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Jüdisch-liberale Zeitung · 1930-07-16 · 29 (16.7.1930) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
10 (1930)
Issue
29 (16.7.1930)
Date
1930-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. Jahrgang Nummer 29 g. Vellage 16. Juli 1930 Umschau Clairde G. Montesiore erhalt die Medaille der Britischen Akademie. Tie Britische Akademie zeichnete Tr. Claude G. Montesiore durch Verleihung der Medaille für biblische Studien aus. Montesiore erhielt die Auszeichnung für feine Hibbert-Vorlesungen von 1892, feine Schriften „Das Judentum und St. Paulus" (1914), „Commentar zu den synoptischen Evangelien" (2. Auflage 1927) und einige andere Werke. Tas Lübecker Kindersterben zu antisemitischer Hetze ausgenntzt. Am 11. Juli abends fand im Rheingold eine vom „Arbeusausschus zur Verfolgung der Lübecker Kindermorde" veranstaltete Versammlung statt, zu der außer Vertretern der betresjenen Lübecker Eltern (betanutlich sind in Lübeck bisher 55 ninder infolge unzweckmäßiger Fütterung mit dem Calmette-Präparat an Tuberkulose gestorben, während zahlreiche andere Binder statt gefährdet sind) auch zahlreiche Aerzte erschiene»: waren. 'In der den Re,ernten sich anschließenden Aussprache tarn es zu erregten Szenen, als der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Moses itttstellte, daß der Vorsitzende des Elternausschusses, Tr. Steintal, in einem nationalsozialistischen Blatt ein Pamphlet gegen jüdische Aerzte geschrieben hat, in dem der Versuch gemacht wird, die Au,- mertsamkeit von den wahren Schuldigen abzulenken und die Schuld jüdischen Aerzten in die Schuhe zu schieben. In seiner Erwiderung rückte das Mitglied des Elternausschusses Tr. Meyer von denr Artikel des Tr. Steintal ab und betonte die Notwendigkeit, in dieser Angelegenheit parteipvlitischie Neutralität zu wahren. Gegen die nattonalsozialistisihe Hetze. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldatm veranstaltete vor kurzem in der überfüllten Stadthalle Klosterstraße unter Vorsitz von Dr. London eine eindrucksvolle 'Kundgebung gegen die nationalsozialistische Pogromhetze. Neben Ansprachm von Dr. Elkeles, Direktor Kareski und Pros. Dr. Georg Bernhard ergriff als Vertreter der preußischen Staatsregierung Ministerialdirektor Tr. Brecht das Wort: Ter häßliche Schatten, führte er aus, dm der Antisemitismus über Deutschland wirft, sieht wieder einmal etwas rötlich aus. Man droht auf die infamste Weise, schasst eine Atmosphäre, durch die all die beklagenswerten Ereignisse möglich werden. Wie ist es möglich, daß so etwas nach allm unserm Erlebnissen, nach dem Tode Rachmaus, noch geschieht? Ihn traf der Schuß aus dieser Atmosphäre heraus, heute aber wagt niemand mehr zu behaupten, daß er ihn verdimt hatte. Als Vertreter der Staatsregierung danke ich Jhnm als Frontkämpfer für all die Leiden, die Sie auf sich genommen haben. Die Preußische Staatsregierung wird mit allm Mitteln den Versuch eines Terrors bekämpfm. Sie wird vor keinem Machtmittel zurückschreckm. Jeder, der mit diesem Gedanken spielt, ächtet sich selbst und verwirkt dm Namen Deutscher. Am Schluß der Kundgebung wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: Die vom Reichsbund jüdischer Frontsoldatm einberufene, von allm Bevölkerungskreisen besuchte Versammlung in der Stadthalle erhebt schärfsten Einspruch gegen die immer herausfordernder auftretende nationalsozialistische Volksverhetzung, die seit geraumer Zeit zu Ausschreitungen und Gewalttaten gegen Andersdenkende führt. Neuerdings schreckt diese gewissmlose Hetze nicht davor zurück, mit Judenpogromen zu drohm, und es besteht die Gefahr, daß unreife verführte Elemente sich zu solchm verbrecherischen Handlungen Hinreißen lassen. Die Versammelten fordem daher von den zuständigen Stellm in Reich, Staat und Gemeindm, daß gegm die Anstifter dieser Mordhetze und ihre Hefershelfer mit Nachdruck und Schärfe vorgegangen wird. Der Festtag der Republik am Tage der Befreiung des Rheines sollte allm Volksgenossen eine emste Mahnung sein, für dm inneren Frieden Deutschlands zu wirkm. Ter antisemitische Terror in der Bukowina. Ten nachstehenden Bericht entnehmen wir der Jüdischen Telegraphen- Agentur, der wir auch die Verantwortung für die Richtigkeit der Meldung überlassen müssen: Tie von antisemitischen Agitatoren geführte Bauernbewegung in der Bukowina nimmt immer schwerere Formen an und gibt Grund zu äußerster Besorgnis um das Schicksal der Juden. Ter Katastrophe von Borfcha sind am 10. d. M. Ereignisse in der überwiegend von Juden bewohnten Stadt Suczawa gefolgt, die den Juden schwerm Schaden an Gesundheit und Besitz verursacht haben, und besonders dadurch zu schweren Besorgnissm für die Zukunft Anlaß geben, weil sich bei ihnen die Unzulänglichkeit der Schutzmaßnahmen er- 4vies, die die rumänischen Behörden zur Anwendung bringen. Oberst Niculcea, ein berüchtigter Hetzapostel der antisemitischen Bewegung, berief für dm 10. d. Mts. eine Bauernversammlung mit der Losung „Bekämpfung des Wuchers" ein. Ter jüdischen Bevölkerung bemächtigte sich große Besorgnis, sie teilte diese der Behörde mit, woraufhin die Behörde, die die Gefährlichkeit der geplanten Versammlung einsehen mußte, ein Verbot für die Versammlung erließ und die Verhaftung von Oberst Niculcea veranlaßte. Trotz des Versammlungsverbots zogen Bauern in einer Anzahl von 3000 bis 4000 aus den umliegenden Dörfern gegen die Stadt. Tie Sicherheilsabteilungen waren dem Andrang nicht gewachsen. Tie Bauern durchbrachen den Sicherheitskordon und strömten in die Stadt, wo sie zuerst einen ruhigen Aufmarsch veranstalteten. Als sie erfahren hatten, daß Oberst Niculcea verhaftet ist, zogen sie vor die Präfektur. Tie Tür des Präfekturgebäudes wurde gewaltsam erbrochen, das Pr,äfekturgebäude besetzt und vom Balkon herab wurdm Reden gehalten. Tie Bauern zogen erst ab, nachdem ihnen der Präfekt schriftlich die Erlaubnis zur Abhaltung einer Versammlung am nächsten Tonnerstag zugesichert hatte. Daraufhin zerstreuten sich die Bauern in dm Straßen der Stadt, überfielm jüdische Passantm und mißhandelten sie. Zwei Juden namens Großmann und Schätzberg wurden durch Stockhiebe schwere Schädelverletzungm beigebracht. Tie Antisemitm drangen dann in zahlreiche jüdische Häuser ein und plünderten sie. Lädm wurden demoliert und die Waren auf der Straße verstreut. In dem der jüdischen Familie Nußrauch gehörenden Wirtshaus versuchten die Excedentm, nachldem sie die ganzen Alkoholvorräte hinausgeschafft hatten, die Familie zu ermorden und das Haus anzuzündm. Eine Militärabteilnng rettete die Ueberfallenen im letzten Augenblick. Am Abend konnte schließlich Militär die Ruhe wieder herstellm. Tie Regierung.hat mitgeteilt, daß sie die an den cuzistischen Ausschreitungen Schuldigen strenger Bestrafung zuführen werde. 60 Bauern aus den Dörfern Bosaneca, Skt. Jlie, Jpotesti usw. sind am Freitag verhaftet worden, 25 mußten wegen Mangels an Beweisen wieder freigelassen werden, während 35 in Haft behalten wurden. Antisemitische Ausschreitungen in Rumänien. Wir veröffmtlichtm in unserer vorigm Nummer eine Meldung der Jüdischen Telegraphm-Agentur über die Vernichtung des ausschließlich von jüdischen Familien bewohnten Ortes Broscha in Rumänien. Zu dieser von der Jüdischen Telegraphen- Agentur verbreiteten Meldung über antisemitische Terrorakte teilt die Presse-Stelle der Berliner rumänischen Gesandtschaft dem „Berliner Tageblatt" und anderen Zeitungen mit, daß der Ausbruch des Brandes in Broscha nicht aus terroristische Akte von Antisemiten zurückgehe, sondem daß es sich um ein zufälliges Brandunglück handle. Diese Meldung wird allerdings von jüdischen Kreisen Rumänims aufs Entschiedenste bestritten. Von ihnen wird an der früheren Darstellung festgehaltm. Aus den Gemeinden j * Aachen. (Gottesdienst der Jugend.) Am Sabbat, den 5. d. Mts., fand zum ersten Male in unserer Gemeinde ein Jugendgottesdienst statt, der auf Anregung und unter der Leitung von Herrn Rabbiner Dr. Schönberger vollständig von der Jugend selbst abgehalten wurde. Tie Thoravorlesung, das Vorbeteramt und die deutscheu Gebete wurden von der Jugend mit Begeisterung ausgesührt, während die Jugendgemeiude die Eulogien im Sprechchor beantworteten. Ter interessante Versuch einer Aktivierung der Jugendlichen kann als voll geglückt bezeichnet werden. Besonders mit der Idee des Sprechchors im Gottesdienst hat Herr Rabbiner Tr. Schönberger einen beachtenswerten und neuartigen Weg gewiesen. Berlin. (Einweihung eines Landheims der jüdischen Jugend in Wolzig.) Am Sonntag, den 29. Juni 1930, wurde in Wolzig (Kreis Beeskow), in der Nähe von Berlin, die erste jüdische Jugendherberge in Deutschland cingeweiht. Die Anregung dazu ging von der Leitung des neuen Jugend- und Lehrheims Wolzig aus, die auf diese Weise eine lebendige Verbindung zwischen der organisierten jüdischen Jugend und den Zöglingen des Heimes in Wolzig Herstellen will. Diesen Gedanken griff die Jüdische Gemeinde Berlin, in enger Zusammenarbeit mit dem Landesausschuß Berlin der jüdischen Jugendverbände, auf, und so wurde in kürzester Zeit der Gedanke der Schaffung einer solchen Jugendherberge verwirklicht. Das Heim ist ein kleines Bauernhaus, sehr schön am Wolziger See gelegen, und umfaßt zwei getrennte Schlafzimmer für Jungen und Mädchen, einen Tagesraum, eine Küche und einen gut eingerichteten Waschraum. Die Zahl der Betten beträgt 28; doch kann diese Zahl eventuell noch vergrößert werden. Zur Einweihungs»-. frier hatten 'der Jugendpflegeausschuß der Jüdischen Gemeinde Berlin und der Landesausschuß Berlin gemeinschaftlich eingeladen und diesem Ruf waren ungefähr 375 Jugendliche und eine Reihe von Vertretern der Gemeinderepräsentanz, der Mitarbeiter des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde Berlin und andere gefolgt. Bei schönstem Sonnenschein begann, nachdem vorher eine kurze Führung durch die Räume der Herberge stattgefunden hatte, die Feier. Zur Eröffnung sangen die Chöre der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft und des Jung- Jüdischen Wanderbundes deutsche und hebräische Lieder. Dann sprach Herr Direktor Kareski, als Vorsitzender des Jugendpflegeausschusses, vom jugendpflcgerisch gemeindepolitifchen Standpunkt, während der Vorsitzende des Landesausschusses Berlin der jüdischen Jugendveybände, Herr Martin Sobotker, mehr die pädagogischen Probleme und die Forderungen und Wünsche der Jugend betonte. Ferner begrüßten Herr Rosenthal, im Namen der Gemeinderepräsentanz, und Herr Dr. Lamm als Vertreter des Wohlfahrtsamtes der Jüdischen Gemeinde die Schaffung dieser Jugendherberge und beglückwünschten die Jugend zu diesem Erfolg. An die kurze Feier schloß sich dann noch eine Führung durch das Jugend- und Lehrhcim an, bei der Herr Dr. Hans Lubinski, der Leiter des Heimes, eine kurze Einführungsrede hielt. Ten Nachmittag verbrachte ein großer Teil der erschienenen Bünde mit gemeinsamen sportlichen Spielen. Berlin. (Professor Dr. Ludwig Stein gestorbeit.) Professor Tr. Ludwig Stein, der sich in Bad Gastein zur Kur befand, war dort an einer Blinddarmentzündung erkrankt, an deren Folgen er starb. Professor Stein feierte vor nicht allzu langer Zeit seinen 70. Geburtstag und in allen Tageszeitungen wurde seine Persönlichkeit gewürdigt. Aufstieg und Lebensweg Ludwig Steins zeigen das Charakteristikum einer Persönlichkeit von hoher Begabung. Er wurde 1859 zu Erdoe-Benjc in Ungarn geboren und besuchte zunächst die Jeschiwah in Mattendorf. Von dorr ging er zur Beendigung seiner Gymnasialstudien nach Holland und bezog dann die Universität! Berlin; gleichzeitig besuchte er des Rabbinerseminar von Tr. Ezriel Hildesheimer. Nachdem er in Halle zum Toktor promovierte und gleichzeitig das Rabbinerdiplom erlangt harte, wirkte er kurze Zeit als Rabbiner in Berlin und ging dann, einem ehrenvollen Rufe folgend, als Privatdozent an das Polytechnikum in Zürich. 1888 erhielt er eine Berufung als Ordinarius an die Universität Bern, wo er gleichzeitig Philosophie und Nationalökonomie lehrte. 1911 übersiedelte Professor Ludwig Stein nach Berlin, wo er bald in der politischen Publizität Deutschlands führend wurde. Sein Signum „Diplomaticus", das seine Aufsätze in der „Bossischen Zeitung", der „B. Z. am Mittag" und in der „Morgcnpost" trugen, war bald in allen politischen Kreisen und unter der Masse der Leser im In- und Auslande sehr populär -geworden. Später begründete er die große Zeitschrift für internationale Politik, Wissenschaft und Wirtschaft „Nord und Süd", die für die Verständigung zwischen den Völkern in hervorragender Weise wirkt. Professor Ludwig Stein war Freund uich Vertrauter führender politischer Persönlichkeiten, er war Begründer und Leiter der politischen Mittwoch-Gesellschaft, die Männer von Geist und Einfluß vereinigt. Mit dem vor kurzem vcrstordenen Alt-Reichskanzler Fürsten Bernhard von Bülow verband ihn intime Freundschaft. Ludwig Stein wurde darum auch cingcladen, im deutschen Md Weltrundfunk die Persönlichkeit des verstorbenen Staatsmannes zu zeichnen. Professor Ludwig Stein widmete t?men großen Teil seines Einkommens und Vermögens Wohlfahrtszwcckew und nahm sich insbesondere vieler mittelloser Studierender an, denen er den Lebensweg ebnete. In jüdischen Organisationen hat er sich besonders in der Gesellschaft „Ort" bctängt. Berlin. (7 0. Geburtstag.) Rabbiner Tr. Loevy-Berlin vollendete am 15. Juli sein 70. Lebensjahr. In Ortclsburg geboren, studierte er auf der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin unter Lazarus, Steinthal, Cassel, .Frankl, Lewy, widmete sich auf der Universität dem Studium orientalischer Sprachen mid beschäftigte sich dort «ingehend mit der jüdisch-arabischen Philosophie. Es gelang ihm, den berühmten, seit Jahrhunderten verschollenen arabischen Kohelet-Kommentar des Jbn Chijat in einem Opforvcr Manuskript wieder zu entdecken. Er gab den ersten jüdischen Kalender (Amtskalcndcr 1889) heraus, der die nach ritueller Vorschrift zu bestimmenden Tagesausgänge auf feste astronomische Grundlagen stellte und damit der bis dahin herrschenden Unsicherheit für immer eilt Ende machte. Seit mehr als 30 Jahren gibt er den weitverbreitet«» Lehrbergerfchen Kalender heraus. — Dr. Loevy war 1884 bis 1890 Rabbiner in Göttingen, 1891 bis 1900 Großherzoglich Oldenburgischer Landrabbiner in Birkenfeld und von 1901 bis 1920 Gemeiuderabbinev in Graudenz. Als Graudenz unter polnische Herrschaft kam, siedelte er nach Berlin über, wo er eine fruchtbare Tätigkeit im Kampfe gegen den „wissenschaftlichen" Antisemitismus in engster Fühlungnahme mit Universitätsprofessor Geheimrat Strack entfaltete. Berlin. (7 0. Geburtstag.) Der bekannte Kunsthistoriker Oscar Fischel, außerordentlicher Professor an der Universität Berlin, wurde am 10. Juli 60 Jahre alt. Der Jubilar ist ein RaphaeÜ- Forscher von Weltruf, er edierte die Handzeichnungen des Meisters und schrieb auch eine Monographie über „Tizian". Er veröffentlichte auch zahlreiche Schriften zur Kostümkunde und Theatergefchichte und gab auch der modernen Bühne wertvolle Anregung. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Oscar Fischel steht in der Reihe der stillen, bescheidenen, in sich gekehrten Gelehrten. So verdient er es doppelt, daß man ihn feiere pnd heraussage, wieviel Dank ihm die Wissenschaft schuldet, und daß er auch weiteren Kreisen geistige Anregungen geboten hat, die ihre Früchte tragen. Er ist „der" deutsche Raphaeh- Forscher, und das Ausland gestand schon oster ein, daß ihm feint beredterer Jnterprät der Kunst des Urbinaten vertraut ist als der gebürtige Tauziger, der seine ersten Studien bei Dehio in Straßburg machte. Es scheint aber seltsam, fährt das „Berliner Tageblatt fort, daß Oscar Fischel nicht schon längst eine Ordentliche Professur erhielt. Ja, er ist außerordentlicher Professor an der Berliner Universität, und sein Hauptfeld ist hier die Geschichte der Bühne und des Bühnenbildes. Aber »vir können uns doch vorstellen, daß den Kunsthistoriker, der eine so fest gefügte Materie, ivic die Kunst der italienischen Renaissance, meistert, die Leitung einer angesehenen kunsthistorischen Kanzel eher befriedigen dürste. Berlin. (Gedenkfeier für die toten Flieger.) Auf dem Flugplatz Johannisthal fand eine Trauerkundgebung für die in der Friedens- und Kriegszcit tödlich verunglückten Flugpiloten statt. Nach der Ansprache des evangelischen Pfarrers Witzig und des katholischen Geistlichen Dr. Esscr sprach Rabbiner Dr. Baeck. Er wies auf die großen Leistungen der deutschen Kriegsflieger hin. Tie Flugpiloten seien die »vahren Verkünder einer neuen Zeit, die »vahrhaften Wegweiser zu neuen Zielen. Denn »oer von oben auf die Erde heruntersieht, dem können die Schranken, die unten unüber- »vindliche Hindernisse find, von der Höhe aus nicht als trennend« Grenzen erscheinen. Major a. D. Dr. Hildebrandt-Goslar warf dann in seiner Festrede einen Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Luftfahrt. Berlin. (E rrvei t e r u n o der H i l f s v e r e i n s - A r b e i t.) Vor einigen Tagen fand eine Sitzung des Geschästsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden unter Vorsitz von Dr. James Simon statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung hielt Dr. James Simon einen warmen Nachruf auf die dahingeschiedenen Herren Ludwig Schiff, Frankfurt a. M., Mitglied des Geschäftsfüh-- renden Ausschusses, Otto Lippmann, Aachen, Mitglied des Zentralkomitees, Kantor Baum, Vertrauensmann des Hilssvereins in Bonn. Aus den erstatteten Berichten geht hervor, daß die Arbeit in den letzten Monaten auf den verschiedensten Gebieten erhebliche Fortschritt» gemacht hat. Die Sammlung für Litauen, die der Kinderfürsorge dient, hat ein sehr günstiges Ergebnis gehabt. Der Geschäfts führend« Ausschuß beschloß, angesichts der fürchterlichen Notlage, die Kinderfürsorgearbeit auch auf Polen auszudehnen unter Zugrundelegung von Vorschlägen von Herrn Dr. Bernhard Kahn. Tie Hilfsarbeit sowohl in Litauen »me in Polen erfolgt im Einvernehmen mit dem America» Joint Distribution Committee. In der Ukraine und in der Krim vollzieht sich die sanitäre Hilfsarbeit des HilfsVereins in engstem Zusammenwirken mit der Jcwish Colonization Association und dem Agio Joint, die bei dem Bau von Ambulatorien, die der Hilfsverein in den genannten Gebieten errichtet, ihre Mithilfe leihen. Das Kultur^ werk des Hilfsvereins in Rumänien wird in umfassendem Maße fortgeführt. Ter Produktivierung der jüdischen Jugend, die durchein« intensive Berufsberatung vorbereitet und gefördert werden soll, wirst hierbei besonderes Augenmerk gewidrnet. Die Jürsorgetätigkeit für die Auswanderer, für Waisenkinder und Studierende nimmt ihren Fortgang und beansprucht nach wie vor erhebliche Mittel. Dje Organisation des Hilssvereins hat auch im letzten halben Jahr eine sehr wesentliche Erweiterung erfahren. Borken i. W. (Persönliches.) Lehrer Ginsburger hat die Stelle eines Lehrers und Predigers der Gemeinde Zwickau übernommen. Bielefeld. (Synagogen besuch nichtjüdischer Studenten.) Tic Studenten der theol. Hochschule in Bethel besuchten an 2 Nachmittagen die Synagoge in Bielefeld. Rabbiner Dr. Kronhcim hielt an jedem der Nachmittage einen 2-stündigen Vortrag, in dem er die Synagoge erklärte, die Grundzügc des Gottesdiensteg darlegte und Erläuterungen zum Gebetbuch gab. Häufig wurde auf Lehren und Einrichtungen des Judentums Bezug genommen. Besonn dcres Interesse fand die Besichtigung der Thorarollen. Zahlreiche aus der Mitte der Sludiercnden gestellte Fragen, die sich auf Geschichte, Literatur und Organisation des Judentums, sowie auf seine religiösen Bewegungen bezogen, wurden beantwortet. An den darauffolgenden Freitag-Abend-Gottcsdicnstcn nahmen mehrere Studierende teil. Kassel. (Todesfatl.) Nach langem Leiden starb im besten Mannesaltcr von 55 Jahren Bankier Julius Schartenberg. Der Verstorbene, ein Freund unserer Bestrebungen, hat sich durch sein charaktervolles Wesen in »veiten Kreisen Achtung und Wertschätzung zu verschaffen gewußt. Bad Kissingen. (Todesfall.) Im Alter von 65 Jahren ist der im Ruhestand lebende Lehrer M. Nußbaum gestorben und unter großer Beteiligung der Amtsgenossen und Gemeindemitglieder zu Grabe getragen »vorden. Nach einleitendem Gesang der Amtsgenossen hielt Bczirksrabbiner Dr. Bamberger die Trauerrede, die eine Würdigung der vorbildlichen Amtsführung des Verstorbenen darstellte, dein die Gemeinde über das Grab hinaus Dank und treues Gedenke» schulde. Lehrer Ludwig Steinbergcr nahm für die Religionslehrer der Gemeinde in ergreifenden Worten Abschied vom Amtsgenossen; es sprachen außerdem Hauptlchrcr Hack für den Bczirkslehrerverein, Haupblehrer Jakob Nußbaum namens der Familie und Lehrer Neustädter für die Gemeinde Maßbach. Köln. (P r o t e st gegen vorzeitige Wahlen.) Die Repräsentanz hat vor längerer Zeit bereits beschlossen, im Herbst Neuwahlen stattsindcn zu lassen, damit auch die Frauen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen können. Von rechtsgerichteter Seite trmrde daraufhin bei der Staatsbehörde Protest eingelegt. Die Angelegenheit ist dem Ministerium zur Entscheidung unterbreitet worden. Es »vird in Köln das Gerücht verbreitet, die Liberalen hätten ihrerseits gegen diesen Protest Leschtverde bei der Regierung eingelegt. Wie wir von maßgebender Stelle hören, ist an diesem Gerücht kein wahres Wort. Im übrigen verdient es festgenagelt zu werden, daß dieselben Kreise, die immer von einem chillul haschem sprechen, wenn eiirmal die Liberalen bei der Behörde in jüdischen Angelegenheiten vorsprechen, selber recht schnell den Weg zum Kadi finden, wenn es gilt, ihre Interessen zu wahren. Köln. (Das Seminar soll Akademie werden.) Das Jüdische Lehrerseminar darf gemäß ministerieller Erlaubnis bis zum Jahre 1932 Lehrer ausbilden. Wie das Kölner Jüdische Wochenblatt meldet, plant man die Umwandlung des Seminars 'in eine Pädagogische Akademie. Man hat dem zuständigen Ministerium bereits

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