Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 30 (23.7.1930)
- Date
- 1930-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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nimmt gewisse Vorgänge auf dem alten Friedhof in der Neustadt zum Anlaß einer Interpellation, um dafür zu sorgen, daß sich derartiges nicht wiederholt. Es handelt sich um Ausgrabungen auf dem Gelände dieser längst geschlossenen Ruhestätte. Diese war vor Jahren mit Genehmigung des Rabbinrts an eine Molkerei verkauft worden, welche jetzt dort Beinarbeiten vorgenommcn hat und wobei Gebeine gefunden wurden, die das Rabbinat sofort beisetzen ließ. Zum Schluß referiert der Vorsitzende noch kurz über eine von ihm mitgemachte Sitzung der R e i ch s a r b e i t s g e in e i n =» schaf t. Diese rein beratende Stelle, ein Zusammenschluß der Landesverbände, könne nicht als ein Ersatz, nur als eine Vorstufe zum lomi wenden Iicichsverband angesehen werden. Die Lage sei eine sehr ernste (Ausweisungen infolge der mit Polen bestehenden Schwierigkeiten, kerne Einbürgerungen mehr in Thüringen usiv.), auch erwähnte er die demnächstige Rcichswirtschaftskonferenz der deutschen Juden, von der man sich, obwohl sie zwar von den bedeutendsten jüdischen Köpfen beschickt werden würbe, doch nichts wesentliches an Ereignissen verspräche. Eine geheime Sitzung folgte und dann der schon geschilderte unerfreuliche Ausklang. Güsten. (Versteigerung einer Synagoge.) Wie das Amtsgericht bekannt macht, werden am Freitag im Wege der Zwangsvollstreckung die Grundstücke der Israelitischen Knltusgemeinde in Güsten, bestehend aus der Synagoge und dem Wohnhaus am Kirche platz und dem Friedhof an der Rathmannsdorser Straße versteigert werden. Hamburg. <E l a t ö e r a t u n g in: Repräsentanten- Kollegium.) Tao Geschäftsjahr der Gemeindeverwaltung läuft vom 1. Juli bis zum 30. Juni. Schon Anfang 1930 war beschlossen worden, für das um 1. Juli 1930 beginnende Rechnungsjahr den Steuersatz von 9 der Einkommensteuer aus 10 Hy zu erhöhen. Die Wirtschastskrisis, unter der die Hamburger Juden infolge ihrer beruflichen Schichtung in ganz besonders starkem Maße zu leiden haben, erweckte bei den Gemeindebehörden die Befürchtung, daß möglicherweise auch mit dem erhöhten Steuersatz eine Balancierung der Einnahmen und Ausgaben nicht erreicht werden würde, lvcnn der Etat nicht wesentlichen Aenderungen unterzogen ivürde. Der Gemeindevorstand hat daher den üblichen Weg, den Etat selbst auszumachen und vorznlegcn, nicht beschritten, sondern ihn von einer gemischten Kommission, die aus Mitgliedern beider Körperschaftenbestand, ausstellen lassen. Der von dieser Kommission vorgeschlagene Voranschlag wurde vom Vorstand übernommen und auch vom Repräsentanteu-Kollegium mit geringfügigen Aenderungen nach eingehender Durchberatung angenommen. Die Gesichtspunkte, die in der vorbereitenden Kommission bei Aufstellung des Voranschlages maßgeblich waren, tvurden von Rechtsanwalt Dr. Fränkel (lib.) vorgetragcn: Man habe bei denjenigen Positionen, die nicht zwangsläufig seien, Abstriche vorgenommcn, solveit dies, ohne die nottvcndigen sozialen und Wohlsahrtsausgaben «inzuschränken, möglich gewesen sei. Man habe sich ferner entschlossen, die Zinseir auf die Äufwertnngslapitalien, die aus Stiftungen aus der Vorkriegszeit herrühcten, und die man zu thesauricren früher beschlossen hatte, soweit dies zulässig und möglich sei, in den Etat einzustellen. Eine vorsichtige Schätzung der Steuereinnahmen habe aber ergeben, daß trotzdem mit einein Defizit gerechnet werben muß. Die Kommission habe davon abgesehen, bestimmte Vorschläge zur Deckung zu machen. Man sei sich aber darüber im Klaren gewesen, daß man nicht in eine Anleihewirtschrft zur Deckung von Ausgaben geraten dürfe, die im ordentlichen Etat ständen.' Tie Deckungssrage solle gelöst werden, sobald die Finanzgebarung nach Ablauf des ersten Quartals des neuen Rechnungsjahres feststände. Der Vorstand solle — ein entsprechender Antrag wurde angenommen — nach dem 1. Oktober eine Uebersicht über Einnahmen und Ausgaben im ersten Vierteljahr vorlegen. _ In der Einzelberatung knüpfte sich eine längere Debatte an einige Positionen, welche sich auf die Bewilligung von Mitteln an den liberalen jüdischen Schulverein und liberale wissenschaftliche Anstalten bezogen. Hier wurde von Herrn Philipp Peine als Vertreter der strengkonservativen Richtung ausgeführt, daß seine Partei aus grundsätzlichen Erwägungen diesen Ausgabe^, sofern sie durch die Gemeinde erfolgen, nicht zustimmen könne. Man möge diese Zahlungen durch den liberalen Kultusverband leisten lassen, dem rnan eine entsprechend höhere Quote an den eingehenden Steuern ihrer Mitglieder znkommer, lassen möge. Diesen Ausführungen trat von liberaler Seite Herr Alfred Lisser und Rechtsanwalt Dr. Fränkel entgegen, denen sich auch zwei konservative Mitglieder des Vorstandes, die Herren Jacob Heckscher und Hermann Philipp, anschlossen. Man wies darauf hin, daß die Gemeinbcverfassnng ausdrücklich das Erziehungswesen als Gtmemdeaufgabe statuiere. Es sei als ein Verdienst des Repräsentanten Kollegiums anzusehen, daß sich die Gemeinde dieses Gebiets in letzter Zeit in größerem Umfange angenommen habe. Nach vieler Mühe sei die Einführung des Religionsunterrichts an den öffentlichen Schuten gelungen. Die Gemeinde könne diese Aufgaben unmöglich den Kultusverbänden überlassen. Der von den Orthodoxen gemacht« Vorschlag sei mit dem Gedanken der Einheitsgemeinde nicht in Einklang zu bringen. Die Vertreter des Gemeindcvorstandes fügten hinzu, daß die geäußerten Wünsche keinesfalls von der Gesamiorthodorie gebilligt würden. Die in Frage kommenden Positionen wurden vom Kollegium bewilligt. Bon besonderem Interesse waren die Ausführungen des Gemeindevorstehers, Herrn .Hermann Philipp, über Ausgaben und Leistungen der Bildungskommission. Der Gemeindevorstand habe die Verpflichtung, aus dem Gebiet indisch geistigen Lebens nachzuholen, was in früheren Jahren versäumt sei. Besondere Förderung verdiene aie jüdische Wissenschaft, die Hermann Cohen als das einzige Mittel bezeichnet habe, das deutsche Judentum zu erhalten und ihm sein Ansehen der Welt zu sichern. Auch Franz Rosenzweig habe in seinem Aufruf aus dem Felde im Jahre 1917 das jüdische Bildungs- Gottesdienste BerliN'Ofte«.! Liberale Synagoge Osten (Kaiserftraße 29*30). Freitag, 25. Juli, i 7.30 Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Mehler. Die Gottesdienste in den Synagogen Norden, Wilmersdorf und Westenfallen bis zum 8. August aus. Berli«-Westend. Der erste Gottesdienst nach den Ferien findet am 29. August statt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 27. Juli. Johanmsstraße 16: vormittags 10 Ahr; Predigt: Dr. Jelsli. Kleiststrahe 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: George Goetz. Das Ili-Programm Frankfurt a. M. Dienstag, den 29. Juli 1930: Im Cyllus „Religionen" spricht Arthur Astheimer üder „Buddhismus". Problem als die jüdische Lebensfrage des Augenblicks bezeichne!. Herr Philipp teilte dann mit, daß die unter Leitung des Herrn Prof. Dr. Markon stehende Gemeindebibliothek, mit deren Ausbau im Jahre 1928 begonnen sei, bereits 18 000 Bände aus allen Gebieten des jüdischen Wissens umfasse; sie enthalte eine große Zahl von seltenen und überaus wertvollen Schätzen. Sie werde auch von nichljüdifchen Gelehrten in zunehmendem Maße benutzt. Er hoffe, aus dieser Bibliothek die angesehenste jüdische Bibliothek des Kontinents zu machen. Herr Tr. Kalmus (Volksp.) äußerte den Wunsch, daß man in der jetzigen finanziell ungünstigen Zeit weniger auf die Anschaffung rein wissenschaftlicher Bücher bedacht sein sollte, als auf die Ausgestaltung der Bibliothek zu einer Volksbibliothek. Der Gesamtetat, aus dem die wichtigsten Zahlen weiter unten mitgeteilt werden, wurde, wie erwähnt, bewilligt, und zwar nur für 3 4 Jahr, da das Rechnungsjahr künftig am 1. April beginnen solle. Die Bewilligung von Subventionen au Anstalten und Institutionen, die nicht im Eigentum der Gemeinde stehen, oder von ihr betrieben werden, sollen nur ausbezahlt werden, soweit die eingehenden Stcnerbcträge ausreichen. — Die Gesamtausgaben des Etats für 3 4 Jahre sind ans fast 1 Million Reichsmark veranschlagt. Folgende Bewilligungen, die sich nach Abzug der aus die Positionen zu erwartenden Einnahmen ergeben, seien hervorgehoben: Das Schulwesen beansprucht RM- 187 000,—, das Wohlfahrtswesen beansprucht RM. 247 000,—; für kulturelle Ausgaben sind RM- 35 000,— eingestellt, darunter auch Zuschüsse an den Turnverein Bar Kochba und den jüdischen Turn- und Sportverein: für Kultuszwecke RM. 56 000,—, unter denen RM. 13 000,— Zinsen für das dem Tempelverband zu zahlende Darlehen für den Neubau seines Tempels figurieren. Die Volkspartei hatte einen Antrag gestellt, der eine Vertagung des Tempelbaues bezweckte. Herr Horowitz und Frau Caro haben diesen Antrag mit dem Hinweis aus die schlechte Wirtschaftslage begründet. Ihnen wurde jedoch von liberaler Seite durch das Mitglied des Gemeindevorstands. .Herrn Heinrich Lcvy, sowie von den Herren Dr. Urias, Lisser und Dr. Fränkel erwidert, daß der Bau eine dringende Notwendigkeit sei, daß auch dem Staate gegenüber, der das Grundstück dem Tempelverband verkauft habe, eine Bauverpslichtung bestände, und daß die Borarbeiien bereits soweit gediehen seien, daß man das Bauvorhaben unmöglich aufgeben könne. Hinzu käme, daß das Darlehen im Anleihewcge beschafft werden.müsse, so daß der Etat nur mit den Zinsen belastet würde. — Der Antrag wurde darauf zurückgenommen. Dagegen wurde ein anderer Antrag der Volkspart ei angenommen, wonach eine sozial-politische Kommission eingesetzt wurde, die sich mit der durch den wirtschaftlichen Antisemitismus verschärften Not unter den Hamburger Judeu beschäftigen und geeignete Vorschläge zur Linderung dieses Notstandes sowie Mittel und Wege zur finanziellen Durchführung ihrer Vorschläge aufzeigen solle. Es wird schließlich noch für das vergangene Etatsjahr ein Betrag von RM. 3000,— für die Mittelstandshilfe, ferner RM. 7500,— für das Wohlfahrtswesen und endlich RM. 7000,— für das Kinder- Erholungsheim Wilhelminenhöhe bewilligt. Kirn. (Neuer Kantor.) Die israelitische Gemeinde erhielt in Lehrer Elter einen neuen Kantor, dessen Einführung in das Amt bereits stattfand. Köln. (R e p r ä s c n t a u t e n v e r s a m m i u u g.) Am Donnerstag der vergangenen Woche wurde von der Repräsentanz der Etat der Gemeinde zu Ende beraten. Die Ausgabenseite weist einen Betrag von rund 975 000 Mk. aus. Boa dieser Summe werden etwa 775 000 Mk. durch Steuern aufgebracht werden. Es dürften etwa 162 3 o/o der Einkommensteuer als Umlage in Frage kommen. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende der Repräsentanz, Herr Generalkonsul Baumann, sowie der Borstandsvorsjtzende, Herr Blumenau, des 70. Geburtstages des Direktors Plato, der der Repräsentanz seit vielen Jahren angchört. Sein Platz war mit einem prächtigen Rosenstrauß geschmückt. Herr Blumenau teilte mit, es habe sich ein Vertrauensausschuß gebildet, der denjenigen Glaubensgenossen, die seelisch und wirtschaftlich bedrängt seien, beistehen wolle. Ein entsprechendes Rundschreiben werde an alle Gemeindemitglieder versandt werden. Außerdem sei STOIbWERCrf KAKAO L 'billig, A ^iDohlSchmeckend.W^^ W \ nahrhaft. WWW die Gründung einer Kreditkasse geplant. Man hoffe auf diese Weise, die erschreckend anwachsende Zahl von Selbstmorden zu verringern. Vor Schluß der Sitzung richtete Herr Nathan Kahn (Achduth) heftige Angriffe gegen die G e m e i n s ch a f l. Er stützte sich dabei auf einen im Bürstenabzug vorliegeuden Artikel eines Kölner Blattes, der unrichtiges Zahlenmaterial über die Mitglieder und das Steueraufkommen der Gemeinschaft enthielt. Herr Kahn zieh die Vertreter der Äemeiilschaft der Täuschung und wünschte, daß der zwischen der Gemeinde und der Gemeinschaft getätigte Vertrag angefochten werde. Herr Dr. Blank Jib.), Vorsitzender der Gemeinschaft, wies unter dem starken Beifall i>er Repräsentanz diese Unterstellungen mit scharfem Nachdruck als unwahr zurück. Ihm schlossen sich die Vorsitzenden der Repräsentanz und des Vorstandes in erfreulicher Entschiedenheit an. Schließlich mußte die erregte Privataussprache am Schluß der Sitzung den Angreifer davon überzeugen, daß er Unrecht habe und daß sein Angriff ein verfehlter Versuch war, nun doch noch Wirrwarr iu die friedlich erledigte Lernagsregelung zu bringen. Köln. (7 0. Geburtsta g.) Der Direktor oes hiesigen Israelitischen Kinderheims, Herr Markus Plato, cm Enkel S- R. Hirsch», konnte am vergangenen Sonntag seinen 70. Geburtstag feiern. In einem Festakt ehrten die Vertreter der Gemeindeverwaltung, an ihrer Spitze deren Vorsitzender, Herr Blumenau, sowie die zahlreicher Wohlsahrtsinstitutioncn den Jubilar. Herr Plato gehört seit langen Jahren der konservativen Fraktion der Repräsentanz an und erfreu* sich wegen seines ausgleichenden Wesens der Wertschätzung aller Richtungen iu unserer jüdischen Bürgerschaft. Köln. (Dr. Simchowitz s. A.) Am Sonntag ist der Dramaturg des hiesigen Sradttheaters, Herr Dr. Simchowitz, i»n Alter von 65 Jahren heimgegangen. Mil ihm verliert nicht nur die künstlerisch literarisch interessierte Welt eine ivertvolle Kraft, sondern! auch das Judentunr har einen seiner besten Söhne verloren. Trotz, seiner immensen Arbeit aus dem Felde seines Berufes fand der Heimgegangene Zeit, sich in den Geist des Judentums und in die Fülle seiner literarischen Hervorbringungen zu vertiefen. Und wenn man den Grad des Judefeins an dem Maß von Liebe zum Studium der jüdischen Geistesgcichichte messen darf, so >var simchowitz ein Volljude seltener Art. Sein Tod reißt eine fühlbare Lücke in die Reihen der Männer unserer Gemeinde und unserer deutschen Judenheit. Mülheim (Ruhr). (Persönli ch e s.) Der Gemeindebearnte Hermann Wolfs ist plötzlich verstorben. Rabbiner Dr. Neuhaus hob in seiner Grabrede die Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit des Berbtichenen anerkennend hervor, und auch der Vorstand hat in eiuentz ehrenden Nachruf dem vorbildtichen Wirken des seit 10 Jahren im Gemeindedienst stehenden Beamten Worte des Dankes gezollt. Neustadl. (Eine neue Freedhossschändung.) Wie aus Neustadt a. d. Aisch berichtet wird, wurde in einer der letzten Nächte der jüdische Friedhof bei Diespeck durch Umwerfen und Beschädigungen von Grabsteinen geschändet. Die Polizei hat sofort die Nachforschungen nach den Tätern ausgenommen. Rastenburg. (S y u a g o g e n b e s i ch t i g u u g.) Hier besuchten kürzlich einige Studentinnen und einige Klassen der Schule aus Angerburg (Ostpreußen) die Synagoge. Sie wurden von Kantor Hecht geführt, der .ihnen in ausführlicher Weise Erklärungen über jüdische Ethik und Kultus gab. Lehrer wie Schüler zeigten sich in starkem Maße interessiert. Stadthagen. (T o d e s s a l i., Sev mngjährige Vorsitzende unserer Gemeinde, Herr William Wolf, ist nach längerem Leiden verschieden und unter allgemeiner Beteiligung per Ortseingesessenen zu Grabe getragen worden. Viele Vereine, u. a. die Ortsfeuerwehr und der Gesangverein ,,Liederkranz", gaben dem Verstorvenen das letzte Geleit und bekundeten dadurch die lebhafte Teilnahme an dem Ableben des in allen Kreisen der Bürgerschaft geachteten Maurves In mehreren Ansprachen wurden d:e Verdienste des Entschlafenen gewürdigt und dankbar anerkannt. SereLnsnachrichierr Der Jüdische Turnverein Berlin Lchwarz-Weiß 1905 veranstaltet am Sonntag, den 27. Juli, seine diesjährige Motorbootsahrt nach Marienlust. Abfahrt 9 Uhr Schilliugsbrücke (Südseite Köpenicker Straße) Reederei Bauer. In Marientust diverse sportliche Wettkämpfe und Tanz. Infolge der beschränkten Zahl der Karten empfiehlt es sich, diese im Vorverkauf bei Herrn Alfred Löblowitz, Rosenthaler Straße 44 (D 1 Norden 4781) zu entnehmen. Preis für Hin° und Rückfahrt 1,50 Mark. Erinnern tauchen unzählige Gestalten empor, die im Gedächtnis alle Rudolf Schild kr aut heißen! Einer von den seltenen Ganzgroßen der Bühne ist dahingegangen, deren Namen aus die Nachwelt kommen, die Einmaliges, Unnachahmliches, von anoeren Unerreichbares schufen! Deren Wirken schon bei Lebzeiten zur Legende ward. Ein Genosse jener Generation großer Darsteller wie Sonnenthal, Mittecwurzer, Mattowsky, Kainz, deren Leistung der Geschichte der Sch auspielkunst astgehört. Und um es vorweg zu sagen, Schildkraut war auch gleichzeitig der große jüdische Schauspieler, dessen Wesen etwas von der Urkraft und leidenschaftlichen Aktivität des Judentums enthüllte, nickt von ihm „gespielt" wurde. Tie großen nichtjüdischen Schauspieler, man braucht bloß an wundervolle Künstler wie Bassermaun und Friedrich Kayßler denken, bestechen gerade oft durch! ihre Sprödigkeit, durch ihre Herbheit, durch ihre kultivierte Verhaltenheit, die sich noch dazu mit Schönheit und Vornehmheit der persönlichen Erscheinung paart. Schildkraut war im Gegensatz. dazu — ebenso wie z. B. der große lebende jüdische Schauspieler Kortner (Kohn) — keine „schöne" Erscheinung! Der untersetzte, fettleibige Mann mit den breiten Schultern und dem gedrungenen, jüdischen Rassekopf mußte gewissermaßen zuerst einmal gegen das Unästhetische seiner äußeren Körperlichkeit den Sieg erringen: aber es gelang ihm sofort: denn er war ein lodernder Feuerbrand, eine wilde, entfesselte Explosion, ein sich eruptiv entladendes Viel--zu-Biel an glutvollem Temperament und entfesselter Leidenschaft. Und seltsamerweise: bei ihm wirkte gerade dieses Uebermaft dieser Krastüberschuß doch, wieder küMerischcharMonisch: das war in dieser Form auf der deutschen Bühne bisher noch nicht da! Er vermittelte Eindrücke, die man nie, nie vergessen kann. Diese wie eine Flamms emporflackernde Glut bei Schildkraut muß seinem jüdischen Ursprung zugeschrieben werden, seinem Herkommen von einer Bevölkerungsgruppe, die jahrhundertelang brutal unterdrückt worden war. Er stammte aus dem konstantinopeler Ghetto, Kind eingewanderter spaniolischer Juden, spielte schon als Knabe Theater, wirkte zuerst in der österreichischen Provinz und wurde später vom Baron Alfred ven Berger entdeckt, der ihn ans Hamburger Schauspielhaus brachte. Dort wurde er sehr rasch, berühmt. Der menschenkündige Magier Max Reinhardt, engagiette ihn dann, schon 1905, ans Berliner Deutsche Theater, und hier begann seine „große Zeit". Welche Fülle von dämonischer EharakterisierungsrmM Jede seiner Gestalten hatte ein ganz eigenes Gesicht, war völlig neu und doch wieder stets im Sinne des Dichters! Er hat den Shylock gespielt, wie vor ihm und nach ihm noch; niemand, so glühend-echt, aus einem Guß, geradezu von alttestamentarischer Größe, und doch wieder ganz aus durchlebtem, modernem, jüdischem Ressentiment heraus gestaltet. Und dann der über allem Alltäglichen stehende Humor Schildkrauts! Was hat er aus der kleinen Rolle des alten Gaunqrs' Autolykos im „Wintermärchen" genracht! Bor allem jedoch war auch wieder etwas UrMischsss in diesem großen, jüdischen Künstler: Darstellung jüdischen Familienlebens, jüdischer Elternliebe, bluttnäßiger Zusammengehörigkeit von Vater und Kind in vielen klassischen, modernen und jüdischen Stücken! Ein schlechthin vollendeter Lear, bei dessen Wahnsinnsausbruch es einem kalt über den Rücken lief. Ein „Vater" im tiefsten, natuchastesten Sinne des Wortes in Schalom Asches „Gott der Rache", in Brody's „Lehrerin", in Heijermanns „Kettengliedern". In diesen Werken neuerer, jüdischer Dichter fühlte Schildkraut sich auch völlig als Jude: und kurz vor dem Kriege brach er alle Brücken hinter sich ab, ging nach New Kork und wurde künstlerischer Leiter uno erster Darsteller des dortigen „jiddischen Theaters". — Im letzten Jahrzehnt lebte er hauptsächlich in Hollywood und spielte wieder hinreißend jüdische Väter in allerlei Filmwerken. Sein Sohn Joses, ein Mansch von strahlender Schönheit, an dem er mit großer Lieble hing, wurde in Hollywood Prominenter beim Film und hat jetzt iu gewissem Sinne das Erbe Valentinos angetreten. Auch persönlichwar Schildkraut ein einzigartiger Mensch! Eine wilde, von Impulsivität und Temperament überschäumende Persönlichkeit! Ter Schnecken der Regisseure und Direktoren und der Abgott seiner Kollegen und zahllosen Freunde! Eine Unmenge toller Streiche und ulkiger Geschichten wurden von ihm kolportiert. Ein großer Teil davon war sicher wahr! — Er war in seinem Jähzorn fähig, einen ihm schulmeisternden Regisseur mit gewaltigem F-irßltritt aus dem Hause zu befördern und kurz daraus wieder ruhig einem' armen Bühnenarbeiter, dessen Frau einen Jungen bekommen hatte, ein paar hundert Mark zu schenken. Jmmerwache Hilfsbereitschaft, gütige Freude am Wohltun und fanatischer Mruismus waren ungemein sympathische Züge seines guten Judentums! Evst im Alter wurde er verbittert. Er sehnte sich selbstquälerisch vom Film fort wieder nach! Beschäftigung mit großer Bühnen-Kunst; ec sehnte sich zurück nach Max Reinhardt und seinem „Deutschen Theater in Berlin. — Jetzt hat ihn der Dod von allem Streben und Sehnen erlöst. Zahllosen Menschen wird er in allerlebendigster Erinnerung bleiben! Er war eine nach jeder Richtung hin ungewöhnliche Natur und jeder Zoll ein echter, großer Künstler: ... „ihr werdet nimmer seinesgleichen sehn!"... Dr. Ludwig Davidsohn-Berlin^