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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-16 · 29 (16.7.1930) · page 8

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I. Morgengottesdienst: a) am Wochentag 1 _• 3tb. (Sei ich aus :\a 3tb.'>, b) am Sabbat lisi—1^ 2 Std., c) am Festtag IV2—23/2 Std. II. Abendgottesdienste: 0) am Sabbat \'2—34 Std., b) an den 3 Wallfahrtsfestm 1» Std., c) am Neujahrsfest 1/2 Std. (bei Predigt -4 Std. bis 50 Minuten). 5. Zu erwägen ist die Teilung des Sabbat- und Festtag- Morgengottesdienstes in einen „Früh"- und „Hauptgottesdienst", um dadurch Raum für eine erhöhte musikalische Ausgestaltung des letzteren zu erhalten. 6. An der grundsätzlichen Art des jüdischen Gottesdienstes, welcher der Gemeinde tätige Anteilnahme zuweist, darf nicht gerüttelt werden. Taher dürfen die künstlerischen C h 0 r d a r b i e t u n g e n nur Ausnahmen, muß der Gemeindegesang die Regel bilden. 7. Auch für die häuslichen Gebete maß eine Form gefunden werden, die es jedem ermöglicht, mit Andacht seiner religiösen Pflicht zu genügen. Möchte es unter den berufenen religiösen Führern Männer geben, die den Willen haben, dem „Volke das Joch zu erleichtern" und nicht wie üblich immer mehr zu erschweren. Tann werden sie sich ihre Betecschar nicht nur erhalten, sondern manchen Beter wieder dem Gottesdienste zuführen, manchem das Beten zu einem Herzensbedürfnis zur täglichen Uebung wieder machen. Innig mit der Frage der Verkürzung der Gottesdienste sit die Frage nach der musikalischen bzw. künstlerisch-musikalischen Ausgestaltung verburrden. Tem soll ein anderer Aufsatz gewidmet sein. BHJCHII&MSCIE1IA1LJ Politik und Menschlichkeit. Zu Steinthals Dreyfus-Buch (Ver- I Tag Oesterheld & Co.). Sollten beide wirklich auf die Dauer unvereinbare Begriffe bleiben oder sollte es nicht vielmehr des Schweißes aller Edlen wert sein, dahin zu wirken, daß die ans Verbrecherische grenzenden Handlungen einzelner um ihre Stellung, um das Wohl ihrer Kaste besorgter Machthaber endgültig verschwinden? Wir denken an die sich allmählich aufhellenden, dennoch finsteren Motive der meisten neuzeitlichen Kriege, auch des letzten in verschiedenen seiner Etappen, oder wir lassen, wozu ja reichlich Gelegenheit war und noch ist, die für Frankreich, nein für die gesamte Kulturmenschheit so beschämende Dreyfus-Affäre im Lichtkreis neuen Materials aus jener Epoche an uns vorüberziehen. Daß ihr unfreiwilliger Held und Märtyrer trotz der auf der Teufelsinsel in vier langen Jahren erlittenen Qualen wohl als Einziger noch lebt, während seine Gegner und Freunde, die Mercier, Henry, Esterhazy, die Picquart, Zola, Scheurer- Kestner und andere Hauptakteure längst schlafen gegangen sind, ist das eine Merkwürdige dabei, das andere, daß als äußerer Anlaß sein, Dreyfus’, 70. Geburtstag einer Generation, die den Fall nur in jungen Jahren selbst erlebt hat oder gar vom Hörensagen kennt, die über sie selbst hinaushebende Kraft des Gewissens, der sittlichen Verpflichtung gibt, in einer fast über Nacht entstandenen Dreyfus-Literat u r möglichst viel neues Licht über die Affäre zu ergießen. Das hat natürlich auch innere Gründe: eine neue Zeit mit veränderten Machtverhältnissen und einem erstarkten Gerechtigkeitsgefühl ist gekommen, nimmt den Ruf von Zolas mutigem „J’accuse" gleich einem durch die Jahrzehnte still fortgepflanzten Echo, auf und legt, durch den zeitlichen Abstand hellsichtiger geworden, von Deutschland aus der Welt, soweit noch nicht geschehen, an Hand einwandfreier Dokumente dar, welch gemeines Justiz verbrechen, leider nicht ohne Mitschuld der damaligen diplomatisch in einer zweifellos schwierigen Lage befindlichen deutschen Regierung, an einem jüdischen Offizier, nur weil er Jude war, bewußt begangen worden ist nach dem alten, parallel heute in Deutschland noch vielfach gütigen Rezept: Tut nichts, der Jude wird verbrannt! Dieser Tenor eines nunmehr historisch beglaubigten Urteils geht fast aus allen hier gewürdigten Erscheinungen dieser neuen Dreyfus-Literatur hervor, die fast sämtlich um die beiden Pole Politik und Menschlichkeit kreisen; eine Ausnahme macht nur die in die Form eines Lebensromans gegossene Kleinstadt-Satire weltgeschichtlichen Erlebens, die in Frankreich selbst spielend auch mehr das Hintergründige der damaligen Stimmung zu bespiegeln versucht. Sonst aber Weils tiefgründige, rechts- und kulturwissenschaftlich hervorragende Vortragsreihe, dann das bekannt wirksame Theaterstück, in dem sich nicht unspekulativ die Szene des in seinen Wendepunkten aufregend dramatischen Stoffes bemächtigt, schließlich, dem Weilschen ursprünglich nur gesprochenen Werke verwandt: „Dreyfus". Von Walter Steinthal (Oesterheld & Co.). Man verdankt seine Anregung der Liga für Menschenrechte, aber man kann aus der gleichen Gerechtigkeitsliebe, wie sie vorbildlich die Triebfeder auch dieses Büchleins ist, dem Verfasser, der bescheiden hinter dem Stoff zurücktreten möchte, nicht den Gefallen tun, seine Leistung zu verschweigen. Gewiß ist es nur eine Aneinanderreihung von Tatsachen, sogar mit einem sehr begrüßenswerten Kalendarium der wichtigsten Dreyfus-Begebenheiten am Schluß, aber doch hat diese nüchterne, fast aktenmäßige Sachlichkeit, die durch das Ganze geht, etwas nicht nur stofflich Ergreifendes, ln gedrängter Kürze, dabei stilistisch glänzend, gedanklich fast zu geistreich geschrieben, gibt es der Generation von heute, wie wir sie oben sahen, einen packenden, jedes fühlende Herz bis ins Mark erschütternden Üeberblick über das. was vor dreißig Jahren im Schoße einer großen Nation, vor den Augen einer sogenannten Kulturwelt vor sich ging und was ein paar ihres Weges instinktiv sichere Wahrheitssucher erst, nachdem sie selbst unschädlich gemacht worden waren, wieder gut machen konnten. Dann endlich wurde Dreyfus, der nun diese neue, allgemein menschliche Rehabilitierung noch erlebt, auf demselben Marsfeld, das einst unter dem Wutgeheul der in ihren Leidenschaften entfesselten Menge seine Degradierung sah, wieder in seine Ehren Mngesetzt, vermochte Menschlichkeit über Politik, Wahrheit und Gerechtigkeit über Diplomatentum, Cliquenwesen, Falschheit und Betrug (begangen durch die Spitzen der damaligen Gesellschaft!) zu triumphieren. Dieses engmaschige Gewebe jetzt vollkommen übersichtlicher, die Affäre immer tragischer gestaltender Motive, dieses Wechselspiel hinter den Kulissen wirkender infernalischer Mächte und offen auftretender Demagogen gegenüber den unbeirrbaren Fackelträgern der Wahrheit, dabei alles schwankend, jede Seite in ihrem Kriegsglück abhängig von der Einstellung neu auftauchender Präsidenten und Minister, dazwischen unerwartete Ereignisse, Sensationen, endlich wie durch ein Gotteswunder oder wie etwas Gesetzmäßiges, das, bo meinen manche, mit der Zeit kommen mußte, der Umschwung unaufhaltsam, Schlag auf Schlag, nur weil ein Jude gut oder vielmehr schlecht genug dafür erschien, auf dem Altar des Nationalismus der Staats raison geopfert zu werden — davon gibt das Steinthalsche Buch ein ganz ausgezeichnetes Bild. Es ist der Leitfaden durch den in den Mittelpunkt wiedererwachten Interesses gerückten Dreyfus- Prozeß, wie er prägnanter, fesselnder, die wahren Zusammen* besser erkennen lassend, nicht gedacht werden kann. Dr. Richard Elb, Dresden. Von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Festgabe zum zehnjährigen Bestehen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Berlin: Akademie-Verlag (1929). Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums hat aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens eine Festgabe veröffentlicht, die eine Reihe wertvoller Aufsätze umfaßt. Wir wollen über jeden dieser Aufsätze kurz referieren. Julius G u 11 m a n n berichtet über die Tätigkeit der Akademie in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens. Der Impuls zur Gründung ist nicht von den Fachvertretern der jüdischen Wissenschaft ausgegangen. Gedanke und erste Arbeit waren Sache von Männern aus ganz anderen Berufs¬ und Interessenkreisen. Unter ihnen ragen hervor: Franz Rosenzweig, Hermann Cohen und Gustav Bradt. Die Absicht der Gründung war eine doppelte: Beseitigung des Monopols an jüdischen Gelehrten und zugleich Inangriffnahme großer umfassender Publikationen, die nur auf der Basis einer weitgehenden Arbeitsteilung und im Rahmen einer großen wissenschaftlichen Organisation möglich sind, — Verjüngung der jüdischen Wissenschaft im personalen und im sachlichen Verstände zugleich. Die Arbeiten der Akademie umfassen Talmudwissenschaft und Geschichte, Literatur und Philosophie. An erster Stelle stehen Aktenpublikationen, Editionen talmudischer und literarischer Texte. Von besonderer Bedeutung sind vielleicht die mit der Uebersetzung des „Cusari" von Jehuda Halevi begonnene Herausgabe der mittelalterlichen Religionsphilosophen, die Sammlung der kleineren Schriften von Hermann Cohen und die begonnene Gesamtausgabe Moses Mendelssohns. Ein zweiter Aufsatz gilt der Persönlichkeit von Gustav Bradt. Sein Wesen, so meint Leo Baeck, hatte wenig Glänzendes: ..aber in ihm war eine Gläubigkeit, die aus jhm hervorleuchtcte", die Fähigkeit, sich ganz an etwas hingeben, etwas lieben zu können. Im Dienst an der Akademie fand Gustav Bradt die Aufgabe seines Lebens. Sie gab ihm die stete Bezogenheit des Lebens auf einen Wert, die das Wesen der Persönlichkeit macht. Er hat „uns gewiesen, wie ein schlichter Berufsmensch in all seiner Arbeit und Mühe, inmitten aller der Engen des Daseins, wahrhaft eine Persönlichkeit werden kann, wenn er nur Zeit haben will auch für sich selbst, um sich hinzugeben an ein Hohes, ein Gutes und Rechtes, in welchem er sein Innerstes und Eigentlichstes ausdrücken darf". Ein Aufsatz von Ernst Cassirer spricht über „Die Idee der Religion bei Lessing und Mendelssohn". Das religionsphilosophische Problem der Aufklärung ist die Frage nach der Erkenntnisart der religiösen Gewißheit. Gehören die Sätze der Religion zur Klasse der notwendigen Vernunftwahrheiten oder ziur Klasse der bloß zufälligen Tatsachenwahrheiten? Ruhen sie „auf einem zeitlos-rationalen oder auf einem zeitlich-historischen Grunde"? Jede geschichtlich gewordene Religion zeigt uns das unmittelbare Ineinander von Notwendigkeit und Zufälligkeit: sie gehört weder schlechthin der Sphäre des Notwendigen und Ewigen noch schlechthin der Sphäre des Zufälligen und Zeitlichen, sie beruht auf der Voraussetzung, daß i m Zeitlichen das Ewige erscheinen könne. Aber wie ist eine solche Einheit des Zeitlichen und des Ewigen möglich? Drei Antworten auf diese Frage lassen sich denken; es sind die Antwort der Orthodoxie, die Antwort Mendelssohns und die Antwort Lessings. Das orthodoxe System geht aus von dem einzelnen zeitlich bestimmten Ereignis, wie die Offenbarung es überliefert; aber sie nimmt dies Ereignis als einen Punkt, an dem die Ewigkeit selbst in die Zeitlichkeit einbricht und an dem sie kraft eines Wunders die Formen und Gesetze dieser Zeitlichkeit durchbricht. Die Antwort Mendelssohns ist anders. Die Religion ist ihm ein Doppeltes: Lehre und Lebensgestaltung zugleich. „Religion, als Lehre betrachtet, bedarf keiner besonderen Offenbarung — denn ihr gesamter Gehalt kann aus reiner Vernunft eingesehen ... werden." Die ewigen Heilswahrheiten lehrt Gott nicht durch Laute und Buchstaben, die hier und da, diesem und jenem verständlich sind, andern aber unverständlich bleiben: er lehrt sie durch die Schöpfung selbst und ihre innerlichen Verhältnisse, die allen Menschen leserlich und verständlich sind. Aber daneben steht die Religion als Gestalterin des Lebens. Als solche wendet sie sich an den Menschen in seiner individuellen Besonderung. Lind hier ist die Stelle ihrer historischen Wahrheit. Hier setzt das Wort der Offenbarung ein. ln der Ablehnung des orthodoxen Systems ist Lessing mit Mendelssohn einig. Aber seine Auffassung der Religion ist doch von der des Freundes charakteristisch verschieden. Die letzte religiöse Wahrheit ist nicht ein ein für alle mal unveränderlich Gegebenes. Sie ist ein ewig sich neu Erzeugendes. Die Religion der Vernunft ist die Religion der Zukunft. Die historischen Religionen und ihre Offenbarungen sind Stufen auf dem unendlichen Wege der religiösen Erkenntnis. „Die Menschheit schreitet auf einem unbekannten Wege zu einem unbekannten Gotte fort." — „Es sind gleichsam drei verschiedene Grundauffassungen des Zeitlichen selbst, drei durchaus andersartige Zeitaspekte, die hier einander gegenüberstehen. Das orthodoxe System sieht alle religiöse Gewißheit im Lichte der Vergangenheit, Mendelssohn sieht sie im Lichte der Gegenwart." Lessing sieht sie — darin ganz eins mit dem Glauben des jüdischen Messianismus — „rein und ausschließlich im Lichte der Zukunft". Es folgt ein bisher ungedruckter Vortrag von Hermann Cohen über „Spinozas Verhältnis zum Judentum“. Der Vortrag wurde von Cohen „in der Halberstädter Bne- Brith-Loge gehalten, während des Streits, der in Logenkreisen ausgebrochen war, als 1910 eine neue Berliner Loge sich nach Spinoza nannte". Es handelt sich um eine Betrachtung von Spinozas „Theologisch-Politischem Traktat". Der Theologisch-politische Traktat sieht in der mosaischen Theokratie das Urbild jener Verquickung von Religion und Staat, die immer wieder in der Geschichte der Menschheit die Freiheit des Denkens gefährdet. Er sieht das mosaische Gesetz gegenüber dem Universalismus der christlichen Lehre als partikularistische Staatsreligion. Gegen diese Auffassung des Judentums und gegen die sie begründende Bibelexegese Spinozas wendet sich die Polemik Cohens. Ismar Eibogen berichtet in einem Aufsatz „Zum Problem der jüdischen Literaturgeschichte" von den Anfängen von Leopold Zunz, Steinschneider und Gustav Karpeles. Vor den grundlegenden Werken dieser Männer ordnete man das jüdische Schrifttum „nur in alphabetischen Verzeichnissen der Werke und Autoren". Seither ist vieles geschehen: Ein; großer Teil der verlorenen oder vergessenen Literatur ist . wieder ans Licht gebracht. Für die Ermittlung biographischer > Daten ist manches geleistet worden. Vor allem aber hat man I begonnen, das jüdische Schrifttum als ein Ganzes in seinem organischen Zusammenhang zu begreifen. Vieles bleibt frei- I lieh der Forschung noch zu wünschen übrig: vor allem nähere Beschäftigung mit der inneren Entwicklung, dem Denken und der besonderen Darstellungsweise der einzelnen Autoren und eingehende Erörterung der literarischen Formen und Gattungen. 1 s a a k H eine man 11 untersucht „Ursprung und Wesen des Antisemitismus im Altertum". Aehnlich dem Antisemitismus der Neuzeit hat auch der Judenhaß des Altertums fast ausschließlich in politischen Zusammenstößen zwischen Juden und Nichtjuden seinen Ursprung. Damit zeigt er sich wesentlich verschieden von dem in geistigen Gegensätzen begründeten Judenhaß de» christlichen Mittelalters. Nirgends erweist sich im Altertum ein „geistiger Judenhaß als zureichender Grund für die politischen Verwicklungen. Wohl abpr haben Machtkämpfe, die in der Hauptsache rein politisch oder national motiviert sind, den Nährboden für die ungünstigen Urteile über das Wesen der jüdischen Religion abgegeben Der geistige Kampf ist also... hier vor allem als Reflex des politischen anzusehen". Dem entspricht es, daß die antisemitischen Aussagen über das Judentum — unter ihnen schon das erste Ritualmordmärchen — ihren Ausgang von den Orten nehmen, an denen sich ein politischer Konflikt zwischen Juden und Nichtjuden ergeben hatte: sie entstehen in Palästina zur Zeit des Antiochus Epiphanes, in Alexandrien im 1. Jahrhundert v. Chr., im römischen Reich zur Zeit der jüdischen Freiheitskämpfe. — Freilich, wenn vorzugsweise im Politischen begründet, so hat der Antisemitismus des Altertums doch auch seine psychologische Wurzel. Die Zurückhaltung des Juden (nicht anders als die Zurückhaltung des Christen) gegenüber den Bräuchen und Lebensgewohnheiten der Heiden — mit der Eigenart des jüdischen Gottesbegriffes notwendig gegeben — mußte dem Heiden unverständlich, ja verletzend erscheinen. So entsteht ihm das Bild des Juden als des fanatischen Hassers alles Fremden. Und so kommt es, daß Judentum und Christentum, „beides Religionen, die in einer dem heidnischen Altertum unbekannten Weise die Liebe gegen jeden Menschen in den Vordergrund rücken, zu Weltanschauungen des „Menschenhasses" gestempelt werden." — Mit Recht weist Heinemann zum Schluß seines Aufsatzes darauf hin, wie wertvoll eine ähnlich gerichtete Untersuchung des Antisemitismus der Neuzeit sein dürfte: Die Aufdeckung seiner häufig unterbewußten Beweggründe „könnte nicht nur psychologisch und geschichtlich von Wert sein, sondern auch systematisch zur Reinigung der grundsätzlichen Auseinandersetzung beitragen". Hans M a r g o I i u s. Heinrich Eduard Jacob: „Blut und Zelluloid." Roman. Verlag: Ernst Rowohlt, Berlin. Heinrich Eduard Jacob, der noch junge Berliner Autor, der schon viel geleistet hat, und augenblicklich als Wiener Korrespondent des Berliner Tageblatts vielbeachtete politische Betrachtungen schreibt, ist zweifellos eine der stärksten Begabungen des modernen deutschen Schrifttums. Gegenüber seinem kleinen, 1928 erschienenen Roman „Jacqueline", diesem klugen, überpolitischen Kunstwerk voll holder Grazie und überlegener Weltweisheit, ist „Blut und Zelluloid" eigentlich kein eindeutiger Fortschritt. Einiges Romanhafte, im üblen Sinne des Wortes, stört an einigen Stellen des merkwürdigen, etwas spinösen Buches. — Die äußere „Handlung" ist rasch angedeutet. Einem verschuldeten Berliner Filmregisseur wird angetragen, in Sardinien einen politischen Hetzfilm gegen Italien zu drehen. Das Geld hierzu wird aus einem französischen Geheimfonds, der zur Konspiration gegen Italien dient, hergegeben. Doch Benno Rubensohn, in Italien als Rubenzoni auftretend, ist ein viel zu „guter Europäer", um sich von dunklen, politischen Brunnenvergiftern als Werkzeug mißbrauchen zu lassen.„Einen neuen Film, ein besseres Lied, o Freunde, will er uns dichten"...., aber der Tod fällt ihm in den Arm und bewahrt ihn vor allerlei Unannehmlichkeiten, in die er sonst durch faschistische Verranntheit geraten wäre. Die stilistischen Schönheiten des Jacobschen Buches sind ganz ungewöhnlich und machen das Werk außerordentlich lesenswert, selbst wenn man die Einwände in Rechnung setzt, die sich gegen manche unglaubhaften und allzu konstruierten Einzelheiten der Handlung erheben. Es ist überaus reich an Aphorismen, Apercus und Betrachtungen, die mehr sind als bloß geistreich, nämlich dichterisch erfühlt, wundervoll formuliert und einen bedeutenden, überlegenen Kopf und Künstler verratend. Jacob hat eine ganz eigene, musikalische, nur ihm zugehörige Sprache, die den willigen Leser in visionärer Weise seine Bilder, Landschaftsstimmungen, Gedankengänge miterleben, mitdenken läßt. Nur je eine Seite etwa über eine Autofahrt nach Wannsee, über Paris, Rom, eine Fahrt auf dem mittelländischen Meer, und man steht sofort im Banne des Dichters, sieht Alles zum Greifen deutlich vor sich, staunt über seine mit ganz neuer Wortkunst wirkende Gestaltungskraft und ist hingerissen von seiner fast magischen Suggestibilität! Jacobs Roman hat in der deutschen Presse einen starken Widerhall gefunden. Männer wie Stefan Zweig, Bruno Frank, Thomas Mann haben ausführliche Essays über ihn geschrieben. Auch Hermann Hesse war begeistert. Hier ist nicht der Ort, diesen mannigfachen Würdigungen eine neue hinzuzufügen. Uns interessiert hier hauptsächlich das Jüdische des Buches. Denn jüdisches Kolorit ist in diesem Kunstwerk überall leicht aufgetragen, ganz unaufdringlich, aber doch sehr verständlich und lebensdeutend. Unvergeßlich die Szene, in der, nach dem Tode Ruhensohns, in einer Traumvision der sardinische Filmheld plötzlich das Kaddischgebet spricht. Jacob läßt den vor dem wirtschaftlichen Ruin stehenden todkranken Berliner Juden sein soziologisches Ethos verkünden: Es ist bereits genug Unglück durch politische Rankünen und Hetzereien in die Welt gebracht worden. Solange natürliche Sittlichkeit vor dem Nationalismus kapituliert, solange der kategorische Imperativ nicht auch im Leben der Völker gilt, solange ist wahrer kultureller Fortschritt unmöglich. Dabei ist der „Jude an sich" in der treffenden Darstellung Jacobs durchaus nicht verschwommen-idealistischer Weltbürger. Der faschistische Miliz-Oberst z. B., der die deutschen Filmoperateure in Sardinien verhaftet, ein italienischer Patriot comme ii faut, bekennt sich sofort stolz als Jude, und als man ihn daraufhin verwundert anblickt, gibt er gleich die rechten Aufklärungen! Damit hat das Buch — natürlich ganz nebenbei und unbeabsichtigt — sogar auch noch eine jüdische „Tendenz". Jacob weist den Juden eine wichtige Rolle zu, sie sollen als gute Bürger des jeweiligen Staates ein Ferment der Vernunft und des sittlichen, über aller vergänglichen Politik stehenden Fortschritts bilden! Dr. Ludwig Davidsohn - Berlin. Leser, die verreisen können sich die „jüdisch-liberale Zeitung“ auf kurze oder längere Zeit ins Bad oder in die Sommerfrische nachsenden lassen Der Nachsendungsantrag ist bei dem zuständigen Postamt zu beantragen. Es ist dringend ratsam, die Ueberweisung möglichst acht Tage vor der Reise zu bestellen.

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