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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-30 · 31 (30.7.1930) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
31 (30.7.1930)
Date
1930-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^MchLeraleZeitm Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. >Der««»workl. Redakteur: Bruno woyda. Die Vereinigung für das liberale Zudenkum übernimmt nur iür diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel. Aeutzerungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, HaNesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 3359!> Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge Postscheckkonto: Berlin 7UB 7, 137069 nur mit vorheriger Genehmigung der (Vereinigung für das liberale Judentum) || Redaktion gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 2R. z.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inläud 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gefpalt.Ronpareillezeile0.45 Anzeigentarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigenannahme bei der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoncen-Expedii. Nr. 31 Berlin. 30. Zuli 1930 10. Jahrgang Der verlauf der liberalen Vellkonferen; Claude G. TNontefiores Eröffnungsrede In der vorigen Nummer berichteten wir über die ersten Eindrücke in London, die Festgottesdienste und den Empfang bei Tr. Mnttuck. Auch über den feierlichen Eröffnungsakt ist bereiis geschrieben worden, und lediglich die einwitende Rede des Präsidenten des „Wcltverbandes für religiös-liberales Judentum" Claude G. Montefiore mußte aus technischen Gründen für die heutige Fortsetzung unseres Berichtes zurückgestellt werden. Montefiore gab feiner großen Befriedigung und seiner Freude darüber Ausdruck, eine so zahlreiche Schar von Telegierten aus allen Teilen der Erde begrüßen zu können. Alten Freunden, die über die Meere gekommen sind, über das große Meer im Westen oder über die kleinen Meere im Osten, rufe ich ein herzliches „Willkommen" oder „Soyez leS bien venus" zu. Alle Delegierten aus Teutschland und Frankreich, aus Schweden und Holland, ans Amerika und Indien, die an.der Konferenz teilnctnnen, können auf die verschiedenste Weise für das liberale Judentum von Wert sein. Tic sollen sich die Wichtigkeit ihrer Angelegenheit vcrstandcsrnäßig klar machen und sie sich zugleich plastisch vor die Augen stellen. Tie Konferenz har die Ausgabe, Wissen um das liberale Judentum und Interesse dafür zu verbreiten. Tie soll auch dazu beitragen, daß sich die Mitglieder der Konferenz üntereinander besser verstehen. Tie Bedeutung der Konferenz erschöpft sich nicht in den Vorträgen und Diskussionen. Freundschaftliche Unterredungen zwischen Telegierten verschiedener Länder untereinander mögen oft fast ebenso wichtig sein wie o.ie osstzielten Sitzungen. Ferner soll die Konferenz dahin führen, daß die Juden als Ganzes die Bedeutung des liberalen Judentums als eines religiösen Faktors sowohl innerhalb des Judentums selbst als auch jenseits seiner Grenzen erkennen; und schließlich soll sie die tagtägllche Arbeit des Weltverbandes anregen, ttämlich die Arbeit für die Verbreitung des liberalen Judentums in solchen Ländern, wo jüdisch-liberale Organisationen für die Juden und das Judentum ein Tegcn wären, aber gegenwärtig noch nicht existieren. Mögen sich auch im Laufe der Jahre die Probleme, mit denen das liberale Judennun zu tun hat, und die von ihm zu bewältigende Aufgabe gewandelt haben, so ist seine Bedeutung doch nicht geringer geworden, sondern sie ist im Gegenteil gewachsen. Das Bedürfnis nach seiner Lehre ist größer geworden, seine Ausgabe komplizierter und umsassender. Tas Reformjudentum hat sich anfangs hauptsächlich mit äußerlichen Dingen abgegeben, mit dem Gottesdienst in der Tynagoge. Das war eine verhältnismäßig leichte Ausgabe. ES war verhältnismäßig einfach, Orgel, moderne Gebete in den. Landessprachen, eine neue innere Einrichtung der Synagoge und das Gebet mit unbedecktem Haupt einzuführen. Es war auch nicht schwer, einen überlebten ÖrientaliSmus, wie die Trennung der Geschlechter, auszumerzen. Zweifellos war auch für solche äußeren Aenderungen ein gutes Maß von Mut und Beharrlichkeit von Nöten, aber sie verursachten keine kritischen oder theologischen Schwierigkeiten. Bald jedoch erstanden Probleme dieser Art. Welches finb Die legitimen Einflüsse der Bibelkritik auf das liberale Judentum? Wie soll der Wert der Tradition eingeschätzt werden, welchen Raum sollen die rabbinischen Verfügungen im Vergleich mit dem Gesetz der Thora einnehmen? Wie weit soll versucht werden, aus dem modernen und liberalen Judentum alle rein nationalen Elemente auszuschalten? Wie viele der alten 13 Glaubensartikel oder Prinzipien des Maimonides haben sür die Reform noch Geltung? Wie soll sich das liberale Judentum zu den alten Regeln der Heiligung des Sabbat, zu den Speisegesetzen und anderen Zeremonialgesetzen, die das Leben des einzelnen betreffen, verhalten? Diese Probleme sind nicht durchwegs befriedigend gelöst worden. Wir stehen noch mitten darin. Manche Fragen, in manchen Ländern besonders die Stellung der Frau, Heirats- und Scheidungs-Angelegenheiten, haben eine schnelle Lösung erzwungen. Aber zu all den gelösten Fragen hinzutretend oder an ihrer Stelle tauchten neue und tiefere Probleme aus. Gerade die Fortschritte des liberalen Judentums haben gewisse Mängel enthüllt. Ist der liberale Gottesdienst kalt und formal geworden? Denken die Liberalen, dachten die Führer und Begründer der Bewegung zu sehr intellektuell und zu wenig mit dem Herzen? Und die Schwierigkeiten gehm tiefer. Der Wett aller institutionellen Religionen ist in Frage Lestellt. Die religiösen Kämpfe der Gegenwart sind nicht die von vor 40 oder 50^Jahren. Sie sind schwiettger oder scheinen es vielleicht zu fern. Ist der Gott der modernen Welt der Wissenschaft und der Philosophie der Gott des Judentums? Hat das Gebet als solches Bedeutung? Haben die gedruckten Gebete selbst in den modernsten jüdischen Liturgien Wett.und Bedeutung für die denkenden Männer und Frauen von heute? Man sucht einerseits eine persönliche und individuellere Religion, denn es fehlt unter den heutigen Menschen nicht an religiösem Bedürfnis trotz aller Indifferenz; andererseits verlangt man nach einem weniger „iw sonalen", weniger rein „transzcndc'.uatcn", weniger „.nithropomorphen", einem mehr „immanenten" Gott. Können diese beiden Bedürfnisse vereinigt werden? Mit anderen Worten: könnte das Problem teilweise umschrieben werden mit der Frage nach dem Ort und den Ansprüchen der Mystik im Rahmen des liberalen Judentums. So wie der Ehassid'.smns eine Revolte gegen die Unfruchtbarkeit des polnischen Rabbi nismus im J8. Jahrhunderl war, . so brauchen die Menschen von heute vielleicht einen aus. gc klärten und m o d e r n i st i s ch e u E s aff idis m u S, wie er für unsere Tage paßt. .Hier liegen Probleme und Verb bandlungsgegensländc für viele Konferenzen vor. Jede einzelne Konferenz kann aber nur einige wenige von iljucit in Angriff nehmen. Begeisterter und langaustaltcnder Beifall folgte dieser einleitenden Rede, in welcher der Führer unserer Bewegung diejenigen Punkte, welche die geistige Probtemauk d<s heu tigcn liberalen Judentums ausmachen und die danun auch das Programm unserer Tagung bilden, fest Umrissen l;atte. — Tie 'weiteren Begrüßungsreden, insbesondere diejenige von Ludwig Vogelstein (Nein Park) sür die amerikanische, Heinrich St'crn (Berlin) für die deutsche und Germain Nachdenkliches zu den kommenden jüdischen Gemeindewahlen Tas Jahr IS30 steht in Deutschland in politischer Hinsicht unter dem Zeichen eines tief betrüblichen Anwachsens antisemitischer Strömungen. Alle Energie der deutschen Juden müßte aus die Abwehr der nationalsozialistischen. Hetze gerichtet sein. So etwa denken die deurschen Juden. Im Jahr l!k.30 läßt in dem angesehenen Vertag Lambert- Schneider der bekannte Zionist Jakob Klatzkin eine ^ergänzte Auflage seiner Schrift „Probleme des modermen Judentums" erscheinen. .Herr Klatzkin denkt als Zionist anders als die deutschen Juden. Das Eft nicht verwunderlich. Daß er aber im gegenwärtigen Augenblick es für nörig bält, eine Schrift erscheinen zu lassen, die den A n t i s e m i t i s m u s zu rechtfertigen versucht, und neue Zündstoffe hervorbringen muß,'gibt doch zu Denken Anlaß. Herr Klatzkin schreibt: „Die Assimilantcn beruhigen sich und die Völker: Das Nationaljudentum sei eine Reaktion aus den Antisemitismus und würde mit ihm verschwinden. Wir, die wir ' diese Beruhigung zuschanden machen wollen, müssen_ erklären: Tas national lebendige Judentum ist keine Reaktion, ist Primäres, Unbedingtes. Vielmehr ist der Antisemitismus eine Reaktion auf den nationalen Fremdkörper des Judentums, den wir in seiner Fremdheit erballen wollen. Ist jedoch unser modernes Judentum eine Reaktion, so nur aus den inneren Antisemitismus: auf die Assimilation." Diese Assimilation findet nun nicht die wohlwollende Anerkennung des Herrn Klatzkin. Auch das ist verständlich. Schreibt er doch: „Wir müssen uns alle Wege der nationalen Einbürgerung ins fremde Volksturn verbauen, müssen alle Tore der Angleichung und Ausgleichung achtsam meiden." Freilich erhält das Buch wohl für jeden gesitteten Menschen einen peinlichen Beigeschmack, wenn man daran denkt, daß der in Berlin lebende Verfasser in Berlin ein Buch erscheinen läßt, in dem er nicht ttwa seine Uebcrsiedlung nach Palästina verkündet, sondern folgendes Bekenntnis zum Truck dringt: „Unser Leben und Wirken unter fremden Völkern ist uns ein Fluch, der durch keinen materiellen Segen entkräfttt und durch unsere Errungenschaften eher genährt wird, ist uns eine Schmach, die durch keine äußeren Ehrungen ausgemerzt und durch unsere Erfolge nur gestempelt wird, ist und bleibt uns in allen Lagen ein Martyrium, die Exilländer sind uns weihelose Wohn- und keine geheiligten Vaterländer, sind uns Stätten des Unheils, der Pein und 'der Trauer, der Demütigung und Selbsterniedrigung, Stätten unserer nationalen Ausbeutung und Verspeisung; Stätten bitterer Erinnerungen und öder Zu kunftslo si gkeit." (Sperrungen von uns. Die Red.) Am 30. November finden in Preußen die jüdischen Gemeindewahlen statt. Dann wird zu entscheiden sein, ob der Geist des Herrn Klatzkin oder der Geist der deutschen Juden in ihnen bestimmen soll. Lstvy (Paris) für die französische Delegation, haben wir «bereits iu der vorigen Nummer zum Abdruck gebracht. Nach Verlesung einiger Briest' und Adressen aus verschiedenen Ländern sowie nach einer Ansprache der ehrenamtlichen Sekretärin Mst Montagu fand die Eröffnungssitzung ihr Ende. Wie bereits mirgereilt, fanden die Verhandlungen zum größten Teil in der liberalen Synagoge, und zwar in dem gleichen Raum statt, in dem die Gottesdienste abgehalten werden. Man begab sich nun nach Schluß der Feier in 'die anschließende Montesiore-.Hall, die der (Gemeinde sür Vergnügungen, gesellschaftliche Veranstaltungen und Aufführungen dient. Tip Geistlichen, die Vorsteher und die Ratsmitglieder der Jcwish Religious Union >rd der B^cst London Synagogue of..Britisa Jews gaben dort den Delegierten und auswärtigen Gästen einen Emvfang. Man hatte erneut Gelegenheit, die Gesinnungsfreunde des Auslandes persönlich kennknzuierue.':. Ter Berichlerstatter bittet wiederum um Verzeihung, wenn er ganz willkürlich sich aus die Nennung von zwei Persönlichkcircu beschränkt, die allgemein bemerkt wurden. Mr. R. Reuden (Bombay) von der Jcwish Religious Union in Indien, der mit seiner Gattin anwesend war: beide Ehegatten waren schon von weitem als rasseechte Inder zu erkennen, und da sic eine große jüdische Organisation von Indern vertraten, bildeten sie als lebendige Beispiele für den theoretisch so oft behaupteten Univrrsalismus des Judentums den Mittelpunkt vieler Gespräche und Meinungsausriruschnngen; die andere hier zu nennende Persönlichkeit ist der königliche Admiralitätsrat Henrik Wolfs (Stockholm), der ungeachtet seiner überragenden politischen Stellung in Schweden >eit seines Lebens einer der tatkräftigsten Förderer des liberalen Judcntmns in seinem .Heimatland gewesen ist und der mit seinem sprühenden, bestrickend liebenswürdigen Humor auf der Londoner Tagung ständig eiiien Kreis von Gesinnungsfreunden um nch sammelte. — Es wäre leicht möglich, noch viele Spalten mit der Charakteristik einzelner Persönlichkeiten zu füllen: aus naheliegenden Gründen muß darauf verzichtet werden. Die erste Arbeits-Sitzung Am Sonnrag früh versammelte sich die große Schar der Delegierten wiederum im Tcmvel brr Liberale Jewish Synagogue. Da Tr. Baeck (Berlin), der diese Sitzung leiten sollte, nicht erschienen war, übernahm Dr. Montesiore den Vorsitz. Er führte aus, daß das liberale Judentum einen Einklang zwischen der Welt der Bibel und dem modernen Denken herzustcllcn habe. Die Weit der Bibel war eine kleinere als die unsere, und wir müssen uns die religiösen Hauptprobleme: Gott, die Bedeutung des Leids in der Welt, Gebet und Verbindung zwischen Gott und Mensch neu erarbeiten. Aus diesem Grunde trage die erste Sitzurig div Ueberschrist Liberales Judentum und modernes Denken. Als erster Redner sollte Pros. Dr. David Ko i gen (Benin) sprechen. Unerwarteter Weise hatte der Redner jedoch aus familiären Gründen der Tagung scrnbleiben müssen. Es war dies schon vorher bekannt geworden, und man fürchtete allgemein, dieser Vortrag, sowie auch das Refevat des durch den Tod seiner Mutter plötzlich verhinderten Herrn Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach) müßten ausfallcn. Indessen lag Tr. Koigens Manuskript dem Präsidium vor, und eine der bemerkenswertesten Erscheinungen auf der Tagung, Frau Margarete Gold st ein, die Witwe des kürzlich verstorbenen Darmstädter Philosophen Julius Goldstein, die als Dolmetscherin während der ganzen Tagung in Gemeinschaft mit Frau Paula Ollendorff aus das Dankenswetteste mitarbeitete, übernahm mit chrer feinen Bortragskunst und ihrem ausgezeichneten geistigen Einssthlungsvermögen die Verlesung des Vortragsmanuskriptes von Prof. Dr. David koigen (Berlins: „Die Gottesidee im Lichte des modernen Denkens." Das Thema: „Die Gottesidee im Lichte demodernen Tenkens" zeichnet schon den Weg vor, den wir zunächst zu gehen haben. Wir haben zu fragen: Was bedeutet für uns modernes Denken? Und wie wollen wir mit seiner Hilfe die Gottesidee belichten, der Wirksamkeit Gottes habhaft werden? Ferner: Was haben wir hier unter Denken, Geist zu verstehen? Etwa regelrechte, von unserem isolierten und isolierenden Verstand zurechtgestutzte, utteilsMäßige (vernünftige) Aussagen oder etwas ganz anderes, etwas mehr auf den Bezug auf Gott, auf die, letzte Interessiertheit des Menschen an dem Taseienden Gerichtetes? Wenn wir hier von Denken und obendrein vom Denken der Gegenwart sprechen, so meinlen wir vielmehr die Gestaltung und Tarstelluug des Weltbildesder Welt schlechthin, in der wir leben, zu leben genötigt sind. Also: modernes Denken heißt das Denken von Menschen^ die einer bestimmten Geistesverfassung, einer bestimmten Kultur eingegliedert sind. Wir als Da-Seiende und Da-Wirkendle einer bestimmten Geistesverfassung, — wie stehen wir zur Gottesidee, wie können wir nach unserem besten Wissen dazu stehen? Und dpnn: Wie gestaltet sich, soll sich gestalten, der

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