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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-30 · 31 (30.7.1930) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
31 (30.7.1930)
Date
1930-07-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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von außen jenseitig bestimmt und leitet. Was die Philosophen transzendente Bestimmung nennen, das hat das religiöse Bewußtsein als göttliche Personalität, als das Unnahbare, Ausschließliche, Heilige und Jenseitige zu bezeichnen. Es läßt sich eine vollständige Analogie zwischen dem Leben des Geistes und dem des religiösen Daseins festftellen. Der erkennende Geist, auf den es hier ankommt, vermag ja keinen Schritt zu tun, nichts zu ergründen und zu sehen, ohne Vergleiche anzustellen, ohne Verschiedenes aneinanderzuordnen, ohne so zu bestimmen, zu „determinieren" und zu indentisizieren. Eine jegliche besondere Erscheinung sucht der Geist, an ein Allgemeines für das Jenseitige zu messen, dem zuzuordnen und einzugliedern. Der Geist stellt so jede Erscheinung, alles Daseiende zur Rede, sucht sie zu fassen und zu „idennfizieren". Dieses allgemeine Schicksal des Geistes wird auch vom religiösen Geist geteilt. Mit uns als Ta-Seienden und Da- Wirkenden geschieht ähnliches wie mit dem sich ^entfallenden und erkennenden Geist. So stehen wir als Da Seiende und Da-Wirkende stets in der Mitte zwischen unserer allgemeinen Bestimmung und den einzelnen vielfachen Drängen und Zielen Und werden so durch unser ganzes Wirken fortwährend zur Rede gestellt. Wir s i n d in die G r u n d v e r f a s s u n g d es G eift e s, z w isch e n A l lg em ein e m , G a n z ein einerseits, und B e s o uderem, Einzelnem, andererseits, zwischen „Jenseitigem" und „Diesseitigem" hineingestellt. Wir als einzigartige Wesen bewegen uns zivi scheu Transzendenz und Immanenz, zwischen Jenseitigem und Diesseitigem: Wir werden fortwährend von irgcudher und irgendwas „bestimmt", in Bewegung gesetzt, „transzendentiert", und wir machen uns unsererseits stets aus den Notwendigkeiten des Schicksalhaften frei: wir gehen übersah Besondere und seine Verkrampfungen hinaus, um so die „Norm" zu suchen und zu setzen, um au die „absolute Norm der Vollendung", au die Erlösung zu glauben. Ebensowenig wie Gott, das Jenseitige, das Transzendente schlechthin, ohne die Mannigfaltigkeiten und Besonderheiten der Wett denkbar ist, so ist auch alles Besondere, begrenzt Ge gebene. Immanente, Diesseitige, ohne Gott unmöglich. Gott und Mensch, Gott und Wett sind aufeinander bezogen. Tie Transzendenz und die Immanenz, das Jenseitige und Diesseitige machen die Grundpfeiler unseres Geschehens, unserer Geschichte a.us. Die tiefste Sehnsucht des religiösen Daseins im Geschehen ist das Streben zur absoluten Versöhnung der Einzigartigkeit im Menschen mit dem einzigartigen Gott. Tie Einzigartigkeit des Menschen ist es, die hier befestigt und begründet werden will. Eia klassisches Beispiel, ja das einzigartige Beispiel für dieses ausgespanute Geschehen zwischen Gott uut> Mensch, zwischen Transzendenz und Immanenz, als Beispiel dafür, wie Gott und Mensch aufeinander bezogen werden, um so gemeinsam die der Weltnorm gerechte Historie aufzubauen, ist die Geschichte des Judentums als Ganzes gesehen. Mit der Idee des ,TBrith", mit Gott als tätiger moralischer Person, mit Gott als der „Heilige in Israel" hebt diese Geschichtsdarstellung an, um in der Ahnung der normvollendeten mejsianischen Universalordnung zu enden. Das Mysterium dieser Geschichte, die die Geschichte in n uc e ist, findet auch ihren Ausdruck in der Grundverfasfsuug des religiösen Daseins, in der Struktur seines Kultus. Der eigentliche Sinn des Kultus ist der gotterfüllte reale Vorgang unseres Geschehens, ist die Passion desselben. .Hier erleben und gestalten wir uns, wir als vom vollkommenen unendlich Göttlichen und Heiligen abgesonderte und abgesplitterte Wesen, die mit Hilfe ganz besonderer inwendiger Erschütterung und Erhebung suchen, in die normgerechte und so von Gott gewollte Weltverfassung aufs neue eingegtiedert und erneut hineingestellt zu werden. Wir „devolutiv liieren", um mit Hilfe der Erhebung aufs neue zu invotutionieren. Nach der tieferen Auffassung des jüdischen Geistes ist es für den Menschen unmöglich, sowohl metaphysisch als auch real irdisch und geschichtlich aus der Grundverfassung der Welt herauszufallen. Und diese Welt ist ihrem Wesen nach, sowohl unter dem Gesichtspunkt des israelitisch-christlichen Systems, als auch unter dem Aspekt des neuen Denkens, eine durch und durch bewußt lebendige und sinnmäßige Welt. Alles in allem ist zu sagen: Bei der Auffassung Gottes ist in Betracht zu ziehen die Welt, das Geschehen, in dem man steht, der Geist, mit dem dieses Geschehen gebildet und gemeistert wird, und der einzelne Mensch selbst, wie er sich in dieser also gestalteten lebendigen Welt ganz „zu Hause" weiß. Der panische Schrecken der Antike, das Grauen vor dem Nichts und die Aussichtslosigkeit in der toten Wett der mißverstandenen Wissenschaft wird hier vom Gefühl der letzten Interessiertheit an dem lebendigen und sinnvollen Dasein abgelöst. Die Welt von heute, wie sie im .Lichte des neuen Denkens sich bildet, eröffnet ganz neue Perspektiven. Die erdrückende Materie, das Schicksalhafte in ihr erscheint jetzt, wie oben gezeigt, als ein Niederschlag, ist keineswegs die Hypostase des Daseienden. Die Materie wird zum Abfall und Episode im großen Rahmen des Weltgeschehens und der Weltentwicklnng. Und der Mensch selbst? Soll er wirklich in dieser Well von Erfolg gekrönt sein, soll er wahrhaftig hier und heute sich ganz lebendig wissen, hat es in erster Linie mit seiner seelischen und geistigen Begabung anzufangen. Schon durch die gesamte technisch-wissenschaftliche Gestaltung und Bewältigung unseres Lebens tritt die unmittelbare leibliche Begabung in den Hintergrund. Erst recht im religiösen, wesenhaften Dasein, "wo es sich um die Befestigung des Menschen in der Welt als solcher handelt, ist es der Fall. In einem Weltalter, wie es sich jetzt gestaltet, wo im Vordergründe die seelische und geistige Begabung steht, sind begreiflicherweise alle Voraussetzungen für eine Belebung der Gotteserkenntnis und des Gotteserlebnisses von selbst gegeben. Wir treten in eine Epoche, wo trotz der Wissenschaft, ja mit Hilfe der Wissenschaft die metaphysische und religiöse Macht des Menschen beträchtlich Zunimmt und aufs neue begründet wird. Eine Metaphysik, die sich nicht 'in gültigen Münzen, in realen Vorgängen der religiösen, seelischen Bindung einzusetzen vermag, ist leer, eine Religion aber, die nichk auf den metaphysischen Geist hindeutet, ist blind. Und so ist jede Religion zugleich eine Meta-Religion. Das lebendige Prinzip der Meta-Religion heißt Gott. Als nächster Redner sprach Rabbi Samuel Schulman vom Tempel Emanu-El, New Port: „Begriff und Werl des Gebetes im Lichte modernen Denkens." Die zentrale Tatsache in der Religion ist das Gebet. Der Prüfstein der Religiosität ist die Kapazität und das Bedürfnis zum Gebet. Wer nie in sich das Bedürfnis fühlt, der Gottesdienste Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten (Kaiserstratze 29-30). Freitag, 1. August 7.30 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Dr. Andorn. Die Gottesdienste in den Synagogen Norden, Wilmersdorf und Westend fallen bis zum 3. August aus. Lerlin-Westend. Der erste Gottesdienst nach den Ferien findet am 29. August statt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 3. August. Johannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Rabb.-Kand. Hirschberg. Kleiststraßr 10: vormittags 10 Uhr; Predigt Dr. Jelski. göttlichen Person, die ihm gegenübersteht im Universum, sich auszusprechen, der hat keine religiöse Erfahrung. Der Prüfstein der Religiösität ist der Wille zum Beten. Die Qualität der Religion wird bestimmt von dem Inhalt oder der besonderen Form des Gebetes. Was die Tatsache des Gebetes überhaupt betrifft, so ist sie dieselbe in jedem Zeitalter, bei allen Völkern, und unter den Auspizien aller Religionen Darin kann kein Wechsel oder Fortschritt stattfinden, denn das Beten überhaupt ist jenseits aller Unterschiede der Zeit. Es ist schon ein Kosten des Ewigen. Es ist die unmittelbare Inbesitznahme Gottes von Menschen. Die Form dieser Inbesitznahme mag roh und barbar oder ein Zusammentreffen des Menschengeistes mit Gott sein, wodurch die höchste Stufe der Menschheit erreicht ist. Das Wesen des Betons ist unveränderlich. Seine Form als im Inhalt ausgedrückt wechselt im Zusammenhang mit allen Faktoren der menschlichen Evotutivn und mit der evtl. Behauptung der höchsten Werte des Lebens. Tie Ideen der modernen Zeit können kein Gewicht haben in Bezug auf das Wesen des Gebetes. Das moderne Denken kann nur Kritik feines Inhalts sein. Das moderne Denken kann uns das Beten nicht verbieten. Es kann uns im höchsten Falle lehren, was nicht zu sagen.ist im Gebet. Es kann uns auch vielleicht helfen, unsere Unterhaltung mit Gott in Worte zu formieren: es kann aber nie unser Recht zu beten vernichten. In der Tat gibt es eine Tendenz im modernen Denken, die geradezu die Religion als fundamentale menschliche Erfahrung anerkennt, indem sie einsieht, daß die Religion eine besondere Funktion im Leben ausübl und biologischen Wen hat, und darum sich rechtfertigt. Am besten kann man die Auffassung des Gebetes im Licht des modernen Denkens beschreiben, indem man eine Anspielung auf eine merkwürdige Stelle im Talmud macht. Es heißt: Sogar Gott selber beler. Tann wird gefragt: Was betet er? Tie Antwort ist: Er betet: „Möge meine Liebe und Gnade über meine strenge Gerechtigkeit siegen." Dieser kühne Ausspruch gibt genau an, was das Gebet überhaupt für den Menschen sein joll und worin sein Wert besteht Das Gebet ist eine Unterhaltung in der menschlichen Seele zwischen Mensch und Gott, und seine Funktion besteht darin, daß es die Hilfe Gottes herbeibringt, um dann den Sieg über das weniger Gute in uns zu erringen. Das Gebet überhaupt aufgefatzt als Unterhaltung mit der Gottheit ist das Permanente in ihm. Es ist, wie James sagt: „Die Religion als Aktion." Was den Inhalt des Gebetes als ethisch betrifft, gehört zu der höchsten Entwicklung des Gebetes. Nuittwir Reformer, Liberalen uftv., die wir durch den Geist unserer Bewegung schon geneigt sind, den Inhalt des Gebetes genau zu kritisierendie wir auf das Innerliche des Gefühls Hinweisen als gegenüber der bloßen Konvention, die wir die Vertreter der Ansicht sind, die auch den Propheten aufschreien ließ: „Wenn Ihr noch so viele Gebete machet, werde ich nicht hören", die wir das wörtlich vorgeschriebene Gebet mehr oder minder zurücksetzen, — wir sind in Gefahr, daß wir in die Gleichgültigkeit gegenüber dem Gebet gleiten. Es kam so, daß wir gute Kritiker wurden, aber nicht genug Schöpfer der Religion. Unsere Aufgabe muß sein, den Wert des Betens überhaupt, sei der Inhalt was er mag, bei unseren Leuten wiederherzustellen. Der moderne Jude, wie der moderne Mensch überhaupt, findet 'es schwer, zu beten, denn es gibt Tendenzen im Modernismus, die das Gebet als Torheit oder Impertinenz oder Unsinn aussehen lassen, am besten noch, daß es Selbsttäuschung sei, denn die vier herrschenden Tendenzen des modernen Denkens beziehen sich auf das Gebet: der Begriff des Naturgesetzes: die unendliche Größe des Universums: die Unpersönlichheit Gottes oder des Geistes des Universums und: daß die Religion autosuggestiver Natur sei. Im Herzen des modernen Menschen scheint es eingewurzelt zu sein, daß es töricht ist zu beten. In einer Welt, beherrscht von Gesetz, ist kein Raum für Wunder, die, wenn das Gebet erhört werden soll, vollzogen werden müßten. Die geistige Atmosphäre der Naturwissenschaft hat den LÄensatem der Religion erstickt und den Willen zum Beten paralysiert. Dennoch kann jeder, der einen realen Glauben an einen lebendigen Gott hat, der schöpferischen Macht vollständig vertrauen. Gott wird schon helfen nach seinen eigenen Gesetzen. Gott wird nicht impotent gemacht durch die Gesetze, die er selber seiner Schöpfung auflegt. Die Schöpfung überhaupt ist ein fortgesetztes Wunder. Was das Naturgesetz selber betrifft, so hat sich unsere Stellung ihm gegenüber gewandelt. Es haben die Physiker unseres Jahrhunderts, wie der Amerikaner Millikan sagt, bewiesen, daß wir in einer fließenden Epoche loben; was im 19. Jahrhundert ziemlich fest stand in der Physik als 'letzte materielle Ursache, ist jetzt aufgelöst. Millikan sagt, daß die Physiker des 20. Jahrhunderts sich nicht so ernst nehmen wie die des 19. Kurz, meint er, wir begreifen nicht die physischen Grundlagen des Universums. Gott kann immer Helsen, wirkend mit seinen Gesetzen. Professor James sagt geradezu: „Das Gebet oder das innere Zusammenleben mit dem Geiste des Universums, sei es Geist, GM. oder Gesetz, ist ein wirklicher Prozeß einer wirklichen Arbeit, und geistige Energie fließt zu uns hinein und bringt herbei psychologische oder materielle Wirkung in der Welt der Erscheinungen." Was die Impertinenz des Betens betrifft gegenüber der unendlichen Größe des Universums, so muß man sagen, trotzdem das seit Copernicus' Entdeckung jeder Gymnasiast weiß, daß wir nicht mehr in einer , geozentrischen Mausefalle, noch in einem anthropozentrischen Universum wohnen, und dennoch ist der Mensch nicht von seinem Thron gestürzt. Es ist noch immer wahr, größer als das Ding, das beobachtet oder gedacht wird, ist der Beobachter oder Denker. Daß STOfeWERCK!billig. tDohlSchmeckcnd, k nahrhaft. wir die Straße des Himmels kennen, kommt davon, daß ein menschlicher Geist da ist. Der menschliche Geist ist größer als die Himmel, deren Gesetze er erforscht. Der achte Psalm hat die scheinende, aber selbstspottende Bescheidenheit der postcopercanischen Aera antizipiert. Was die Unpersönlichkeit Gottes betrifft, so muß man sagen, daß das menschliche Denken überhaupt cmthropomorphistisch ist. Dem kann man gar nicht entrinnen, denn nie ein Etwas denkt, sondern immer eine Persönlichkeit. Das psychische Leben im Menschen ist kein Abstraktum: es ist kein bloßer Mechanismus von Empfindungen, Warnungen usw., sondern es ist immer die Reaktion einer ganzen Persönlichkeit gegenüber der Wirklichkeit. Lebendige Menschen denken, darum ist das Hauplresultat ihres Denkens eine Deutung des Sinnes des Universums im Licht seines Werturteils, und der höchste Wert ist Gott. Die Persönlichkeit Gottes wird erfaßt pari passu mit der Entwickelung der Persönlichkeit des Menschen. Genau genommen hat es gar keinen Sinn, wenn man, wie es manche Modernen tun, von Gesetz oder Zweck oder Ordnung im Weltprozef; spricht und im selben Atem die Persönlichkeit Gottes verleugnet, denn damit diese Worte Sinn haben sollen, muß erst ein Ordner, ein Gesetz-Geber, ein Zweck-Setzer, kurz eine Persönlichkeit in das Universum hineingelassen werden. Wenn man sagt, James habe Recht damit, daß das Gebet wirklich „Arbeit" ist und Resultate herbeibringt, so will das noch lange nicht heißen, daß das Resultat eine Antwort Gottes auf das Gebet, eine Erhörnng des Gebetes ist. Wir sprechen uns aus, wir unterhalten uns eigentlich mit uns selbst, der ganze Prozeß ist rein psychologisch. Wir suggerieren Ideen zu uns selbst, die Antwort darauf ist, daß der Prozeß allein nicht das letzte Wort über seinen Sinn selber sagen kann. Gott offenbart sich nicht den Menschen in Vacuo: er gebraucht den Prozeß; er wirkt durch Gesetze, aber er wirkt. Dies sind die vier möglichen Stellungnahmen des wissenschaftlich denkenden Menschen gegenüber der Realität oder Gott. Tie Philosophie versucht, die Realität zu begreifen, indem sie einen höchsten Begriff sucht und findet, unter den sich alles einordnen läßt. Die Kunst sucht die innere Bedeutung der Natur sinnlich darznstellen, die Religion erlebt die Realität oder Gott. Wir müssen wieder beten lernen. Bei Gott gibt es keine Modernitäten: Er ist ewig, das Gebet ist der Schlüssel, mit dem die Türe uns geöffnet wird, durch die wir in die Ewigkeit treten und das ewige Leben genießen, damit wir dem Herrn in Freude dienen können. Die Diskussion eröfsnete Frau Margarete von B e nd em a nn- S usma n (Frankfurt a. Main): Professor Koigen ist für die Erfassung der heutigen Gotteserkenntnis von einer wissenschaftlich-metaphysifchm Welterfassung: von dem Geist unserer Epoche im weitesten Sinne ausgegangen; ich möchte demgegenüber von unserer ganz konkreten Lage, von unserer geschichtlichen und geistesgeschichtlichen Wirklichkeit ausgehen. Seinem Wort, daß „in einem Weltalter, wie es sich jetzt gestaltet, wo im Vordergrund die seelische und geistige Begabung steht, alle Voraussetzungen für eine Belebung der Gotteserkenntnis und des Gotteserlebnisses von selbst gegeben sind", möchte ich die Frage gegenüberstellen, ob sich dies auch festhalten läßt, wenn wir nicht nur 'den metaphysisch gefaßten Geist unserer Epoche, sondern unsere volle heutige Lebenswirklichkeit und die aus ihr entspringenden Gedankengänge ins Auge fassen. Von drei Seiten her scheint mir im modernen Leben und Denken eine unmittelbare Belebung der Gotteserkenntnis und des Gotteserlebnisses in Frage gestellt: von der Psychologie, von der Soziologie und von der Geschichtswissenschaft. Alle diese drei Denkrichtungen haben von ganz verschiedenen Ausgangspunkten aus das bewußte persönliche Leben in ein Meer von vorbewußten Bedingungen aufgelöst, in dem nicht nur der einzelne Mensch als selbständiges Wesen; die freie autonome Persönlichkeit, sondern auch alle ewigen Ideen, alle festen ethischen Bestimmungen und Maßstäbe sich aufgelöst haben. Damit hat sich für uns der Mensch in seiner Beziehung zum Ewigen, d. h. in seiner Beziehung zu Gott selbst gewandelt. Das Wort eines der größten modernen Denker, das am Eingang unserer Zeit steht und ihre Auflösung einleitet: der Aufschrei Nietzsches „Gott ist tot" ist aus unserem Leben und Denken unmöglich zu streichen. Wir könnten überhören, wenn er eine bloße wissenschaftliche Feststellung oder ein bloßer philosophischer Gedanke wäre; aber er ist etwas anderes: er ist der Verzweiflungsschrei eines religiösen Menschen aus dem Entsetzen über eine Wirklichkeit, aus der Gott entwichen ist. Er ist also Ausdruck einer Wirklichkeit selbst — derselben, die wenige Jahrzehnte später der Krieg vor allen Angen als den Zusammenbruch unserer gesamten Kulturwelt offenbar gemacht hat. Wenn nun, wie es mein Vorredner mit Recht sagte, ' das Leben als solches von der modernen Wissenschaft in seinem geistig schöpferischen Charakter und damit als ein unmittelbar sinngemäßes schaffen, das erkannt ist, dann stÄlt sich für uns die Frage nach der heuttgen Gotteserkenntnis so; wie dieser schöpferische Geist des Lebens, der die seelischgeistige Begabung einschließt in der konkreten Wirklichkeit, ■ in der wir leben, sich zu Gott stellt. Mit anderen Worten: Wie gestaltet sich jene tiefste religiöse Sehnsucht, die mein Vorredner in dem Wort charakterisiert hat: „das Streben zur absoluten Versöhnung des Einzigartigen im Menschen mit dem einzigartigen Gott", in einer Welt, die als Ganzes keine religiöse Gemeinschaftsgestaltung mehr besitzt, ja, deren gesamte Lobensgestaltrmg sich in der furchtbarsten Katastrophe als eine widerreligiöse und widergöttliche enthüllt hat mü>

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