Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 31 (30.7.1930)
- Date
- 1930-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bezug auf Gott von uns als Juden? Was also hat das Judentum über die Gottesidee unseres Kulturkreises zu'sagen, und was hat die in unserem modernen Dasein befestigte und geforderte Gottesidee dem Judentum zu bieten? Dies ist heute das scharf umrissenc Thema unserer Ausführungen. Zu allererst fragen wir, wie denn das moderne Denken, sein Geist in großen Zügen beschaffen sei, wie ist die Welt geistig gestaltet, in der wir da sind? Wir greifen etwas zurück und erinnern an die Kulturen und Zeilen, wo Gott als außerhalb und abseits der Welt, als nur für sich Taseiendes erfaßt wurde. Ter Mensch und die gesamte Mannigfaltigkeit der Tinge und Erscheinungen werden hier als abgesonderte, begrenzte, vom vorübergehenden Dasein erfüllte Wesen, im Gegensatz zu Gott als dem unbegrenzten und so unendlichen Sein erlebt. Ter Gottheit fehlt hier die Eigenschaft der Person, uiw mithin der Tätigkeitsbegrifs. Als Beispiel dafür diene die quietistische Gottheit der Inder, des Islam, das Sein der Eleateu bis hinaus zum außerhalb der Welt stehenden Gott des Aristoteles. Die Ueberwinduna der Kluft zwischen Gott und Welt, Gott und Meitsch, d i e U e b e r w i n d u ii g also der I n t r a n s z e n d e n z Gottes bedeutete die Geburt einer neuen sundamentalen Geistesverfassung und Haltung. Damit wird auch die altgriechische Vorstellung von der „Ananke", von der fatalen Notwendigkeit, der sowohl Götter als Menschen uuterfteiyeu, vernichtet. Mit dem außerhalb der Welt stehenden Gott ist die ihm gegennberstehende begrenzte Mannigfaltigkeil der Welt einer b i i n b c it Schicksalsmacht a u s g e l i e f e rt. Erst mit der Bezogenheit des Menschen auf Gott, mit dem lebendigen Verhältnis zwischen Gott und Mensch, wie dies seinen klassischen Ausdruck im israelitisch-christlichen Welt- und Geschichtssystem fand, ändert sich radikal die Geistesverfassung. Das Lebeit wird zum Geschehen, das sich nun zwischen Gott, als bestimmendem Faktor, als „Transzendenz", und dem Menschen als Handelndem abspielt. Der Fatalität der Schicksalsmacht stellt sich die Dynamik des göttlich gerichteten historischen Geschehens entgegen. Im ständigen Kampfe zwischen dem Motiv der a k v s m i st i s ch e n I n t r a n s z e n d e n z n n d dem Motiv der in i t l e b e n d i g c m Dasein erfüllt e n kos m i sl i s ch e n T r a u s z e u d e n z g e l a il g t der tiefere Sinn z uin A u s druck auch i n o e v K ultu r, in der wir heute st e h e w u n d w i r k e il. In unserer Kultur der letzten vier Jahrhunderte ,die durch die Herrschaft der geschulten wissenschaftlichen Vernunft gekennzeichnet wird, ist es die unbedingte Hingabe an die objektiven Forderungen der logischen Vernunft, die Hingabe ml den sogenannten O b j e k l i v i s m n s schlechthin, die das uralte Motiv der Jntranszendenz aufs neue erweckt und wiedergibt. Ter O b j e k l i v i s m u s w i r d zum F a t a t i sm u s g e st e i ge r t und als unentrinnbares Schicksal erlebt. Das Weltbild der römischen Stoiker, die mit telaltecliche Vernunfttheologie und die mechanistische Naturphilosophie (SpinozismuS) drücken am schärfsten diesen intellektuellen Objektivismus aus. Sei es aus Resignation, wie es bei den Stoikern der Fall ist, oder aus logischer Leidenschaft wie bei Spinoza, hier wird im Grunde das Verhüll nis des Menschen zum letzten Dasein, zu Gott in ein rein j intellektuelles, erkenntnismäßiges, mittelbares verwandelt. (Spinozas Amor bei intetlcctualis.i Tie Hingabe des Menschen äußert sich hier ledingtich in der Hingabe an ein ab straktes Gesetz und ein erdachtes Bild. Tie wissenschaftliche Vernunft schneidet hier den unmittelbaren Weg zu den Fun damenten des Daseins, zu Gott ab, und verwandet das Geschehen selbst, in dem wir stehen und wirken, in eine schicksalhafte mechanische Macht. Es ergibt sich ein eigenartiges fest gezimmertes Weltbild. Ter Geist und mit ihm das Leben beginnt, die Welt von unten nach oben, stusenartig, nach der Reihe: Mechanik ■— Mineralreich -- Pflanzenreich — Tierreich, dem der Mensch eingcgliedert wird, aufzubauen. Auf dem Grunde des Daseienden breitet sich hier im besten Falle ein mit logischer Selbstbewegung behaftetes, mechanistisches Feld, ein 'sogenannter unbegrenzter Welt-Raum, dem sich in mühevollen Anstrengungen die übrige kurzfristige vorübergehende Weltmannigsaltigkeit anschließt. Eine im Grunde lote Welt, der der Plan entflohen ist. Diese geistige Weltverfassung, die bis tief ins 19. Jahrhundert die herrschende im gesamten europäisch-amerikanischen Kulturkreise war, konnte aus sich heraus keine eigene lebendige Gottesidee gebären. Lebendige religiöse Bindung und Spannung konnte hier lediglich im Anschluß an Traditionen und Ueberlieferun gen, im günstigen Falle mir Hilfe eigener subjektiver. seelischer Erlebnisse gestaltet werden. Zwischen dem Leben in der Außenwelt, in dem Anfgehen in technisch-wissenschaftlichem Bilden und Bewältigen, einerseits, und dem Leben der Einzelseele mit ihren metaphysischen und moralischen Nöten, andererseits, stellte sich eine unüberwindliche Diskrepanz ein. Nicht anders, als daß auch i n d i e s e m wissenschaftlichen Weltbilde, das alte griechisch-römische Schicks als motiv zur Wirkung gelangte, nicht anders, als daß dieses Schicksalsmotiv wieder die Oberhand über das israelitisch-christliche Tätigkeitsmotiv die Oberhand gewonnen hätte. Auch der neueren (protestantischen) Theologie unserer Zeit will es nicht gelingen, den Gegensatz zwischen dem äußeren Dasein, wie es vom mechanistischem Geiste gestaltet wird, und dem eigenen religiösen Ersahrungskreis zu überbrücken. Als neuste Blüte dieser krisenartigen Erscheinung ist die sogenannte antirwnüstiswe, d-awltmye Taeoiogie an zusprechen. (Karl Barth und seine Schule.) Für sie, die mit der Vernunftwahrcheit, mit den erfahrbaren und sichergestellten Tatsachen in Einklang leben will, ist der Mensch samt seiner Kultur, seinem Denken, Wollen und Tun, samt seinen Institutionen wie Kirche, Staat, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, unwiderruflich der Ohnmacht preisgegeben. Der Mensch vermag nichts ausznrichten. Es empfiehlt sich, aus die von Menschen gesetzten Ziele radikal Verzicht zu leisten, nach einem Worte Luthers, „der Vernunft den Hals umdrehcn und die Bestie erwürgen". Was übrigbleibt, ist allein der antinomistische Gegensatz des Menschen samt seiner Geschichte und Zukunft zum intranszendenken Gott und die Hoffnung aus Gnade. Wie das religiöse Denken am Ausgange des Mittelalters (13.—14. Jahrhundert), wie das Denken aller Epochen des Niederganges, endet auch diese reformatorische Theologie im besten Falle in der Zuflucht zur Paradoxie. Im Grunde ist das Problem unseres Daseins, das GottesprMem, schlechthin eng verbunden mit der Auffassung des Menschen, mit dem Problem seines Lebens, seiner Geistesverfassung und Haltung. Diese Geistesverfassung ist es aber, die sich zur Zeit von Grund aus wandelt. Das Weltbild nimmt jetzt eine neue Gestalt an. Um es kurz zu sagen. Im Zentrum des Bewußtseins steht das Mr gedenken dein. Jerusalem Von Rabbiner Tr. Taoin Schönberger, Aachen. Ter Zionsbegriff, in der Gegenwart heftig umstritten, teils mit neuen Inhalten erfüllt, teils infolge dieser Begrisfsumschmelzung überhaupt abgetehnl, erfährt seinen sestmngrcnzteu, religiösen Werr für das Judentum im Trauertag der Judenheit - dem Tischo b'aw. Das Gedenken des 9. Aw ist es, das uns Juden unauflösbar mit Zion verknüpft und das, - so sei es im Voraus gesagt in feiner Geisteshaltung keinen Zweifel darüber auskommen läßt, daß im Zionsgedanken das Judentum seine Mcnschheitsaufgabe umschließt und symbolisiert. Nicht die Zerstörung der nationalen Jnteressenssphüre, deren Umkreis schon vor Jerusalems Zerstörung arg begrenzt war, gibt dem 9. Aw seinen Platz i n der Reihe der jüdischen Feiertage, sondern der Gedanke an Ehurban beth hamikdosch „an die Zer ftörung des heiligen .Hauses" reiht ihn ein in die religiösen, unverlierbaren (weil Aufgaben weisenden Geschichtserinnerun gen des Judentums? Und so wurde die Zionzerstörung des Jahres 70 nach d. g. Z. von den Zeitgenossen und beiten, die später den Fortbestand des Judentums sicherten, aufgefaßt. Ten einen galt sie als gerechte Strafe für die Untreue der Juden jener Epoche am wahren Geistesgehalr des Judentums. Der erste Tempel wurde zerstört (so erklärt eine Stelle im Tatmud babl. Joma 9 b) wegen der Sündhaftigkeit und Lasterhaftigkeik jener Zeit; der zweite Tempel, obwohl man sich damals auch mit Thora beschäftigte, wegen des „grundlosen Hasses" untereinander, der schwerer wiegt als „Unzucht, Mord und Götzendienst". Vom andern wurde, vielleicht aus demselben Bewußtsein, der ethischen Zerstörung Jerusalems noch vor seiner tatsächlichen, der 9. Aw begriffen als der Beginn des ideellen Wie deranfbanes, ja der Erweiterung des jüdischen Ausgabcnkreises. Anders ist es nicht zu verstehen, wenn R. Uschija (Talmud babl. Peßachim 87 b' ausruft: „Z'dokoh osho Hakkodausch boruch hu sch'pasrin bejn houmauth" - Wohltat hat Gott an Israel getan, ats er es zerstreute unter die Nationen". Und Rabbi Elieser im 1. Jahrhundert (ibbin; weist den Weg durch sein Wort: „Israel wurde ins Eri! geschickt, um Pcoselyten (seiner Idee) zu gewinnen." Ju solchen und ähnlichen Aussprüchen bekundet sich, noch während der Schmers um Zions Fall frisch ist, die Anbahnung der neuen Epoche des Judentums, das losgelöst von allen nationalen Mauern und Grenzen nun gänzlich im weiten Reich der Idee beheimatet wird, der Idee, die am tiefsten und revolutionärsten das Leben der Menschheit gestaltet hat, der Gottesidee. Allerdings nur langsam und allmählich begreifen jene Früheren die neue und einzigartige Stellung des Judentums in der Menschheit. Jedoch die hervorragenden Führer, wie Rabbi Jochauan b. Sakkai, den .Hütet vrophetisch av l'danrauth Vater der kommenden Generationen genannt hatte, geben die selbstbewußte Parole aus: vmtammmmmcammmmmmmmmmmmmmmBeKiimmmmmmmmmmHmmmmmmmmmm „Wohin Israel vertrieben wird, zieht die Schechinoh mit in die Verbannung". — Als feine Jünger, an den Trümmern des Tempels vorüberziehend, jammern: „Wehe die Stätte der Versöhnung ist zerstört", da verweist er sie und ruft ihnen zu: „Ter Altar Gottes ist in Israel nie zerstört! — Gehetz, übet Werke der Liebe untereinander." So suchen die Lehrer des Volkes nach dem Zerfall des Tempels den geistigen Verfall zu verhindern und das heilige Volk an feine heilige Aufgabe zu erinnern. Zions wahrer Wert bestand, so lehren sie, darin, daß es die Pforte des Gebetes für Israel war! Gebet, verstanden als das der Gottheit wirklichkeitsgestaltende Nahesein, gibt dem Judentum seine Sonderprägung. Tie Bedeutung des Gebetes betont in diesem Sinne auch noch im dritten Jahrhundert R. Eleasar (Talmud babl. Berachoth 32 b): „Von dem Tage, da das Heiligtum zerstört wurde, sind verschlossen die Pforten des Gebets." Gebet aber ist ihm wichtiger als Opfer und Fasten. Tie Pforten des Gebets öffnen, das heißt also gleichsam das wahre Zion wiederaufbauen. Bereits bei den Menschen, die dem „nationalen Unglück" des 9. Aw ganz nahestanden noch, verstärkt und kristallisiert sich der Begriff des „geistigen Zion", des unsichtbaren Heiligtums von Jerusalem, von dem, so wir die messianstche Zeit erwirken, die Erlösung des Gotteswortes wieder ausgeht, aber nicht gebunden an Ort und Zeit, sondern für alle Nationen und über alle Zeiten. Dieses „geistige Zion" ist der Inhalt des Trauergedenkens am 9. Aw. An diesem Tage rütteln wir an den Pforten des Gebets, empfinden „die Mauer zwischen Gott und Israel", die seit der Zerstörung des Tempels sich schichtet (Talmud babl. Berachoth 32 b). 'Aber diese Mauer nieder reißen wollen, das ist Judentum! Jüdisch ist es und der Weltanfsassuna des Judentums entsprechend, nicht nur zu klagen, sondern im Rückblick auf die Tempeltrümmer Willen und Hoffnung des mejsianifchen Gedankens zu gewinnen. Als R. Akiba Schakale ans dem Trümmerfeld der heiligen Stätte sah, da ermuntert er seine Schüler zur Hoffnung! Wie der Untergang eingctroffen ist nach prophetischem Wort, so wird die Verheißung des Guten nicht unerfüllt bleiben! (Talmud babl. Maccoth 2!b.) Erfüllen wird sich: „Es werden kommen aus der Ferne, die am Gottestempel bauen!" (Secharja K. 6. B. lö.) Und so ist der Zionsgedanken in unsere Gebete eingegangen. Das Flehen um den Aufbau Jerusalems war stets zugleich der Glaube an den Ausbau des jüdischen Menschheits gedankcns. Wer nur den kleinsten Baustein hinträgt zur Erfüllung der Menschheitsidee, gehört zu denen, die von ferne kommen und am Gottestempel bauen. Aber es gilt auch umgekehrt! Jeder Aufbau Jerusalems, der nicht zugleich im Einklang steht mit der Menschheitsidee, dem Frieden Aller im Geiste göttlicher Einheit, entfernt uns vom wahren Tempel, schafft neue Trauer dem Tischo b'aw. Geschehen, breiren sich die schöpferischen Impulse des Geschehens aus. Es ist der Ort gemeint, wo die Aktion, das Leben, das gesamte Bewußtsein anhebt, mannigfaltig anhebt. Unsere Wissenschaft sucht jetzt das Geschehen, die Bewegungen, Aenderungen, Aktionen zu erfassen und nach Möglichkeit in Gleichungen und Gesetzen auszudrücken. Die Wissenschaft vom Menschen vermag dabei nicht mehr dem Aktivitätsprinzip auszuweichen. Dem Aktivitätsprinzip aber hat. sich die Mannigfaltigkeit anzuschließen, die in der Wissenschaft durch das E n t w i ck l u u g s P r i n z i P gekennzeichnet wird. Alte unseren unwillkürlichen Reize, Reaktionen, Instinkt- Handlungen, Berhaltungssormen, Sinneswahrnehmungen und sonstigen Aeußerungen erscheinen jetzt, im Lichte des neuen Denkens, atS Folgerungen von jeweilig inspirierten, sinnmästigen Aktionen. Das Willkürliche setzt sich ins zwangsläufig Unwillkürliche um. Unser Leib, unsere Seele, unser Geist, wir in unserer ganzen Totalität als in das Geschehen der Enrwicklungsbahnen hineingestellt, verfügen über das gesamte S t a m m e s g e d ä ch t n i s des erarbeiteten und erlebten Daseins. Selbst auf dem allortiefsten Stande der Entwicklung eines mehr hypothetisch einfachsten Protoplasmaklümpchens kommen wir nicht mit dem Gedanken eines ausschließlich passiv festgelegten Geschehens aus. Erst recht im Bereiche des organischen Lebens höherer Ordnung sehen wir uns genötigt, innrer halb des passiven Geschehens, trotz der sogenannten Anpassung, eine Aktivität nach A u a l o g i e u u s e r e S eigenen Ich a n z u e r k e n n e n. Erst die Verkrampfung der automatisch verlaufenden Unwillkürlichkeiten, die ja als Umsatz-Formen von willkürlichen Handlungen und Aeußerungen erscheinen, das Ineinander der unwillkürlichen Aeußerungen, ihr Gewebe, erzeugen bei uns das Erlebnis des Schicksalhaften. Das Schicksal erscheint in diesem Lichte als Umsatzform der gesamten, mit sinnmäßigem Bewußtsein behafteten Entwicklungsbahn. Das Willkürliche hat hier die sporadisch auftretende Unwiltkürtichkeit zur Folge. Unter dem Aspekt der gesamten Entwicklungsbahn des Menschengeschlechts gibt es so kein allumfassendes allverfchlingcndes Schicksal mehr, es bilden sich vielmehr unausgesetzt Inseln des Schicksalhaften, in die der Mensch in seinem Leben von Zeit zu Zeit verstrickt wird. Im letzten Grunde ist es hier die „Freiheit", die die Notwendigkeiten „erzeugt", auch die Notwendigkeiten des Mechanischen, des Materiellen. Das Problem ist nicht mehr: wie ist das Sichtbarmachen des Lebens, des Geistes im Schoße der Materie zu verstehen, sondern: wie ist angesichts des sinnmäßigen willkürlich schaffenden Geistes der Automatismus der Materie zu begreifen. Die uns zugängliche Welt als Ganzes, im Lichte des neuen Denkens gesehen, ist so, ihren Wegen nach, eine durch und durch bewußte und lebendige Welt. Das latente, zum größeren Teil unterbewußte Gedächtnis unseres Lebens, „das Gedächtnis" der Materie überhaupt, gibt Kunde von diesem im Innersten belebten Entwicklungsvorgang. Und so ist auch der Satz zu verstehen, daß der Geist sich den Leib und die Materie baut und nicht umgekehrt. Drastisch ausgedrückt ordnet sich das Entwicklung spriuzip dem Schöpfungsprinzip an, und dem En twicklungs Prinzip selbst schließt sich die Mechanik des Materiellen als seine niedrigste, einfachste Stufe, als sein Niederschlag an. Was die Philosophie als Ur- und Anheben des Geschehens und seiner Entwicklung bezeichnet und logisch deutet, das erlebt das religiöse Bewußtsein als Tatbestand der Offenbarung. Die Offenbarung gehört mit zum religiösen Akt. Durch sie werden wir an den Ausgang des Geistes gemahnt, werden wir in die zu allertiefft liegende schöpferische Schicht des Geistes versetzt. Der erschütterte, (durch „Eingebung", Ekstasis, Pathos und Opferwille) schauende und urteilende Geist legt dann Zeugnis von der durch die Offenbarung zustandegekommenen „Eingebung" ab. Für den Offenbarungsbestand ist es nicht gleichgültig, wer der Mensch ist, der die Offenbarung zn empfangen und zu deuten hat. Mögen die sog. Primitiven magische Kräfte, Beschwörungskunst und bildliche Zeichen als Sprache und Wille Gottes bezeichnet haben, für uns aber, in deren Dasein d i e a h n e n d e Seele und der erkennende Geist im Mittelpunkt ste h en, bedeutet Offen barnng etwas ganz anderes. Die Struktur der menschlichen Person und ihres Geschehens ist setzt eine andere geworden. Und auch andersartig sind die Wege, die sie an das göttliche Schaffen und Wollen führen. Es gehl etwas mit uns vor, das etwa mit einem Shakesprareschen Drama zu vergleichen wäre: .Haben sich die Leidenschaften des Helden, der handelnden Person ausgetobt, und hat die uns angemessene Naturkraft abgenommcn, so meldet sich die Stimme des Gewissens eines anderen geistigen Wissens um das Leben und die'Welt. Das Verschwinden der urtümlichen leiblichen Kräfte, das Abnehmender leiblichen B e g a b u u g s ch a f s t erst Platz für die Begabung der Seele und des Geistes. Die Offenbarung als Eingebung der Seele und Zeugnis des Geistes wird so erst zum Tatbestand von Religionen, die wir die R e l i g i o n e n des K u t t u r w o 11 e u s nennen. Das magisch-physikalische Wissen der sog. Primitiven wird durch ihre leibliche Begabung bedingt und durch das seelische Wissen und geistige Gestalten von heute ersetzt. Die Offenbarung wirkt als Befreiung, mahnt an die sinnerfüllte Tat, die sich in der Folge in die normgebende moralische Tat umwandell. Die den Offenbarungsreligionen entsprungene Norm nimmt dann den Kampf mit der übrigen Materie und Kreatur auf, die jetzt als das normwidrige Dasein erlebt wird. Das Schicksalhafte als blinde, unüberwindbare Kraft und Gewalt tritt vor der aus Freiheit gezeugten „Norm" zurück. Was setzt die „Norm", das „Normale" bedeeutet. hat eine neue Gestalt erhalten. Im Hintergründe lebt das Gefühl, daß das Daseiende in seiner tiefsten Schicht von der Norm, von dein Guten und Heiligen, von einem „moralischen Gott" gemeistert wird. Die Sprache Gottes wird zur nroralischen Sprache. Und das aktive BewußtseinsprinzipunseresGei st es stellt sich dem fatalen Sckicksalsprinzip der Antike schroff entgegen. Man ist versucht zu fragen, wie ist es denn mit der Erkenntnis Gottes im Rahmen dieser neuen Welt, im Offenbarungsbestand unserer Seele bestellt? Darauf ist zu antworten: Selbst der, dem die Offenbarung zuteil geworden ist, vermag nur auszudrücken, was von ihm verlangt wird, vermag nur ausznsagen, was mit ihm geschehen ist, wie er von Gott „erkannt" worden ist, was ihm „Angegeben" ist. Er vermag so den eigenen Geist, den Geist Gottes zu deuten, aber nicht die Gottheit selbst, das Schöpferische schlechtweg, das letzte Dasein zu schauen. Philosophisch ausgedrückt, steht auch das religiöse Dasein in der Macht des bestimmenden transzendenten Faktors, dem es nie ganz ins Gesicht zu schauen vermag. Wir vermögen nicht ganz zu erfassen, was uns irgendwie