Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 32 (6.8.1930)
- Date
- 1930-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Charaktere. Aber sie standen naturgemäß auf dem Standpunkt ihrer Zeit und deren Anschauungen. Die alten Weisen waren mich sehr kluge Leute, „klüger als Gott; denn Gott weiß alles, sie aber wußten alles besser". Sie haben die Thora, der sie, ihrer festen Ueberzeuguwg folgend, göttlichen Ursprung zusprachen, gedreht und gewendet, gezerrt und gequetscht, bis oft etwas ganz anderes herauskam, als eigentlich darin steht. Einige, besonders der berühmte Rabbi Akiba, haben die Klügeleien manchmal so weit getrieben, daß es selbst einigen ihrer Kollegen zu viel wurde und sie energisch dagegen Front machten. Das half ihnen aber nichts, sie .wurden von dm Bewunderern der Dialektik des Akiba — auch anderer — überstimmt und, wmn sie sich nicht fügten, schließlich an die Luft gesetzt und von den Sitzungen ausgeschlossen: der Bann wurde über sie verhängt. Und diese herausgeklügelten Bestimmungen — darunter auch Gebete — sind bis auf dm heutigen Tag bestehen geblieben, sämtlich bei den Orthodoxen, die meisten bei dm Konservativen, aber auch viele bei den Liberalen. Uns interessieren hier nur die Letzteren, andere können für sich selber sorgen. Wem ist es wohl schon bewußt geworden, daß ein Vers der Thora, den wir an allen Feiertagen in den Synagogen beim Ausheben der Thora als hochheiliges Gebet stehend zwei- oder dreimal anhören oder mitsingen, absichtlich um zwei Worte gekürzt, dadurch in seinem Sinne geändert und umgekehrt ist? Und ausgerechnet am Bersöhnungstag, an dem wir neunmal das Sündenbekmntnis, beginnend mit „oschamnu" (wir haben uns verschuldet), ablegen und in dem auch bekannt wird: „wir haben gelogen", wird dieser veränderte Vers außerdem noch oft, in den Berliner Orgelsynagogm noch achtmal, in weihevoller Stimmung gesprochen oder gesungm. Es ist der Offmbarungsruf Gottes an Moses: „adonai, adonai, el rachum wechanun". Im Berliner Gebetbuch lautet dessen Uebersetzung: „Gott, o Gott, allmächtig, barmherzig und gnädig, langmütig und von unendlicher Huld und Treue! Du bewahrst Gnade bis ins tausendste Geschlecht, verzeihest Schuld, Missetat und Sünde und spr ich st rein die Reuigen". Diese gesperrt gedruckten Worte sollen die Uebersetzung des hebräischen Wortes „wenackeh" sein. In anderen Gebetbüchern lautet die Uebersetzung ähnlich, aber in gleichem Sinne, nur Senior Sachs war so klug, die Ueberfetzung von „wenackeh" fortzulassen, damit ist er der Unwahrheit aus dem Wege gegangen, aber nicht ganz. Wie lautet denn der Vers in Exodus 34,6 und 7? Ta stehen hinter „wenackeh" noch zwei Worte: „lau j enackeh". Tiefe drei Worte werden in den Bibelübersetzungen wiedergegeben: vom liberalen Rabbiner Dr. L. Philippson mit: „läßt aber nicht ungestraft"; von den Orthodoxen Wo hl gern uth und Bleicherode: „der aber nichts unbestraft läßt"; von dem hoch orthodoxen Samson Raphael Hirsch: „und erläßt doch nichts"; vom konservativen Rabbiner Tr. S. Bernfeld: „doch ganz straflos läßt er nichts hingehen". Luther übersetzt: „und vor welchem niemand unschuldig ist", und die anerkannt beste heutige Bibelübersetzung, die Kautzsche Bibel, sagt: „doch nicht ganz ungestraft läßt". stimmen alle Biüelübersetzcr überein, wenn auch nicht in absolut denselben Worten, so doch klar im Sinne, Christen und Juden, von rechts bis links. Warum hat man bei Einsetzung des Verses in das Gebetbuch nicht lieber drei anstatt zwei Worte abgeschnitten, dann hätte man doch vermieden. daß seitdem dieser göttliche Ausspruch eine Umkehrung seines Inhalts, Vergebung anstatt Bestrafung, erlitten hätte. Es mag fein, daß es aus theologischen Gründen, aus veränderter Auffassung des Wesens Gottes geschehen ist; es bleibt . eine Unwahrheit! Vor allem müssen doch Text und Uebersetzung. wenigstens sinngemäß übereinstimmen; man hat sich ja nicht geniert, andere hebräische Texte des Gebetbuches, als rächt mehr zeitgemäß, umzuarbeiten. Aber ein Bibelzitat darf noch weniger äbgeäudert werden, als ein Zitat aus menschlichen Schriftwerken. Tie Rabbiner haben aber auch sonst im Gebetbuch noch andere biblische Zitate abgeändert. Was würden sie wohl gesagt haben, wenn man sie salsch zitierr hätte, wenn man beispielsweise den bekannten Ausspruch Hillels um zwei Worte gekürzt und folgendermaßen wickergcgeben hätte: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge andern zu?" Tie Rabbiner standen allerdings auf dem Standpunkt, daß die Verletzung einer rabbinischen Vorschrift schwerer wiege, als ein Verstoß gegen ein biblisches Gesetz. Man har mancherseitS unseren alten Weisen den l,istorischcn Sinn abgesprochen, das must wohl jür die Anordnung einiger Segenssprüch-c zutresicu, sonst hätten sie solche gewiß 'nicht vorgeschrieben. Tenn sie waren ungemein darauf bedacht, jede Verletzung des dritten Gebotes zu vermeiden. Sie haben sich sogar gescheut, dre Wörter „adaunoi", „el" Skultetus ihn aufsuchte und sich mit ihm sonderlich über den jüdischen Kalender unterhielt." „Auch als Görlitz preußisch wurde, blieb den Juden zunächst das Recht der festen und ständigen Ansiedlung in der Stadt verschlossen. Erst durch das Gesetz von 1847 hatten sie Anspruch darauf. 1849 gab es 111, 1852: 149, 1855: 181, 1867 : 373, 1880 : 643, 1885 : 691, 1902 : 649, 1912: 612 Juden. Zuerst hatte die neue jüdische Gemeinde für ihren Gottesdienst einen Raum in der Nikolaigasse Nr. 10 gemietet, dann siedelte sie am 20. September 1853 in ihr neues Gotteshaus in der Langengasse Nr. 24 über. Seit dem 7. März 1911 hat sie in der Otto Müller-Straße ihre Synagoge. 58 Jahre, von 1856 bis 1914, hat der Rabbiner Dr. Freund als Prediger an der Gemeinde gewirkt." Geschichte der Stadt Görlitz. Bon Richard Jecbt, Verlag des Magistrats der Stadt Görlitz, Görlitz 1926. Seite 106 fsg. St. Wende!. „Juden haben sich schon bald, nachdem Kaiser Karl IV. dem Kurfürsten Boemund II. im Jahre 1356 das Recht verliehen, Juden in den Städten des Erzstiftes zu halten, hier niedergelassen. So befreite Boemund II. am 1. Mai 1358 feinen 'Erbjuden Jakob am St. Wendel gegen Zahlung von 40 Gulden auf drei Jahre von allen Steuern, der Schatzung und Volleiste. Am 10. Mai 1383 verzichtete der Kurfürst Kuno II. Johann dem Herrn von Kirkel gegenüber aus allen Schadenersatz wegen der von jenem kurz zuvor zu St. Wendel ausgehobenen Juden. Im Jahre 1385 wird dann ein reiches jüdisches Ehepaar Sauwelin und Belchin genannt, das hier Bankgeschäfte trieb. Und im folgenden Jahr erscheint in unserer Stadt eine Jüdin Zymmele, die einen wertvollen Gürtel beliehen hatte. Tie letzten in unseren Mauern ansässigen Juden dürsten die Brüder Moses und Michel gewesen sein. Sie verkauften wahrscheinlich in Vorahnung ihres Schicksals tm Jahre 1417 ihr am Vogelsberg beim Wallersweilerhofe und „elauhim" — außer im Gcket — tmszusprechen. Anstatt „adaunoi" sagten und schrieben sie „haschem" (der Name), oder „hamolaum" (der Ort), anstatt „elauhim" sprcvchen sie „elaukim" und für „el" sagten sie „lel". Diese letzteren beiden abgeänderten Wörter haben keinen sprachlichen Sinn. Auch! beim Schreiben setzte man für den Gottesnamen nur ein He (H); ganz besonders Vorsichtigen genügte das noch nicht, diese strichen ein wenig von dem.' Buchstaben ,He" fort, sodast ein „Tatet" (D) daraus wurde. Tiefes Tatet bedeutet auch, „vier" und soll aus den vierbnchst'abigeu Namen Gottes Hinweisen. Das ist! alles auch, noch, heute so. Wenn ein Strengftommer für eine Beerdigung ein „el mole racha-- mim" wünscht, dann bestellt er ein „tel mole". In neuerer Zeit ist man soweit gegangen, daß auch in deutschen Wetten nicht „Gott", sondern „G'tt" geschrieben wird. Alles dieses in Rücksicht aus: „du sollst den Namen des Ewigen deines Gottes, nicht vergeblich aussprechen". Andere übersetzen das dritte Gebot: „du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht zum .Falschen aussprechen, ist es nicht „zum Falschen", wenn man Aussprüchen, die nach der Thora aus 'Gott zu rückgeführt werden, einen veränderten Sinn beilegt- Ta wäre es doch wahrer, den Vers aus dem Gebetbuch zu streichen. Wie kommt es zum Beispiel, daß man beim 'Anzünden der Ehanukkablichcher beten soll: „Gelobt seist du. Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns durch! seine Gebots geheiligt und besohlen hat, ein Chanukkahlicht anzuzünden," öder am Purim „die Megilla zu lesen". Wann, wo, wem hat Gott solches befohlen? Es sind rein rabbinische Anordnungen, denen sogar lange Zeit Meinungsverschiedenheiten vorangingen. Tie Estherrolle wurde erst kürz nach der zweiten Zerstörung Jerusalems in unsere Bibel ausgenommen und die Makkäbäerbücher fanden überhaupt keinen Platz in derselben. Spricht man also nicht direkt eine Unwahrheit STRAHL & FALKE BLUMEN-AUSSTELLUNG BERLIN-W 66 « MAUERSTR. 79 HMNMIh ZENTRUM S033 u. 5034 BLUMENSPENDEN . TRAUERSPENDEN TAFELSCHMUCK IHflEHDEKORATIOHEN IR KOflSTLERISGHER AIISFOHROR8 aus, wenn man Gott einen Befehl unterschiebt, den er nie erteilt hat? Tie Thora befiehlt klipp und klar: „du sollst nicht lügen"! (2. M. 23, 7 und 3. M. 19, 11). Genau so ist es mit manchen anderen Segenssprüchen, es würde zu weit führen, hier darauf weiter einzugehen. Aus einige andere Gebete muß jedoch hingewiesen werden, auf die Gefahr hin, als Ketzer oder Verhöhner beschimpft zu werden. Wenn es sich um die Wahrheit handelt, darf man nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, sondern muß entschlossen zupacken, nicht aus Antireligiosität, sondern aus wahrem religiösen Gefühle und im Interesse der Säuberung unserer Andachten von unzeitgemäßen, daher heute unwatzrhaften Gebeten. Es gibt auch unter uns liberalen Juden viele Fromme, die das Bedürfnis haben, dann und wann das Gotteshaus zu besuchen, sei es an Festtagen, sei es wöchentlich: die auch zu Hause hebräische Gebete zu sprechen pflegen. Sie wissen ja aber nicht, daß sie manchmal dabei lügen, nicht mit Bewußtsein, sondern aus Gedankenlosigkeit. Unkenntnis, Gewohnheit oder — Feigheit. Auch unsere liberalen Gebetbuchverfasser scheinen in manchen Fällen zu feige gewesen zu sein, hebräische Texte abzuändern; sie haben es' vorgezogen, wie auch im vorerwähnten Falle, der deutschen Uebersetzung einen anderen Sinn zu geben, — weil sie selber Anstoß an chem hebräischen Text nahmen, aber auch aus diesem muß das Unwahre schwinden. Die Zeiten haben sich geändert. Als vor etwa achtzehnhundert Jahren unsere Hauptgebete verfaßt wurden, herrschten ganz andere wissenschaftliche Ansichten und Weltanschauungen als heute, namentlich stand die Naturwissenschaft noch auf einer recht niedrigen Stufe. Bei uns Juden blieb solcher Standpunkt weit länger als bei unserer andersgläubigen Umgebung. Erst vor hundettundsünfftg Jahren begannen wir, uns auch um die Fortschritte der nrchtjüdischen Wissenschaften zu kümmern, geriet die Bersehmung anderer als jüdischer Bücher allmählich in Vergessenheit. Aber in unser Gebetbuch ist moderne Wissenschaft, namentlich in die hebräischen Texte, noch nicht eingedrungen, und diese werden doch aber in den Synagogen gebetet. Darf man die des Hebräischen nicht genügend Kundigen durch eine unrichtige Uebersetzung zum Anssprechen eines hebräischen Gebetes veranlassen, dnvch das sie unwissentlich eine Unwahrheit an Gott richten? In der „schemone esre", dem achtzehner Gebet, sagen wir in der zweiten Beracha. nach wöttlicher (nicht nach der dem Gebetbuch beigedruckten) Uebersetzung: „Der das Leben in Gnade erhält, in seinem großen Erbarmen die Toten belebt. wer ist wie Du, Allmächtiger, und wer gleicht Dir, o König, der tötet und belebt. und Du bist zuverlässig, die Toten zu beleben, gelobt seist Du, der die Toten belebt. Hier handelt es sich um die körperliche Wiederauferstehung, nicht, wie in der Übersetzung, um eine Fortdauer der Seele. Ucker letztere läßt sich nicht streiten, sie kann weder bewiesen noch widerlegt werden, sie ist Gefühls- oder Glaubens suche. Aber es wird wohl keinen einigermaßen gebildeten liberalen Juden geben, der heute noch an körperliche Wiederauferstehung glaubt, ja, der es begreift, daß man es überhaupt für möglich halten kann, daß in der messianischen Zeit alle die seit Tausenden von Jahren Verstorbenen wieder zum Leben erweckt werden sollten. „Raum für alle hat die Erde" sagt der Dichter, hat docket aber nur an Lckende gedacht. Für alle Verstorbenen hätte t>ic Erde bei einer Auferstehung ganz gewiß nicht Platz genug. Und doch betet man täglich dreimal, am Sabbat viermal, am Jom Kippur fünfmal (außer etwaigen Wiederholungen) „gelobt seist Du, der die Toten belebst", obwohl mam weiß, daß Werden und Vergehen das Schicksal alles Irdischen ist, obwohl schon Kohelet, der Prediger Salomo, in Kap. 3, 19 gesagt hat (und was dem Gebetbuch auch eingefügt wurde!): „Es besteht kein Vorzug des Menschen vor dem Tier, denn alles ist nichtig." Ferner singt man, auch in liberalen Synagogen, am Schlüsse des Feiertag-Wbend-Gottesdienstes das auch für das tägliche Morgengcket vorgeschrickene „Jigdal" (eine dichterische Bearbeitung der dreizehn Glaubensartikel des Maimonides), dessen letzte Strophe lautet: „die Toten wird Gott in seiner großen Gnade wieder beleben". Auch hier sagt die Uckersetzung etwas ganz anderes. Sind das Wahrheiten? Und wenn die feierlichen Gelegenheiten, z. B. bei Hochzeiten, in der Gemeindelaubhütte usw. das Tischgebet laut vorgetragen wird, sagt man dann nicht meistens den alten Text, der so manches enthält, was unseren Anschauungen aufs Höchste widerspricht? Wie wenigen Laien ist wohl der geänderte Text des Berliner Gebetbuches bekannt! - ' Jedes Abendgebet, wochentags, freitags und feiertags, beginnt: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der durch sein Wott die Abende dämmern läßt, mit Weisheit die Himmelstore öffnet, mit Einsicht die Zeiten verändert, die Zeitabschnitte wechselt und die Sterne an ihren Wachtplätzen nach seinem Willen am Firmament ordnet, der Tag und Nacht geschaffen, das Licht von der Finsternis fottrollt und die Finsternis vor dem Licht. Der den Tag hinwegsührt und die Nacht herausbringt, der zwischen Nacht und Tag scheidet." „Und sie bewegt sich doch!" Kann ein moderner Mensch dieses Gebet aussprechen, ohne vor sich selbst zu erröten? Natürlich lautet wieder die Uckersetzung vollständig anders. Das Gebet, auf damaligen Ansichten beruhend oder als Protest gegen Anschauungen der Umwelt verfaßt, ist doch heute sinnlos. Wenn es sagen würde, daß Gott einst den Unterschied zwischen Tag und Nacht erschaffen habe oder, daß Gott der Urheber der Naturgesetze wäre, dann könnte Jeder das Gebet auch jetzt noch mit gutem Gewissen beten. Es spricht aber im Praesens, meint, daß die Tätigkeit Gottes Abend für Abend, Morgen für Morgen wieder emsetzt. Ist die sogenannte Uebersetzung nicht eine Spekulation aus die mangelnde Kenntnis oder das Verständnis der Beter, indem man sie, den heutigen Weltanschauungen entsprechend, etwas ganz anderes sagen läßt? Das entsprechende Morgengebet „Jauzer aur" hat einen einfacheren, kürzeren Text, auch nicht einen zeitgemäßer. Dieser Text ist älter als das Abendgebet, aber in ihm ist auch ein verändertes Zitat aus Jesaia wiedergegcken. Nun unsere Kinder! Welche Konflikte müssen zwischen dem Unterricht in der allgemeinen Schule und der Religionsgelegen es Feld an das Kloster Tholey. Dann wurden sie jedenfalls durch den Ausweisungsbefehl des Kurfürsten Otto von Liegenhain im folgenden Jahre aus dem Erzstifte und unserer Stadt vertrieben." „Erst im Jahre 1715 treffen wir wicker zwei jüdische Viehhändler Solomon Schütz und Samuel Marquis zu Hofeld, die dort mit kurfürstlichem Geleite saßen. Auf unseren Märkten und in unserem Wirtschaftsleben aber spielte ndie den allezeit und namentlich im 18. Jahrhundert eine große Rolle. In den lleinen Marktflecken und Städtchen ringsum sas-cn überall Schutzjuden, die in unserer Stadt aus-' und eingingeu. Ihr Verkehr war so stark, daß in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts der hiesige Wirt Michael Blnm sogar kauscheren Wein führte. Im Jahre 1789 passierten allein 195 jüdische Händler die hiesige Zollstation, bei der sie einen Leibzoll von 6 Kreuzern für den Eintritt in die Stadt zahlen mußten." „Erst am 5. Februar 1862 ließen sich wieder zwei jüdische Kausleute, die Brüder Samuel und Max Daniel ans Merl, in unserer Stadt nieder. Sie sind die Begründer der heute in unserer Stadt bestehenden kleinen israelitischen Gemeinde geworden. Am Ausgang der sechziger Jahre waren bereits vier Familien hier ansäsiig, die im Hause eines im Kelsweiler wohnhaften jüdischen Metzgers einen Betsaal einrichtetcn. Tann erwarb die Gemeinde auf der Feldmark Urweiler ein Grundstück, aus dem sie im Jahre 1871 einen Begräbnisplatz anlegte. Tie Einfriedigung stellte die Stadt." „Einen weiteren Fortschritt im Gemeindeleben brachte das Jahr 1876, in dein die jüdischen Familien den emeritierten Lehrer ^Mayer Eppstein als Kultusbeamteu, Religionslehrer und Schächter annahmen. Am 1. Januar des folgenden Jahres schlossen sich die Israeliten unter der Führung ihres Lehrers zu einem Hilssvcrein „Achawa"-Eintracht zusammen. Zugleich ward der Frauenverein neu belebt, der sich die Aufgabe gestellt hatte, die Synagoge zu zieren. Nachdem nach und nach, namentlich durch Zuzug aus dem benachbarten Hersch-Haupersweiler die Gemeinde erstarkt war, erbaute sie im Jahre 1902 auf einem schon lange vorher im Kelsweiler erworbenen Garten eine Synagoge. Sie ward am 26. Dezember 3902 eingemeiht. Tie Zahl der Israeliten betrug im Jahre 1910 134 Personen." _ „lieber die Verhältnisse der Bevölkerung zu den Juden wissen Mir aus der alten Zeit nichts. Noch im 18. Jahrhundert ist die soziale Stellung der hier verkehrenden Juden sehr niedrig. Tie Protokolle des Hochgerichts sprechen bloß vom „Jud". „.Herr Kn oll nahm das Anerbieten des Jud an", heißt es, sö der Unterschied zwischen Christ und Jud scharf unterstreichend, in einer Gerichtsverhandlung vom 10. November 1J89 . Aber politisch behandelte man die Juden durchaus gerecht. Sie haben vor den Behörden die gleichen Rechte wie die Christen. Als im Jahre 1785 der Jakob Greif aus Urweiler bei einem Pferdeprozeß die Bestimmungen der Judenordnung vom Jahre 1723 gegen seinen Gegner, den Juden Abraham Israel aus Ottweiler angewandt wissen wollte^ beachtete das Hochgericht diesen Einwand nicht, sondern stellte sich in einem für den Handelsmann günstigen Urteile lediglich ans den Boden des gemeinen Rechtes. Selbst die Juden mußten die bürgerliche Toleranz anerkennen, die man ihnen hier angedeihen ließ. Am 11. Mai 1790 erklärten nämlich die jüdischen Handelsleute Israel Aron von Illingen, sein Sohn Abraham Israel von Ottweiler, Wolf Weiler von Steinbach und Leiser Schlaumen von Hoppstädten zugleich namens der gesamten Judenschast, „daß sie stehts die Adminiftrierung unparteiischer und prompter Justiz hier genossen hätten." Die Geschichte der Stadt St. Wendel. Bon Max Müller, Bürgermeister, Verlag: Stadt St. Wendel, 1927, (Fortsetzung folgt.).