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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-08-20 · 34 (20.8.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
34 (20.8.1930)
Date
1930-08-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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fremdheit -er Kirche, wie auch der Universitätstheologie. Wenn es aber Aufgabe der Religion ist, dafür zu sorgen, daß die Menschen den Sinn ihres Lebens nicht verfehlen, d. h., daß sie den Sinn ihres Lebens nicht in sich selbst, sondern in der Hingabe an die Welt ernennen, in der wir leben; so muß die Kirche auf eine breitere Grundlage gestellt werden, so darf sie nicht konservativ, sondern muß sie fortschrittlich und revolutionär im Sinne der geschichtlichen Entwicklung sein. Das allein würde dem Willen Gottes entsprechen, aber in der Erfüllung dieser Aufgabe versagt die Kirche vollkommen. Deshalb bedient sie sich auch des Schlagwottes von der Bekämpfung des Marxismus, ohne eigentlich zp wissen, was überhaupt „Marxismus" ist. Wenn der Manismus und die religiösen Sozialisten die Aufgabe haben, der Kirche von außen die Fenster einzuschlagen, so nur, weil kein frischer Windhauch hineinkommt und sie von innen nicht geöffnet werden. An die Gegenwart könne die Kirche nur durch die Arbeiterschaft herangeführt werden, die der Träger des geschichtlich Notwendigen und damit des eigentlichen Willens Gottes ist. Das Proletariat muß aus seinem unendlichen Leiden heraus den Inhalt der Kirche bestimmen. Wir religiöse Sozialisten sind Materialisten insoweit, als wir die materiellen Bedürfnisse des Lebens für das Proletariat anerkennen und ihre Forderungen unterstützen. Die Hauptaufgabe der religiösen Sozialisten sei, innerhalb der sozialistisch organisierten Massen zu wirken. Es ist nicht zu verwundern, wenn sich unter dem Eindruck der schlimmen Zu- * stände, unter denen die Arbeiterschaft leidet, ein Nihilismus breit macht, der alle Religionsbeteuerungen für Heuchelei hält. Doch sei es für die Arbeiterschaft nötig, die ewige Tiefe der Wirklichkeit zu begreifen und es bleibt stets das Rätsel des Menschen selbst übrig, dessen Sinn nicht durch Wissenschaft und Wissen, sondern nur durch Glauben erkannt werden kann. Unser Bekenntnis ist die Tat der Gemeinschaft des Kampfes auch mit den Freidenkern innerhalb der Sozialdemokratie, dann werde sich für diese die Notwendigkeit religiösen Lebens ergeben. Für die Kirche schlage heute die letzte Stunde, für die Möglichkeit der Wirksamkeit, im Sinne des göttlichen Willens. Mau kann Gott nur in Wahrheit dienen, wenn man der Gerechtigkeit in der Welt dient.- Das war in großen.Zügen das mit Wärme und Ueberzeugung ausgesührte Referat von Prof. Wünsch. Nachmittags das Korreferat von Mertens-Köln. Mertens sprach vom katholischen Standpunkt und legte teils die katholische Weltanschauung dar, die nicht nur mittelalterlich sei, sondern auch das Leben der Gegenwart mit mittelalterlichen Gedanken und Bindungen beherrschen will. Die katholische Soziallehre sei in ihren 'Grundzügen der mittelalterlichen Stände und Lebensordnung nachgebildet. Der politische Katholizismus weiß sich mit großem Geschick den 'Verhältnissen anzupassen, ohne sein innerstes Wesen aufzugeben. Er strebe auf konservative Ziele hin, während wir freiheitlichen Zielen nachstreben. Aus der kritisch-wissenschaftlichen Analyse des Katholizismus müsse die positive Verbindung der katholischen Glaubensgenossen mit der großen sozialistischen Arbeiterbewegung herauswachsen. Die Katholiken dürsten bei innerer Verbundenheit mit ihrem Priester in diesem nicht immer den Führer in politischen und Wirtschaftsfragen erblicken. Weiter trat Mertens für eine erhebliche Herabsetzung der unbegründet hohen Einkommen einzelner hoher Reichsbeamten ein, ans 'die unbedingt nötige Kürzung aller hohen Pensionen von Ministern, Generalen usw. Dann sei es eine ernste Aufgabe auch der religiösen Sozialisten, sich an der Gestaltung der neuen Lebensform durch die moderne Erziehungs¬ und Kulturbewegung zu beteiligen. Deswegen positire Mitarbeit an der Kindersreundebewegung. Die Diskussionen waren sehr lebhaft und standen auf vorbildlicher Höhe. Dr. Thiemc, Berlin, schnitt die Rußlandfrage an, die dann zur Bearbeitung einer Kommission übergeben wurde. Einige Jugendliche aus Leipzig, Dresden und Gotha zeigten, daß gerade bei den Jungsozialisten ernst um die Verbindung von Religion und Sozialismus gerungen wird. Dramatisch wurde die Aussprache, als ein Jesuitenpater R. Mayer ans München, der ohne Wissen seiner Behörde als Gast zwei Tage dem Kongreß beiwohnte, erklätte, ein gläubiger Katholik dürfe kein Sozialdemokrat sein. Er erkannte an, daß Karl Marx in seinem großen Mitgefühl und in einem Heroismus sich zu den Mühseligen und Beladenen gewandt habe; aber nur die katholische Kirche habe die volle Wahrheit und bringe die Erlösung durch das wahre Christentum. Der Vorsitzende sagte darauf, daß man auch in katholischen Kreisen endlich Sinn, für Meinungsfreiheit haben möge. Pfarrer Eckert, Mannheim, entgegnete dem Pater Mayer, daß der Glaubensbesitz der katholischen Kirche ja garnicht angefochten wurde, die katholische Kirche würde schon später zur Bejahung des Sozialismus kommen, wenn ein großer Teil auch der katholischen Arbeiter sich in die gemeinsame Klassenfront der Arbeiterschaft eingegliedert habe. Unser Kampf gegen die kapitalistischen Klassen und Wirtschaftsordnung ist ein Kampf im Sinne des Wortes Gottes von der notwendigen Erlösung des Menschen aus jeder Knechtschaft. Gegen 7 Uhr abends war damit der erste Tag beendet und der 2. August brachte um 9 Uhr das politische Referat: Der Faschismus — eine Gefahr für das Christentum. Leider konnte Otto Bauer aus Wien wegen schwerer Erkrankung dieses Referat nicht halten und ein ganz junger Pfarrer Jüchen aus Thüringen gab uns praktische Beispiele, welcher Gefahr Deutschland und das Christentum entgegengehen, wenn die Nazis mit Hilfe der gebildeten Bürgerschicht einen großen Einfluß auf die Gestaltung der Innen- und Außenpolitik bekommen. Von der Antike ausgehend stellte er uns 'zwei Staaten gegenüber, Rom und das römische Weltreich, in dem nur die Macht beruhend auf Gewalt und Imperialismus herrschend war, und den jüdischen Staat, der auf den Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit anfgebaut war. Israel war auf eine höhere Idee verpflichtet und daher der Kampf der Propheten gegen jegliches Unrecht der Könige und der herrschenden Schichten. In Israel mußte Recht vor Macht gehen und in Rom das umgekehrte Prinzip. Tic Kirche muß ganz entschieden gegen eine Vergottung des Staates protestieren. Mussolini und der faszistische Staat kennen keine Volksrechte, darum keine Presse- und Ver^- sammlungsfreiheit, keine geistige Freiheit. Der Faschismus unterdrückte alles geistige Leben und damit führt er auch zur Unterdrückung des Wortes Gottes. Wer aber die Kritik des Geistes ablehnt, muß seinem Wesen nach herzlos und grausam werden. Das gilt für jeden Faschismus und Nationalismus, der die Tendenz zum selbstgenießerischen Führertum verkörpert. Im Grunde sind es „Recht und Gerechtigkeit", auf denen jedes „Volkstum" beruht, nicht irgendwelche Fragen des Blutes oder sonstige Merkmale. Kennzeichnend für den Charakter für den faschistischen Machtstaat sei seine Haltung zu den Fragen öcr~ Sozialpolitik. Darum Jjnb nur die sozialistisch gesinnten Arbeiter und Angestellten ein festes Bollwerk gegen den Faschismus. Die andern politischen Richtungen vertreten in Wirklichkeit „Interessenten", die sich nur hinter den Begriffen Volt, Vaterland und Volksgemeinschaft zn verstecken suchen. Nur das Proletariat, dessen Lage schicksalhaft ist, sieht täglich hinter die Kulissen dieser Scheinwelt und hat ein besseres politisches Urteil deswegen wie die meisten Angehörigen der gebildeten Schicht. Daherdas radikale „Nein" gegenüber der heutigen gesellschaftlichen Ordnung und ihr Eintreten für einen sozialen Rechtsstaat. — — Außerordentlich lebendig und anregend war die Aussprache, in der fast nur Vertreter Thüringens und Sachsens sprachen. Truckenbrod aus Meißen meinte, noch nie war die Kirche so nnlitärselig wie heute. Er gab viele Beispiele, wie die Geistlichen dem wahren Sinne des Christentums zuwiderhandeln. Statt Friedensgeist herrscht der Geist eines Treitschke und neuerdings der von Ernst Jünger in den Kreisen vieler Pfarrer. Anstatt diesen Dingen eirtgegenzutrettn, breiten die Kirchenbehörden die segnenden Hände über den Stahlhelm aus. Prof. Wünsch, Marburg, zeigte den Geist in der nationalistischen Studentenschaft. Charakteristische Züge bei den Nazis und nationalistischen Studenten sind das Herrcnmenschkntnm, die Rassenverherrlichung, die Abneigung gegen unsere Kultur Juden als Schauspieler Von S. Meisels. Rudolr Schildtraut, der deutsche Schauspieler, ist im Alter von 69 Jahren in Hollywood gestorben. Er war einer von der Garde der größere Bühnenkünstler, die gut jüoischen Familien entstammten und durch ihr ganzes Leben treu dem Judentum anhingen. Dem Andemen dieses bedeutenden Meisters in der Menschendarsterlurig sei die folgende kulturgeschichtliche Skizze über Juden als Schauspieler gewidmet. Jahrhunderte lang blieb die Schauspielkunst! dem Judentum fremd. Strenges Gesetz und strenge Sitte hielten die Juden ab, unmittelbar Beziehungen zur Kunst des Mimen anzulnüpsen. Ter Juden suchte allezeit die Deutlichkeit der Tinge nno vermochte sich nicht mit einer Knust zu befreunden, die aus eitel Schein und Schau geteilt war. Eine Ausnahme machte hierin das jüdisch-hellenistische Zeitalter; in dieser Zeit widmete sich so mancher hellerriftcrte Jüngling dem Dienste Thaliens. In Jerusalem, Cäsarea, Tiberias, hauptsächlich aber in Alexandrien, gab cs damals jüdische Muscnjünger; lein Buch meldet von ihren Leistungen, kein Blatt verzeichnet ihre Namen. Bekannt ist nur, daß ein jüdischer Schauspieler, Alityros geheißen, der Liebling des Kaisers Nero und seiner Gemahlin Poppäa war. Josephus erzählt in seiner Lebensbeschreibung Kap. 3, er habe in Putevli einen gewissen Alityrus, einen Juden, ierrnengelcrnt, oec als Mime beim Kaiser Nero in großer Gunst stand: durch diesen Alityrus wurde Josephus der Gemahlin des Kaiser, der Poppäa, empföhlen. Ferner gab es im Altertum eine jüdische Schauspielerin, namens Faustina. In der „Disscrtatio de larvis scenicis" des Franciscus Ficoronius findet sich die Abbildung einer Graburne, die mit dem Emblem der Schauspielkunst (drei szenischen Larven) und mit den jüdischen Symbolen (Palmzweig. Leuchter und Salbhorn> geschmückt istl; auf dem Teckel der Urne ist in griechischer Sprache die Inschrift zu lesen: „Hier liegt Faustina" und darunter in hebräischen Buchstaben das Wort „Schalom". Embleme, Symbole und Zuschriften machen es unzweifelhaft, daß Fanstina eine Schauspielerin und Jüdin war. Aus der Folgezeit wird uns kein einziger Name eines jüdischen S-stausvielers überliefert: in den Geschichtsannalen suchen wir Um vergebens. Sicher hat es durch das ganze Mittelalter bis spät in die Neuzeit hinein leinen jüdischen Mimen gegeben. Tas Theater, aus scemdreligiösen Feiern hervvrgegangen, war im Judentum verpönt und die Schauspielerei als „Kunst der Spötter" gebrandrrrarlt. Es waren also zuvöcoerst religiöse und nationale Gründe, die den Juden von allen Schaustellern und Gebäwenspiclern fernhiclten. Tann trat noch eine natürliche Abneigung gegen alles Komödianientum hinzu, eine starke, schier unüberwindliche Abneigung, die selbst noch zu einer Zeit, da. die Fesseln altcr Vorurteile gesprengt wurden, als moralische Hemmung wirkte. Als gegen Ende des achtzehnten und Anfang des ueunzehnteil Jahrhunderts die Juden auch in die Kunsthallen cinzuströmen begannen, da vollzog sich wohl ein Umschwung in ihrem Verhältnis zur Bühnerttunst, nicht aber auch in ihrer Bewertung des Bühnenkünstlers. Tas Urteil über jene wurde revidiert, das Verurteil gegen diesen blieb bestehen. Tas Schauspiel war in ihren Äugen eine moralische Anstalt. der Schauspieler dagegen ein unmoralischer Mensch. — Uebrigcns standen die Juden mit dieser Anschauung nicht allein, sie war damals allgemein in der Gesellschaft verbreitet. — Tie Juden, auf Reputation, Ansehen und guten Leumund stets wachsam bedacht, mieden einen Stand, der in der Gesellschaft wenig Achtung genoß. Sie liebten die im Rampenlicht erstrahlende Scheinwelt nur von der Ferne, vom Parkett oder von dev Loge ans, und widerstanden jeder Versuchung, mit dieser Welt nahe in Berührung zu kommen. Sie stellten das höchste Kontingent von Zuschauern im Theater, aber wenig Schauspieler auf die Bühne. So sind in Deutschland am Ausgange des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eigentlich nur zwer Juden als Schauspieler in engern Theaterkreisen bekannt geworden. Der eine von ihnen, Jakob HecMd, war Schauspieler und Theaterdireltor in Hamburg. Herzfeld führte aus seiner Bühne säst sämtliche Stücke von Schiller auf, wobei er selbst in den wirksamsten Rollen mitspiel'te. Herzscld stand mit dem Dichter in schriftlichem Verkehr^ von seinen Briefen an Schiller liegen sieben gedruckt vor. (Jacob Herzseld hat sich später taufen lassen.) Ter andere, ein nicht unbedeutender Komiker und ebenfalls Theaterdirektoc in Homburg, war Theodor L'Arronge, der Vater des bekannten dramatischen Schriftstellers Adolf L'Arronge. Man sollte meinen, daß eine Gemeinschaft, die am längsten der Theatecluft entbehrte, gar keine Keimkraft besäße, ein schauspielerisches Talent hervorzubringen. Die Theatcrgeschichte beweist indessen das Gegenteil. Kaum hatte der Jude das Vorurteil überwunden und den ersten Schritt auf die weltbedeutenden Bretter gewagt, da offenbarte er und Zivilisation und die Freude an der Barbarei. Es sek eine bedauerliche Tatsache, daß der Weg der sogenannten bürgerlichen Jugend heute über den Nationalsozialismus geht; hier hat der Kampf aller freiheitlichen und religiösen Nöenschen einzusetzen. Noch viele Redner zeigten die Gefahr des Faschismus, die besonders dann liegt, weil in den Kreisen des Bürgertums eine innere, seelische Verbundenheit mit den Nazis festzustellen sei und wahre Humanität selten mehr in diesen Kreisen ist. Samstag-Abenv war dann die große öffentliche Kundgebung im Sigle-Haus. Thema: Der Daseinskampf des arbeitenden Volkes und die Kirche. Als Einleitung brachten gemischte Chöre das Werk „Morgenrat" meisterhaft zum Vortrag. Dr. Schenkel, Zuffenhausen, eröffnete die Veranstaltung mit dem Hinweis auf den 2. August vor 16 Jahren, der über alle Völker so viel Elend, Verwirrung und Not gebracht habe. Er forderte alle aus, am 14. September im Sinne der Freiheit und Demokratre die Wahlpflicht auszuüben. Nachdem Professor Dietrich, Mannheim, gesprochen hatte, gab Bernhard GöYring, Berlin, vom Afabund eine ungeschminkte klare Darstellung von dem Daseinskampf und der Not von fast 60 o/o aller arbeitenden Schichten in Deutschland. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung hat für Millionen keine Arbeit und kein Brot. Sie ist schlecht. Es wird vom Unternehmertum versucht, mit dem Arbeitslosenheer die Löhne und Arbeitsbedingungen zn verschlechtern. Der religiöse Sozialist weiß, an wessen Seite er in dem Kamps um Sein oder Nichtsein der werktättgen Bevölkerung zu treten hat. Karl Marx hat ausgerufen: Proletarier aller Länder vereinigt euch und wir müssen den Ruf erweitern und sagen: Arbeitnehmer aller Konfessionen schließt euch zusammen in dem Kampf um die Gestaltung des Bolksstaates. Mit Beifall begrüßt wurde Pfarrer Eckert, der anschaulich die Lage des arbeitenden Volkes im Betriebe und in der Behausung des Proletariats schilderte. Man muß Eckert gesehen und gehört haben, den sein innerstes Gewissen, den eine göttliche, ewige Stimme treibt, ein Märtyrertum aus sich zu nehmen, um seinen Brüdern im arbeitenden Volke zu helfen. Die Schlußworte Eckerts waren ein Appell an das religiöse Gewissen aller, sich eins zu fühlen mit den Mühseligen und Beladenen und treu und fest zum Kamps der arbeitenden Klasse um ihren Aufstieg zn stehen. Diese öffentliche Veranstaltung war wohl der Höhepunkt des'Kongresses. Der Montag brachte ab 9 Uhr vormittags wieder Arbeit und Aussprache. Dr. Schenkel, Stuttgart-Zuftenhausen, sprach über: Sozialpolitik und Sozialversicherung als Forderung christlicher Sittlichkeit. Ich will hier nur einige Details aus dem vorzüglich ck^sgeführten Referat wiedergeben, die aber geeignet sind, auch jüdisch-religiöse Kreise ausmerken zu lassen. Wir stehen mitten in einem gigantischen Kampf um Sozialpolitik und Sozialversicherung. ES handelt sich dabei um wirtschaftliche wie um ethische Probleme. Der Zerfall der freiheitlich gesinnten bürgerlichen Parteien hängt damit zusammen, daß den neuen sozialethischen Gedanken eine stärkere Kraft des Rechts und der Bindung innewohnt, als der krassen privatwirtschaftlich kapitalistischen Lebensauffassung. Die Kirche muß, wenn sie lebendige Gegenwartsbedeutung haben will, Stellung nehmen. Infolge der Zähigkeit und zahlenmäßigen Ucberlegenheit der im Alten befangenen kirchlichen Kreise ist die Kirche bis jetzt über Halbheiten in der Erkenntnis der Lage nicht hinausgekommen. Vor allem hat sie die gewaltige ethische Leistung der sozialistischen Bewegung im Ringen um Neugestaltung des Volks- und Wirtschaftslebens noch keineswegs anerkannt. Nun soll die Kirche sich aber nicht aus taktischen Gründen umstellen, sondern sie müsse um ein tieferes Verständnis für die sittliche Berechtigung und den idealen Gehalt der sozialistischen Forderungen ringen, in denen religiöse Gedanken ihre Verwirklichung finden. Der Redner erläuterte dieses an Hand des immer noch bestehenden Wohnungselends und seiner Wirkung auf die sittlichen und gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen. Trotz der Anerkennung der Not ist bis heute noch nicht begriffen worden, daß ihre Beseitigung nur möglich ist, wenn die rein privatwirtschaftliche Auffassung verlassen und 'eine bereits eine schauspielerische Begabung, die man oft bewundern muhte. Es ist das Merkwürdigste am Juden als Schauspieler, daß er, der spät begann, früh vollendet war, daß er schon irr den Anfängen sein Künstlertum in eine erstaunliche Höhe trieb. Im neunzehnten Jahrhundert sind Juden unter den Bühnenkünstlern, namentlich aus der deutschen Bühne, zahlreich vertrete,!. Nennt man die besten Schauspielernamen, so wird auch der ihre genannt. Fast auf jedem Gebiete der Schauspielkunst, fast in jedem Rollenfach stellt der Jude als Schauspieler seinen Mann. Einige unter ihnen gehören zu der auserlesenen Garde von Schauspielern, die nicht allein die Schauspielkunst, sondern auch den Dchausp'ielecstand in die Höhe hoben. Es würde zu weit führen, sie hier alle ausznzählen; nur einige der Prominentesten seien erwähnt. Ta ist vor allen andern oer Hosburgchanspieler Adels von Sorinenthal, der begnadete Künstler, der einen Gipfelpunkt deutscher Bühnenkunst bedeutete. Da ist die Elisa Rachel Felix.' die sich zur größten sranzöfischen Tragödin entwickelte. In diesem Zusammenhänge dars wohl auch die berühmte Sarah Bernhardt genannt werden, die eine Tochter armer jüdischer Eltern war. Aus jüngerer Zeit wird man vor allem Emanuel Reicher, den hervorragenden Ibsen- Interpreten, und seinen töngenialen Kollegen Rudolf Schildlraut, den nnübertroffliclren Meister in der Menschendacstellung, nennen müssen. In der Gegenwart ist die Zahl der jüdischen Bühnenkünstler besonders groß, Irene Trresch, Max Pallenberg, Fritzi Mässary, Alexander Granach> Fritz ^Kortner, Ernst Deutsch, Paul Graetz — lauter rührnlichst bekannte Tbealernamen. Namen von Schauspielern und Schauspielerinnen, deren schauspielerische Leistungen allgemein bewundert werden. Eine besondere Act Juden als Schauspieler bilden die 'Schauspieler, die aus der jiddischen oder der hebräischen Bühne wirken. Es wird diesen Bühnenkünstlern ein aufrichtiger Wille zur Kunst nachgerühmt, viele unter ihnen haben diesen Willen bereits in ihren Darstellungen obftktlviert. Diese Schauspieiertruppen wurden in den letzten Jahren, wo immer sie gastierten, in Berlin, Wien, Paris und London, von der maßgebenden Kritik für ihr Spiel mit Worten höchsten Lobes' bedacht. Welche Kuirsthöhe das jiddische Theater in oen letzten Jahren erreicht hat, beweis auch der Umstand, daß zwei hervorragende Schau) pielstr, wie Emanuel Reicher und Rudolf Schildkraut, eine Zeitlang auf der jüdischen Bühne in Amerika gewirkt haben.

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