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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-08-20 · 34 (20.8.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
34 (20.8.1930)
Date
1930-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Jahrgang Hummer 34 Beilage 20. August 1930 Umschau Eine interessante anglikanische Enzyklika. Die augenblicklich in allen Religionsgemeinschaften herrschenden Bestrebungen, die Religion mit dem Leben in Beziehung zu. setzen, haben jetzt zu einer beachtenswerten Enzyklika -er anglikanischen Kirche geführt. Die Bischosskonserenz der anglikanischen Kirche hat nach fünfwöchiger Beratung im Londoner Bischofspalast eine Enzyklika verfaßt, deren Bedeutung weit über den Rahmen des kirchlichen Lebens hinausgehl. Ju grundsätzlicher Weise haben die Bischöfe sich mit der modernen Wissenschaft, dem Scheidungsproblem, der Geburtenkontrolle, sexuellen Fragen und dem Kriege auseinandergesetzt. Dre neue, von 307 aus allen Erdteilen stammenden anglikanischen Bischöfe Unterzeichnete Enzyklika wird deshalb gls das wichtigste Dokument der anglikanischen Kirche seil Jahrhunderten bezeichnet. Das Hauptinteresse der Enzyklika beansprucht die Geburtenkontrolle. Die Bischöfe wollen die wissenschaftliche Geburtenkontrolle unter der Voraussetzung nicht verurteilen, daß moralische Gründe für die Empfängnisverhütung vorliegen und daß alle Anstalten getroffen werden, um den Mißbrauch der Geburtenkontrolle zu verhindern. Zur Scheidungssrage sprechen sich die Bischöfe gegen eine kirchliche Wiederverheiratung schuldig oder unschuldig geschiedener Personen aus, falls der frühere Ehepartner noch am Leben weilt. Falls jedoch eine unschuldig geschiedene und mittels Ziviltrauung wiederverheirrtete Person das Abendmahl erhalten will, so soll dies vom Gutdünken der Kirchenbehörde abhängig gemacht werden. Die Kameradschafts- und Versuchsehe wird auf das schärfste verurteilt. Dagegen wird die geschlechtliche Aufklärung von Kindern empfohlen. Zum Modernismus bemerken die Bischöfe, daß die Heilige Schrift die unerschütterliche Richtlinie für alle die Gottheit und das geistige Leben betreffenden Fragen bilde. Trotzdem müsse die Kirche den Forschungsergebnissen der Physik, der Astronomie, der Theologie, der Biologie und der Anthropologie Rechnung tragen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel könne deshalb nicht wörtlich aufgefaßt werden. Die Zulassung von Frauen zum Priesteramt wird nach, wie vor abgelehnt. Frauen dürfen lediglich zum Hilfsdienst beim Priesteramt herangezogen werden. Was die Friedensfrage angeht, so fordern die anglikanischen Bischöfe alle Kirchen der Welt auf, Regierungen ihre Unterstützung zn versagen, die sich vertragsmäßig zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten verpflichtet hätten, sich aber trotzdem weigerten, in Streitfällen einen schiedsgerichtlichen Lösungsversuch zu unternehmen. Die übrigen Bestimmungen der Enzyklika sind mehr allgemeiner Natur und befassen sich mit der Vereinheitlichung der christlichen Kirche und der Vertiefung des religiösen Lebens. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die anglikanischen Bischöfe, von dem Scheidungsproblem angesehen, einen bemerkenswert fortschrittlichen Standpunkt einnehmen, der, besonders in der Frage der Geburtenkontrolle, auf J>fit Gesetzgeber vielleicht nicht ohne Einfluß bleiben wird. Stefan Zweig über das völkische Rassenideal. Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" bringt eine Erklärung des Dichters und .Schriftstellers Stefan Zweig über das vom früheren Rektor der Wiener Universität, Prof. Gleispach, erlassene rassische Studentenrecht. Tie Erklärung lautet: „Daß junge Menschen der völkischen Rasseidee mit ehrlichem Idealismus und echter Begeisterung anhängen, kann ich vollkommen begreifen. Mit einer solchen Idee der unbedingten Reinblütigkeit und ungetrübten Rasseneinheitlich^- keit mag für manche ein Begriff besonders edler Zucht und körperlich-geistiger Vollkommenheit sich verbinden. Leider aber ist dieses Ideal innerhalb Europas und gerade in Oesterreich nur ein Phantom und nicht realisierbar; ich glaube, daß in ganz Oesterreich, diesem zweiftausendjährigen Mischstaat, sich keine fünfhundert Menscheu finden, die ehrlich den Nachweis erbringen könnten, kein slawisches, magyarisches, mongolisches, italienisches, jüdisch-semitisches Blut in den Adern zu haben, und wenn die wissenschaftliche Technik des Blutnachweises sich einmal zu dieser letzten Nachweisfeinheit vervollkommnet, werden nur verzweifelt wenige Studenten die an der Wiener Universität geforderten drei Reinheitsrassenschillinge bezahlen dürfen. Rassenrein sind, wie schon Nietzsche sagte, in Europa — horribile dictu — nur die Juden. Aber chas soll nicht betont sein, denn in geistigen Kreisen wertet man überall außer in Oesterreich Reinheit eines Menschen nicht nach' seiner Mutzusammensetzung, sondern nach seiner moralischen Haltung, andernorts bestimmt man bürgerlichen Wert im Staate nicht nach der Herkunft, sondern nach der Leistung. So beeide ich ehrlich und öffentlicherweise, daß man zum Beispiel in Europa und in der ganzen Welt den blutminderwertigen Professor Siegmund Freud höher in seiner Kulturwirkung einschätzt, als den angeblich reinrassigen Wenzel Gleispachsosern man dessen Namen über den Hvrsaal der Wiener Universität jemals vernommen hat (was ich sehr bezweifle). Vor der höheren, der geistigen, als der einzig gültigen Instanz hat esjämmerlich wenig Wert, daß man sich selber pathetisch als höherstehend, als überlegen, als weltwichtiger auf Grund einer Rassen- und Klassentheorie erklärt; dock) entscheidet glücklicherweise einzig nur, was einer ist, und die Leistung, durch die er sein Dasein fd6öJ3ferif* vor der Welt bezeugt hat. Stefan Zweig." Martin Buber zum Professor ernannt. Der Lehrbeauftragte für Jüdische Religionslehre und Jüdische Ethik Schriftsteller Dr. Martin Buber, ist zum Honorarprofessor in der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt ernannt worden. Martin Buber, der Religionsphilosoph, der vor allem die Geschichte der Prophetie und der religiösen Mystik dargestellt hat, wurde 1878 in Wien geboren. Er ist ein Enkel des Erforschers der Haggrda Salomo Buber. Er studierte in Wien, Leipzig, Berlin und Zürich Philosophie und Kunstgeschichte und veröffentlichte eine Reihe grundlegender religionsphilosophischer Werke. Heute gehört er nicht nur auf dem Gebiete der jüdischen, sondern auch auf dem der allgemeinen Religionswissenschaft zu den führenden Persönlichkeiten. Ueber die Grenzen der Konfessionalität hinaus ist er mit allen Kreisen verbunden, die die Wiedererweckung religiöser Grundkräfte erstreben. Mit dein Katholiken Mittig und dem Protestanten Weizsäcker gibt er die religionswissenschastliche Zeitschrift „Die Kreatur" heraus. Von Bubers Schriften sind zu erwähnen „Mein Weg zum Chassidismus", „Vom Geist des Judentums", „Die jüdische Bewegung", „Reden über das Judentum", „Die Geschichten des Rabbi Nachman", „Die Legende des Baalschem", „Der große Maggid", „Das verborgene Licht", „Ekstatische Konfessionen", „Reden und Gleichnisse des Tschuang-Tse", „Daniel", „Ich und Du". Mit dem früh verstorbenen Dichter-Denker Franz Rosenzweig hat er die Bibel neu übertragen. Bubers Bedeutung für die innere Entwicklung des Zionismus war sehr groß. Er war 1901 Redakteur des zionistischen Zentralorgans „Die Welt",- auf dem V. 'Zionistenkongreß war er Führer der kulturpolitischen demokratischen Fraktion. Auf dem 12. Zionistenkongreß in Karlsbad 1921 trat er für eine Politik der Verständigung mit den Arabern ein. Die jüdische Jugend aller Richtungen ließ sich von ihm entscheidend beeinflussen. Heute steht er der Bewegung für das arbeitende Palästina nahe. Buber ist Mitbegründer des „Jüdischen Verlages", er redigierte eine Zeit lang die von .^diesem Verlage herausgegebene Zeitschrift „Der Jude". Gegen die rumänischen Pogrome. Aus Anlaß der schweren Exzesse gegen oie Juden, die sich in der letzten Zeit in Rumänien ereigneten, hat das Präsidium des Hilfsvereins der Deutschen Juden, die Herren Trr. James Simon, Generalkonsul Eugen Landau, Max M. Marburg, Willy Treysus, folgendes Schreiben an den Ministerpräsidenten, Herrn Dr. M-aniu, gerichtet. „Ter Hilfsverein oer Deutschen Juden hat bereits vor dem Kriege eine große Hilfstätigleit in Rumänien entfaltet uno in den letzten Jahren wiederum begonnen, den wirtschaftlich schwer leidenden Juden Rumäniens, so weit seine Mittel es erlaubten, zur Seite zu stehen. Diese Tätigkeit, die er im Interesse der rumänischen Juden ausübt, wird aber dadurch schwer beeinträchtigt, das iu der letzten Zeit schlimme Exzesse gegen die Juden in Rumänien stattgefünden haben. Tie deutschen Inden, deren Gefühlen der Hilfsderein der Tatschen Juden Ausdruck gibt, sind von tiefer Sorge über das Schicksal ihrer Glaubensgenossen in Rumänien erfüllt, über oie Ereignisse, die sich in der letzten Zeit in Kimpolung, Borscha, Suczawa, Balaceana und anderen Orten abgespielt haben, und die nach ihrer Meinung die notwendige Sühne noch nicht gefunden haben, ebensowenig wie eine Entschädigung der Opfer bisher erfolgt ist. Wir geben uns der Erwartung hin, daß diese Kundgebung, durch die die deutsche Judenheit ihren tiefen Schmerz über die Geschehnisse zum Ausdruck bringt, dazu beitragen wird, die Ausmerisamleit der rumänischen Regierung auf die traurige Lage der Juden zu lenken. Wir hoffen, daß die rumänische Regierung dafür Sorge tragen wird, dass die Gleichberechtigung, die den Juden gewährleistet ist, durchgesührt wird, daß antisemitische Agitationen verhindert werden, und daß den Juden die volle Freiheit und die Möglichkeit gegeben wird, gesichert gegen Angriffe ihres Judentums wegen und gegen Verfolgungen und Gewalttaten sich als gleichberechtigte Bürger zu betätigen." Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Am 30. November haben die Juden in ganz Preußen darüber zu bestimmen, ob in Zukunft Zionisten oder fortschrittliche, religiöse deutsche Juden die Bestimmung in den führenden jüdischen Gemeinden Preußens und im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden erhalten. Tie jüdischen Gemeindewahlen werden entscheiden, ob die Juden Deutschlands als nationale oder als religiöse Gemeinschaft gegenüber den deutschen Behörden vertreten werden sollen. Ter Ausfall der Wahlen wird auch bestimmen, in welchem Geist die jüdische Zukunft unserer Kinder gestaltet werden soll. Welche Gefahren drohen, zeigen drei Berichte, die die zionistische „Jüdische Rundschau" in ihrer Ausgabe vom 15. August veröffentlicht. Entwurzelung in der deutschen Heimat, Hinleitung nach Palästina, Entfremdung in deutscher Sprache und Kultur ist das Ziel. In einem Bericht über den Bundestag der zionistischen Jugendvereinigung Kadimah heißt cs: „Tie Debatte zeigte eine weitgehend« Uebereinstimmung in der praktischen Arbeit aller Bundesteile. Ueberall die gleiche Tendenz zur weiteren Judaifierung und He - braisierung, überall der Wunsch nach größter Nähe Erez-Jsraels. Stark ist auch der Wunsch, Chaluzim aus dem Bund her vergehen zu sehe n." In einem Bericht über den Bundestag des gleichfalls zionistischen „Jungjüdischen Wanderbund" wird gesägt: „... die Mehrzahl ihrer älteren Mitglieder (16 bis 18 Jahre) stehe in der „Hachscharah"-Vorbereitung für landwirtschaftliche Arbeit in Palästina. Ter Bund erklärte sich als die Nachwuchsbewegung der jüdisch en Arbeiterschaft in Erez Israel und legte als eine seiner Grundlagen die Mitarbeit an den zionistischen Fonds, Keren Kajemeth und Keren Hajessod fest." Und in einem dritten Bericht in der gleichen Ausgabe der Jüdischen Rundschau über den Kongreß eines angeblichen „Weltverbandes der jüdischen Jugend" lautet es: „Tie Schlußsitzung des Kongresses war ausgefüllt von einer Debatte über die Bedeutung Palästinas für das jüdische Bewußtsein im allgemeinen und das der jüdischen Jugend im besonderen. Mehrere Redner schilderten den hohen moralischen Wert des jüdischen Aufbauwerks in Palästina für die Bildung einer Weltanschauung der jüdischen Jugend. Das Wort ergriff als Gast der Rabbiner von Baltimore, Tr. Coblenz, der über die Rolle Palästinas in der jüdischen Geschichte sprach und die jüdische Jugend beschwor, die jüdische Seele aus dem Galuth befreien zu helfen." Soll dieser Geist in der jüdischen Jugend Deutschlands gestärkt werden? Sollen in ihr Hoffnungen geweckt werden, die die traurige Wirklichkeit in Palästina zerstören muß? Tie jüdischen Gemeindewähler werden am 30. November auch hierüber zu entscheiden haben. Palästina-Sitzung des Völkerbundes. Der Unterstaatssekretär im Kolonialamt, Dr. Drummond Shiels, dessen Palästina-Reise kürzlich offiziell angekündigt wurde, wird sich, wie jetzt verlautet, noch vor Antritt dieser Reise nach Gens begeben, um an der in der ersten Hälfte des September stattsindenden Versammlung des Völkerbundes, in der die Palästina-Frage zur Behandlung kommen wird, teilzunehmen. Die in Edinbourgh erscheinende Zeitung „Scotsman" erfährt, daß der gegenwärtig aus Urlaub in Europa weilende High 'Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, Dr. Shiels nach Gens begleiten wird. Wie der Jta-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, ist die Antwort der britischen Regierung auf die Feststellungen der Mandatskommission des Völkerbundes in ihrem' Palästina-Bericht in einem sehr scharfen, ja unfreundlichen Ton gehalten. Die „Bemerkungen" der Mandrtarmacht enthalten eine Reihe Vorwürfe an die Adresse der Mandatskommission hinsichtlich ihrer Methoden, sowie eine scharfe Kritik an ihren Feststellungen, wie sie in einer solchen Form seitens einer Mandatarmacht bis jetzt noch nicht erhoben worden waren. Es wird angenommen, daß der am 5. September in Genf zusammentretende Völkerbundsrat sich infolge dieses Angriffs der britischen Regierung auf die Mandatskommission einer schweren Situation gegenübergestellt sehen wird. Sammelt Wahl'.Flugblätter! Das Gesamtarchiv der Deutschen Juden teilt mit: Der Reichstagswahlkampf wird voraussichtlich eine Fülle von Flugblättern Hervorrufen, in denen die Parteien auch zur Judenfrage Stellung nehmen werden. Als Ausdruck politischer Anschauung und als Kennzeichen einer auf die Psychologie der Massen abgestellten Agitation haben diese Wahlslugblätter ihren über den Tag Hinaus reichenden geschichtlichen Wert. Sie vergegenwärtigen in einem gewissen Sinne die Lage des deutschen Judentums und sind, richtig .abgewogen, dazu geeignet, die Situation auch, späterhin schlaglichtartig deutlich zu machen. Es ergibt sich daher die Notwendigkeit, diese Dokumente zu sammeln und möglichst vollständig zu erfassen, um sie dereinst der Forschung zur Verfügung stellen zu können. Diese Aufgabe hat sich das Gesamtarchiv der Deutschen Juden gesetzt. Es ergeht daher an alle Organisationen und Einzelpersonen die dringende Bitte, die Bemühungen des Gesamtarchivs durch möglichst umfassende Sammlung und Ueberweisung von Flugblättern der bezeichnten Art und sonstigem einschlägigen Material, wenn möglich in mehreren Exemplaren, tatkräftig zu unterstützen. Alle Zusendungen werden erbeten an die Adresse: Gesamtarchiv der Deutschen Juden, Berlin %24, Oranienburger Straße 28. Vom Kongreß der religiösen Sozialisten Wir veröffentlichen den nachstehenden Bericht mit den selbstverständlichen Vorbehalten, die sich aus unserer parteipolitischen Neutralität ergeben, daß es auch außerhalb des Kreises der Sozialisten Beachtung beanspruchen darf, wenn'in neuerer Zeit in der sozialistischen Bewegung eine religiöse Strömung sich in stärkerem Maße als in früheren Zeiten Geltung verschafft. Die Red. Weithin sichtbar vom Höhenrestaurant Schönblick flatterte einige Tage die rote Fahne mit dem Kreuzeszeichen, das Symbol der religiösen Sozialisten der ganzen Welt, auf Stuttgarts schönem Berge in der Weißenhof-Siedlung. Hier waren die Vertreter und Delegierten des Bundes aus allen deutschen Gauen zum Kongreß gekommen, um gerade in dieser Zeit, wo das Bürgertum sich zusammenschließt in Deutschland gegen bie Mühseligen und Beladenen, Kunde zu geben, daß die religiösen Sozialisten Schulter an Schulter mit den Andersdenkenden in der Sozialdemokratie für das Proletariat.kämpfen werden. Pfarrer Eckert aus Mannheim eröffnte Freitag, den 1. August, 9 Uhr, pünktlich den Kongreß und berußte den Bürgermeister Stuttgarts, Herrn Klein, den Landtagspräsidenten Pflüger, den Vertreter der Universität Heidelberg, Professor Odenwald von der Theologischen Fakultät und den Vertretern der Freien Gewerkschaften Deutschlands. Begrüßungstelegramme hatten geschickt, der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der preußische Kultusminister Grimme, und der Vorstand der Freien Gewerkschaften Deutschlands. Leonhard Ragaz, Zürich, und die Sozialisten Frankreichs, Englands, Hollands, Belgiens, der Schweiz, Oesterreichs und Polens. Mittags kamen französische Vertreter aus Laon und überbrachten Grüße und Wünsche der französischen Freunde. Pfarrer Eckert sagte in seiner Erösfnungs- und Begrüßungsrede u. a. folgendes: Ter Gefahr der ideologischen Verseuchung der Harmlosen und Unzuverlässigen auch mit der Phrase von der Rettung des Christentums vor dem gottlosen Marxismus entgegenzutreten, ist eines unserer wichtigsten Anliegen. Die Zeichen der Zeit schrecken jeden ehrlichen, religiösen Menschen. Mussolini hat mit dem Papst ein Konkordat geschlossen, in Deutschland preisen sich Nazis und Faschisten als Retter eines positiven Christentums an. Wir halten es für eine selbstverständliche Pflicht religiöser Gesinnung, daß in einer christlichen Gesellschaft Gesetze gegeben werden, durch die, solange wir diese unzulängliche Wirtschaftsordnung haben, die Massen der Arbeitslosen vor äußerster Not bewahrt bleiben. Noch eine kurze herzliche Begrüßung von Pfarrer Dr. Schenkel, Zuffenhausen, und nach der Wahl der Vorsitzenden und Schriftführer begann Prof. Dr. G. Wünsch, Marburg, mit seinem Referat: Das Recht und die Aufgaben der religiösen Sozialisten in Kirche und Arbeiterschaft. Nur einige wichtige Sätze seien hier angeführt: Wir sind als religiöse Menschen Sozialisten und bejahen aus diesem Grunde die Kirche. Nun ist es ja ein offenes Geheimnis, daß die Kirche, so wie sie ist, antiquiert ist; die Vergangenheit hangt an der Kirche wie eine lähmende Schicht. Man dürfe aber die Kirche nicht nur in dem kleinen Kreise von Kleinbürgern und Bauerntum erblicken, der zurzeit die Haltung der Kirche bestimmt. Dieser kleine Kreis wurzelt soziologisch nur in der Vergangenheit, in konservativ romantischen Ideen und ffteht der Gegenwart und der neuen religiösen Sehnsucht des modernen Menschen fremd und verständnislos gegenüber. Daher^anch die Welt-

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