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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-16 · 29 (16.7.1930) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
29 (16.7.1930)
Date
1930-07-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ausführliche Gutachten vorgelegt und es haben schon Besprechungen mit ihm statdgefunden, in t»cnen die Möglichkeiten materieller und technischer Art erwogen wurden. Man muß es der Orthodoxie lassen, daß sie unermüdlich und zähe ihre Bestrebungen zu verfolgen versteht, und es wäre sehr zu wünschen, daß man in liberalen Kreisen von dem gleichen Eifer und der gleichen Hingabe an ein Ziel beseelt wäre. Köln. (Berufung Dr. Gottschalks an die Gemeinschaft.) Die Gemeinschaft hat Herrn Rabbiner Tr. Gottschalk aus Frankfurt a. M. nach Köln b-erufen. Er wird voraussichtlich im Herbst seine Tätigkeit in der Gemeinschaft aufnehmen. Bad Königsborn. (Tagung des Sozialen Ausschusses für jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen.) Am Sonntag, den 6. Juli, hielt der Soziale Ausschuß für jüdische Wohlfahrtspflege in Westfalen hier seine Tagung ab, die von Vertretern der Gemeinden und Wohlfahrtsvercine gut besucht war. Rabbiner Dr. Kronheim, der Vorsitzende des Ausschusses, erstattete den (Geschäfts- und Kassenbericht. Im Mittelpunkt der Tagung stand das Referat von Frl. Weinreich-Bcrlin über: „Persönliche und versachlichte Wohlfahrtspflege". Strenge Sachlichkeit und Organisierung der Wohlfahrtspflege seien mit individueller Behandlung der einzelnen Fälle zu verbinden. An die inhaltreichm Ausführungen schlossen sich die Berichte der Vertreter der 3 jüdischen Anstalten: Altersheim, Waisenhaus und Kinderheim. Es gelangte einstimmig eine Resolution zur Annahme, die forderte, daß durch eine stärkere Beschickung des Heims die wirtschaftliche Lage gehoben und seine Zukunft gesichert tverden möge. — Der Tagung voraus ging eine Sitzung des Vertvaltungsausschusses des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens unter Vorsitz des Herrn Dr. Katzenstein-Bielefeld. Leipzig. (G e m e i n d e s i tz u n g.) In der Gcmeindesitzung vom 7. ds. Mts. stand der Haushaltplan für das Rechnungsjahr 1930'31. zur Beratung. Die gegenwärtige wirtschaftliche Krise hat diesem Haushaltplan ihren Stempel aufgedrückt, und aus allen Seiten ist man bestrebt gewesen, sowohl die sachlichen als auch die personellen Ausgaben zu senken. Deshalb sind überall, wo es nötig erschien, Abstriche vorgenommen worden, um in Zukunft mit einem Steuersatz von 12 o/o, wie in den Vorjahren, auszukommen. In der Generaldebatte ergriff als erster ein Redner der Jüdischen Volkspariei das Wort. Er meinte, die Einstellung, die dem vorliegenden Haushallpian zugrunde liege, sei nur auf eine Besricdigung der liberalen Bedürfnisse gerichtet, erst in zweiter Linie kämen die Belange anderer Richtungen an die Reihe. Das alles resultiere angeblich aus dem iin-- gerechten Wahlsystem. Ihm erwiderte ein Vertreter der liberalen Fraktion. Er verglich zunächst den Vorredner mit hervorragenden Rednern aus der Vorkriegszeit, die bei allen Gelegenheiten großartige Reden gehalten hätten, dafür aber in den Kommissionen wenige« tätig gewesen seien. Seine Partei habe den vorliegenden Haushaltplan nicht nach Partei-, sondern nach sachlichen Gesichtspunkten geprüft. Im Finanzausschuß haben seine Parteifreunde bei schwierigster Kleinarbeit mitgearbeitet. Es habe sich hierbei gezeigt, daß die Gegensätze zu den andern: Parteien nicht unüberbrückbar gewesen seien, es sich aber darum handelt, die Deckung für die Ausgaben zu bc- Die Fraktion des Vorredners sei oft recht bewillignngsfreudig, tvcnn schaffen, so seien die Herren, bei den Sitzungen des Finanzausschusses nicht anwesend. Nicht einen Pfennig fordere die liberale Fraktion mehr, als sie beanspruchen zu können glaube. Der Vorredner möge sich nicht als Hüter der Orthodoxie aufspielen. Die Liberalen bemühten sich, die Dinge rein praktisch zu sehen, sie hielten deshalb auch keine Reden zum Fenster hinaus. Bei seinen Berechnungen sei dem Vorredner ein kleiner Fehler unterlaufen, indem er den Ausgaben nicht die Einnahmen gegenübergestellt habe. Danach würden sich die orthodoxen Bedürfnisse auf RM. 98 000,— und die liberalen auf RM. 63 000,— stellen. Wie mau über die Beschlüsse des Finanzausschusses hinaus noch Verwaltungskosten cinsparen solle, sei unerfindlich, es müßten denn arbeitsame Leute auf die Straße gesetzt werden. Außerdem könne man nicht sagen, ob die Verwaltung nach einem weiteren Abbau noch tadellos arbeiten lönne. Schließlich habe auch die Verwaltung eine große Verantwortung zu tragen. Solle der Vorredner aber dennoch einen Abbau für möglich halten, so möge ec nur Vorschläge machen, über die man gern sprechen wird. Er möge aber nicht vergessen, daß die Verwaltungskosten, die seine Wählerschaft verursacht, erheblich höher sind als die der liberalen Wähler. Besonders auch die Fürsorgetätigkeit nähmen die Wähler des Vorredners in höherem Maße in Anspruch. Es sei unbestreitbar, daß die lib-eralen Wähler den größten Teil des GemeindebudgcM deckten. Wenn sie sonst die Jnstibutionen nicht in Anspruch nehmen, so hövnten sie wenigstens beanspruchen, daß der liberale Gottcsdienßj in ihrem Sinne lausgestaltet werde, lieber den Segen der DarlehnSkasse seien sich alle einig. 180 Ausländer und nur 8 Deutsche hätten die Darlehnskasse in Anspruch genommen. Wenn des Vorredners Gründe für einen Ausbau der Darlehnskasse stichhaltig seien, so wolle man gern seine Gedanken ansgreisen. Der vorliegende Entwurf zum Haushaltplan sei gründlich durchberaten worden. Man möge ihn jetzt ohne Schärfe durchsprechen, aber keine Wahlagitationsreden halten. Die Zionisten seien sehr leicht für Bewilligungen, aber bei Festsetzung des Steuersatzes vertreten sie die Interessen der Steuerzahler. Wenn man weiter freundschaftlich zusammenarb-citen wolle, so möge man endlich aufhören, den Liberalen ihre Bedürfnisse für ihren Kultus vorzuwersen. Auch die Belange der Jugend würden in dem gleichen Maße wie von anderen Parteien von der liberalen Partei vertreten. In der folgenden Aussprache kamen noch weitere Vertreter sämtlicher Parteien zu Wort. Nach eingehender Spezialberatung wurde schließlich der Etat gleichlautend in Einnahme und Ausgabe mit RM. 715 000,— angenommen. Leipzig. (Ablehnung eines Sckächtverbot-Antrag e s.) In der letzten Sitzung des Leipziger Stadtverordneten Kollegiums stand ein Antrag der Nationalsozialisten zur Beratung, das Schächten im Stadtgebiet Leipzig zu verbieten. Berichterstatter für diesen Antrag war Stadtverordneter 'Obermeister Robert Schneider von der Wirtschaftsparw!. Er wies daraus hin, daß das Schächten bereits vor einer Reihe von Jahren in Leipzig untersagt gewesen sei, daß man es aber 1911 aus wirtschaftlichen Gründen in Leipzig wieder eingeführt hat. Ein Verbot könne höchstens seitens des Reiches in Frage kommen, niemals aber seitens eines einzelnen Stadtgebietes. Das Kollegium lehnte den Antrag des Berichterstatters gemäß das Ersuchen der Nationalsozialisten mit großer Mehrheil ab. Lsegnitz. (Todesfall.) Ein unersetzlicher Verlust hat unsere Gemeinde betroffen. Am Freitag-Abend, mit Eingang des Sabbats, verschied nach kurzem schweren Krankenlager im Alter von 74 Jahren der allverehrte Rabbiner unserer Gemeinde, der Nestor der schle>i'chen Rabbiner, Herr Dr. phil. Moritz Peritz. In 46 jähriger Tätigten hat er es verstanden, sich die Achtung und Liebe seiner Gemeinde uns auch anderer Kreise zu erwerben. Sein ausgleichendes, vermittelndes Wesen hat es immer vermocht, die Gegensätze zwischen der Gemeinde und der übrigen Bevölkerung zu überbrücken. Unsere Gemeinde wird ibm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Memmelsdorf. (Persönliches.) Ein geschätztes Müglieo unserer Gemeinde, Herr Hermann Novdheimer, ist in Bad Tölz verschieden. Als ehrenamtlicher Vorbeter der Gemeinde hat der Entschlafene den religiösen Interessen in uneigennütziger Weise gedient!. Unter starker Teilnahme der jüdischen und nichtjüdischen Ortsbevölkerung wurde der Heimgegangene zu Grabe geleitet. lvo Lehrer Wormser aus Nürnberg in tief empfundenen Worden das vorbildliche Leben un-d Wirken des Verstorbenen vor dem geistigen Auge der Zuhörer nochmals erstehen ließ. Reustadl. (F r ied ho f s s chä n dun g.) In einer der letzten Nächte wurde, wie aus Neustadt a. d. Aisch berichtet wirk», der jüdische Frichhos bei Dicspeck durch Umwersen und Beschädigen von Grabsteinen geschändet. Die Gendarmerie hat sofort Nachforschungen ausgenommen. Seesen a. H. (Spende.) Durch Vermittlung des Herrn Rabbiners Dr. Enelow-New York erhielt die Jacobson-Stiftung aus dem „Lucius N. Littauer-Fond of the Central Conference of American Rabbis" den Betrag von 590 Dollar behufs Instandsetzung der historischen Orgel in dem von Israel Jacobson gestifteten Tempel zu Seesen. Aus dem gleichen Fonds des Mr. L. R. Littaucr wurden vor Jahresfrist der Jacobson-Stiftung 1200 Dollar überwiesen, wodurch die Wiederherstellung des Tempels ermöglicht wurde, nachdem die Jüdische Gemeinde zu Berlin und der Preußische Landesverband je 2000 RM. zugeschossen hatten. Wenn es gelingt, durch weitere Zuschüsse die Orgel, die älteste in einer Synagoge, wieder zu erneuern, so wird die geschichtliche Stätte des liberalen Judentums in ihrem ursprünglichen Zustand wiederhergestellt sein und bei den Besuchern, die jahraus jahrein sich in diesem Gotteshause aus dem In- und Ausland (England und Amerika) zahlreich einfinden, die Erinnerung an die bedeutungsvolle Tat Israel Jacobsons wach halten. Es ist erfreulich und verheißungsvoll für den religiösen Fortschritt, daß gerade das amerikanische Judentum sich des ehrivürdigen Denkmals jüdischer Erinnerung so pietätvoll annimmt. Soest. (Jugendliche S p o r t l e i st u n g. In Hamm fand vor kurzem das Westfälische Provinzial-Reitturnier statt, bei dem eine jugendliche Jüdin durch ihren besonderen Sportmut das An« sehen weitester Kreise erregte. Dieses Turnier ritt neben vielen anderen auch Fräulein Ilse Albes heim mit, die im Alber von erst 17 Jahren dabei besonderen Mut auswies. In den Berichten der westfälischen Zeitungen kam das mehrfach zum Ausdruck. So heißt es in dem Soester Kreisblatt: Fräulein Ilse Albesheim-Soest kam bei dieser Prüfung beim Sprung über Die erste .Hürde zu Fall. Die junge, kühne Reiterin, die bei allen Turnieren ihre SchneidigkeiL schon oft beweisen konnte, raffte sich sofort wieder auf, schob die hcrbcigceilten Sanitäter zur Seite und griff unter lauten Hurrarufen, -und dein lebhaft Beifall klatschenden Publikum wieder in den Kampf ein. Der von ihr dann noch erzielte 3. Platz ist für die forsch Reiterin umso ehrenvoller. Der mutigen Reiterin, die jüngste Teilnehmerin beim Turnier, für ihre anerkennenswerte prächtige Leistung unseren besonderen Glückwunsch! tebensuöhe der Religion Zur Diskussion über das Dresdner Referat Tie Ausführungen Bruno Woydas über „Lebensnahe der Religion" fordern, daß religiöser Geist zur Grundlage unseres Gemeinschaftslebens werde. Ueber die Berechtigung solcher Forderung kann wohl kein Zweifel bestehen und es kann nicht oft genug betont werden, wie dringlich die Verwirklichung solcher Forderung ist. Wenn allerdings der Referent davon ausgeht, nur die ethische Tat sei als allgemein verbindliche Form unseres liberalen Judentums anzusehen, so müssen sich Zweifel ergeben, ob solche Negierung jeder sonstigen gemeinsamen Form aus die Dauer die Grmtdlage einer jüdischen Gemeinschaft bilden kann und es ist insbesondere auch die Frage aufzuwerfeu, ob jüdisch-liberale Jugend sich mit dieser alleinigen Form begnügen kann. Gewiß hat Woyda recht, wenn er demgegenüber erklärt, daß Kriterium einer Religionsgemeinschaft nie eine Form, sondern nur der Inhalt der Religion sein kann. Aber der Inhalt wird doch schließlich in der Gemeinschaft durch die Formzum Ausdruck gebracht, und es bedarf daher einer Form, oder der Formen, welche diesen Inhalt ausdrücken. Es mag zutreffen, daß die ethische Tat einen wesentlichen Ausschnitt oder das Wesentliche des Inhalts unserer Religion zum Ausdruck bringt, aber es wäre ein Irrtum, wällte man annehmen, daß mit solcher Form der Inhalt des Judentums zum Ausdruck gebracht werden könnte; eine ganze Reihe von Bewegungen könnten die gleiche Form für sich in Anspruch nehmen und auch der Inhalt wäre ans eine Reihe von modernen Strömungen, die mit Judentum nicht das Geringste zu tun haben, anzuwenden. Es fehlt solcher Form das spezifisch Jüdische, zumal Ethik eigentlich das Verbindende aller Menschen darstellen sollte. Selbst wenn man die ethische Tat mit dem Begriff des 'Religiösen verbindet, wird hiermit noch nichts spezifisch Jüdisches äusdrückt, zumal Religiosität eine Eigenschaft ist, die vielleicht selbst dem primitivsten Menschen eig«n ist. Woyda sprach über „Lebensnähe der Religion" und nicht über Lebensnähe des Judentums, wie man dies auf einer Tagung jüdisch-liberaler Jugend hätte erwarten können; seine Ausführungen können von religiös-ethischen Menschen im wesentlichen allgemein anerkannt werden. Es muß. daher auffallen, daß der Referent die religiös-ethische Tat für jüdischliberale Jugend allein in Anspruch nimmt, und nur sie dazu imstande hält, mit der Forderung nach Lebensnähe der jüdischen Religion ernst zu machen. -,Die Orthodoxie entbehrt, gekettet an ein starres Gesetz von Jahrtausenden der Schmiegsamkeit, die das Leben der Zeit erfordert." Steht orthodoxe Jugend heute wirklich weniger im allgemeinen Lebm als liberale Jugend? Ist orthodoxe Jugend weniger den Nöten der Zeit ausgesetzt als wir? Ist sie weniger an der Ueberwindung der Gegenwartskrise interessiert? Orthodoxe Jugend mag auf rituellem und kultuellem Gebiet an starre Formen gekettet sein, an der Verwirklichung jüdischer Ethik auf allen Gebieten des Lebens ist sie nicht weniger interessiert als wir und ihre Bindung an die Tradition kann sie nicht daran hindert:, die ethische Tat zu verwirklichen. „Der Zionismus verzichtet bewußt auf Wandlungen hier und sieht sein .heil in d-er Konstruktion neuer Lebensgestaltung in Palästina", behauptet Woyda. Angenommen, es wäre richtig, daß zionistische Jugend auf Wandlung hier verzichte. Aber soll sich die Lebensnahe der Religion nur bei uns answirken, oder könnte nicht die geforderte jüdisch-ethische Tat bei der Neugestaltung in Palästina Grundlage solcher Aufbauatbeit sein? Auch wenn wir jüdisch-nationale Ideen ablehnen, müssen wir nicht, wo auch immer in der Welt an Neugestaltung des Lebens gedacht wird, für die Lebensnahe der Religion wirken, und wird nichts zionistische Jugend in solchem Sinn wirken können? Und in der Tat hat kürzlich Dr. Ernst Simon-Jerusalem, der, auf orthodoxem Standpunkt stehend, im Zionismus den Standpunkt des Berithscholam (Friedensbund) vertritt, hier einen Vortrag über die politische Situation in Palästina gehalten und in seinen Ausführungen über Znknnftsaufgaben einen Standpunkt in Bezug auf Friedensbewegung, Todesstrafe, Kolonialpolitik nsw. — wirtschaftliche Fragen wurden von ihm nur gestreift — vertreten, der mit den Anschauungen Woydas in vielen und wesentlichen Punkten übereinstirmnt. Tie in dem Dresdener Referat vertretene ethische Tat ist über den Liberalismus hinausgehend Forderung eines großen Teils der Indent,eit — sie ist auch Forderung eines großen Teils unserer Umwelt. Und wollen wir auf diesem Gebiet etwas erreichen, so müssen wir in Gemeinschaft mit Juden und Nichtjuden — eine Forderung, die im Jugendausschuß des C.-V. liier in Frankfurt kürzlich auch von orthodoxer Seite gestellt wurde — in der Welt für den ethischen Fortschritt und die Lebensnähe der Religion wirken. Und vielleicht liegt gerade die Bedeutung der Forderung darin, daß sie in Gemeinschaft mit ähnlichdenkenden jüdischen und nichtiüdischen "Kreisen gefördert werben muß. *Damit verwischen sich auf die Dauer allerdings die Grenzen gegenüber unserer Umwelt, wenn wir als Form der Gemeinschaft nur die ethische Tat anerkennen und wir kommen zu einer Assimilation, die uns die Erfüllung unserer jüdischen Aufgaben in der Welt schließlich unmöglich machm müßte. Wir brauchen neben der Form der ethrschen Tat Formen, die die Eigenart unseres Judentums zum Ausdruck bringen, Formen, die der Erhaltung des Judentums dienen. Im Anschluß an die letzte Tagung der Liberalen Bereinigung 'in Breslau, auf welcher das Thema „Judentum und Wettreligion" besprochen wurde, hielt Rabbiner Dr. Selig mann im Jli-Frankfurt ein Referat, in welchem er seine Breslauer Ausführungen wiedergab und daraus hinwies, daß im gesamten jüdischen Schrifttum und der jüdischen Geschichte sowohl eine unitaristische — allgemein weltumspannende menschliche Idee, wie auch eine partikularistische — selbsterhaltende Tendenz deutlich zu erkennen .ist, und daß nur der Zusammentlang beider Strömungen und deren Synthese das Judentum als solches ausmachen. Die Orthodoxie gibt der partikularistischen Tendenz dadurch Ausdruck, daß sie sich streng an "die überlieferten 'Bräuche und Vorschriften hält. ^Der Zionismus sucht das Judentum dadurch zu erhalten, day 'er aus' dem Wege des Nationalen, der volksmäßigen Verbundenheit partikularistisch wirkt. So wenig wie diese beiden Richtungen sich nur einseitig partikularistisch betätigen, dürfen wir Liberaler: uns ans das Unitaristische beschränken. Auch wir brauchen einen Ausdruck jüdischer Sonderheit über die universalistische Idee der ethischen Tat hinaus. Und ist nicht die Entwickelung der jüdischhiberalen Jugendbewegung in den letzten Jahren ein Beweis dafür, daß diese nach Gemeinschaft und damit nach dem Aus druck der gemeinsamen Form ihres Eigenlebens sucht? Sind nicht die Versuche, die von dieser Jugend in den letzten Jahren unternommen wurden. Beweis dafür, daß die jüdisch-liberale Jugend auf der Suche nach solch jüdischer Form ist. Der Kampf, der von ihr gegen Jndifferentismus geführt wird, ist auch Kampf gegen Formlosigkeit, gegen Verwischung bestehender Grenzen. Die Form, die angestrebt wird, soll und muß lebensnah sein, und wir hätten gewünscht, daß uns das Referat von Herrn Woyda Wege zu solcher Gestaltung unseres Judentums gezeigt hätte. Wir kommen nicht zu der Form, die der Ausdruck unseres Judeseins sein soll, indem wir alles spezifisch Jüdische außer acht lassen und nur die viel zu allgemeine Form der ethischen Tat anerkennen. Wir brauchen Formen, die, aus jüdischer Vergangenheit entspringend, den Ausdruck unserer gegenwärtigen Anschauungen bilden und unserem Judentum die fernere Zukunft sicherstellen. Finden wir solche Formen, dann werden sie auch lebensnah sein. Alex Jakobsohn (Jli-Frankfurt a. M.) II. In der Diskussion über die Lebensnähe der Religion wird immer daraus chingewiesen, daß gerade der religiöse Mensch im Stande sei, durch sein Verhalten die sozialen Zustände zu bessern. Es wird geradezu zum Kriterium eines religiösen Menschen gemacht, wie er sich bewährt; man spricht von doppelter Moral, wenn er uicht alle Forderungen seiner oder auch der Religion im Leben verwirklicht. , Diesen Gedanken scheinen aber zweierlei Verwechselungen zu Grunde zu liegen. Man überschätzt vor allem das Verhältnis zwischen Religion und sozialer Frage und weist auch der eigentlichen Religion zu Unrecht die Ausgabe zu, für die Durchsetzung des richtig Erkannten zu sorgen. Wie man auch den Begriff der Religion definieren mag, den Unterschied zwischen religiösen Fragen und sozialen wird man immer auszeigen rönnen. Die Religion wendet sich immer nur an den einzelnen Menschen in seiner Verbindung mit Gott, die Ethik dagegen an den einzelnen in seiner Verbindung mit den anderen Menschen. Beide Gebiete betrachten aber nur das Innenleben der Menschen. Tie soziale Frage dagegen richtet sich an die Gesamtheit vor allem. Wird sie dem Einzelnen gestellt, so will sie in der Form des Rechtes nur sein äußeres Verhalten normieren. Aus diesen begrifflichen Unterscheidungen ergibt sich aber auch eine Unmöglichkeit der direkten Anwendung der religiösen Forderungen im Leben. Vergißt man diese Unterschiede, so wird man mit Recht das Judentum nur eine ethische Gcsetzesreligion nennen und sie damit als Religion zweiten Grades bezeichnen dürfen, so schon heute S. Brunstäd, die Idee der Religion. Halle 1922 S. 48 ff. Auch verfällt man damit dem Fehler des religiösen Sozialismus, der mit Unrecht die Gebote für das Innenleben im Sozialen gebrauchen will. Man braucht sich nur die Forderungen der Bergpredigt zu vergegenwärtigen, um das Skurrile des Ergebnisses zu mißbilligen. Tie Atschasjung der Todesstrafe, Weltfrieden, Kolonialpolitik und Arbeitslo.senfrage sind als soziale Probleme mit der Idee der Gerechtigkeit, nicht mit der Idee Gottes zu lösen. Die Religion hilft aber auch nicht das Richtige in sozialen Problemen zu erkennen. Das ist immer die Ausgabe der Wissenschaft, sei es nun die Ethik oder die Rechtswissenschaft. Die Religion lehrt nur die Hingabe an das Richtige. Sie zeigt nur den Weg, durch den man zur Verehrung des Richtigen kommt, nicht aber den, auf dem man die einzelnen zu dieser Hingabe zwingt. Das ist die Aufgabe der religiösen Vereinigungen, hier den psychologischen Weg zu ermitteln, der den gewünschten Erfolg hat. Es ist recht bezeichnend, daß es den Juden verboten war, Mission zu t reiben, denn einem Volk von Priestern liegt es nicht ob, Religion zu verbreiten, sondern nur Religion zu vollziehen. Nicht mit Unrecht wird auch mit feinem Spott auf den Unterschied zwischen der Fli-Jugend und der proletarischen bingewiefen, wenn sie soziale Fragen lösen will. Aber der Unterschied liegt sicherlich nicht in der Verschiedenheit der Klasse, sondern hier begeben sich religiös Eingestellte auf ei:: Gebiet, was ihnen schon psychologisch fern liegen muA Lebensnähe oer Religion kann immer nur ein Vertiefen der

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