Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 31 (30.7.1930)
- Date
- 1930-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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deren größten Versuch einer Neugestaltung der menschlichen Gemeinschaft mit auf.radikal atheistischer Grundlage vollzieht? Das ist die Kernfrage. In diesem Zusammenhang scheint mir die Barth-Gogatinsche Schule, die, der großen Linie Augustin--Luther — Kierkegaard folgend, die vollkommene Paradoxie des Gott lichen gegen das Menschliche ausgesprochen hat, von tiefer Bedeutung für unsere Zeit. Tenn vielleicht in keiner Zeit ist diese Paradoxie: die totale Entfremdung des Menschen von Gott, so radikal zum Ausdruck gekommen, wie in der unseren. Und das Auszeigen dieser Entfremdung führt nicht unter die Macht der alten heidnischen Ananke zurück, sondern unter ein anderes Gesetz, eine vollkommen andere Notwendigkeit. Nicht antiker Fatalismus kommt in ihr zum Ausdruck, sondern christlich-jüdisches Kreaturgefühl: die Grundfrage.Hiobs wird die Wahrheit des neunzigsten Psalms. Das Denken freilich kann bei dieser Position einer reinen Paradoxie nicht stehen bleiben; es muß als Denken feinem Wesen nach versuchen, die Paradoxie aufzulösm, den Abgrund zu überbrücken. Verschiedene Versuche dazu sind in unserer Zeit gemacht worden. Und indem das neue Denken von der Wirklichkeit dieses Augenblicks totaler Gottentfrcmdung ausgeht, hat es eine Ueberzeugung gewonnen, die im Gegensatz zu der der gesamten eben vergangenen Epoche des Idealismus stell!: die nämlich, daß die Metaphysik auf die Fragen der Religion keine Antwort hat. Tie Machtlosigkeit des menschlichen Denkens zur Ergreifung Gottes wird in aller heutigen Philosophie tief gefühlt. Das bedeutendste philosophische Buch, das seit dem Krieg in Deutschland geschrieben ist: Heideggers „Sein und Zeitz', schweigt ganz von Gott und setzt die religiöse Beziehung des Menschen rein in das Gewissen (eigentümliche Berührung mit Wells und Shaw). Und radikaler und furchtbarer noch wird dem großen Juden Freud das Gewissen zur letzten religiösen Macht, die in ihrer Ausschließlichkeit zuletzt geradezu zum Vernichten des Lebens selbst wird. Wer erkennt hier nicht unter tiefer Verhüllung den eifervollen Gott wieder? Aber überall wird in diesem Denken die tiefste Entsagung gegenüber dem Göttlichen geübt; der Weg zu Gott scheint ganz abgebrochen. Und dennoch geht hier der echte religiöse Weg unserer Zeit. Denn die erste Vorbedingung zur Wiedergewinnung Gottes ist, das; wir uns selbst in unserer Wahrheit und.Wirklichkeit sehen, daß wir das Gericht Gottes erkennen, unter dem unsere Welt steht. Das Denken kann in diesem Augenblick nicht versuchen, von sich aus Gott zu erreichen: es kann nur für ihn offenstchcn, ihn nur anrusen, nur nach ihm verlangen. Am weitesten von unserer Zeit entfernt ist der metaphysische Gott Spinozas: reine Substanz des Seins, die uns selbstverständlich und fraglos mit umfaßt. Für uns kann Gott nur der sein, den wir über den unendlichen Abgrund hinweg anrnfen. Und nur dcy; Ruf und dem Verlangen des wirklichen lebendigen Menschen, der den ganzen Zweifel und die ganze Verzweiflung unserer Zeit durchlaufen hat, antwortet der wirkliche lebendige Gott. So ist das liefe Wort Franz Rofenzwcigs zu verstehen: „Wer Gott mit dem doppelten Gebet des Gläubigen und des Ungläubigen anruft, dem wirb er sich nicht versagen." Es ist kein Zufall, daß dies Wort eines deutschen Deukers zugleich das eines jüdischen Denkers ist, und daß dieser jüdische Denker sich schon um einen Schritt weiter aus der Auflösung vorgcwagt hat. Denn wohl ist die Problematik und die Bedrohung des jüdischen Menschen, der in einer ihm fremden christlichen Umwelt lebt und doch zugleich ihre ganze Zerstörung mi'tlcbt, noch tiefer als die des in seinem | eigenen Lebenskreis lebenden christlichen Menschen. Aber zu-! gleich ist der geschichtlichen Zerstörung im jüdischen Menschen ursprünglich eine Grenze gcsetzl: ein Damm, den sie nicht! überfluten, nicht durchbrechen kann, well nichts Geschichtliches! ihn niederzurcißcn vermag. Es ist das große Trotzdem des j jüdischen Menschen, das letzthin doch jeder geschichtlichen Situation, alles geschichtlichen Denkens spottet. Als Denker muß auch er den Abgrund des Zweifels unserer Zeit durchmessen haben; aber kein Denken vermag die Ungewißheit j des jüdischen Menschen anfzulösen, daß sein Gott — und j nur Er der Ewige ist, der niemals in die Geschichte einj gehen kann. (Dies Verhältnis zwischen der zeitlichen nnd! ewigen Wahrheit wird kurz an einigen modernen jüdischen! Denkern gezeigt.) '! Tir Philip Har log (London) sprach über das Problem! des Elends. Sbwohl dieses Problem heute so unlösbar scheint I wie je, scheint es ihm doch kein zureichender Grund zur Ver-! werfung des Gottesgedankeus. An der Diskussion beteiligten! sich mit kurzen Reden ferner Rabbi Bernhard Heller! (Scranton, U.S.A.), Rabbiner Dr. Max Wiener (Berlin) I und Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin). j Fortsetzung de- Berichtes über die Londoner Teguna i siehe 1. Beilage Seite 1. j BÜCHERSCHAU Prof. Dr. Hugo Iltis: Volkstümliche Rassenkunde, Uraufa- Verlags-Gesellschaft m. b. H., Jena, mit 41 Abbildungen, broschiert Mk. 1,50. Das vorliegende Büchlein ist ein interessanter Versuch, der Vergiftung weiter Kreise des Deutschen Volkes durch die pseudowissenschaftliche Rasserditcratur eines Ginith cm- und anderer entgcgenzulreten. Mehr oder mir der ist die gesamte j rassenkuiulliche Forschung in Deutschland, soweit sie an j Universitäten und von freien Schriftstellern betrieben wird, j nationalistisch orientiert. Erhebt man aber die angebliche j eigene Rasse zum Idealbild, so folgt ohne weiteres daraus, daß man andere Rassen als minderwertig betrachten muß. An diesem Uebelstand leidet die gesamte rassenkundliche literarische Produktion in Deutschland. Seit Felix von Luschans Tod gibt cs überhaupt keine andere bei uns. Dieser berühmte und weit gereiste Anthropologe hat noch am Ende seines Lebens ein Büchlein geschrieben: Völker, Rassen und Sprachen, in welchem er dem Irrwahn der Rassen Verherrlichung entgegentrat. Man hat nicht gemerkt, daß dies literarische Testament eines großen Gelehrten einen nennenswerten Einfluß auf die einschlägige literarische Produktion in Deutschland ansgeübt hat. Hoffen wir, daß es dem vorliegenden Werke besser gelingt. Es orientiert den Leser in 7 Abschnitten über die Hauptfragen der .Rassen- Runde. Die Titel der einzelnen Abschnitte sind: 1. Grundlagen der Rassenforschung. 2., Die menschlichen Rassenmerkmale. .L Die Einteilung der Menschenrassen. 4. Die Beschreibung der Menschenrassen. 5. Vom Ursprung und Werden der Menschenrassen, b. Rassekreuzung und ihre Folgen. 7. Der Untergang der niederen Rassen. Man kann im großen und ganzen alles unterschreiben, was Professor Iltis vorträgt. Seine Angriffe gegen die nationalistisch und antisemitisch eingestellte offizielle Rassen forschung sind maßvoll; er kann scharf sein, ist aber niemals verletzend. Zweifelhafte Fragen (wie zum Beispiel die nach der Rasse der ,,Arier“) und den jetzt herrschenden .,Germanozentrismus‘* behandelt er als Gegner, aber mit wissenschaftlicher Unparteilichkeit. Von der jüdischen Rasse ist in dem Büchlein allerdings nicht viel die Rede; aber dieser Punkt konnte ja nur nebenbei berührt werden, da sich die kurze Schrift die Betrachtung eier hierbei auftauchenden, verwickelten Fragen nicht zum Ziel gesetzt hat. Verfasser zeigt, daß es nirgends, auch nicht int Gelriete der „nordischen“ Rasse, einheitliche Typen gibt... sondern daß überall seit uralten Zeiten Mischungen vorgekommen sind, nicht anders wie es bei den Juden auch der FaJJ ist. Die kurze Darstellung der jüdischen Rassenverhältnisse orientiert sich im wesentlichen nach Luschans oben genanntem Büchlein. Mit Recht sagt Verfasser, daß sich bei den Juden dieselben drei Rassen mischen, die auch bei der Zusammensetzung vieler anderer Vö’k r Europas die Hauptrolle spielen. Was den Juden von: Europäer hauptsächlich unterscheidet, ist viel weniger die maische Unterlage, als die kulturelle Verschiedenheit, die auf das merkwürdige, einzigartige Milieu zuriiekzuführen ist, das im Laufe von zwei Jahrtausenden den jüdischen Charakter geprägt hat. Wir wünschen der erfreulichen Schrift weiteste Verbreitung und tiefere Wirkung auf die breiten Volksschichten, als es der genannten Schrift von Lttschan vergönnt war. S. F e i s t. Leser, die verreisen können sich die „Jüdisch-liberale Zeitung“ auf kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsendeu lassen Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ralsam, die L’eberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen. Familienanzeigen Gebt uns Famiiien- Anzeigen! - N ffllfred Seidel u. ff rau gcb. iJuliusberger zeigen die Qeburt ihrer Tochter an Am 21. ds. Mts. verschied im 54. Jahre seines Lebens der Leiter der inneren Abteilung der Neuen Poliklinik der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herr Prä Br. Cal LoA Seit Jahren im Ehrendienste der Gemeinde stehend, hat er an dem Aufbau und an der Leitung der Poliklinik hervorragend mitgearbeitet.. Seine warme Menschlichkeit und seine hervorragenden fachlichen Eigenschaften machten ihn zu einem besonders geeigneten Helfer der Armen und Kranken. Sein reiches Wirken im Dienste unserer Gemeinde sichert diesem ausgezeichneten Menschen und Arzt ein ehrendes Andenken in unserer Mitte. Vorstand derjaoisenen Gemeinde K a r e s ki Berlin, den 23. Juli 1930 Malerarbeiten Renovierung von Wohnungen, Geschäftslokaien, Treppenfluren und Fassaden. 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