Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 29 (16.7.1930)
- Date
- 1930-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jfbeit Fall verhindert wird. Außerdem hat der gerade in Warschau weilende Schriftsteller Ernst Toller diesen Protest der Liga durch persönliches Vorsprechen "im Staatsministerium erneuert. Es wurde ihm, wie man uns schreibt, die Antwort zuteil, daß die Angelegenheit in der Revisionsinstanz schwebe und daß nicht damit zu rechnen sei, daß das Oberste Gericht in Warschau das Urteil bestätige. Unser Kreis jungjüdischer Pazifisten hat indessen ebenfalls gegen das harte Urteil Verwahrung eingelegt und seinen Einspruch dem Berliner polnischen Gesandten zur weiteren Veranlassung übermittelt. In vorzüglicher Hochachtung Kreis jungjüdischer Pazifisten. Im Aufträge: I. Raphael. B. Simonsohu. * Gedanken über den Sabbat Der Tag der Ruhe ist uns notig zu unserem Glück, zu unserem Frieden. Ader wie wir in der Tat weit entfernt sind, jenm Tag zu Hallen, mit welcher Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Nichtachtung, derselbe von dem besser situierten und gebildeteren Teile unserer Gemeinschaft behandelt wird, wissen unsere Lehrer am besten und sie wissen ebenso gut, daß ein Wandel in dieser Beziehung nicht zu erwarten ist und nicht erwartet werden kann. Auf den niederen Schulen, wie auf den Gymnasien und den sonstigen Lehranstalten, auf den Universitäten, bei den verschiedenen Anstellungen und Berufen, sind wir. sind unsere Kinder gezwungen, den Sabbat zu brechen, das Volk Israel hat keinen Ruhetag. Der Staat verlangt, daß am Sonntag nicht gearbeitet werde, und der Staat, zu dem wir gehören, hat das Recht der Bestimmung des siebenten Tages. Wir dürfen und können dieses Gesetz nicht übertreten, aber zwei Ruhetage zu halten, ist, abgesehen von der Unmöglichkeit, absolut gegen den Geist pnd Buchstaben des jüdischen Gesetzes, denn das Gebot: „Sechs Tage sollst du arbeiten" geht dem der Sabbatruhe voraus. Im Namen des gesunden Menschenverstandes, im Namen des Geistes, der uns die erhabene Lehre am Sinai gegeben, ist es dem Gotte Israels nicht gleich, so darf gefragt werden, >ob wir den einen oder den anderen als den siebenten Tag wählen? Beherrscht denn der Aberglaube noch so weit unsere Religion, daß wir wirklich annehmen, daß Sonnabend der betreffende Tag ist, an dem das Werk der Schöpfung vollendet wurde? Ist es denn nicht unvergleichlich besser, einen wirklichen Sabbat.und Ruhetag zu Haben, als starr an der Ueberlieferung haltend, einen Sabbat zu feiern, der alles andere, nur kein Ruhetag ist. Wie können wir denn nur den Versöhnungstag in Ruhe und Frieden begehen, wenn neun Zehntel von uns wissen, daß wir schon am nächsten Sabbat das Gesetz desselben brechen? Sündigen wir nicht, wenn wir an diesem Tage unsere Kinder in die Schule senden, wenn wir in unseren Fabriken, in unserm Büros die Angestellten beschäftigen, wenn wir unseres Amtes als Richter, als Anwälte usw. walten? Oder sollen wir alle wieder in das geistige Ghetto zurückgehen und Handel und Schacher treiben? Und wenn wir es wollten, wir könnten es nicht, und wenn wir es könnten, wir wollen es nicht. Denn das geistige Leben ist Israels Domäne — dem Ewigen ist Israel gewecht. Der Geist des Judentums revoltiert schon lange und wird mehr und mehr revoltieren gegen die unerträgliche Fessel, die ihm eine verjährte Tradition auferlegt, eine Fessel, die er nicht tragen will, die sein Gemüt beschwert und ihn zum Heuchler macht. Nichts ist in den fünf Büchern, nichts in den Propheten enthalten, das uns an unseren heutigen Sonnabend bindet. ' „In sechs Tagen schuf Gott Himmel und Erde und am siebenten ruhte er." Wenn wir den Tag, den unsere christlichen Mitbürger halten, als unseren Sabbat' annehmen, wenn wir in ihn all die Wärme und all die Innigkeit legen, die in den Tiefen unseres Herzens waltet, wenn wir dann auch unsere Kinder in das Hauk Gottes nehmen, dann erst können wir mit Aussicht auf Erfolg die große Reform beginnen, deren das Judentum so sehr bedarf, können jenem reinen Gottesglauben uns nähern, der durch Israel die Welt erfüllen soll. Wir müssen, und das ist das erste Prinzip jeder Moral und jeder Religion, mit unseren Ansichten und Bekenntnissen in Einklang leben. Wir können nicht erwarten und können nicht verlangen, daß die kommenden Generaiti-onen den Sabbat halten und den Glauben ihrer Väter bewahren, wenn wir selbst mit schlechtem Beispiel vorangehen. Wenn wir an den hohen Feiertagen den Worten des Predigers lauschen, wenn wir unsere Sünden bekennen und Besserung geloben, wenn dann Monate vergehen, ohne daß wir oder unsere Kinder das Haus Gottes wieder betreten, so wird Religion zur leeren Form und der hohe Glaube Israels seines Inhalts beraubt. Wir können nicht zurückkehren, wo uns die Wege verschlossen sind, nicht im Einklang mit uns leben, wenn wir geloben, was wir nicht halten Soeben erscheint: Oer Zionismus — eine nationalistische und reaktionäre Utopie von Alexander Szanto Eine Abrechnung mit dem Nationaljudentum. Ein aktueller Beitrag zu den Vorgängen in Palästina und zu den Auseinandersetzungen im Judentum. Zum ersten Male wird von sozialistischer Seite dem Zionismus die Maske vom Gesicht gerissen. Dieses Buch gehört in die Hand jedes politisch interessierten Menschen. 55 Seiten, Preis 1.50 M. Zu beziehen durch die Buchhandlung oder direkt durch Verlag Aufklärung und Fortschritt, Berlin NW 40 können. Noch zieht uns die Pietät, die unauslöschliche Liebe zu dm Verstorbenen, eine gewisse religiöse Scheu am Neujahr und Versöhnungsseste, an den Tagen der Seelenfeier zu dem Hause unseres Gottes und wir fühlen in jenen Stunden die ganze Erhabenheit und Schönheit unserer Lehre. Mer wie bald ist selbst die Erinnerung dahin, denn der Glaube unserer Väter durchzieht nicht unser Dasein, die Heiligung des siebenten Tages fehlt. Und ob jmer Tag ein Sonnabmd oder ein Sonntag ist, fällt tausendmal weniger in die Waagschale als die Tatsache, daß wir jetzt keinen Tag haltm. Braucht man denn ein Prophet zu sein, liegt es nicht klar zu Tage, daß, wenn hier nicht bald eine Aenderung geschieht, daß, wenn nicht dafür gesorgt wird, daß unser Volk im Einklang mit seinem Bekenntnisse leben kann und lebe, der Glaube selbst mehr und mehr zur bloßm Formel herabsinkt und die Grundlage und das Wesen unserer Religion verletzt wird. Die aufwachsende Generation kmnt keinen Ruhetag, oder wenn sie einen hat, ist es der Tag, dm ihre Mttbürger feiern. Sicher, es ist schwer, von alten, teuer gewovdmm Gewohnheiten sich loszusagen, Traditionen, die Jahrtausende geheiligt haben, aufzugeben, aber teuerer und heiliger als alle Ueberlieserung muß uns die Ueberzmgung geltm, daß in der Uebereinstimmung unseres Handelns mit unserem Bekenntnisse, in der Erfüllung erkannter Pflichten und nicht im starren Festhalten an Gewohnheiten und Ueberlieferungcn der wahre Geist, das Wesen unseres Glaubens besteht. Denn unsere Religion hat wie jede andere dem Gesetze der göttlichen Vernunft, aus deren Wesen sie stammt, sich zu unterordnm. Und wenn die Vernunft uns sagt, daß unser Sonnabend nicht als Ruhetag gehalten werden kann, so muß ein Tag gewählt werdm, an dem es möglich ist, nach dem Sinn des Gebots zu lebm. Jener Glaube, den Kant den historisch-statutarischen nennt, hat bei etwaigem Widerspruche und speziell beim Judmtum dem Glauben der Vernunft, dem rein moralischm zu weichen. Keine innere Notwendigkeit zeichnet den Tag, den wir jetzt feiern, als den Ruhetag, selbst die historische Begründung fehlt und nur das schwankende und nicht bindende Recht der Gewohnheit bleibt. Die Vernunft ist, wie dies der Königsbevger Weise sagt, ifi Religionssachen die oberste Auslegerin der Schrift. Zwei Einwände wurden und werdm noch heute gegen die Verlegung des siebenten Tages gemacht. Man behauptet einerseits, daß unsere Synagogen am Sonntag nicht besuchter sein würden, als sie es jetzt sind. Dann wären wir vom religiösen Standpunkt zu einer solchen Aenderung nicht berechtigt. Der erste Eiuwand ist negativ und kann wohl kaum ernsthaft genommen werden. Wir wollen einm Ruhetag, an dem wir ruhen können, nicht einen, der die Ruhe ausschließt. Ein Zwang kann und soll nicht ausgeübt werdm, auf der Freiheit des Individuums beruht die Moralität und der Glaube der Gesamtheit. Die Möglichkeit soll uns gegeben werden und sie ist, wie angeführt, in den meistm Fällen jetzt ausgeschlossen. Und was die Berechtigung zur Verlegung des siebenten Tages betrifft, so genügt die Tatsache, daß die Lehrer und Ausleger unserer Schrift es auf sich genommen haben, dem Feiertage des Neujahr-, Laubhütten-, Passah- und Wvchmfestes einen zweiten Tag anzureihen, und zwar ganz und gar gegen den Buchstaben und Geist des Gesetzes, der jede Hinzusügung verbietet. Wir konnten nicht ganz genau das Eintreffen des Festtages bestimmen und helfen uns auf diese Weise. Aber wir können noch viel weniger seststellen, an welchem Tage das Schopsnngswerk vollendet wurde, wir wissen nur, daß wir sechs Tage arbeiten und einen Tag ruhen sollm und die Kompetenz unserer Lehrer zur Bestimmung dieses Tages ist ebenso klar wie ihre Pflicht, darauf zu sehen, daß der Geist und nicht der Buchstabe des Gesetzes in Israel lebendig, bleibe. » Orthodox? Sehr geeyrte Schriftleitung. In einer mir erst heute zu Gesicht k'outtnendcn Nummer Ihres Blattes werde ich in einer Entgegnung aus mein Gutachten betr. Grabreden von Frauen „orthodox" ge-- uannl. Ich suhle mich längst dem Gegensatz von liberal und orthodox entrückt und gestatte mir nur deshalb die Bitte, diese wenigen Zeilen freundlichist abzudrucken, weil ich bei dieser Gelegenheit durch eine kleine historische Reminiszenz, beleuchten möchte, wie sich das jüdische Leben je und je gegen Schabtonisierung und Schematisierung sträubt. R. Mein von Rothenburg, der deutsche Oberrahbiner des 13. Jahrhun-- derts nahm es mit dem sogenannten Ritualgesetze peinlich genau Er trug sogar Bedenken, an Wintersabbaten einm Ofen von treuem crnheizen zu lassen. Dieser Meister der Thorawissenschaft erlaubte aber den Frauen, Schächtrkte zu vollziehen und war der Ansicht, daß mair Frauen zur Thora ausruscn dürfe. Mit bestem Tank und Gruß Ihr ergebenem Bez.-Rabb. Dr. Beermann, Heilbronn. Nach kurzem schweren Beiden starb am Ereitag, den 11. Juli 1930, Herr Rabbiner Dr.morltzPerlß Nestor der Rabbiner Schlesiens im Alter von 74 Jahren. Wir stehen tieferschüttert an der Bahre dieses vortrefflichen Mannes, der es verstanden hat, in 46jähriger Tätigkeit in vorbildlichster Weise seine Gemeinde zu führen und sich allgemeine Liebe und Freundschaft bei derselben und weiter in den Kreisen der Mitbürger erworben hat. Der Vartf J a b 1 o n s k i Liegnitz, 14. Juli 1930 Malerarbeiten Renovierung von Wohnungen, Gesehäftslokalen, Treppenfluren und Fassaden. 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