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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-08-06 · 32 (6.8.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
32 (6.8.1930)
Date
1930-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Hauptaufgabe unserer heutigen Betrachtungen muß es sein, die Grundlinien aufzuzeichnen, die, über die Grenzen der Lander hinweg, für unsere Pflichten und Rechte als liberale Jüdinnen richtunggebeird sind. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Welchen Einfluß hat der jüdische Liberalismus aus unsere persönliche Lebcnsgestaltung und auf unsere öffentliche Wirksamkeit? Wie können wir als liberale Jüdinnen dem Judentum und der jüdischen Gemeinschaft dienen? Die Grundlagen und Ziele des Judentums sind für Liberalismus und Orthodoxie die gleichen. Der Liberalismus verlangt aber anstelle des unbedingten Geborsams gegenüber den Worten der Bibel die verantwortliche Stellungnahme des Einzelnen zum Sinn und Geist der Gebote. Weit davon entfernt, nur zu verneinen und abzubauen, vcr-- pflichtet er, zu prüfen und lebendig zu machen. Religion und Leben müssen eine Einheit bilden. In den ethischen, moralischen und sozialen Grundwahrheiten des Judentums, befreit von den erstarrten Formen vergangener Zeiten, finden wir die Richtlinien für das Wirken der jüdischen Frau in der Oeffentlichkeit, in Politik, Wirtschaft und Kultur. Um die Berechtigung und den Wert der weiblichen Mitarbeit in der jüdischen Gemeinde beurteilen zu können, müssen wir das Wesen der jüdischen Gemeinschaft und das Wesen der Frau zu ergründen suchen. Die jüdische Gemeinde ist Ausdruck und Ergebnis einer historischen Schicksalsgemeinschaft, sie ist Vermittlerin und Mittelpunkt gemeinschaftlichen religiösen Erlebens, sie ist Trägerin der religiösen Erziehung der Jugend, sie ist Pflegerin gegenseitiger H i,l f s b c re i t s ch a f t und Schöpferin sozialer Einrichtungen.' Auf allen diesen Gebieten ist die Frau vermöge ihrer natürlichen Veranlagung die berufene Mitarbeiterin. Am Schicksal ihrer Gemeinschaft hat sic, als die Trägerin und Hüterin des neuen Lebens, immer doppelten Anteil gehabt. Sie vermag kraft ihrer stark gefühlsmäßig betonten Einstellung, ihres Formen- und Schönheitssinnes, dem Empfinden ihrer Zeit lebendigen Ausdruck zu geben und so den Gottesdienst zu einem inneren Erlebnis zu gestalten. Die menschenbindcnde Kraft ihrer Mütterlichkeit macht sie zur Hüterin der Gemeinschaft und des Friedens, zur Spenderin seelischen Beistandes, zur religiösen Erzieherin der Jugend, zur Mutter der Armen. Die stärkste Triebkraft zur Gemeinschaft ist die Berarltwortung. Der religiöse Liberalismus befreit die Frau von den Fesseln der Tradition, er gibt ihr das Recht auf ihre Pflichten, er schließt: sie ein in den Kreis der verantwortungsvollen Gemeinschaftsarbeit. Der religiöse Liberalismus verlangt von der Frau, daß sie sich in den Geist des Judentums versenkt und ihn zur Grundlage ihres Lebens macht, tdaß sie teilnimmt an allen Bestrebungen, die der Höherentwickclung der menschlichen Gemeinschaft und der Verwirklichung des Gottesreiches auf Erben dient. Frau Schoencwald fand rauschenden Beifall, ebenso die folgende Rednerin, Frau Tr. Tavid Leskow'rtz (Tallas, Teras), die für die jüdischen Frauen Amerikas sprach: Ihre überaus sympathische Art, die Mitarbeit der Frauen ihres Landes in der Errichtung und im Bestehen der Gemeinde zu schildern, die Prägnanz und Kürze, mit der sie von den sozialen Frauenorganisationen und ihren hervorragendsten Vertrelerinnen sprach, bestätigte den starken Eindruck, den Frau Lewkoivitz mit ihrem Referat auf der Berliner Konferenz hcrvorgeruscu hatte. Sie brachte den Hörerinnen die große und überaus Nichtige religiöse Arbeit nahe, die von den amerikanischen Frauen geleistet wird und die einen starten Impuls erhält von den .Hunderten junger Frauen, die sich ans den Colleges und Universitäten geschult haben zur Ucbermittlung geistiger und ethischer Güter. Von den drei großen Organisationen sprach sic, dem Jüdischen Frauenbund, der charitative Ziele hat und der sein .Hauptarbeitsgebiet bei den Einwanderern findet, von der Hadassah, die die Krankenpflege in Palästina organisiert hat und vorbildlich leitet und drittens von der Vereinigung der Tempel-Schwesternschasken. die unter der Führung der Vereinigung amerikanischer jüdischer Gemeinden das liberale Judentum stützt und fördert, nicht nur in der nngehenrcnl Ausdehnung „heiliger Kleinarbeit" an jedem einzelnen Kinde, das mit religiösem Unterricht versorgt wird, nicht nur in der Verbreitung religiösen Wissens und religiöser Teilnahme au den Tausenden von Arbeitern und Angestellten jüdischen Glaubens, nicht nur in der Bcitragsleistnng für Stipendien an Studierende des theologischen Seminars in Cincinnati — denen sie ein herrliches Wohnhaus gestiftet haben -, sondern in der Verbreitung des religiösen Geistes, der vom liberalen Judentum airsgeht und der dem amerikanischen Judentum die Zukunft sichert. * * * Au; Frau Lestowitz Fügte Frau Gf. L. F r a n k t i n, die in außerordentlich lebendiger und geistvoller Tarstellung eineu gestlsichtlnben Ucberblick über die jüdische Frau, ihre Stellung im privaten und gemeindlichen Leben gab. Ihre eigene tiefe Religiosität offenbarte sich in jedem Wort, ebenso ihr tiefes Wissen und die Verknüpfung mit der sich ihr die moderne Welt und ihre vielgestaltige Entwicklung zur Religion zeigt und die, richtig verstanden, zur Harmonie in der Lebensauffassung führen muß. Sie sieht den neuen Aufgobenkreis für die jüoischen Frauen auch darin, die berufstätigen Frauen, die von unablässigem Acbeitenmüsjen gedrückt sind, einen Weg zu dieser Harmonie zu zeigen, und sie weist auf oas Beispiel Lily Montagus hin, die Tausenden von arbeitenden Frauen in Lehre und Leben Beispiel dafür nt, ein Segen nicht nur denen, die durch ihren Club gegangen sind, sondern deren Familien in Gegenwart und Zuiunst. Außerordentlich reicher Beifall dankte ilhr, und immer wieoer kam man in der Diskussion aus die vielen Anregungen zurück, die sie, ebenso wie ihre beiden Vorrednerinnen. gegeben hatte. Frau Paula ONendorfs (Breslau) gab einen furzen Ueberblick über die drei Vorträge, von denen zwei in englischer Sprache gehalten worden waren. Sie -stellte damit die im Thema gegebene Verbindung der drei verschiedenen Gebiete her. In außerordentlich freundlicher Form wurde ihr dafür wie für die Dienste gedankt, die sie als llebersetzerin wahrend der ganzen Konferenz und ihren Teilnehmern geleistet hatte; daß es auch hier eine Frau war, die sich in den Dienst des religiösen Liberalismus mit all ihrer Kraft stellt, wurde mit ganz besonderem Beifall begrüßt. Anschließend veröffentlichen wir noch das Referat über die „Jugend und religiöse Ersahruug" von Leslie I. Edgar. Religion soll hier das Erlebnis der geistigen Wahrheiten bedeuten, die den Dingen des Alltags zugrunde liegen: eine grundlegende mystische Erfahrung, die über die Vernunft hinausreicht und dem Weltall und unserem eigenen Leben Sinn und Wert verleiht. Die religiöse Erfahrung ist das Ergebnis einer unmittelbaren Verbindung zwischen dem menschlichen Geist und der höchsten geistigen Wirklichkeit. Diese Erfahrung sucht in jeder menschlichen Tätigkeit ihren Ausdruck, und in beschränktem Maße ganz bewußt in jenen Tätigkeiten, die von religiösen Einrichtungen gefördert werden. Welchen Einfluß übt ein solcher Glaube an geistige Werte auf die heutige Jugend aus? Wie >veit fühlt die Jugend das Bedürfnis, religiöse Erfahrung weiterzncntwickeln und ihre Macht anzuerkennen, die sie in Verbindung mit den letzten Wahrheiten bringt? Religiöser Zweifel weit eher als religiöser Glaube charakterisiert die .Haltung der Jugend, und man findet: oft eine bewußte Unterdrückung des religiösen Gefühls. Dies ist zum großen Teil zuzuschrciben: 1. der Herrschaft des Intellekts während des letzten Jahrhunderts. Der Glaube, daß eine vernunstmäßige Erforschung des Universums die Wahrheit enthüllen werde, hat, unter dem Eindruck der wissenschaftlichen Errungenschaften, zu einer materialistischen Anschauung bei den jungen Menschen geführt, die sich mit ganzem Herzen in die Einzelgebiete des modernen Geisteslebens vertieften. 2. einem abgeschwächicn Sinn für die Einzigartigkeit der menschlichen Persönlichkeit und den Wert der menschlichen Gefühle. 3. dein Zusammenbruch der religiösen Antoritük. Die dogmatischen Religionen umfassen als Fundament vieles, was nur entsernt mit Religion zu tun hat lz. B. der Glaube an die Natur des Weltalls, oer Glaube an den Ursprung religiöser Dokumente). Viele Religionen sind dadurch nichts weiter als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen; das hat auch dazu gcsührt, daß viele scheinbar grundlegende Dogmen zurückgezogen werden mußten, und cs hat die Autorität der rctigiö'cu Führer uuterhöhlt. Die tiefgehende Wirkung dieses Einflusses kann man an dem fast vollkommenen Zusammenbruch der Religion im Familienleben ermessen, und dicke Tendenz wird noch bestärkt durch die moderne Erziehung auf wissenschaftlicher juno manchmal raalrr>n!istischer) Basis. Tie jungen Menschen haben von sich aus die volle Wirkung dieses Einflusses wahrgenommen. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß diese Einflüsse schwinden: 1. durch die Einschränkung der Wissenschaft in Grenzen, die es ihr unmöglich machen, mit '.vahrer Re.igivn in Konsiilt zu kommen. 2. dadurch, daß man iich klar darüber wird, daß eine rationalistische Erforschung des Weltalls keine Wahrheiten einhüllen tann. und 3. durch ein größeres Vertrauen auf die gefühlsmäßigen Ansehen - ungcn der menschlichen Persönlichkeit. Während dieser Wechsel sich noch kaum bemerkbar macht, ist es j sehr wahrscheinlich, daß sie Jugend ihren -ölauoen au den absoluten! Wert des Intellekts verlieren und die Bedeutung der religiösen Erfahrung mehr schätzen lernen wird. \ 2. Jugend und Ausdruck der religiösen Erfahrung. — Neligiöfes - Denken und religiöse Eiur'rchkungen.! Die religiösen Einrichtungen müssen klar oeu Charakter der | Religion als einer persönlichen und geistigen Erfahrung tvicoerhcrstellen, i wenn sie die Jugend beeinflussen sollen. Sie müssen alles Dogmatische in Dingen, die der vernunftgemäßen Erforschung unterworfen 'find, I a»sieben: (Die Beschreibung der physikalischen Erfahrung ist 'Ans! gäbe der Wissenschaft: die Auswertung ist Aufgabe der Religion). I Sie müssen klar unterscheiden zwischen der ivesentlichen geistigen Wahrii—iiin n—mmni ■■nflMMWBMMWBBMMBPaMBOMBWBMBPtaaMW—mubeihuu Fuden in deutschen Städten! (2. Fortsetzung.) Görlitz. „Es ist bei dem Hasse und der Verachtung, die man den Inden entgegenbrachte, auffällig, daß alle wirtschaftlich bedeutenderen mittelalterlichen Städte, und zwar zumeist von allem Anfänge her, Juden ausnahmen und daß sie sich sogar emsig bemühten, sie in die Maueni zu bekommen. Das hängt mit dem Bedarf an barem Gelde zusammen. In Görlitz gab es seit Gründung der Stadt Juden. Das beweist die Judengasse. Ihr Name reicht bis in die Anfänge der Stadt zurück. Judenschule und Jndenkirchhof erscheinen ebenfalls kurz nach 1300, auch die Badestube in der Judengasse schon 1347.... Die ersten Namen jüdischer Einwohner sindcli sich schon bald nach 1309. 1346 wird der Jude Jckel oder Jcckel und Salmanns „sein Schulmeister" — also der erste bekannte jüdische Schulmeister in Görlitz — genannt; um 1310 kaufen die Juden gemeinsam einen Hof und zinsen dafür den Bürgern alle Jahre 39 Pfennige, vielleicht richteten sie sich damals eine Badostube ein; ähnlich erwarben die Juden Simon und Hanna einen Hof und zahlen den Bürgern 5 Schillinge Zins. Uebrigens ist ihr Besitz nicht auf die Judengasse beschränkt, sie haben auch Grundstücke anderwärts, wie auch Christen in der Iudengasse schon damals wohnten. Die Juden genossen die Wohltat des Görlitzer Kaufbuches, das im Jahre 1395 angelegt wurde und hatten ihren Eid in einer besonderen noch erhaltenen Form abzulegen. Wie wichtig man das Schutzrecht der Juden einschätzte, beweist die Urkunde von 4329, in der König Johann den Görlitzern unter anderen bedeutsamen Privilegien auch den Schutz der Juden, sie zu „gubernieren, regieren und vor jedem Unbill zu beschützen", überließ.... Ter Aufenthalt der Juden fand nun in Görlitz sein Ende im Jahre 1350. (Schwarzer Tod)... Mochte nun das Heranziehen neuer jüdischer Leute, nachdem man 33 Jahre zuvor sich ihrer erledigt hatte, auch aus wirtschaftlichen Gründen geschehen, so hat ganz zweifelsohne auch ein äußerer Anlaß mitgewirkt, und zwar hat dazu kein geringerer den Anstoß gegeben als der schon öfter erwähnte Oberlausitzer Landvogt Benesch von der Duba. Er hatte... einen Juden als Sekretär. Ferner hat er nach neueren Forschungen im Sommer 1383 die Uebersiedlung einer aus mehreren Familien bestehenden jüdischen Kolonie nach Bautzen bewirkt und ihr eine freie Stellung bei Ausübung ihrer Religion, bei Belastung mit Steuern, bet ihrer wirtschaftlichen Betätigung. eine weitgehende Freizügigkeit und wichtige Gerechtsame auf privatrechtlichem Gebiete verschafft und ihr überhaupt ein auffallend großes Wohlwollen gezeigt. Die Judengemeinde in Görlitz hat sich unter dem Schutze des Landvogtes so entwickelt, daß sie schon 1388 ein eigenes Haus für die Synagoge erwarb- 1389 mußten sie Görlitz flüchtig verlassen. Vornehmlich gewährte ihnen Zuflucht die Herzogin Agkkes von Schweidnitz, in deren Städten Schweidnitz, Buuzlan, Löwenberg und Reichenbach wir bald die Görlitzer Flüchtlinge finden! Aber auch in Liegnitz, Großenhain, Dresden haben sie Aufenthalt genommen.... Ganz bezeichnend ist auch, daß die Jüdinnen ganz im Gegensätze zu den christlichen Frauen damals schon im Wirtschaftsleben chre Rolle spielten. So machte eine Jüdin, wohl die Witwe des 1388 erwähnten Trzechan, genannt die Czescheninne oder Czechaninne, die ebenfalls aus "Görlitz vertrieben war und ihr Hab und Gut dort verloren haben mochte, den Görlitzern am meisten zu schassen: 4390 im Oktober legte sie in Bunzlau Beschlag ans. Görlitzer Gut; ihr Aufenthalt war sonst Löwenberg, wohin die Görlitzer ihretwegen des öfteren Botschaften schicken mußten. Seit 4395 war den Juden in Görlitz ein ständiger Grundbesitz und Aufenthalt untersagt." „Etwa 69 Namen don Juden in Görlitz bis um 4396 entnehme ich meinen Sammlungen. .. Daß die Juden in Görlitz damals auch außer dem Handel geistigen Bestrehcit, für die sie einsichen, und dem unwesentlichen geschichtlichen Werdegang. Religiös« Gedanken müssen aasgedrückt sein in einer Sprache, die nicht mit modernen Anschauungen in Konflikt gerät, wahrend die Sprache selbst weder als heilig noch als endgültig gelten darf. Dies ist besonders wichtig, wenn die Jugend vom öffentlichen Gottesdienst angezogen werden soll, da das Erlebnis eines persönlichen Gottes, wie er in ber landläufigen Liturgie und der gebräuchlichen Sprache für die Gebete ausgedrückt ist, intellektuelle Hindernisse für die Jugend bietet und den Gottesdienst erschwert. Mehr Weltweite ist zum Gottesdienst erforderlich, um mit der universalistischen Weltanschauung der Jugend übereinzustimmen. Religiöse Einrichtungen müssen ein größeres Maß von spezifisch religiöser Betätigung und religiöser Erziehung aufnehmen. Neben dem Studium von religiöser Literatur und Religionsgeschichte müssen auch indirekte Mittel zur Entwicklung des religiösen Gefühls angewandt werden, z. B. das Studium der Aesthetik, die Betrachtung des Dramas, der Dichtkunst und Malerei, das Studium der Natuv f^üte Fachleute zu Hilfe nehmen, um zu zeigen, wie religiöse Werte in ihren eigenen Sphären ausgedrückt werden können (z. B. in der Kunst und im Wirtschaftsleben). Religiöse Einrichtungen müssen zu Dienst und Opfer für soziale Gerechtigkeit ermutigen. Solcher Idealismus, in die Tat umgesetzt, wird bei der Jugend Anklang finden und ist für das Judentum, das keine überragende Persönlichkeit besitzt, deren Ideal sie folgen könnte, besonders wichtig. Aber soziale Arbeit darf nicht die Religion ersetzen, noch darf sie nur die sozialen Uedel erleichtern und dadurch zu einem neuen sozialen Unrecht werden. Der Glaube der Jugend an die Kraft der religiösen Institutionen ist zum großen Teil dadurch zerstört worden, daß diese nur die herrschenden Zustände — und sogar soziale Ungerechtigkeiten — unterstützt haden. Es besteht die Gefahr, daß religiöse Institutionen zu groß und zu stark zentralisiert werden, denn während dies zu materiellem Erfolg führt, hat es oft eine geistige Schwächung zur Folge. Große Synagogengemeinden lausen leicht Gefahr, Selbstzweck zu werden, und es fehlt ihnen oft der persönliche Kontakt mit der Jugend, von dem der Feligi-öse Einfluß letztlich abhängt. Trotz allem müssen diese Institutionen sich für religiösen Idealismus einsetzen, wie wenig populär er im Augenblick auch sein mag; denn wenn die Jugend schließlich die Ketten des Materialismus abschüttelt, wird sie nur mit einem bezwingenden geistigen Ideal zufrieden sein. Darf mau lügen? Von Joseph Kaufs mann, Weißensee. Die nachfolgenden Ausführungen scheinen uns der Veröffentlichung lvert, obwohl wir den darin vertretenen Standpunkt nicht in allen Teilen zustimmen. Wir gehen mit dem Verfasser darin einig, daß auch im hebräischen Gebet nur gesagt werden darf, was die deutsche Uebersetzung vertrügt. Hingegen halten wir eine Wandlung überlieferter Texte durch Fortlassung von Wendungen, die den Anschauungen vergangener Zeiten entsprechen, für durchaus zulässig und ost sogar für recht zweckmäßig. Die Reo. Eine lächerliche Frage, aus die man doch selbstverständlich nur mit nein antworten kann, denn das Lügen haben uns doch schon uufere Eltern abgervöhnt, als wir noch kleine Kinder waren, sie haben uns oft den Spruch ausgesagt: „Die Wahrheit rode stets, versuche nie zu lügen, du kannst die Menschen wohl, Gvlt aber nie betrügen." Die Frage ist aber ganz gewiß kein Scherz, sondern bitterer Ernst, ist aus tiefstem Gefühl und nach langen Erwägungen entstanden, ist erst allmählich immer dringender und klarer ins Bewußtsein getreten. Es handelt sich auch um ganz etwas Anderes und Höheres, als nur um die kleinen täglichen Ausreden, von denen wohl nicht Viele sich ganz fernhalten. Es handelt sich nicht um Unwahrheiten im Verkehr, die sich so Manche erlauben: die Dame, die einen ihr nicht genehmer: Besuch damit abweisen läßt, daß sie nicht anwesend sei; der Herr Direktor, der seine Telephonistin bernnlaßt, bei Anrufen zu erwidern: „ist leider nicht im Hause"; der Kaufmann, der seine Ware etwas zu kräftig anpreist; die Zeitungen, die aus politischen Gründen gefärbte oder gar unrichtige Nachrichten bringen. Es handelt sich nicht um Politiker und Diplomaten, — nein, es handelt sich um religiöse Unwahrheiten, die manche von uns täglich, andere gelegentlich aussprechen, nicht Menschen gegenüber, sondern im Geber vor Gott! Unwahrheiten, die man, das muß zur Entschuldigung gesagt werden, fast immer unbewußt, selten mit klarer Einsicht und vollem Verständnis ausspricht, die auch aus Gedankenlosigkeit oder Unkenntnis beruhen, die aber dennoch Lügen, ungeheure Lügen sind, derer sich selbst diejerrigen schuldig machen, die berufen sind, in Synagoge und Schule die Wahrheit zu verkünden. Es bandelt sich um UnWahrhaftigkeiten im Gottesdienst. Unsere Gebete stammen aus alter Zeit. Vor etwa achti zehn Jahrhunderten versaßt, waren sie damals gewiß in lauj terster Wahrheit und aus reinster Frömmigkeit entstanden. Und die Verfasser, unsere alten Weisen, waren gewiß tadellose s bungen nachgingen, beweist der Jude Schalom Sachs, der s „am 27. Dezember 1387 eine Abschrift des Pentateuchs, der I Megilloth und H rstaroth mit dem Kommentar Raschi's voll- > endete, eine Handschrift, die jetzt Eigentum der Bodlejana in j Oxford ist." | j „Seit 1395 hat es über 450 Jahre gedauert, daß kein Jude in Görlitz sich ansässig machen durfte. Zwar erlaubte Kaiser Sigmund am 27. November 1433 den Görlitzern auf ihr Verlangen, damit sie sich von den Hussitenschäden besser erholen könnten, daß sie^ etwa 12 Inden mit ihren Weibern und Kindern in ihre Stadt nehmen und von ihnen Rente, Steuer oder Schatzung zu ihrer Stadt Nutz und Frommen einziehen könnten, aber die Görlitzer haben von dieser Gerechtsame keinen Gebrauch gemacht. Das wird durch das Schweigen der Quellen ganz sicher erwiesen. Vorübergehend kamen jeder Zeit Inden Geschäfte halber hierher und nahmen wohl auch das Görlitzer Gericht in Anspruch. Gern gesehen wurden sie nicht. Im Jahre 1533 mußte ein jeder Jude, er war reich oder arm, wenn er Handels wegen nach Görlitz kam, bei Meister Hansen dem Kürschner Herbergen und dafür 2 Groschen geben; der Kürschner mußte mit ihnen überall hingehen, wo er seine Geschäfte hatte urrd dem Bürgermeister das ansagen; nur von Mittwoch bis Donnerstag durfte der besuchende Jude hier zur Nacht bleiben. Um den ständigen Aufenthalt zu ermöglichen, ließen sich eine Reihe Juden, so 4519: 2, 1534: 3, 1721: 6, 1724: 14, 1733 gar 24 taufen. Uebel führte sich dabei ein Jude 1733 auf;; ■ .h seinem Uebertritt trieb er seine Geschäfte drei Jahr lang Jer, borgte aber alle Leute an und entfloh sodann mit 29 909 Talern Schulden; er soll wieder ein Jude und in Straßburg erhängt sein. Erfreulicher ist es, wenn wir hören, daß im März 4585 der „oberste Lehrmeister der Juden", der gelehrte Rabbi Leb airs Prag, im Blauen Löwen einkehrte und der damalige berühmte Görlitzer Kalenderkundige und Astronom Barthol.

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