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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-16 · 29 (16.7.1930) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
29 (16.7.1930)
Date
1930-07-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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( Religiosität sein. Lösung der sozialen Frage wird durch Religion nicht erzielt, wohl aber die Möglichkeit d-er Durchsetzung der richtigen Lösung. Wie aber die Lösung beschaffen sein muß, kann weder aus den Idealen des Judentums nach aus den Gedanken der Nächstenliebe erkannt werden. Tie Harmonie aller Interessen ich die Umschreibung der Gerechtigkeit; das Judentum lehrt aber wie das Christentum/als oberste Forderung der Religion nicht „seid gerecht", foitbexu „seid vollkommen". Cs ist verständlich daß 'sich in unserer Zeit immer wieder das soziale Problem einstellt. Man versucht alle Kräfte zur Lösung zu mobilisieren. Wendet sich aber nun eine religiöse Vereinigung diesen Problemen zu, so besteht für sie die Gefahr, wie sie sich auch bei der Aufklärung gezeigt hat. Vermischt man zu stark ethisch und religiös, so ist das Leben der Religion hedroht. Durch die Betonung der einzelnen bedingten Fragen verliert man das Gefühl für das Unbedingte; das aber macht das Wesen der Religion aus. Wie es die Aufklärung gezeigt hat, beginnt dann. mit der an sich richtigen Togmemritik, die aber unter diesen Auspizien bedenklich! ich eine Humanisierung und Ethisierung der Religion. Das Ergebnis ist dann eine Säkularisation I der religiösen Gedanken. Damit aber verliert man auch den ejgentlicken Sinn oer Religion. So endet denn auch die Aufklärung bei den Enzyklopädisten, die sich in Sottisen über die Religion nicht genugtun konnten. Günther-Werner Simon, Berlin. Das jüdische Gebetritual. ein Vorschlag zur Reform in religiös-positivem Sinne Von H. Fabisch, Frankfurt a. M. Einleitend möchte ich bemerken, daß ich auf die Bezeichnung: „in religiös-positivem Sinne" den Hauptton gelegt wissen will, da ich nicht einer „Reform" in dem üblichen und üblen Sinne das Wort rede, auch nicht dem Einreißen | ohne Aufbauen. Ich bin mir auch bewußt, daß ich dem religiös Eingestellten, sei er orthodox oder liberal, nichts Neues sagen werde, da dieses Thema gar oft Gegenstand ernster, von ehrlicher Begeisterung für unser Judentum getragener Unterredung von Inden aller religiösen Schattierungen ist. Sie Lite sind darin einig, daß unser Gebetritual zu umfangreich ist und die überlangen Gottesdienste mit die Schuld tragen an dem schlechten Gotteshausbesuch und an vielen Mißständen in unseren Synagogen. Im engen Freundeskreise bekennen sie sich wohl zu dieser Meinung, aber öffentlich es auszusprechen, dazu fehlt ihnen der Mut, da sie die unangenehmen Folgen des öffentlichen Bekenntnisses für sich oder die religiöse Sache fürchten. Aber daß sie durch ihre Bogel-Strauß-Politik, durch ihr ängstliches Festhalten am „Alten", durch ihre übertriebene Warnung vor dem „Abbröckeln" bei jedem, auch dem kleinsten Versuch zu einer Verbesserung die Religion überhaupt in den Augen der frei von aller Parteischablone Denkenden mißkreditieren, das be- * denken sie nicht. Sie, die auch die kleinste Aenderung im religiösen Leben, und sei sie auch noch so sehr im Interesse ('* der Religion, brüsk ablehnen, die sich darum sogar gegen die berechtigte musikalische Verbesserung bezw. Veränderung sträuben, weil sie sich gegen das „Alte", das „Traditionelle" richtet — sie haben die Schuld, daß man dem Judentum nachsagt, daß es stagniere, Moderduft verbreite, wo doch unsere Thora mit Recht ein Ez chajim, ein Baum des Lebens genannt wird. Und wenn wir einer Aenderung des Gebetbuches das Wort reden, ist das denn selbst vom orthodoxen Standpunkt aus zu verurteilen? Ist denn unsere Tesilla gleich der Thora „min schomajim"? Hat sie sich nicht im Laufe der Jahrhunderte gewandelt durch Zusätze uud Abstriche? Zeigen nicht die Bezeichnungen in unseren Gebetbüchern, daß dieses oder jenes Gebet nach dem einen oder andern Minhag gebetet oder ausgelassen wird, daß man bemüht war, den Gottesdienst den religiösen Bedürfnissen verschiedener Gemeinden anzupassen? Hierbei muß ich unwillkürlich der Unterredung mit einein alten, streng orth odoxen Rabbiner gedenken, der mir 'bei meiner Frage, wie er sich zu einer Verkürzung unseres Gottesdienstes stelle, folgendes Erlebnis in seiner Gemeinde aus jüngster Zeit als Antwort gab: Mehrere Gemeindemitglieder beschwerten sich bei ihm über den Kantor, der nach I ihrer Meinung am Ausgang des Sabbats stets so rasch vvrbete, 8 daß sie nicht folgen könnten. Der Rabbiner erklärte ihnen, I daß er das auch beobachtet habe. Aber auf sein Befragen I habe ihm der Kantor erwidert, daß sein rasches Vorbeten I dem Wunsche vieler Synagogenbesucher entspräche, die ihr | Geschäft am Sabbat geschlossen hätten unb nun nach Sabbats aus gang noch manches Geschäftliche erledigen wollten. — Wenn er diesen Grund auch nicht voll billigen könne, so habe er doch aus Entgegenkommen und Friedensliebe nichts Gegenteiliges anordnen wollen, obgleich er auch nicht „mitkomrnen" könne. Auf die Frage, was er denn tue, wenn er nicht „mitkomme", habe er erwidert, er bete eben nicht alles. Die Gebetstücke, die er an dem einen Sabbat-Abend nicht beten könne, bete er am nächsten Sabbat-Ausgang. Und auf das erstaunte Fragen, ob das erlaubt sei, habe er die Petenten darauf hin- W gewiesen, daß ja auch im Gebetbuch bei diversen Stücken angemerkt sei, daß selbige nur im Minhag Polen gebetet werden, was aber zeige, daß man auch manches auslassen i •köri. .°^nc daß man sich religiös vergehe. — Also eine 8 Bestätigung meiner oben geäußerten Ansicht aus dem Munde eines Strenggläubigen. — Unter der Länge unseres Gebetrituals muß vor allem die wahre Andacht, bei der das Wort der Dolmetsch der betenden Seele ist, leiden, muß das Beten zum Lippenwerk herabgewürdigt werden; denn würden alle Gebete eines Gottesdienstes in innigster Verbundenheit mit ihrem innersten Sinn von uns gebetet, bann erhielte der ®otteäbien[t eine Dauer, der selbst die Strenggläubigen nicht standhielten. Ta aber das vorgeschriebene Pensum bewältigt werden soll, muß der denkende und empfindende Beter zugunsten der lebenden Gebetmaschine weichen. Gebete voll Poesie, von gläubig ergriffener Dichterseele verfaßt, die von allem Hohen erklingen, was Menschenherz erhebt, sie müssen wirkungslos aus des Beters Seele bleiben, da die notwendige Eile des Betens sinnendes Erfassen fast unmöglich macht. Und wer besitzt heutzutage noch die große seelische Spannkraft, um nicht bei dem Ansturm des zahlreichen Gebetstoffes zu ermatten? Ueberaus Wertvolles wird da zurückgesetzt zugunsten von minder Wichtigem. Denken wir nur an die den Mittelpunkt I unserer Morgengottesdienste au Sabbat und Festtagen bildende I Thora-Vorlesung mit folgendem Prophetenabschnitt! Wie könnten diese beiden der Gemeinde zu einer Quelle der Belehrung und seelischen Erquickung werden, gewönne man dafür durch heilsame Kürzung an anderer Stelle die nötige Zeit! Vergleichen wir damit die Wirklichkeit! Thora- und haftara- Verlesuug bieten meistens die willkommene Pause, die der freundnachbarlichen Unterhaltung (besonders in der Franensynagoge) und anderen wichtigen Dingen dienen. — Trotz alles Herunterleierns und Jagens der Gebete dauert der Morgengottesdienst au den Wochentagen 3U~2 Stunden, an. den Sabbaten 1 %—2Vs Stunden, an den W alls ahrtssest en 2—3 Stunde, am N e u j a h r s f e st e 4—6 Stunden. Die Folge davon: entweder leere Gotteshäuser, oder eine Unruhe während des Gottesdienstes, die tief beklagenswert ist. Eine kurze Uebersicht über die Fülle an Gebeten für die einzelnen Gebetszeiten möge meine obige Behauptung, daß unsere Seele kaum die Spannkraft haben dürfte, sie innerhalb eines Gottesdienstes aufzunehmen, beweisen: Der Morgengottesdienst enthält neben zahlreichen Gebeten, die teils Abschnitte aus Thora und Talmud sind, teils Gebete, zusammengestellt aus Bibelversen usw., noch 18—24 Psalmen (zwei sogar 2 mal). Das Kaddisch-Gebet — sein Name deutet schon seine besondere Heiligkeit an — wird in dem. verhältnismäßig kurzen Abendgebet für Wochentage 6 mal, im Morgengebet für Wochentage 8mal-rezitiert. Ob solche oste Wiederholung ein solches Gebet nicht prosaniert? — Ein anderes Beispiel: In den Selichaus-Gottesdiensten (eine Woche vor dem Neujahrsfeste bis zum Versöhnungsfest) geht dem eigentlichen Wochentag-Morgengottesdienst ein besonderer Gottesdienst voran, in welchem eine große Zahl von Selichaus (Bußgebete) gebetet werden, so daß dadurch der Gottesdienst um 1 Stunde und mehr verlängert wird. (Siehe oben die gewöhnliche Dauer!) Man sollte nun meinen, daß der bußfertigen Seele damit wohl genügend Gelegenheit gegeben ist, ihre Sünden reuig zu bekennen. Doch mit nicht-en! Ta am Ende des gewöhnlichen Wochentaggottesdienstes nach dem Ritual in der Regel umfangreiche Bußgebete zu beten sind (inhaltlich, ja sogar wortwöttlich vielfach mit den ebengenannten Selichaus übereinstimmend), so müssen auch diese BußgHete noch gebetet werden. Ueber die Wirkung eines solchen Zuviels auf den denkenden Beter, der sich nicht damit einlullen läßt, daß das alter Gebrauch ist, brauche ich wohl nichts zu sagen. Auch die speziell häuslichen Gebete kranken an dem Zuviel. So verlangt der Vortrag des täglichen Tischgebets 5—10 Minuten. Ebenso lang ist das „Nachtgebet". Und dadurch kommt es, daß auch diejenigen, denen das Beten ein H erzensbedürfnis ist, nach und nach vom Beten ab kommen. Man wende mir nicht ein, daß es denen, die das Gebet für zu lang halten, sreistehe, nur einen Teil der Gebete zu verrichten. Das ist für die meisten unmöglich, da sie mit dem Inhalt des Gebetbuchs zu wenig vertraut sind, um eine passende Auswahl zu treffen; vor allem aber, weil nur die Autorität des Gebetbuchs, dem die Heiligkeit des Altüberlieferten und des Zusammenhangs mit der Heiligen. Schrift eigen ist, der Masse der Beter das befriedigende Gefühl geben kann, die religiöse Pflicht erfüllt zu haben. Und dieses Gefühl, nicht der innere Drang, ist ja bei der Mehrzahl der Beter die Triebfeder zum Beten. Daß in den meisten Fällen die Länge unseres Gebctrituals — sei es für Gemeindegottesdienst, sei es für die häuslichen Andachten — Schuld trägt an der Gleichgültigkeit, ja Abneigung gegen das Beten, davon zeugt z. B. die Tatsache, daß diese Nichtbeier zum großen Teil doch Kiddnsch, ja An unsere Freunde und Leser! Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist die Zeitung einer durch Gesinnungsgemeinschaft verbundenen Leserschaft. Damit ist ein besonders günstiger Boden für die Wirksamkeit der sogenannten „Kleinen Anzeigen“ geschaffen. Um unseren Freunden und Lesern Gelegenheit zu geben, sich hiervon selbst zu überzeugen, werden wir im Monat Juli kostenlos „Kleine Anzeigen“ bis zu 10 Worten einchliesslich 2 er Ueberschriftsworte aufnehmen.— Und nun: Ueberzeugen Sie sich! Senden Sie uns bis jeweils spätestens Montag im Juli Ihre „Kleine Anzeige“ ein. — Und denken Sie im übrigen auch daran, dass die Jüdisch-liberale Zeitung das Blatt ist, in das Ihre Familien - Anzeigen (auch diese zu massigen Preisen) gehören. Gutschein! Ausschneiden! Gültig für eine Kleine Anze ige in einer der Juli-Ausgaben der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ gemäss obenstehender Erläuterung Annahmeschluss für Anzeigen ist am Montag der Woche, in der die Anzeige erscheinen soll sogar Hawdolo machen. Warum? Cs lebt in ihnen, tief im Innersten, das Bedürfnis, sich religiös zu erheben, sich von Sabbat- oder Festtagsweihe umgeben zu lassen. Und diese Gebete, gerade in ihrer Kürze, sind besser geeignet, dieses religiöse Weihegefühl in uns zu erwecken, als stundenlanges Beten. Man wird mir einwenden: Es ist nur ein Irrtum von dir, daß die Länge des Gebetrituals es verschuldet, daß so viele dom Gottesdienst fernbleiben, bezw. auch im Hause nicht beten. Die Ursachen sind vielmehr Unglauben, Gleichgültigkeit gegen die Religion, Bequemlichkeit. Sieh doch die Tausende von frommen Betern, die, sei es an Sabbat- und Festtagen, sei es sogar an Wochentagen, voll Andacht die von dir gerügten stundenlangen Gebete verrichten, denen es also nicht zu viel ist, täglich Stunden dem himmlischen Dienste sich zu weihen! — Vorausgesetzt, daß die Behauptung: „voll Andacht" in dieser Allgemeinheit stimmt — ich bestreite das, allerdings nicht aus theoretischen Erwägungen heraus, sondern aus meinen Beobachtungen der Gottesdienste aller religiösen Richtungen, von Kleingemeinde wie Großgemeinde — behaupte ich jedoch, daß der Trieb zu diesem Beten nicht dem Drängen der Gott suchenden Seele entstammt, sondern in vielem andern seine Ursachen hat. Das sind z. B.: die Gewohnheit, die Angst vor der göttlichen Strafe bei Nichterfüllung der religiösen Pflicht, oder die Hoffnung auf Belohnung für die Erfüllung des göttlichen Gebots und last not least der Zwang der Umgebung. Nicht selten genügt es schon, wenn letzterer aufhört, daß schon nach kurzer Zeit eine völlige Umwandlung in der ganzen religiösen Einstellung eintritt, ein Beweis, daß die so gepriesene Frömmigkeit nicht das Resultat ernsten Nachdenkens, eigenen seelischen Ringens war, sondern obengenannten Quellen entsprang. Und da mit der Berührung mit.geistig und seelisch anders eingestellten Kreisen der Antoritätsbezw. Gewohnheitsglaube erschüttert wurde, führte eigenes Nachdenken zu anderen Wegen religiösen Fühlens und religiöser Betätigung. Wenn aber jemand, dem solche Erkenntnis geworden, durch die Macht der Verhältnisse, besonders durch den Zwang des Familienkreises genötigt ist, trotz Unbefriedigtseins mit der Art des üblicken Betens mit innerem Widerstreben daran teilzunehmen, oann entsteht daraus eine immer größere Abneigung nicht nur gegen den Gottesdienst, sorckern überhaupt gegen alles, was ihm bisher als heilig galt. Und eines Tages, da sagt er sich von all dem los; ein tiefer Riß entsteht zwischen ihm und denjenigen, deren Kreis er bisher angehört hat. Der Sohn frommer Eltern wird ein Ungläubiger, ja vielleicht ein Abtrünniger. Und was ist meistens der Grund? Der Zwang, an Formen religiösen Lebens teilzunehmen, die der innersten Ueberzeugung widersprechen. Es sind nicht immer, wie es so gern ausgesprochen wird, dürre Aeste, die vom Stamm abfallen, es ist auch viel wertvolles Material darunter, das uns erhalten geblieben wäre, wenn die Form nicht gar zu starr, die Unduldsamkeit nicht zu groß gewesen wäre. Und besonders zu bedauern ist es, wenn die Jugend, durch deren Reihen ein tiefes Sehnen nach iMgiösem Erleben geht, durch schroffes Abweisen auch auf solchem Gebiet, wie dem Gottesdienst, wo ein Entgegenkommen sich wohl mit strengen religiösen Grundsätzen vereinbaren ließe, abgestoßen wird. Gerade unsere heutige Jugend will ja nicht (Gott sei Dank!) einen verchristtichten, einen deutschen Gottesdienst. Sie lernt ja mit Eifer und Hingebung unsere heilige Sprache, um unserem Gottesdienst folgen zu können. Aber in ihrer richtigen Erkenntnis, daß in unserer nervenaufreibenden Zeit, die Geist und Seele ständig in Spannung erhält, stundenlange Andacht nicht möglich ist, lehnt sie das übliche überlange Gebetritual ab. Ihr Geist ist noch jeder religiösen Heuchelei fremd, und sie behauptet daher nicht, daß sie in wahrer Andacht stundenlangem Gottesdienst beiwohnen könnte. Und wer da von den „Frommen" behauptet, daß er sich in stundenlanger Andacht konzentrieren kann, der täuscht sich zum mindesten. Es ist Kurzsichtigkeit, ja Lieblosigkeit, zu sagen, wem der Gottesdienst zu lange dauert, der solle wegbleiben. Diejenigen aber, die berufen sind, religiöse Führer zu sein, dürfen nicht, unt nur ja nicht bei einzelnen ihrer Gemeinde Anstoß zu erregen» in diesen Ruf einstimmen, oder aus Bequemlichkeit sich passiv verhalten. Ihre Pflicht ist es, jedem, in dem der Wille zur religiösen Betätigung lebt, jedem, der an unserem Gottesdienst teilnehmen möchte, diese Teilnahme zu ermöglichen, so weit es irgend angängig ist. Und eine Kürzung unseres Gottesdienstes, unseres Gebetrituals ist wohl möglich, auch bei orthodoxer Einstellung. Möchten alle wahrhaft Frommen die Zeichen unserer Zeit verstehen urrd einsehen, daß auch die Schwere unseres Erwerblebens gegen ein zu langes Beten ist. Es ist eben den meisten nicht möglich. Stunden dem Gebet zu widmen. Es mag das bedauerlich sein, aber es ist bie Wirklichkeit. Und nur, wenn wir vor der Wirklichkeit unsere Augen verschließen, dann werden wir eigensinnig darauf bestehen, daß an unserem Gottesdienst nichts gekürzt, nichts geändert werden darf. Wie können wir unser Gebetritual gestalten, daß es nicht durch die Fülle des Stoffes Beterwillen und Andacht unmöglicht macht? — Das kann von einem einzelnen nicht entschieden werden. Das kann nur eine Bereinigung von Männern, die neben dem nötigen gründlichen Wissen auch die Herzensbereitschaft haben, sich über alte Vorurteile hinwegzusetzen, um religiös Denkenden und Fühlenden das Beten zu ermöglichen, indem sie ein Gebetritual schaffen, das sich wohl an das „Alte" anlehnt, aber nicht seine Fehler in Bezug auf die Ueberfülle des' Stoffes aufweist. Nur einige Anregungen möchte ich mir in Bezug hieraus erlauben. 1. Die Grundlage für unseren Gottesdienst (öffentlich wie häuslich) liefert unser „Siddur". 2. Da all die mittelalterlichen Pjutim für unsere Zeit nicht mehr ansprechend sind, dann aber auch zu ihrem Verständnis ein hebräisches Wissen erfordern, das selbst in frommen Gemeinden allgemein nicht vorhanden ist, bedürfen wir für die 3 Wallfahrtsfeste, vielleicht auch für das Neujahrsfest keines Machsors. Einzelne charakteristische, mit dem Geist des Festes innigst verbunden« Gebete (Tal, Geschem, Unesane taukef usw.) könnten Aufnahme irr unserem Siddur (Tefilla) finden. 3. Die Thoravorlesung, die auch eine wörtliche Uebertragung ins Deutsche, bezw. kurze Inhaltsangabe umfassen muß, blldet den Mittelpunkt jedes Morgengottesdienstes an Sabbat- und Festtagen. 4. Zahl und Länge der Gebete müssen so eingerichtet werden, daß die öffentlichen Gottesdienste eine bedeutend kürzere Zeitdauer als bisher erhalten. Ich schlage vor:

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