Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 31 (30.7.1930)
- Date
- 1930-07-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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10. Jahrgang Nummer 31 2. Beilage 30. Juli 1930 Vom persönlichen Gott Von .Rabbiner Tr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Ein bedeutender Tenker der Tage, Wilhelm Michel, schrien das Buch: „Vom Leiden am Ich". Er schildert darin die Bemühungen, sich mit seinem Ich auseinanderzusetzen, sich über das Ich klar zu werden und kommt zutn Ergebnis: „Ich bin — kann für eine kurze Weile gesagt werden^ohne Beziehung auf irgendein zweites. Aber dann, an dieser Stelle machen wir eine Entdeckung. Hier an der fernsten Grenze, hier im unerbittlichen Ernst dieser Einsamkeit erfahren wir, daß es keine vollkommene Einsamkeit, keine vollkommene Unabyängigteit und Selbständigkeit des Ich geben kann. Hier heißt es nicht bloß, es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sondern es ist nicht wahr, daß der Mensch allein sei. Sobald ich erfuhr, daß das Ich nicht etwa ein Tu braucht, sondern ein Tu enthält, daß das Ich ein Symbolon im antiken Sinne ist, eine Anweisung auf Gott — von diesem Augenblick an verstehe ich wich, und die Welt ist in Ordnung." Ter Ausspruch Michels „Es ist nicht wahr, daß der Mensch allein sei" klingt in uns weiter. So viele unter uns und auch unter uns Inden, Erwachsene und jugendliche Menschen, leben ja auch ihr Leiden am Ich und' leben es, weil sie das Wort nicht erfassen „es ist nicht wahr, daß der Mensch allein sei". Und weshalb erfassen sie es nicht? Es gibt verschiedene Gründe. Einer aber, der uns hier angeht, rst ein tief religiöser. Es ist die Unmöglichkeit für sie, den persönlich-dogmatischen Gott noch weiter in ihr Leben aufzunehmen und ihn als den bestimmenden Führer ihres Lebens anzuerkcunen. Ter persönlich-dogmatische Gott, was lehrt er sie denn? Er weiß von sich, er weiß von uns. Er schuf die Welt, er ist allmächtig, er lenkt alles, er schützt jeden, er bringt Leid, er bringt Freude, er hört Gebete, die wir zu ihm senden, er ist Herr über Leben und Herr über Tod, Schöpfer des Schicksals in Ewigkeit, man glaubt an ihn, vertraut ihm immer und stellt die Lösung aller unserer Zweifel hingebungsvoll ihm anheim. Freilich Einzelnes nahm man ihm schließlich ab. Das Böse ist doch unsere Sache, obwohl Gottes Allmacht und Gottes Liebe hier eigentlich eingreisen müssen. Er bestimmt nicht alles, aber er ist doch allwissend. Er weiß, was uns heute begegnet und weiß, was uns morgen zustößt. Er kennt die Folgen, er kennt die Wirkung und warnt uns doch nicht, erspart uns nicht so sehr viel Tränen, so sehr viel Kummer, Leid und Tragödien. Was Gott tut, das ist wohl getan. Und dieser dogmatisch-persönliche Gott, er ist für Tausende, Tausende auch unter uns Juden — täuschen wir uns ja nicht — tatsächlich tot. Ihr Geist will nicht mehr Beziehungen glauben, die eben nur bei Glauben noch möglich, sie Unnen die Fessel nicht länger ertragen, in die ihr Tanken eingeschnürt war. Sie wollen auch keine Deutungen, keine Sinnbilder, keine Umschreibungen, sie wollen die klare Folgerung ziehen ohne Rücksicht und ohne ängstliches Zagen. Sie wollen auch nicht aus Wirkungen schließen, nicht Kräfte annehmen, die nicht zu erkennen, eine Persönlichkeit nennen, was doch nur rein geistig, als Schöpfer verehren, was doch nur Geheimnis. Und auch das Herz, es sagt nein. Zu groß sind die Widersprüche, zu schrecklich das Unglück, die Verbrechen zu grausam, Qual und Leid zu oft so stark, und auch der Krieg ist ja in der Welt — das können nicht bloße Prüfungen sein, oder Gott muß Uebermenschliches von uns verlangen. Sollte ein Gott das nicht hindern können oder etwa nicht hindern wollen, nur um uns Willensfreiheit zu geben, muß er wirklich um der Erziehung willen so schrecklich schöne Wege gehen über Katastrophen, über jähen und frühen Tod, über den Stein, der vom Tache fällt? Dieses Furchtbare der Methode eines guten Gottes wird auch dadurch für sie nicht aufgehoben und ausgeglichen, daß oft auch wieder Schicksale sich durch scheinbar geringfügige Ereignisse wunderbar entwickeln, daß wir freudig erschüttert daneben stehen. Wie gesagt, das reicht zum Ausgleich nicht aus. Der dogmatisch-persönliche Gott ist für sie tot, und so gingen sie hin und lehnten ab, wurden indifferent oder wurden ethisch, wirkten sozial und wurden alljüdisch oder wandten sich ganz vom Judentum. Nur den Weg zur Einheit fanden sie nicht, der Urquell mußte für sie versiegen. Denn selbst wenn sie religiöses Erleben hatten, wagten sie nicht, es religiös zu nennen und Gott zu stammeln, wenn ihr Herz, ihre Seele wach ward. Und das ist doch die Tragik. Herz und Seele wollen wach sein, wollen fromm sein, und wollen nicht sprechen mit Hiob „Ter Frevler regiert die Welt", nicht mii Goethe „Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht" und nicht mit Hölderlin „Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings vost einer Stufe zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe, jahrelang ins Ungewisse hinab." Das ist die Tragik. Sie fühlen religiös, sie wollen jüdisch sein — sollen wir nun müßig beiseite stehen? Dürfen wir das Judentum an sie verlieren, die so gerne bei uns bleiben wollen, so gerne zu uns zurückkommen würden, wenn sie neue religiöse Wege gehen könnten? Und sollen wir selbst denm gegenüber schweigen, die sich mit halbem Leben begnügen, die Sprache des alten Erlebens sprechen und doch im Innern ganz anders fühlen? Sollen^ wir das Judentum nicht ausbauen Helsen, ganz tief in unsere Welt einfügen, sollen wir nicht zu den Armen gehen, deren Herz nach einem Gotte schreit? Sollen wir nicht die Denkenden rufen, deren Seele nach einem Gotte verlangt? Sollen wir nicht zu der Jugend sprechen, ihr Stütze sein in religiöser Not? Aber freilich, es gilt, nicht in dunklen Worten zu reden, sondern schlicht und einfach, daß uns jeder versteht. Zu reden gilt es, nicht aus der Schreibstubenluft und nicht aus der dumpfen Enge des Zimmers, sondern zu reden so nahe wie das Leben selber, so wie das Herz, die Seele sprechen und wie es der Geist nur in Worte formt. Aber auch keine Scheu und Aengstlichkeit bars uns die Feder führen. Was Göhre für seine Religion in Anspruch nimmt, behaupten wir genau so für die jüdische! „In diesem rücksichtslos herausfordernden Ernst, in der unerbittlichen Entschlossenheit zu j^>er, aber auch jeder Konsequenz, führe sie wohin sie wolle, ist allein die Rettung der Religion beschlossen." Und so mögen die, die alte Wege nicht mehr gehen können, es hkren und wissen: ihr steht nicht allein, mit euch sagen wir und ist es auch in uns ausgezuckt, ja zur religiösen Gewißheit geworden: der dogmatisch-persönliche Gott ist tot, aber aufgewacht ist dafür das menschlich-persönliche Gott empfinden. Das Motto der neuen Religiosität ist das Wort der Bibel in neuer Fassung: „Ein Licht der Ewigkeit ist die Seele des Menschen." Ja Gott ist uns nur noch der Ausdruck für alles, was diese Seele bewegt, das Echo, der Spiegel, ist seine „Idee", keine abstrakte trockne.Idee, sondern eine, welche Kraft geworden, eine, zu der wir Tu sagen, sie ist die Kraft, welche uns antreibt, zu allem Guten und Schönen begeistert, ist uns das Mitleid mit jeder Not, ist uns die Sehnsucht nach allem, was rein, ist das Verlangen nach tiefstem Frieden, ist zorniger Eifer gegen das Unrecht, feuriges Brennen für jedes Recht, ist wirkende Kraft, die wir empfinden, wenn uos Natur und die Kunst empfängt. Nur daß Gott aber auch nur diese Kraft, in uns und von uns selbst so genannt, nicht Persönlichkeit in dem alten Sinn, die von uns weiß und die uns hört, nicht Schöpfer mit Willen seit einmaligem Anfang, sondern Schöpferkraft von Ewigkeit her. Und wir fühlen den Gott fortan nur dort, wo Welten harmonisch auserbant werden, in uns und draußen. Aber nicht dort, wo die Zerstörung herrscht: bei allem Guten und jedem Trost, bei aller Schönheit und jedem Frieden. Wir lassen ihn nicht allmächtig sein, wenn gleichzeitig draußen Verbrechen geschehen und Krieg sich ereignet.' Er schickt uns nichts, aber er ist für uns da, wenn die Schickung einmal hereingebrochen, ist da als Kraft, als Trost, als Hoffnung. Schicksal und Zufall gehen ihren Weg, sind ewig Geheümns für uns sterbliche Menschen, aber wir fragen nicht mehr grübelnd, woher alles kommt, wir kennen kein Warum, das Zwecke verbirgt, und kein Wozu, das uns verhüllt bleibt. Wir quälen unfern Gott und uns nicht damit. In uns, in uns entsteht das Wozu? Wir wandeln das Leid zu kraftvollem Tun, wir wandeln die Widerstände des Lebens zu entschlossenem Kampfe für unser Ziel. Wir wandeln den Tod und wandeln das Sterben zu Sehnsucht, zu Treue und Liebe um. „Alle Religion, die versucht, dem Menschen das Lebert leicht zu machen, ist ein Zerrbild der Religion. Die neue Religion ist für Starke, Gesunde, Reife, Erwachsene, für Männer, nicht für Kinder", sprechen wir auch wieder mit Göhre. Wir wollen gewiß tiicht das Frommsein irgend jemandes herabsetzen. Wir wollen niemaandem den Glauben an den persönlich-dogmatischen Gott und an alle dogmatischen Lehren, die damit zusammenhängen, nehmen, wir wenden uns aber an die, die gerettet werden möchten, die dem Judentum auf diesem neuett Wege zu erhalten sind und um des In-, dentums willen diesen neuen Weg gehen wollen. Aber, wird mau fragen, ist das denn ein Weg des Judentums, ist er nicht an dieses herangetragen? Wir erinnern einen Augenblick an das Auftreten Jeremias und an die dauernden Kämpfe, die er mit den gegnerischen Propheten geführt hat. Wie kam er dazu, es diesen Propheten dauernd ins Gesicht zu schleudern: nicht ihr seid von Gott geschickt, aber ich rede das Wort des Ewigen. Woher, wenn wir nicht an übernatürliche Offenbarung glauben, und wir glauben doch nicht daran, woher dieser ungeheure Mut, dieses ungeheure Selbstbewußtsein? War es anmaßend? Nimmermehr. Es war die tiefste Demut und es war einfach dieses unbedingte Ja-sagen zu jener Seelenstimme, die ans der Ewigkeit heraustöntc. Wir wissen nicht, was Jeremia unter Gott verstanden hat, aber das wissen wir, daß sich an ihm schon ein Wort erfüllte, das in unserer Zeit Abraham Geiger gesprochen hat: „Religion überwältigt den Menschen. Sie läßt ihm nicht die Freiheit, jeden Begriff bis ins Einzelne auszuarbeiten, sie würde damit ihre Wärme, ihre Ursprünglichkeit einbüßen." Und auch etwas anderes wissen wir. Daß allein in diesem Ueberwältigtwerden von Religion und besser Religiosität Jeremia wie jeder andere Prophet uns heute noch etwas zu sagen hat, ja allein Zeiten etwas zu sagen haben werden, denn „ein Licht der Ewigkeit ist die Seele des Menschen." Uns will scheinen, als machten wir durch solche Betrachtung alle Großen noch größer. Sic erhielten nun nicht etwas Fertiges, sie rangen sich zu etwas Fertigem durch, wenn auch gewiß durch göttliche Kraft. Uns sind sie nicht so sehr Kinder Gottes, als vielmehr göttliche Kinder. Nicht so sehr Boten des Ewigen, als vielmehr ewige Boten, uns künden sie nicht so sehr Herrlichkeit Gottes, sondern vielmehr göttliche Herrlichkeit. Indem wir aber das Judentum so ausfasscn, es aus einer Religion eines überirdischen Gottes zu einer Religion in Gott freier, überirdischer Menschen umschaffen, haben wir es neu der Kultur erschlossen, es mitten in sie hineingestellt, den Kern dieser Religion in ihrer Religiosität selber erfaßt. Jetzt fragen wir nicht mehr, ob Gott uns kennt, sondern ob wir Gott schon kennen. Ja auch mit dem Bekenntnis: der dogmatisch-persönliche Gott ist tot, und aufgewacht ist das menschlich-persönliche Gottempfinden, stehen wir auf echtem jüdischen Boden. Es war Steintbal, der die Ausdrücke, in denen selbst die Propheten von Gott geredet haben, für mythische erklärte. „Schöpfung, Offenbarung, Bündnis oder Verlobung mit dem auserwählten Volke, Messias, Sohn Gottes, Opfer, das alles ist Mythos." Aber er fügt auch hinzu, „die Religion ist ewig, Mythos dagegen ist eine endliche Form". Und was ist Religion nach ihm? „Nichts anderes und nichts weiter als das Gefühl der Erhebung, Begeisterung für das Gute, das Wahre und das Schöne. Ter Schwung und die Nähe zum Unendlichen erzeugt das wohltuende Gefühl der Erhabenheit, und dieses ist Religion." Und auch Bubers sei hier gedacht: „Tie religiöse Sehnsucht der Menschheit, die in dieser Stunde erwachen wird, ist den Urkräften des Judentums verwandt. Der geeinte, der einende, der vollkommene Mensch, der in Gott Freie ist das Ziel der Menschheits-Sehnsucht, die in dieser Stunde erwacht und ist der Sinn der religiösen Urkraft des Judentums." Wenn aber dies b;as Wesen der neuen Religiosität ist, wird sich vieles mit ihr ändern müssen. Wir werden die Bibel geradezu umllesen und allen alten Worten neuen Sinn geben, wir werden sie dort zu uns sprechen lassen und nur noch dort, wo wir die Stimme reiner Seelenrelh, giosität vernehmen. Und auch unser Beten wird einen an-, deren Sinn erhalten. Beten ist fortan für uns ein Mittel, zu unserem Seelevgott zu gelangen, es steigt aus unserem Innern, es will in dieses Innere zurück. Es wirkt in die Höhe, weil es uns selber mächtig nach oben reißt. Beten ist Freude, Beten ist Jubel, Sehnsucht ist Beten, Streben nach Ausgleich mit dieser Welt, Vorbereitung für alle Lagen, in denen uns äußeres Unglück trifft. Kein kindliches Bitten, kein schwächliches Betteln, sondern ein Aufruf unseres Selbst, Beten ist lieben und Beten ist Arbeit, Beten ist Andacht vor jeder Bühne und jedem Orchester, wofern sie ewige Werte verkünden, Andacht so wie in Gotteshäusern. „Was heißt denn beten, bitten oder danken? Verehren, loben, in ge-. schmückten Worten? Vermagst Tu in des Lebens Sturmes^ Rauschen trotz rohen Alltags blödem Lärmen bisweilen still in Dich hinein zu lauschen und dieser Stille Feierklang zu fassen, vermagst Tu das? Vielleicht wirst Tu d,ann wissen, was beten heißt?" Tie Religiosität, die wir uns so erarbeitet haben, ist lebensnah, jüdischnah, und kulturnah. Ja, es kann uns ini der Liebe für unser Judentum und dem Stolz auf es nur ungeheuer bestärken, wenn wir scheu, daß die neue Kultur in religiöser Hinsicht zu keinem anderen Ergebnis kommt, ccks zu dem, das durch unser Wort gekennzeichnet ist: „Ein Licht der Ewigkeit ist die Seele". Gewiß, auch andere religiöse Wege hat man gefunden, aber der Weg, der immer mehr und immer deutlicher als der neue religiöse Weg von denen jedenfalls beschritten wird, die in alten Geleisen nicht mehr wandeln können, ist der Weg der Psychotheologie an Stelle der Theologie, ist der Psychotheismus an Stelle des Theismus. Es war der bekannte Ludwig Schleich, ein Arzt also und eiu Tenker, der es einmal so formulierte: „Von Eduard von Hartmann über Nietzsche, über Tolstoi, Dostojewski, Strindberg bis zu Rathenau, Freud und Bergson dringt der Schrei: genug des ewigen Wissenwollens! Besinnt Euch alle einmal auf die Tiefsee der Güte, auf Unterbewußtsein und Urbewußtsein, gebt Raum der Intuition, der großen Prophetin, macht der Ahnung Platz und glaubt endlich, daß sie als echtes Urgcfühl mehr ist als Beweis. Wäre ein Plato, ein Leonardo, ein Goethe so gigantisch, wenn ihre Ahnun-. gen sich nicht erfüllten, ohne daß sie imstande waren, den dienenden Ganglien ihres Gehirns die Glaubhaftigkeit anzubesehlen?" Es ist Brunner, der nicht erst in seiner neuesten Schrift den dogmatisch-persönlichen Gott ablehnt, sondern schon längst geschrieben hat: „Der absolute Gott dringt nicht erst hinein, ec ist eines mit der Seele, mit dem Fünftem,, welches nicht einen Teil der Seele bezeichnet, sondern die ganze Seele." Und es ist endlich der ruf der Höhe seines Ruhmes stehende Andre Gide, der als junger Mensch bereits in den Nourritures terrestres schrieb: „Auf Gott kann man nicht warten. Ans Gott warten, bedeutet, Tn weißt nichst, daß Tu ihn schon besitzest. Unterscheide nicht Gott von Deinem Glücke und lege all Dein Glück in den Augenblick." Er verwarf das Wort und bekennt sich heute neu dazu. Ter dogmatisch-persönliche Gott ist tot, auch für Tausende, Tausende unter uns, aufgewacht ist das menschlichpersönliche Gottempfinden und „ein Licht der Ewigkeit ist die Seele". Kein Zweifel, es ist wieder einmal ein Moment für das Judentum gekommen, in dem es einen neuen Bund schließen muß, wieder ein Moment, in dem es durch kühnen Entschluß seine religiöse Geschichte vorwärts treiben kann, Menschen rufen, wecken, sammeln, beglücken. Möchte es auf die Stunde achten, möchte das alte klassische Wort in neuer erhabener Feierlichkeit daherrauschen und Versöhnung stiften zwischen einem alten Geschlecht und einem neuen, einer alten Religiosität und einer gewandelten, jenes „adonaj hu hoelauhim", eiu Wort, das wir im Sinne der neuen Religiosität wiedergeben möchten mit den Worten eines jüdisch-religiösen Sängers der Tage: „Neige Tein Ohr dein göttlichen Chor, Herrlichkeit, Göttlichkeit trinke sie Mensch. Trinke, versinke, beuge Tich trunken, erhebe Dich, lebe!" Die Berliner Juden im Jahre 1929 Ter jüdische Geburtenrückgang setzt sich in Großberlin weiter fort, die Sterblichkeit nimmt zu, die rein jüdischen Eheschließungen weisen eine rückläufige Tendenz auf, oie Mischehen bewegen sich in steigender Kurve. So lautet in kürzester Form das Ergebnis, oas mau aus dem zur Verfügung stehenden Zahlenmaterial ziehen kann. Unerfreuliche Taten, die die im vorigen Jahre an dieser Stelle geäußerten Befürchtungen noch übertreten. Man möchte kein Pessimist: sein, doch die Teutung der Unterlagen läßt keine andere Meinung zu. Einige vergleichende Zahlen beweisen das Gesagte: Tie jüdischen Geburten Großberlins betrugen im Jahre 1927: 1371, 1923: 1332, 1929: 1222. Tie jüdischen Sterbesä,le im Jahre 1927: 2446, 1928: 2574, 1929: 2714. Tie Zahlen über die rein jüdischen Eheschließungen lauten: 919, 957, 896 und über die Mischehen: 688, 721 und 741. Tie Gegenüberstellung der Geburten und Sterdefälte: ergibt, daß die Unterbilanz für 1927: 1075, 1928: 1212 und 1929: 1492 ausmacht, ooer für drei Jahre 9809 jüdische Seelen. In 10 Jahren mithin 38 090. Tie Geburten aus Mischehen sind hierbei ignoriert, weit sie bekanntlich nur in geringer Zahl dem Judentum zugute kommen. Die Eintritte in und oie Austritte aus dem Judentum sind unbekannt, können aber das Endresultat nur wenig beeinflussen. lieber die jüdische Zu- und Abwanderung fehlen: ebenfalls Angaben, doch bei der vorhandenen Wirtschaftsdepression und Arbeitslosigkeit kann sie sich nur in engüen Grenzen bewegen. 's Tie Ehen gehen zurück, die Mischehen schwellen weiter an. Sie erreichen fast die rein jüdischen Eheschließungen^ Hier sollte die Gemeindeverwaltung mehr wirken als bisher. Schon oft ausgesprochen, aber bis auf den heutigen Tag vergeblich gesagt. Taß die jüdischen Männer um: fast das Tappelte an den Mischehen im Vergleich! zn den jüdischen Frauen beteiligt sind (1928: 470 und 251, 1929: 489 und 252), sei noch besonders erwähnt. Herbert Philippsthal.