des Königs wurde Fürst Radziwill zu dessen Nachfolger bestimmt. Da der Fürst aber seines hohen Alters wegen sich einer derartigen Anstrengung nicht untevziehen wollte und gleichzeitig aber darauf bedacht war, seinen Einfluß bei der Regierung zu wahren, schlug er einen vor, von dem er wußte, daß er ihm ganz zu eigen war: den Juden Saul. Der Adel wagte nicht, einem Fürsten Radziwill zu widersprechen. Saul wurde König, merkte aber bald, daß die Regierungsgeschäfte ihn, den strenggläubigen Juden, zwingen würden, den Sabbat zu entheiligen. Daher zog er sich schon am nächsten Tage zurück. Das ist die Legende von Saul Wahl. Im Jahre 1733 wurde sie von einem Nachkommen Sauls, einem Leipniker

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