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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-23 · 30 (23.7.1930) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
30 (23.7.1930)
Date
1930-07-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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macht und wir sind dadurch zu unterscheiden, daß unser Zugang zur Gottesidee ohne traditionelle Hemmnisse geschieht. Das heißt, die Juden Amerikas sind stolz auf ihre Religion, aber es ist kein Anlaß, sich dessen zu rühmen. Zum großen Teil ist es in den Verhältnissen bedingt. Man soll nicht denken, daß vieles in Amerika sehr aut sei; es gibt Klasseniuden; so Juden, die sich vom Religiösen fernhalten. Das ist die Klasse, die in der Philantropie ihre Aufgabe sieht, dann die Rasse- und Nationaljuden, die sich ans Judentum gebunden fühlen, aber der Religion entwachsen sind. Viele von ihnen gehören zu den Jntelligenzkreisen. die ethische Kultur haben, die von einem Judei: ins Leben gerufen wurde, aber keine jüdische Kultur haben, und schließlich viele sind Anhänger der „Christian Science". Die ans materiellen Gründen oder ihrer soziale): Stellung wegen sich fernhalten, kann man als Indifferente bezeichnen. Nicht zu verstehen find die, die trotz Idealismus vom.Judentum fernlbleiben. Es geschieht von allen Seiten sehr viel, um die vom Judentum Abfallenden wieder zurückzugewinnen. Das Gebetbuch wird wiederholt modernisiert. Die Rabbiner bemühen sich um den Fortschritt der ethischen Idee. Tie Jugend sorgt für praktische religiöse Erziehung. Aus dem Panorama des amerikanischen Judentums sind alle Schlagwörter verschlvunden. Der Streit zwischen Orthodoxie und Reform hat aufgehört. Die allgemeine Erkenntnis geht dahin, daß die nächste Generation nicht mit Tefillim 'auswächst. Die orthodoxen Juden können in die liberalen Synagogen hinein, ohne aber dadrrrch bcn Geist des Liberalismus zu beeinflussen. Die proste Armee der amerikanischen Juden marschiert der Reform zu. Mit diesen Gedanken, der internationalen Organisarion ein herzliches Willkommen und Hoffen, in dieser Zentralstelle für alle kräftigen Rat und Gemeinschaftshandlung zu finden. Es ergreift nun das Wort Rckbbi L. Germain Leoy (Paris-, Rabbiner der Union Liberale Jftaelite: Der Redner ging nach einer längeren Einleitung auf das ein, was er als das .Hauptproblem jeder reli giösen Auseinandersetzung, jeder religiösen Versammlung bezeichnete: aus das G o t t e s p r o b l e m. Es ist ihm unverständlich, wie jemand, der die Aufpfropfung einer Gewißheit von Gott von außen her, wie die Tradition der Orthodoxie es tut, ablehnt, darum Gott und Religion ü b e r'h a u p t ablehnen kann, wo doch alles u m uns und i n uns von Gott spricht, wo es doch geradezu wider unfern Verstand, unsere Einsicht, unser Gefühl ist, indifferente Leugner des Geistes zu sein, der sich schöpferisch und entwicklerisch zu jeder Stunde und in jedem Gewissen offenbart. Erkennen unseres geistigen Wesens, Drang nach Wahrheit und Humanität, Pflege sittlicher Gesittung, das alles sind Dinge, zu denen jeder Mensch in seiner: besten Stunden von einer inneren Kraft getrieben wird; diese Kraft ist dem liberalen Juden Gott, der Geist, die Wahrheit. Schöpferische Entwicklung in der Natur und hinzu der Geist, der ft: altem und über allem, sind die Dinge, die religiöses Bewußtsein und religiöses Sehnen im liberalen Juden Hervorrufen. Mit dieser umfassendsten und reinsten Auffassung religiöser Wahrheit ist das Judentum berufen, ein Musterbeispiel für alle Religionen zu sein, und der Redner trägt mit Emphase die Ueberzeugung vor, daß die verschiedenen Religionen sich nur zu der Einheitsreligion entwickeln können, deren Wesen sich vollkommen im Judentum manifestiert. Wir haben nicht die Zeit, zu warten, bis Wahrheit, Geist, sittliche Gesinnung, Humanität sich ftn Mensche,: von selbst regen, wir müssen ihn hin führen, leiten, anregen, erziehen: Dies auch der Zweck solcher Versammlungen, wie der des Weltverbandes, der in diesem Sinne ein fruchtbarer Erfolg beschieden sein möge! Die längeren, predigtartigen Ausführungen des Redners wurden mit einem hinreißenden Temperament vorgetragen. Nach diesen Begrüßungsreden sprach noch Mr. L. L e - visson (Holland), der als holländischer Vertrauensmann der World Union die Tagung mit einer dreisprachigen Rede (deutsch, englisch, französisch) begrüßte. Seine Ausführungen, einen Brief des Herrn Rabbiner Vermont (Brüssel), sowie die Schlußrede von Lily Montagu werden wir in der nächsten Nummer veröffentlichen. Während diese Zeilen geschriebei: werden, dauert die viertägige Konferenz noch an. George G o e tz, Berlin. Werbt neue Mitglieder! Londoner Splitter Von Obettantor Bernhard Alt, Aachen. Um 1.30 Uhr nachts betritt rnan in Ostende Pen Dampfer und wartet gespannt aus die Reisegesellschaft aus Deutschland, die in 5 Minuten mit den: Zug eiutressen soll. An der Reeling hält man erwartend Ansschau nach den Passagieren, die man am „jüdischen" Aussehen schon eriennen wird. Als eine Minute vor Abgang des Schisses endlich ein persönlicher Bekannter ankommt und :nan ihn ängstlich fragt, ob denn die deutsche Delegation nicht kommt, erfährt man, daß doch schon alle den Dampfer bestiegen haben! So viel zur Rassentunde unserer modernen Nazirener. „Wanderer, — kömmst Tn nach Dover...", so rüste dich, von innen und außen untersucht zu werden, ob du kein Verbrecher bist, wo du wohnen wirst, was du in England willst, welcher Nationalität du bist, welcher GeburtsNationalität du bistob du nicht auf der Warnungs- We stehst etc. etc.; wem: du dann in Gnaden für würdig befunden wirst, den geheiligten Boden vo>: Old England zu betreten, ist der Zug nach London weg und du darfst mit dem Bummelzug 2 Stationen weitersahren, dort eine Stunde warten, dann endlich weitersahren und in London uw 11.30 statt um 7.30 an einem ausgefallenen Bahnhof ankornmen. Doch siehe da —, unser Mißgeschick hat sich in dem kleinen Städtchen London schon rum gesprochen, und wir werden trotzdem erwartet. Um den Begriff der Gastfreundschaft zu erörtern, hat man bisher im Religionsunterricht die biblische Erzählung Aus den Gemeinden Berlin. ($t a NI m e r g c r i ch t s r a t 3 M u l' ä Stern ge - ftor beit.) Im Alter von 54 Jahren ist der Rechtsphilosoph Jacques Stern plötzlich gestorben. Srern ist durch recht swergl eichende Studien, namentlich über den „Universalismus im Rechl", toeit über seine Fachkreise hinaus bekannt gcworoen. Der Verstorbene >var Hauptvorstandsmitglied des E.V., hat in der Liberalen Vereinigung mit gearbeitet und sich mit viel Interesse ser Arbeit der Zesellschasr „Ort" gewidmet. Au, 1*. Juli saiiv auf dein jüdischen Fried Hof in Äeitzeniee die Bestattung des Uainmergerichtsral Jacques Stern statt. Tie Be teiligung aus allen Hreifen, mit denen Kanimergerichtsrat Ster,? als Jurist, als Philosoph und als Pcrsönlichleit des jüdischen öffent l scheu Lebens in Berührung kam, war sehr starr. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Baeck, der den Verstorbenen ais einen in, tvahrsteir Sinne des Wortes geistigen Menschen schilderte. Er habe den für den geistigen Menschen kennzeichnenden Konflikt zwischen äußerer und innerer Welt erlebt nnd in einer höheren Einheit ausgehoben. Justizrat Dr. Brvdnitz nahm von dein Toten namens des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, oes Hilssvercins der deutschen Juden und der Gesellschaft „Ort" Abschied. Er tvürdigte in dem Verstorbenen den in seiner Heimat oerwurzelten Juden, der Weltreisen unternimmt, nich, um die Heimat zu fliehen, sondern um in ihr den Ertrag der Fremde auszustapeln. Es sprachen noch Geh. Admiralitätsrat Felisch für die Jugend, fürsorgcinstitutionen, um die der Verstorbene sich verdiem gemacht hat, und schließlich ein Vertreter der Berliner Philosophischen Gsellschafl. In einer Würdigung der Persönlichkeit des Verstorbenen schreibt Ludlvig .Holländer in der E.V Zeitung u. «.: Die wisseuschaitliche Welt, der deutsche Richierftand, die deutsche Judenheit und das Judentum haben unendlich viel von ihm verloren. Stern hat in einer Studie „Der Uitiversalgedanke im Recht" seinem ticssten Wunsch Ausdruck gegeben, nämlich dem Streben, die Welt und die Menschen in ihrer Gesamtheit und zugleich in ihren verschiedenen Zügen kennen und verstehen zu lernen, das mlgemein Menschliche in der Fülle der Erscheinungen festzustelten und aus den gewonnenen Einzelheiten abzuleiten. Auch in seiner richterlichen Tätigkeit legre er aus oie Seelen künde besonderen Wert. Die Menschen zu verstehen nnd zu begreifen, die Abwege ihres Fuhlens und Denkens abzuslellei,, war für ihn die Grundlage auch seiner Berufsarbeit. Wen» er ein neuer Jude tvar, so war er dies nicht allein aus Gründen der Ueberlieserung, sondern ebensosehr aus der inneren Ueberzeugung heraus, daß die höchste,, Gedanken der Sittlichkeit ru der jüdischen Religion verwirklicht sind. Diese Ueberzeugung führte ihn zur Tat, io daß er im EentraG vcreiii sowohl im Vorstand als auch im Arbeitsausschuß führend gewesen ist. Wir halten in der Mitarbeit mit ihm immer t>a* Empfinden, das uns noch an seinem Grade mit uuermeßlickiem Tank erfüllt: er war da, wenn man ihn brauchte. Berlin. (Die B e st a t k u n g P r v se s s o r L uö w i g Steins.) Am 18. Juli, um 11 Uhr vormittags, fand unrcr ungewöhnlich starker Beteiligung aller Kreise der jüdischen u,w nichtjüdischen Gesellschaft, der Gclchrteuwell und des öffentlichen Lebens das Begräbnis des in Salzburg verstorbenen Professors Dr. Ludwig Stein auf dem Friedhof der Adaß Jisroel-Gemeinde in Weißensee statt. Die vrelhundert köpfige Trauergemcinde füllte die große Friedhofshalle, in der eine lange Reihe von Rednern jüdischer wissenschaftlicher und politisch gesellschaftlicher Vereinigungen Worte der Würdigung für den Verstorbenen sprachen. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer hielt die Trauerrede. Auf das plötzliche .Hinscheiden des Verstorbenen ivairdte Rabbiner Dr. M. Hildesheimer einen Satz unserer Weisen an: Wenn ein Mensch aus seiner Lebensbahn plötzlich herausgerissen wird, dann ist es, tvie wenn die Sonne am hellen Tage unterginge. Diese Empfindung hatte man beim Tode Prof. Steins. Tie vielseitige tiefgründige Begabung des Verstorbenen ist dadurch gekennzeichnet, daß er zugleich Philosoph und ein liebenswürdiger Plauderer war, daß er gleichzeitig mit tiefem Ernst sich in die Kümmernisse und Nöte von Bedrängden versenken konnte und in heiterster Laune der angenehmste Tischnachbar war. Daß er, in allen Ländern und allen Religionen zuhause, ein Weltbürger und zugleich ein ausrechter, treuer Jude war, der es niemals unterlassen hat, sein Judentum zu bekennen. Die Wurzeln seiner Kraft lagen in seinem Elternhaus. Für die Familie des Berstorbenen nahm Kommerzienrav Maximilian Stein das Wort. Er schilderte Ludwig Stein als den Optimisten, der auch bis zuletzt an den Ernst seiner Erkrankung nicht glaubte. Der großen Welt gehörte sein brillierender Geist, uns in der Familie gehörte sein Herz. Aber über seine engere Familie stand ihm die Menschhcitsfamilie. Es war ihm vergönnt, zu seinem Teil am Webstuhl der Zeit mitzuwirkeu. Für den Verstorbenen als Juden sagte der Redner, ist vielleicht nichts so charakteristisch wie sein letzter Brief aus Gastein, in dem er schreibt: „Ich habe heute Mittag sehr angeregt mit einem Fürsten verbracht und den Ab-cnd nicht minder angeregt mit einem Rabbiner aus Nelv Nork." — Zwischen dem Fürsten und dem Rabbiner, als den äußersten Polen seiner Interessensphären, bewegte sich sein Lebensinhalt. Er, der freie Geist, war ein eindrucksvoller Interpret der jüdischen Ueberlieserung, die er uns immer wieder zu beachten mahnte. Namens der persönlichen Frcutrde des Verstorbenen sprach der Vorstand am Kaiser Wilhelm-Institut Prof. Vogt, ferner Prof. Böhme, Dr. Carl vott Abraham und den drei Engeln zur Vorlage genommen. Man wird diese Methode ändern und vonsder Gastfreundschaft unserer englischen Freunde ausgchen müssen. Sie ick phantastisch und etwa gekennzeichnet durch die Mentalität des jüdischen „Schnorrers", der d i r einen Gefallen damit erweiü, daß er deine Gabe annimmt. Resörmgottesdienst: ein Grammophon spielt, ein Jungmädchen mit blonden: Bubikopf, sogar lieblich!, Gott behüte, anzuschauen, lieck mit dezenter Durchsühltheit aus der Bibel, — und was man vorher sich unmöglich vorstellen könnte und innerlich abgelchnt hat, erweick sich von erbauender und erhebender Wirkung. Während des Festgottesdienstes in der Upper Berkeley Street schreit ein Ausrufer auf 'der Straße draußen so Gut, daß der Gottesdienst gestört wird. Ein Mann mit Zylinder und Tattith geht aus die Straße, um um Ruhe zu bitten und der Ausrufer verstummt. Vergleiche hierzu die Friedhöfsschändungen und Synagogenverzierungen unserer Hakenkreuzritter! Rechtsanwalt Heinrich- Stern sprach in seiner Begrüßungsansprache von dem deutschen Liberalismus, „der sich noch immer etwas als die Mutter des WeltliberaliÄnus fühlt, freilich als die Enten-Mutter, die mit wehmütigen Gefühlen ihre Kücken auf das Wasser hinausschwimmen sieht, wohit: sie ihnen nicht folgen will." Um im Zoologischen zu bleiben: Manche Juden halten den Liberalismus noch immer für das Kuckucksei, das in das Neck des heimatlichen, wahrhaften, wirtlichen Judentums hineingeschmuggelt wurde und dort nicht hineingehört. Misch für den Vertag Ullstein uns für den Verein der Berliner Presse. Der berühmte Physiker, Gchetmrat Prof. Nernst, der für die vom Verstorbenen begründete Mittwoch-Gesellschaft sprach, erinnerte an die starke Einwirkung, die das geistige Berlin von Ludwig Stein erfuhr. Er war mit Hilfe feiner ungetvöhnlichen 'Beziehungen für die Weltverstänüigung tätig, er war ein Politiker im besten Sinne des Wortes. Es sprachen daun für dre Freie Wissenschastl. Vereinigung R.-A. Auerbach, für den Brüderveretu Justizrat Markwald. Im Namen der Gesellschaft „Ort" sprach Dr. Singalowski: Das Besondere, das Prof. Steins intensives, vielseitiges Schaffen temtö^ichuet, >var der Glaube an die positive Kraft des Lebens, der zuversichtliche Optimismus, den er aus seiner jüdischen geistigen Heimat mitbrachre. Den Philosophen, Soziologen, Publizisten und praktische^ Politiker zeichnete per Geist des Talmud-Chacham, der seti der ^eschnvah-Zeit seinen Lebensweg erleuchtete. Aus Liede und beitäildiger Hilfsbereitschaft stayrinen seine unzähligen „guten Talen", jene Werte, von denen Tausende seiner Mitmenschen zeugen können. Für einen großen Teil der jüdischen Jnieltigenz im östlichen Europa besitzt der Name Ludwig Steins einen besonderen Klang. Fast i.j Jahrhundert taug tvar er während seiner Hochschullätigkeir in der Schweiz, besonders den ostjüdischen Studenten Führer, Freund und Helfer. Professor Jsmar Elbogen sprach namens des Vereins für jüdische Literatur und Geschichte: Pros. Stein versuchte als erster die Begründung eines Vereins für die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur in Berlin. Als später die Gründung anderen glückte, arbeitete er mit Liebe und Treue mit. Stein vereinigte in sich in einzigartiger Weise altjüdisches Wissen mit moderner Kultur. Nach seiner Uebersiedlung nach Berlin arbeitete Pros. Stein im Vorstand des Vereins mit, nicht nur durch faszinierende Vorträge, sondern haupt'ächlich. auch, indem er aus den Inhalt des Jahrbuchs für Jüdische Geschichte und Literatur bestimmenden Einfluß ausübte. Dresden. zG e m e i u D e i a t * \ i# u tt g.; Verschiedene meist ausländische Anhänger der Volkspartei hatten sich von dieser erstert Sitzung nach dem Konflikt offenbar eure Sensation versprochen oder wollten sie dazu stempeln. In größerer Zahl mit ihrem Anführer, etnent ehemaligen ausländischen Rabbiner, dessen Person sehr wesentlich Die Differenzen mit verschuldet oder zumindest verschärft bat. anwesend, konnten sie es sich nicht versagen, deit beibeu neuen Goineinderäten Schreyer und Lippmann, am Ausgang angesicht-s des benachbarten Gotteshauses eine S ch m ä h o v a t i o n zu bringen, die aber, da itc zurückhaltender Weile kaum, ertvidert wurde, verpuffte. Der Erttst der Lage sollte lehren, zunächst einmal die großen Gemeinschaftsziele des Judentums zu versotgen, statt saß sich Glaubensgenossen, gewisse Auswüchse in der deutschen Politik analog nachahmend, gegenseitig bekämpfen. Ueberhaupk lag, tvie die verhältnismäßig kurze Sitzung, die stck> mit lauter unproduktiven Gegenständen nt befassen hatte, viel künstlich ausgespeicherter Zündstoff in der Luit und auch hierauf gründete sich ivohl die erhoffte: Sensation. Die lvichtigsteit Punkte mußten, da der Gemeinderat nicht vollzählig und daher nicht beschlußfähig tvar, zurückgestellt iverden. Nach Einweisung der beiden neuen Mitglieder des Kollegiums gibt der eine von ihnen, Herr L i v p m a u u . eine E r klär u n g ctlva folgenden Inhalts zu Protokoll: der gegen ihn vom Vorstand der Volkspartet erhobene Vorwurr des Verrats ist subjektiv und objektiv unwahr. Er sei nur der Stimme seines Gewissens gefolgt, von niemandem, aucb von keiner Partei abhängig, und tvenn ihn die Voltspartei jetzt aus-- gestblossen habe, so sei das gegenstandslos, da er ihr niemals als Mitglied angebörr habe. Hierauf bezieht sich auch ein Brief, der dem Vorsitzenden offiziell vom Vorstand dieser Partei zugegangen ist und der, wie der Vorsitzende bemerkt, derartige Formalbeleidig tt u g e ti auch gegen andere Mitglieder des Kollegiums enthalte, daß er ihn zur Vermeidung sich eventuell hieraus ergebender Konsequenzen lieber nickt verlesen wolle. Ihm selbst, R.-A. Salinger, ivtrd in dem Schreiben wegen nicht objektiver Geschäftsführung das Vertrauen der Volkspartet entzogen. Der Vorsitzende bedauert das, zumal der Verkehr mit den meisten Herren dieser Fraktion stets ein durchaus angenehmer gewesen iei, und sieht sich, obwohl frei von jeglichem Schuldbewusstsein, gezwungen, sein Amt niederzulegcn. Es wird ihm aber durch Herrn Schapira einstimmig das Vertrauen der Liberalen Fraktion, welche seine Handlungsweise durchaus billige, ausgesprochen, und damit ist dieser Fall zunächst erledigl. Ein zweites Schreiben der Parteileitung protestiert — wie der Vorsitzende nachweist zu Unrecht — gegen die Veröffentlichung des noch ungenehmigten Protokolls der letzten Sitzung im amtlichen Gemeindeblatt; auch wird verlangt, daß die Gründe, welche zu dem Ä o l l e k t i v r ü ck t r i 11 geführt baden, nachträglich im Protokoll hinzugcsügt und veröffentlicht iverden. Dem soll nachgckommen iverden und die Richtigsprechung des Protokolls das nächste Mal erfolgen. Der Vorsitzende bedauert, daß die .Herren auch in den Ausschüssen ihre Acmter niedergelegt haben: damit diese schnellstens wieder besetzt würden, sollten die Ausschüsse selbst geeignete Miib glicder kooptieren, wofür verschiedene Vorschläge vom Vorstand gemacht: werden. Für die orthodoxe Kultuskommission hätte sich bereits Herr Lew in tvieder zur Verfügung gestellt. Herr Rabbiner Wolf läßt es zwar dahingestellt, ob die Volkspartei recht gehandelt habe, fühlt sich aber als Rabbiner zu ser nochmaligen Bitte an den Vorstand gedrängt, eineu Ausweg aus der jetzigen, für die Gemeinde tief bedauerlichen Situation zu suchen und bietet seine Mithilfe hierbei an. Der Vorsitzende dankt ihm und versichert, daß die Liberale Fraktion sich auch weiter im Rahmen des Möglichen entgegenkommend zeigen werde. Da aber durch die Vertrauensentziehung seine Mitwirkung -ausscheide, würde er es begrüßen, wenn von anderer Seite solche Verständigung erreicht werden könnte. Herrn Liffmann wird für eine Spenoe von 1200 Mark zu Wohlsahrtszwecken anläßlich der Eröffnung seines Ncubaus herzlich gedankt. Herr Löwenthal, der in feinem Ami geblieben ist. A:n Gemeinde g e s a i: g beteiligt sich auch hier die Gemeinde nur sehr spärlich, obwohl der Gottesdienst >ast ausschließlich aus Gemeindegesang und Predigertvort besteht. Dagegen erweist sich das gemeinsam^gesprochene Wort von anregender und aufrüttelnder Wirkung. Rabbi Germain Levy, Paris: Was für ein Reönertemperameut! Was für Gecken! Was für eine Stimmmodulation! Man spricht von echt romanischem Temperament und erfährt, daß er ein guter Elsässer ist. Es gibt hier Besucher, die sich angesichts einer Weltkonserenz in London erinnern, daß sie mal vor 5000 Jahren liberal waren. Zu Hause sind sie wieder gelernte Neutrale. Zum Tode Rudolf Schildkrauts Bor einigen Jahren bereits kam die Nachricht aus Amerika, daß dieser große Künstler, einer der überragendsten und, unvergeßlichsten Menschendarsteller der deutschen Bühne, gestorben sei. Aber es war damals eine Falschmeldung. Er hatte damals nur einen schweren Anfall von Herzschwäche gehabt urü> konnte, bald erholt, lächelnd die vielen Nachrufe lesen, die in der ganzen europäischen Presse, vor allem der deutschen, erschienen waren. Nun jedoch wird die offizielle, amtliche und unanzweifelbare Meldung aus Hollywood gefunkt, daß S'childkraut seinem Herzleiden erlegen ist. Und leuchtende Erinnerungen an tiefste Theatereindrücke steigen wieder auf. Nicht aus Gräbern halbvergessener Abende, die man mühselig erst ausdecken muß, sondern aus lebendigstem

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