Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 30 (23.7.1930)
- Date
- 1930-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2614053-2614083--3651-2621266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IMHMMüZrilWg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. veranlwortl. Redakteur: Bruno woyda. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Aufmage verfaßt gekennzeichnet sind, die Verantwortung. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung -er Redaktion. Nr. 30 Berlin. 23. Juli 1930 10. Jahrgang Die jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3353, 3359 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 1370öS (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaknon gestattet. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 3.— Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0.30 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der vezugsprei« im TNitgliedsbeitrage enthalten. Anzeigenpreise: Die 12gespalt.Nonpareillezeile0.45 Anzeigenlarif durch die Geschäftsstelle. Anzeigeuaunab me bet der Geschäftsstelle u. sämtl. Annoueea-Lxpedit. Die Eröffnung der liberalen Veltkonfereuz Erste Eindrücke — Feskgotlesdienste — Empfang bei Dr. Maltuck Es wird wohl niemanden geben, der die Schilderung der ersten Eindrücke nicht mit einem Tankeswort beginnen müßte. Was Lily H. M o n t a g u mit ihren Schwestern und ihrem Stabe treuer Mitarbeiterinnen an organisatorischer Arbeit vollbracht hat, ist bewundernswert; sie konnte es aber nur leisten in Verbindung mit der wirtlich sagenhaften Gastfreundschaft der Engländer. Fast jeder der auswärtigen Teilnehmer — die Zahl steht noch nicht ganz fest, dürfte aber nicht weit von 200 entfernt sein — ist in Gastquartieren untergebracht. Ganz abgesehen davon, daß die Aufnahme und Betreuung mit einer Freigiebigkeit und Liebe erfolgt, die sich nach bloßer Schilderung nicht vorstellen läßt, hat diese weitgehende Gastfreundschaft wesentlich die Teilnahme so zahlreicher ausländischer Gäste und damit das Zustandekommen der Konferenz ermöglicht. Tank der guten Organisation wurde auch ein störendes Vorkommnis bei der Landung überwunden: infolge der langwierigen Paß- und Zollrevision in Dover wurde der Transport der deutschen Teilnehmer auseinandergerissen und kam unvorhergesehenerweise mit drei verschiedenen Zügen an verschiedenen Bahnhöfen an; trotzdem wurde jeder der drei Trupps von unseren englischen'Freunden empfangen und jeder Teilnehmer in sein Gastquartier dirigiert. Es muß die Hoffnung ausgesprochen werden, daß auch drei andere schwere Hemmnisse, welche die Tagung selbst betreffen, überwunden werden: zwei Hauptrefecenten, Professor Koigen (Berlin) und Rabbiner Tr. Max Dienemann (Ofsenbach) haben aus familiären Gründen plötzlich absagen müssen, und auch Herr Rabbiner Tr. Baeck (Berlin), der einer Sitzung präsidieren soll, wird voraussichtlich erst zum Schluß der Tagung kommen. Zu Berliner Reformgottesdienst in London. „Jbdu eth-Adonaj b'ssimchah — Dienet dem Ewigen in Freude!" steht über der heiligen Lade der Liberalen Synagoge in der St. John's Wood Road, jener Stätte, wo Claude G. Montefiore und Tr. Mattuck wirken, und die manche der Gäste zum ersten Male betraten, als Freitag abend die Reihe der Veranstaltungen mit einem Gottesdienst der Berliner Jüdischen Reformgemeinde begann. Tie Resormgemeinde hatte auf diese Weise Gelegenheit, ihren Gottesdienst den Vertretern der gesamten liberalen Judenheit von Bombay bis Chicago vorzuführen, und man kann feststellen, daß er allgemein die gleiche rückhaltlose Anerkennung fand, die ihm der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Heinrich Stern, in seinem der Weltverbandstagung erstatteten Bericht über Teutschland gezollt hat. Tas von Hans Lachmann-Mosse geschaffene Schallplattenwerk, welches sich schon kürzlich auf der Dresdener Jli-Tagung bewährt hat, zeigte die in ihm liegenden Möglichkeiten, indem es den oeutschen Reformgottesdienst ohne viel Unkosten nach London brachte; die Riesenchöre, der süße Sopran, der strahlende Tenor, dazu die altgewohnten Melodien in dieser neuen, ohne Pause und Ermüdung sich steigernden Liturgie, alles das ergriff die Zuhörer zutiefst. Tr. Mattuck rezitierte den Sprech-Teil der Liturgie englisch, Ilse Wolfs (Berlin) las, ebenfalls englisch, den Bibelabschnitt. Jesajas Vision des Messiasreiches war als Schriftabschnitt ausgewählt worden, und das Bild vom beieinander lagernden Löwen unb, Bvcklein und wies wirkungsvoll daraus hin, daß die Engländer, Franzosen und Deutschen, die einander so schrecklich bekriegt und gehaßt haben, jetzt friedlich miteinander internationale Tagungen abhalten. Diesen Gedanken griff Herr Rabbiner Tr. Lehmann (Berlin) in seiner hinreißend und begeistert vorgetragenen Predigt aus. Er sprach von der babylonischen Sprachenverwirrung und von der schlimmeren des Weltkrieges. Griechen und Römer hätten in ihrem Mythos von den Zeitaltern einen Abstieg der Menschheit gelehrt, der Weg der Bibel aber führe nach einem Worte Herders von Paradies zu Paradies. Tie kürzlich in Berlin abgehaltene Weltkraftkonferenz habe gezeigt, wie Technik und Wissenschaft eine Bölkerverbindung schaffen, der Engländer Thomas Carlyle habe davvn gesungen, wie die Arbeit die Völker verbindet, das wahre und dauerhafte Mittel für die Einigkeit sei die Religion, besonders unsere Religion. Das Judentum gab der Welt eine Gottesidee, die über alle Stammes- und Volksgrenzen hinaus von dem einen Gott aller Menschen kündet, eine Gottesidee so tief, daß der tiefste Denker in ihr Frieden findet, und so einfach, daß ein kleines Kind sie faßt, eine Gottesidee, so universell, daß vor ihr alle Bindung an einen bestimmten Ort versinkt. Ter Gott des Judentums ist nicht nur ein Gott der Synagoge, er ist Gott der Priester und Laien, der Weisen und Unweisen, der Juden und Nichtjuden; auch wer nicht vom Stamme Juda, ist ihm willkommen, sein Haus ist ein Bethaus für alle Völker, und seine Offenbarung wurde, nach alter Legende, in allen Sprachen zugleich verkündet. Von dieser Religion geht Frieden, Gerechtigkeit und Fortschritt aus; das himmlische Jerusalem, von dem die Lehre ausging, suchen auch wir, keine Stadt aus Mauern und Stein, sondern ein Jerusalem des Herzens. Als Walther Rathenau auf der ersten Völkerkonferenz nach dem Kriege seine Rede mit den Worten des italienischen Tichters „Friede, Friede, Friede!" schloß, umbrauste ihn der Jubel der Versammlung, und das gleiche Ideal kündete zweieinhalb Jahrtausende vor ihm der jüdische Prophet: „Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen!" — Tie Feier hinterließ bei allen Teilnehmern den nachhaltigsten Eindruck. Wenn man auch im Auslande weiß, daß die Reformgemeinde nur ein Teil des Gesamtliberalismus der deutschen Juden ist, so hatten doch die auswärtigen Gäste ein Bild von dem Wollen und Können, das im liberalen Judentume Deutschlands vorhanden ist, und man weiß nun, daß die Bewegung in Teutschland nicht zur Ruhe gekommen ist. Teutschland, das Mutterland des liberalen Judentums, hat noch immer fruchtbare Kräfte und wird auch weiterhin gestaltend und wegweisend für das Judentum in aller Welt bleiben. Nach dem Gottesdienst genossen die Telegierten häusliche Gastfreundschaft bei den Führern der Londoner liberalen Synagoge und konnten also den Freitagabend in altgewohnter, familiärer Weise verbringen. Festgottesdienst in der West London Synagogue. Auch der Sabbatvormittag war der gottesdienstlichen Sammlung Vorbehalten. Tie West London Synagogue of British Jews in der Upper Berkeley Street war diesmal als Ort der Andacht gewählt worden; auch sie ist „reformiert": Männer und Frauen sitzen beieinander, und fast die ganze Liturgie des alten Siddur wird in englischer Sprache gelesen; auch die wenigen Texte, die man hebräisch beibehalten hat, werden gesprochen, der Vorsänger ist abgeschafft. > Ten Prophetenabschnitt las Claude G. Montefiore, und die Festpredigt hielt Rabbiner David Lefkowitz (Dallas U.S.A.), der derzeitige Präsident der Central Conference os American Rab¬ bis. Er führte an Hand des Thora-Abschnittes aus, daß wir einen neuen Pinchas nötig haben. Wie damals die Seuche schwand, als Pinchas für Gott eiferte, so würde auch die Pest b/er Religionslosigkeit und Lieblosigkeit schwinden, wenn ein großer Reformator ausstünde, der für Gott eiferte, die Gottesdienste dramatischer ausgestaltete und die Jugend dem Judentum zurückgewänne. — Auch diese Feierstunde schuf eine zweckvolle Grundstimmung für die nachfolgenden ernsten Verhandlungen. Empfang bei Herrn und Frau Mattuck. Ter Sonnabendnachmittag führte die Teilnehmer zu zwanglosem Zusammensein in Tr. Matlucks Haus und Garten zusammen. Es ist unmöglich, alle bekannten und prominenten Persönlichkeiten aufzuführen, die man dort sah; man möge dem Berichterstatter verzeihen, wenn er sich, ganz willkürlich, darauf beschränkt, von etwa dreihundert Gästen, die sich in Mattucks Haus zusammenfanden, nur einen einzigen Mann zu nennen, der allgemein bemerkt wurde, und besten Anwesenheit in die Tagung eine gewisse eigene Note zu bringen scheint: Edmond Fl cg aus Paris, der mit seinen Schriften sich die Liebe und den Tank aller Juden verdient hat. — Vielleicht wird es später möglich sein, eine Reihe führender Persönlichkeiten, die man hier sah, auf Grund des hiesigen Zusammentreffens näher zu charakterisieren. * Die Eröffnungssitzung Nach Beendigung der vielfachen gottesdienstlichen und gesellschaftlichen Einleitungen begann am Sonnabend abend die Tagung mit einer feierlichen Eröffnungssitzung. Tie Liberale Synagoge, die unseren englischen Freunden nach' alter Sitte zugleich als Beth Hak'nesseth, als Versammlungsraum, dient — die ganze Tagung findet in dem Tempel der Liberalen Synagoge statt — war bis auf den letzten Platz besetzt. Ter Feierlichkeit des Augenblickes entsprechend waren die Damen und Herren in Gesellschaftstoilette erschienen, und feierliches Schweigen herrschte auch, als Claude G. Montefiore am Präsidentenpult die Tagung eröffnete. Seine Eröffnungsrede werden wir in nächster Nummer Nachträgen. Nach ihm hielt für die deutsche Delegation die Begrüßungsrede R-A. Heinrich Stern (Berlins Hochverehrter Herr Präsident! Liebe Brüder und Schwestern! Meine Damen und Herren! Meine deutschen Freunde haben mir die Ehre erwiesen, im Namen der deutschen Konferenzteilnehmer für die liebenswürdigen und erhebenden Worte der Begrüßung zu danken, die der Mann an uns gerichtet hat, der unser Vorsitzender nicht nur, sondern der selbstverständliche, der geborene Führer unserer Sache ist. Aber nicht nur die hier erschienenen deutschen Telegierten sprechen durch mich, sondern, das deutsche liberale Judentum, das sich noch immer als die Alt-Mutter des Weltliberalistnus fühlt, wenn es auch manchmal jener Mutter Henne gleicht, die den jungen Entlein aufs Wasser nachblickt, die sie mit Liebe ausgebrütet hat. Tr. Montefiore hat mit Recht die Probleme, vielleicht die Problematik des heutigen liberalen Judentums aufgezeigt. Auch wir deutschen Liberalen spüren sie sehr ernstlich Tie Zeit eines etwas zu engen Rationalismus ist bei uns durch das Suchen nach« den seelischen Quellströmen religiösen Sehnens abgelöst, das zum Teil seine Befriedigung sucht in einem Neu-Mystizismus, in einem Pflegen der Form um der Form willen. Aber diesem nur allzubegreiflichen Irrationalismus wird immer das Hirn der Gemeinschaft, wird besonders die philosophische und historische Wissenschaft seine Grenzen setzen. Romantik zeugt für die Jugend des Herzens, wir haben sie nicht zu fürchten. Tie schwerere, die wichtigste Aufgabe, die der Lösung wartet, eine Lösung, die nur vom liberalen Judentum gechnden werden kann, i's der Ausgleich zwischen individueller Religiosität und dem Streben nach Erhaltung der religiösen Gemeinschaft. Tie Reformbewegung -des 19. Jahrhunderts in Teutschland war die Reaktion des Individuums gegen Unterdrückung durch die Gemeinschaft, das Nationaljudentum in seinen geistigsten Trägern sollte eine Schutzbewegung sein gegen die Auflösung der Gemeinschaft in eine Vielheit von Jndividuuen oder solcher, die eine Individualität zu sein vorgeben. Wir deutschen liberalen Juden, denen das Ziel des Universalismus heilig bleibt, mögen den nationalen Weg nicht gehen, selbst nicht um den Preis schnellerer oder auch nur sichtbarerer Gestaltung der Gemeinschaft. Einen Weg des Ausgleichs zu finden zwischen der individuellen Frömmigkeit, zwischen dem religiösen Sehnen unserer Generation und dem Gedanken des religiösen K'lal, der Religion wie sie, geschichtlich geworden, Brücke ist zwischen den Generationen — dieser Ausgleich scheint Tausenden der Besten von uns, den Suchenden, die wichtigste — aber unendlich schwierige Ausgabe des liberalen Judentums. Unsere World Union ist ein sichtbares Symbol religiösen Einheitswitlens. Gemeinschaften von derart äußerer Verschiedenheit der Gemeinschaftsform wie die deutsche Einheitsgemeinde und die Sondergemeiüde der amerikanischen Reform fühlen doch über die Verschiedenheit des Weges hinweg die Gemeinsamkeit des Zieles. Tiefe Gemeinsamkeit wird, so hoffen wir, ihren besonders deutlichen Ausdruck finden in der Zusammenkunft der liberalen Jugend. Ich, der ich selbst aus der Jugendbewegung hervorgegangen bin, betrachte diese internationale Zusammenarbeit der Jugend als die Krönung des gesamten Lundeswerks. Je inniger wir Glieder unseres liberalen Weltbundes! miteinander verwachsen, je ernster wir an der gegenseitigen Durchdringung arbeiten, oesto schneller wird das Gemernschasiliche sichtbar werden, das die Brücke bilden wird zwischen dem Willen, mit dem sich die heutige Religiosität ihren Ausdruck sucht und dem Streben, den Anschluß ausrecht zu erhalten zwischen Gewesenem und Gewordenem. Es folgte auf die Ansprache des deutschen Telegationsführers der Vertreter von Amerika, die Begrüßungsrede von Ludwig Bogelstcin (New Port), Vorsitzender der Union of American Hebrew Congregations: Er dankte dem Vorsitzenden und allen Vorstandsmitgliedern für die Begrüßung und gab dann eine Uebersicht über die Entwicklung des' Resormjudentums in Amerika. Es waren 3000 Juden zur Zeit der Befreiung, hl Mill. 1880, 4U Mill. jetzt. Tie Juden von 1880 waren meistens liberal politisch wie religiös. Nach 1848 kam als Vovkämpser für das Reformjudentum Jsaac Mayer Wise nach Amerika. Unter seiner Führung wurde 1873 the Union of American Hebrew Congregations gegründet. Sie umfaßt jetzt 280 Gemeinden mit 200 000 Seelen. Die Hochschule hat 330 Rabbiner ausgebildet, die meistens liberal sind, 188 amtieren in Amerika, 9 an der Hochschule und 9 in außer Amerika, liegenden Orten. Das amerikanische Judentum hat sich von vornherein auf den Standpunkt gestellt, daß der Gottesgedanke im ethischen Prinzip nicht abhängig gemacht werden darf von hindernden Gesetzen. In Amerika hat man mehrere Arten Synagogen. Von Wichtigkeit in der Religionsgeschichte war, daß man der Ueberzeugung war, daß vieles, was man im modernen Leben schätzt, in dem Prinzip des Judentums enthalten ist. Wir sind ferner der Ansicht, daß eine solche Auffassung uns unseren christlichen Mitbürgern verständlich