Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 29 (16.7.1930)
- Date
- 1930-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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zusühren, daß Frick damals von den Sozialdemokraten „aufs Glatteis" gelockt wurde. Um 5 Uhr nachmittags verkündete Präsident Dr. Bumcke das folgende Urteil: „Die im Amtsblatt des thüringischen Ministeriums vom 22. April 1930 veröffentlichte Empfehlung von Schulgebeten vom 16. April 1930 ist, soweit sie sich auf die Gebete II, III und IVr bezieht, mit Artikel 1 -iS Abs. 2 der Reichsverfassung nicht vereinbar." In der Begründung des Urteils führte Präsident Bumcke aus: Artikel 148, Absatz 2, der Reichsverfafsung lautet: „Beim Unterricht in öffentlichen Schulen ist Bedacht zu nehmen, daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden." Diese Vorschrift stellt nicht etwa nur eine unverbindliche Mahnung dar, sondern sie ist eine Rechtsvorschrrfl und begründet eine Rechtspflicht. Es ist nicht verwehrt, in einer öffentlichen Schule Fragen der Religion, der Geschichte, der Politik sachlich zu erörtern und zu ihnen eine bestimmte Stellung zu nehmen; verwehrt ist aber, daß dies in einer Weise geschieht, die 'dem Andersdenkenden wehe tut, die ihm als eine Herabwürdigung seiner eigenen Anschauung erscheint und die bei ihm peinliche, schmerzliche Empfindungen erweckt. Jeder Unterricht wirkt über den Kreis hinaus, an den er sich unmittelbar ivendet. Was in der Schalle gesagt wird, geyr in die Familien der Schüler, geht in die breite Seffentj lichkcit über. i Auch die Art der Empfehlung der Gebete und ihre! Erläuterung durch den verantworttichen Minister, der sie > empfohlen hat, im thüringischen Landtag, seinem Paria-! ment, kann bei der Beurteilung der Gebete nicht außer Bej kracht gelassen werden. Es wird dann klar, daß die von der j Reichsregierung beanstandeten Stellen der Gebete sich gegen! die politischen Anschauungen weiter Teile des deutschen Volkes -! wenden und ein Bekenntnis zum Antisemitismus enthalten,! und zwar in der Form, daß die Anhänger anderer politii scher Anschauungen und die Juden als Bolksberrüger und i Landesverräter gebrandmarkt werden. Tiefe Art der Sttt-! lungnahme muß die Empfindungen Andersdenkender verletzen j und hat sie, wie die Aufnahme der Gebete in der Öffentlich-! feit beweist, in weitem Umfange schwer verletzt. j Die verletzende Wirkung wird aber noch dadurch verschärft,! daß die thüringische Regierung durch die Wahl der Gebets-! form auf das religiöse Gebiet übergegrifsen hat. .Hiernach > sei dein Antrag der Reichsregierung ftattzugeöen. Zivilisierte und Wilde Ans der Sammlung „Kleine Begegnungen". Von Marirn B l a u st e i n. Ter verd-teue Garten. \ In meiner Heimatstadt im Osten blühte jedes Jahr der Stadtpark nur für die nichrjüdischen Einwohner, Juden, obgleich sie die Mehrzahl der Bürger ausmachten, war einfach der Eintritt verboten. Wagte sich aber ein Jude dort hinein, so wurde er derart verprügelt, daß ihm für weitere Besuche die Lust verging. Eines Maienabends war die Luft und der Himmel lusttrunlen und cs. trieb mich aus dem Bethamidrasch hinaus zu Bäumen und Blumen. Ich war damals ein Jüngling von 14 Jahren mit gekräuselten Locken und einem wundervollen schwarzen Samtrock, der aber den Nichtjuden aus mir damals unverständlichen Gründen ein Dorn im Auge war. Ich schlich mich verstohlen an den Stadtpark, ging ein paarmal um den Zaun herum, wie jener hungrige Fuchs, den es mit aller Gewalt zu den goldenen Trauben zog, und wagte mich schließlich in den Garten hinein. Aber eh' ich nach Luft schnappen oknnte, hatte mich ein großer Junge am Kragen, gefaßt, versetzte mir einen Fußtritt und warf mich hinaus. Ich stammelte: „Warum schlägst du mich, ich bin doch ein Mensch wie du, ich bin doch dein Bruder!?" Da stieß er ein Gelächter hervor, daß die Bäume erzitterten. „Ty moi Brat? (du bist mein Bruder?), ha, ha, ha'." Biele Jahre sind seitdem verflossen, aber heute noch höre ich oft dieses grauenhafte Lachen: „Ty moi Brat!" mußte auch er aus finanzieller Gründen Zweitrangiges, Bloß- Unterhaltendes, das Erfolg verhieß, spielen. Tie Aufführungen mancher geschickter jüdischer Autoren aus Oesterreich-Ungarn, wie Molnar, Lengyel, Emerich Földes, Siegfried Geyer u. a. hatten zwar mit der Kunst nicht allzuviel zu tun, brachten aber lustige und fesselnde Abende, bei denen man alle Sorgen vergaß. Tie vielbejubelte Neuerweckung von Jacques Offenbach durch Reinhardt nützte zwar dem in Einsamkeit und ziemlichem Elend verstorbenen jüdischen Dichterkomponisten nichts mehr, halfen aber doch dazu, das Urteil über diesen vielgescholtenen Großen zu berichtigen. Herzlich belacht wurde auch von ganz Berlin die gemütvolle Rotschild-Komödie des Wiener jüdischen Dichters Karl Rößler; seinen „Fünf Frankfurtern" war sogar ebenfalls ein bedeutender Kassenersolg beschieden. Ausgesprochen jüdische Stücke, Werke ostjüdischer Dichter, oder Arbeiten jüdischer Autoren, die speziell-jüdisch«) Probleme behandelten, hat Reinhardt wiederholt zur Diskussion gestellt, ohne damit in Berlin dauerndes Interesse erwecken zu können. Schalom Asch's „Gott der Rache" wurde z. B. sogar in mehreren Spielzeiten inszeniert; die Kritik lehnte jedoch das durchaus nicht werttose Stück immer wieder ab. Ebenso brachte es das tiefsinnige, vergrämte Lustspiel des Ostjuden David Pinski „Der Schatz" (1911) kaum zu einem Achtungserfolg! Das hatte verschiedene interessante Gründe. Einmal war es nicht leicht, das Jiddisch des Tich?- ters adäquat ins Deutsche zu übertragen: dann paßte es dem Borkriegs-Berlin nicht, sich von einem „Fremden" den Spiegel Vorhalten zu lassen. Und doch waren gerade in dieser schwermütigen Komödie europäische Fehler gegeißelt, die später mit zu dem furchtbaren politischen Zusammenbruch geführt haben. Tie Legende von dem Schatz in der Hütte des bescheidenen Armen, der nun alle Laster des Reichtums kennen lernt und sich zuletzt wehmütig nach seinem äußerlich armen, seelisch reicheren Tagelöhner-Dasein zurücksehnt, hatte tiefe Beziehungen zu den Schäden der damaligen Zeit. Noch geringerer Widerhall war mit den Stücken von Juschkewitz zu erzielen. Etwas mehr Anteilnahme erweckten hingegen verschiedene Werke des hauptsächlich in Amerika lebenden ostjüdischen Dichters Isidor Perlemann, der unter dem Pseudonym Ossip Tymow schreibt. Sein stimmungsvolles Trauerspiel „Nju" fand einst in den Kammerspielen (mit der Eysoldt, Winterstein, Moissi) lebhaftes Interesse. Bier seiner späteren Stücke, ebenfalls in den Kammerspielen aufgesührt, war die gleiche Zustimmung versagt. Im allgemeinen zeigten sich die von Reinhardt gespielter jüdischen Autoren des ★ Das Ai-Programm Berlin. Donnerstag, den 17. Juli, gemeinsamer Diskussionsa-end für alle Gruppen. Thema: Judentum, Religions» oder Kulturgemein» schajt. 7.45 Uhr abends Magdeburger Straße 25 bei Arons. Breslau. Haupt» und Jüngeren-Ervppe: Sonntag, den 20. Juli: Ausflug in das Zobtengebirge. Treffpunkt 6 Uhr am Haupteingang des Hauptbahnhofs. (Sonntagsfahrlarte bis Zobten lösen.) Hauptgcuppe: Mittwoch, den 30. Juli, 20.15 Uhr, Jugendheim: Gemütlicher Heimabend. Frankfun a. M. Dienstag, den 22. Juli 1930: Geselliger Abend im Freien, Näheres wird am Heimabend bekanntgegeben. Gottesdienste Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten <Kaiserstraß« 29-30). Freitag, 18. Juli, 7.3b Uhr abends, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Mehler. Die Gottesdienste in den Synagogen Norden, Wilmersdorf und W e st e n d fallen bis zum L. August aus. Berlin-Westend. Der erste Gottesdienst nach den Ferien findet am 29. August statt. Berlin. Jüdische Reform-Gemeinde. Gottesdienste am Sonntag, den 20. Juli. Jvhannisstraße 16: vormittags 10 Uhr; Predigt: Rabbinats-Kandidat Hirschberg. Kleiststraßr 10: vormittags 10 Uhr; Predigt: Dr. Jelski. Brüder. Im Park der Metropole war eine Negertruppe aus dem Senegal zur Schau untergebracht. Tie Mitglieder der Truppe warten alle direkt aus dem Dschungel imoprtiert und fast von der Zivilisation unberührt. Sie ließen ihr Handwerk, ihre Spiele von den Zivilisierten begaffen, und ihre Gesichter waren froh und lachend, als wenn die Umstehenden für sie nicht Fremde, Gaffende, sondern altbekannte, verwandte Wesen wären. Ich befreundete mich mit Mustapha, dem zivilisiertesten Mitglied der Truppe: er war ein schlanekr, sehniger Jüngling von 18 Jahren und tonnte ein paar Brocken Fran-- j zösisch sprechen. Eines Aberrds belauschte ich folgende Unterredung Zwischen MMustapha und einem echten Germanen. Ter Germane gab Mustapha leutselig eine Zigarette, was den letzteren in Helle Begeisterung versetzte. Mustapha: Vous man fröre, mon camarade. Der Germane: Oh, ce n'est pas possible. Vous etzes im homme de la race noire, mais je souis de lr race blanche. Mustapha: Non, c'est la meme chose: le maftre de eiet est le pere de nous tous, c'est le meme chose. Vous etesi mon fröre. Darauf stieß der Germane ein Gelächter hervor, daß der gute Mustapha erschrak und ganz beschämt sich an seine Arbeit machte. Tie Religion. Ter Kampf ums Dasein verschlug den Neger Tom Barie nach Europa. Er trat allaberrdlich als Fakir in einem Zirkus auf. In seinem gorillaähnlichen Gesicht leuchteten ein paar Augen, die sehr viel Intelligenz verrieten. Eines Abends nach der Vorstellung lud ich ihn ein, mit mir eine Tasse Kaffee zu trinekn. Wir plauderten miteinander über verschiedene Probleme. Ich fragte ihn, ob er religiös sei und was für eine Religion er eigentlich habe. Tom schlürfte einen Schluck Kaffee und sprach: „In Afrika Mission. Im Mis- A u s l a n d e s leider mehr als fleißige und kluge E p i p o - n e n, denn als originale Dichter. Das gilt — mit Ausnahme h^s Ungarn Alexander Brody, dein in Budapest in diesen Tagen ein Denkmal errichtet wurde — von dem Holländer Heijermanns, den Engländern Israel Zangwill und David Sutro, den Amerikanern Glaß und Nichols, dem Dänen Nathansohn, dem Franzosen Henry Bernstein und dem Tschechen Reichenbach. Gairz unverständlich war es mir vor dem Kriege, daß das prächtige Stück des jung verstorbenen Brody „Tie Lehrerin", in Reinhardtschec Meisterinszenierung, nur von „Prominenten", vor allem Lucie Höflich (Titelrolle) hinreißend gespielt, dieser glühende, tiefinnerlich erlebte, echt-jüdische Kamps ums Recht, nur ein paar Mal aufgeführt werden konnte! Es war einer der schönsten Reinhardt-Abende, die ich je erlebte! — In merkwürdiger Weise kam die Wilhelminische Epoche hingegen dem lieblosen und hochmütigen Ironiker Karl Sternheim entgegen. Fast alle seiner kalten Satiren wurden von Reinhardt oder seinen Helfern in bewundernswerten! Darstellungen ans Rampenlicht gebracht und „füllten das Haus". Erst bei den Sternheim-Aufführungen der letzten Jahre blieb bezeichnenderweise der Erfolg aus. — Dabei hatte Reinhardt gerade unter den Berliner Schriftstellern stets reiche Auswahl. Alle Wichtigeren kamen auch schließlich, mit wenigen Ausnahmen, zu Wort. Fulda wurde wiederholt gespielt, sei es mit eigenen Werken, die vergänglich sind» sei es mit seinen Meisterübersetzungen, die bleibenden Wert haben. Immer in der Erinnerung werden mir auch die wundervollen Kammerspielaufführungen zweier Stücke „Niemand weiß es" und „Tie Königin" von Theodor Wo!lff bleiben, der jetzt als vielbeschäftiAer Chefredakteur des „Berliner Tageblatts" wohl leider keine Zeit mehr hat, für has Theater zu schreiben. Er beschäftigt sich wohl nur noch mit Politik!? Aber vielleicht werden, wenn dereinst einmal diese moderne „Politik mit ihren Folge- und Begleiterscheinungen vorüber sein wird, wieder die zarten und reinen Dichtungen des jungen Theodor Wolfs gespielt werden und an vergangene Zeiten erinnern, in denen echte Kunst noch einen breiteren Raum im Bewußtsein und Interesse der Oeffentlichkeit einnahm! Wenig bekannt ist es übrigens, daß der so früh verstorbene Leo Gr einer, der Autor des „Liebeskönig" und der Bearbeiter der „Lysistrata", einer von den Vertrauten Reinhardts, auch ein sehr feiner, viel zu wenig bekannter Dichter, ebenfalls Jude war. Und nicht immer wird daran gedacht, daß jüdische Dichter, deren Namen heute in aller STOILWERO<{ billig, tDohlSchmecJicncL. I. nahrhaft. sionshause Bilder: Jesus schwarz, ist Neger, Teufel weißhat weißes Gesicht. Ich guter Christ. Später ich kam' Europa, da ist Jesus weiß, Teufel aber schwarz. Ich nicht mehr Christ. Ich nur Mensch. Mensch kann wahr sein, Religion aber nicht wahr." Sind die Religionsgemeinschaften an solchen Urteilen nicht mitschuldig? Ter Arier. Eines Abends wurde ich von Zöglingen der alma mater angerempelt. Ich reagiere grundsätzlich aus solche Anpöbeleicn nicht, doch konnte ich nicht umhin, die Bemerkung „Barbaren" fallen zu lassen. Und setzte meinen Weg fort. Mer nach etlichen Sekunden bekam ich einen Hieb auf die Schulter. Ich drehte mich um und sah vor mir einen der drei Studiosi in grotesk kriegerischer Haltung. Ich zögerte nicht lange und versetzte ihm einen regelrechten Pxusthaken. Als ich weiter gehen wollte, torkelte mir der Hiebheld nach, salutierte vor mir und sprach ein wenig stammelnd: „Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie wären ein Jude." Ich sah das total verblödete Gesicht dieses durch Alkohol und Anschauungen vergifteten Menschen, und es reme mich, einen Augenblick mit ihm verloren zu haben. r *! Sprechsaal! * :: t t r r Für diese Aubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetiliche Verantroottung. Todesurteile Beckum, Wests., 2. Juli 1930. Sehr geehrte Redaktion! Durch die Presse geht die Nachricht, daß in Lemberg (Polen) drei junge Juden — ein Student der Chemie und zwei Handelsangestellte — auf Grund ihrer kommunistischen Gesinnung znm Tode verurteilt worden sind, ohne daß irgendwelche strafbare Handlungen von ihnen begangen worden wären. Wir haben eben noch in aller Entschiedenheit gegen die Vollstreckung der brutalen Todesurteile in Palästina gekämpft und haben in diesen Tagen auch unseren Abscheu gegen die Hinrichtungen in der französischen Kolonie Annam, wo Hervorragende annamitische Freiheitsführer, Gelehrte und Wissenschaftler einem verblendeten Imperialismus zum Opfer gefallen sind, ausgedrückt. Wenn wir jetzt in aller Deutlichkeit und Oeffentlichkeit um das Leben der drei jüdischen Kommunisten in Lemberg kämpfen, so wissen wir uns dabei, ohne irgendwie gesinnungsmäßig zu den Verurteilten zu stehen, mit allen Kämpfen für Recht und Menschlichkeit einig. Wir wissen, daß man mit Hinrichtungen und harten Bestrafungen eine Gesinnung nicht zu unterdrücken vermag. Die Liga für Menschenrechte teilt uns mit, daß sie telegraphisch bei der polnischen Regierung protestiert hat, damit die Hinrichtung der drei jüdischen Kommunisten auf Munde sind, zuerst von Reinhardt die Wege geebnet und die Bekanntschaft mit der Oeffentlichkeit vermittelt wurden, so z. B. Rehfisch, Franz Werfel, Bronnen (heute fanatischer Faschist!), Ernst Toller, Paul Kornfeld, Friedrich Kofska, Felix Joachimson. Für alle diese Autoren wurde zum mindesten erstmals eine gewisse Arrivierung von den Reinhardtbühnen her erstritten! Es würde ermüdend wirken, alle die vielen Stücke jüdischer Schriftsteller aufzuzählen, die am Deutschen Theater in Szene gingen, die Werke von Mqx Bernstein, L'Arronge, Pohl, Kalisch, Kadelburg, Moritz Heimann, Harry Kahn, Frank, Felix Holländer, Arnold Zweig, Julius Elias, Bicktz Baum, Else Lasker-Schüler, Hedwig Lachmann, Walter Turczinsky usw. usw. zu nennen, die Reinhardt bzw. seinen Helfern jo viel zu verdanken haben, und dann die jüdischen. Regisseure, Uebersetzer, Dramaturgen, Maler und Komponisten Reinhardts zu rühmen. Das Buch „Die Spielpläne Max Reinhardts" ist 91 Seiten stark; ich habe mich neulich damit beschäftigt, einmal der Kuriosität halber alles „Jüdische" daraus zu notieren und dabei 8 Folio-Seiten eng voillgeschrieben. Es wäre lächerlich, nun damit so etwas wie einen „jüdischen. Chauvinismus" zu innervieren. Alle Selbstbeweihräucherung ist nicht nur komisch, sondern auch gleichermaßen töricht und unwürdig. Derartige Narreteien soll man neidlos anderen überlassen. Reinhardt ist das Theater-Genie par excellence; ist Nur- Künstler. Als solcher international über allen Völkern, Sprachen, Meinungen, Moden, Zeiten und Anschauungen stehend. Seine größten Erfolge verdankt er, wie gesagt, seinen Klassiker-Erneuerungen, Transpositionen in den Geist unserer Zeit. Ihnen hat er seine meisten Mühm, den größten Teil seiner Arbeit gewidmet. Aber auch viele anderen modernen Dramatiker hat Reinhardt gespielt. Unzählige haben ihm viel zu verdanken. Sein imponierendes bisheriges Lebenswerk hat ebensowenig etwas mit dem Judentum als solchem zu tun, wie etwa Einsteins epochemachenden Entdeckungen und Forschungen. Daß sich Reinhardt so viel mit jüdischen Dichtern und Künstlern beschäftigen mußte, ist nicht etwa „jüdischen Instinkten" seinerseits zuzuschreiben, sondern lediglich der quantitativ größeren jüdischen Geistigkeit, die allen denen vorgehalten werden muß, die aus politischen oder anderen Gründen alles Jüdische herabziehen oder verkleinern möchten. Und das ist ja heute in Deutschland — nicht nur in Thüringen — große Mode!... Tr. Ludwig Davidsohn, Berlin.