Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 29 (16.7.1930)
- Date
- 1930-07-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 der Zionisten wird von Szanto mit sehr nüchternen Zahlen ad absurdum geführt. Etwa, wenn er von der Größe des Landes spricht: „Das Land Palästina, wie es später als englisches Mandatsgebiet den Zionisten zur Verfügung gestellt wurde, hat eine Ausdehnung von 23100 Quadratkilometern, esist somit etwa doppelt so groß wie der Freistaat Thüringen oder halb so groß wie Tänemark — also selbst für europäische Vorstellungen ein kleines Land. An asiatischen Begriffen gemessen, schrumpft diese Kleinheit zur. Winzigkeit zusammen. Tas syrische Mandatsgebiet ist 168 000 Quadratkilometer, also mehr als siebenmal so groß, Persien 4 645 000 Quadratkilometer, alsosiebzigmal so groß, Britisch - Indien 4 475,00(1 Quadratkilometer, also über zweihundertmat so groß wie Palästina." Taß schon aus Grund dieser Größenverhältrrisse Palästina niemals die Lösung der Judensrage bringen kann, daß selbst bei Zugrundelegung von Wunschbercchnungeu weit mehr Juden stets außerhalb als in Palästina leben werden, ist ja selbstverständlich. Und man braucht sich wohl nur daran zu erinnern, daß trotz aller zionistischer Anstrengungen und Geldausgaben heute noch mehr Juden in der einen Stadt Berlin wohnen als in dem ganzen Palästina, um zu erkennen, in welchem Verhältnis üie Reklame zur Wirklichkeit steht. So ergibt sich mit zwingender Logik, meint Szanto mit Recht, daß die Lösung der Probleme des Judentums nicht im Wölkenkuckucksheim des palästinensischen Zuknnstsstaates, sondern in seinen jetzigen Siedlungsgebieten erfolgen must. ocnrz und doch eingehend behandelt Szanto die Fragen der Einwanderung, des Verhältnisses von jüdischem und arabischem Nationalismus, der politischen Grundlagen. Ec verweist ouj die Bestrebungen zur Verwirklichung des SelbsibestimmungSrechtcs der Völler und kommt dadurch zu der logischen Schlußfolgerung, das; der zionistische Anspruch auf Palästina schon daran scheitert, daß dieses Land bereits von den Arabern bewohnt ist. Zutreffend bewertet er auch die Balsour-Dcllaration als „eine politisch-agitatorische Kriegsmaßnahme der Engländer". Und es entbehrt nicht eines piwirten Beigeschmacks, wenn er mehrfach als Kronzeugen für die Zwiespältigkeit der damaligen britischen Palästina-Politik sich auf keinen Geringeren beruft als auf den jetzigen englischen Premierminister Ramsay MacTonald, der ja als er noch Führer der Britischen Arbeiterpartei und noch nicht Premierminister war, sogar die Sätze schrieb: „Sollte die Baljour- Detlaration einer jüdisch-nationalen Heimstätte nicht nnr ungeschickt in ihrer Form, sondern auch unerreichbar in ihrem Ziel sein, so müssen wir uns ins Unvermeidliche fügen und sie fallen lassen." In seine: Schrift betont Szanto, wie wir es ^ruch hier häufig getan haben, daß selbilverständlicks die Ablehnung des nationaljüdischen Palästinaweries nichts zu tun hat mit der Stellungnahme zu einem reinen Siedlungsunternehmen. Er schreibt: „Hätten die Zionisten den Sieolungsgedanken in den Vordergrund ihres Programms gestellt niemandem wäre es innerhalb oder auß.erhalb der Judeni st: in de.: Sinn g.rennn?.:, dagegen zu opponieren. Palästina chs Zufluchtsstätte für einige hunderttausend (für mehr bietet es keine Existenzmöglichkeiten) heimatlose, verfolgte Juden unter Patronanz der Landesregierung — welch schöner Gedanke! Anstatt dessen verbreiteten sie die Illusion, als .könnten Millionen-Heere von Juden, das Gros der Judenheit in Palästina sicht einen eigenen nationalen Staat schassen und eiu eigenes völkisches Leben führen — eine groteske, eine unheilvolle Utopie!" Tie Quintessenz der'Schrift wird dann nochmals in folgenden Sätzen zusaminengefaßt: „Ter Zionismus ist nicht das ideale Streben einer unterdrückten und verfolgten Gemeinschaft, sich eine neue Heimat zu schaffen, sondern das unmögliche Unterfangen, auf ungeeignetem Gebiet und mit untauglichen Mitteln einen künstlichen Nationalismus zu produzieren. In seinem Mittelpunkt steht nicht der Siedlungsgedanke, gegen den kein Mensch etwas einzuwenden hätte und , der außerhalb Palästinas viel zweckmäßiger und erfolgreicher durchgeführt wird, sondern eiu nationalistischer Machtdünkel, der vor den Interessen anderer aufstrebender Völker nicht Halt macht. Er stellt nicht die Lösung des Judenproblems dar, sondern er durchkreuzt vielmehr die wirkliche, bereits im Gange befindliche Lösung, die im Gegensatz zu ihm nicht am Schreibtisch ausgeklügelt, sondern von der historischen und ökonomischen Entwicklung selbst eingeleitet wurde. Er ist nicht fortschrittlich, sondern reaktionär, er schasst nicht Friedensstätten, . sondern Brandherde, er führt die Juden nicht in die Freiheit der Welt, sondern in die Enge des Ghettos, erbringt nichts Neues, sondern will Ueberlebtes verewigen." Eine vortreffliche Aufklärungsschrift über die Gefahren des Zionismus ist nun vorhanden. Bleibt nur zu wünschen, daß sie in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen die Verbreitung finden möge, die sie verdient. Tann wird ein wesentlicher Schritt in der dringend notwendigen Aufklärungsarbeit getan fein, ein Schritt, der der Befriedung Palästinas, der Befriedung der Welt dieiüich fein wird. Und die unglaublichen Beispiele, die in der Schrift über die reaktionäre zionistische Politik in den jüdischen Gemeindestuben angegeben sind, sollte,: für alle deutschen Juden eine Mahnung' sein, bei den jüdischen Geineindewahlen am 30. November dieses Jahres den zionistischen Einfluß aus das Maß zurückzuschrauben, das ihm zukommt. Teshatd kann gar nicht dringend genug die Bitte ausgesprochen werden: Lest und verbreitet diese Schrift! B. W. Justiz und nationalsozialistischer Terror Tie sozialdemokratische preußische Landtagssraktion hat an die Staatsregierung folgende Große Anfrage gerichtet: „Während sich die blutigen Ausschreitungen der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende von .Tag zu Tag „lehren, behandelt die Rechtsprechung auch bei schwerwiegenden Folgen die Exzesse immer noch als Bagatellen. Hierdurch entsteht in der Bevölkerung das Gefühl, daß gegen Uebersälte und Mißhandlungen durch Nationalsozialisten ein wirksamer strafrechtlicher Schutz vom Staate nicht gewährt werde. Tiefes Gefühl wird bestärkt durch die Beobachtung, daß nationalsozialistische Angeklagte im Gerichtssaat ein außerordentlich dreistes und provozierendes Wesen zur Schau tragen dürfen, ohne daß dies von den sonst sehr strengen Gerichtsvorsitzenden gerügt wird. Als Einzelbeispiele aus jüngster Zeit sichren wir an: In der Berusungsverhandlnng des Schweidnitzer Prozesses führten die augeklaglen Nationalsozialisten förmliche Tumultszenen aus; sie verließen einmal aus Ansfordernng ihres Verteidigers Frank geschlossen den Berhandlungssaal. Ter Vertreter der Nebenkläger wurde von ihnen und den nationalsozialistischen Zeugen in jeder erdenklichen Weise als Jude besckstmpft und verhöhnt. Ter Vorsitzende Landgerichtsdirettor von Loesen war stets bereit, derartige Ausschreitungen zu überhören; er mußte in den schwersten Fällen erst durch Anträge des Staatsanwalts zur Verhängung von Ordnungsstrafen förmlich gezwungen werden, die auch bei den ärgsten Tumulten auffällig niedrig aussielcn. Tas Verhalten des Vorsitzenden ist um so auffälliger, als bereits die ungerügten Ordnungswidrigleiteu der Verhandlung erster Instanz Gegenstand lebhaftester öffentlicher Kritik gewesen waren. Ter nachsichtigen Verhandlungssührung entspricht durchaus das Urteil, daß die Absicht des L and frieden sbruchs be: den Angeklagten verneint, obwohl aus sieben Orten der nationalsozialistische Sturm eigens zur Sprengung der Reichsbannerversammlung zusammengezogen war.. Tie einseitige Einstellung des Gerichts kommt in der Urteilsbegründung klar zum Ausdruck, in der dem nationalsozialistischen Führer Hitler ein Loblied gesungen, seine „anständige und ehrliche Weite" gerühmt wird, obwohl Hitlers Erklärung von der „Gewaltlosigkeit" der Nationalsozialisten zu den offenkundigen Tatsachen, die sich allerorten ereignen, in schreiendem Widerspruch steht. In einem zweiten Fall hat die Strafkammer Köslin als Berufungsinstanz Nationalsozialisten freigesprochen, die im Februar 1930 als geschlossene Sturmabteilung vor Läden und Wohnungen jüdischer Bürger gezogen und dort nach einem Trommelwirbel im Takt „Juda verrecke" gerufen hatten. Tie vom Amtsgericht Belgard gegen die Täter verhängte sehr niedrige Geldstrafe von je 50 RM. hat die Strafkammer aufgehoben, da nach der Begründung des Vorsitzenden, Landgerichtsrat Blackstady, in dem Rufe „Juda verrecke" weder eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten, noch eine Beleidigung einzelner Juden gesehen werden könne. Derselbe Vorsitzende duldete es, daß die Angeklagten im Gerichtssaal den Faschistengruß machten. In einem dritten Fall hat die Strafkammer in Essen als Berufungsinstanz die von der ersten Instanz gegen die Nationalsozialisten Torny und .Heinrich van Hall wegen schwerer Mißhandlung jüdischer Bürger verhängte Strafe von je zehn Monaten Gefängnis in unverständlicher Milde ans je drei Monate Gefängnis herabgesetzt. Tas Strafmaß der ersten Instanz war, durchaus berechtigt, oa beide Angeklagte einschlägig und außerdem wegen genreiner Verbrechen vielfach vorbestraft sind: Torny achtmal, van Hall fünfmal. Wir fragen an: Ist das Staatsminisrerium bereit, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel dafür einzusetzen, daß nationalsozialistische (Gewaltakte vor Oiericht angemestene Sühne finden? Ist es ferner bereit, zu verhindern, daß das System der Einschüchterung aus die Gerichtssäle selber übergreift? Ist das Staatsminifterinm bereit, zu diesem Zweck die nötigen Anweisungen zu geben, damit der Zustand aufhört, daß sich nationalsozialistische Angeklagte, Zeugen usw. im Oierichtssaal als die eigentlichen .Herren aufspielen, während die Würde des Gerichtes dauernd verletzt wird?" * Die Arickschen Haßgebeke müssen aus den Schulen verschwinden Ter Staatsgerichtshof verhandelte am Freitag, den 1l. Juli, unter dem Vorsitz des Reichsgerichtspräsidenten Tr. Burncke über die „Schulgebete" des thüringischen nationalsozialistischen Kultus- und Innenministers Frist. Staatssekretär Dr. Zweigert, der als Vertreter des RnchsinneimiinifterS Dr. Wirth die Klage gegen den Schulgebeterlas; d:r thüringischen Regierung vertrat, führte aus, bic Reichsregie rung müsse aus eine autoritative Feststellung dringen, daß es nach der Weimarer Verfassung unter keinen Umständen statthaft sei, die Einrichtung von Schulgebeten parteipolitisch und zur Verletzung von Empfindungen Andersdenkender zu mißbrauchen. Dr. Frist hat als Exponent der Nationalsozialistischen Partei einen Kernpunkt aus deren Programm unter Mißachtung der Reichsversassung zum Inhalt von Schulgebeten gemacht. Er selbst ist in München wegen Beilsttst zum Hochverrat zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er wäre also von den thüringischen Lehrern aus eine etwaige Kinderfrage nach der Bedeutung der Gebete als Beispiel verdammenswertcr Verräterei zu nennen. Verletzt sind über den Kreis der unmittelbar Gemeinten hinaus alle, denen das Oiebet zu heilig ist, als daß sie es zur Magd der Paneipotitik herabgewürdigt sehen mochten, mithin in erster Linie die Bekenner der christlichen Konfessionen: verletzt alle, denen die seelisch-ethische Entwicklung unserer Jugend am Herzen liegt und die sich deshalb dagegen verwahren, daß den Kindern .Haß ins Gemüt gesät wird. Ter Ordinarius für praktische Theologie Prof. Eger Halle kennzeichnete, als Sachverständiger vernommen, die Frick-Gebete als Verstöße gegen das evangelische Empfinden, da sie Gott als Werkzeug höchst irdischer Haß- und Rachegesinnung in Anspruch nähmen; als Produkte einer unterchristtichen Stufe, über die Jesus die Menschheit ernvorg eh oben habe. Der Ordinarius für Moral und Apologetik Pros. Mausbach-Münster charakterisierte als der katholische Sachverständige die Frickschen Gebete als dem pharisäischen Typus zugehörig. Für die verklagte thüringische Regierung, erklärte Ministerialrat Gerstenhauer, mit den „art- und volksfremden Elementen" würde nur eine der Ursachen der deutschen Volksnot bezeichnet; mit den „Votksverrätern" könnten die Juden nicht gemeint sein, weit Verratsverbrechen zu 90 von Deutschen begangen worden sind. Fricks mündliche gegen die Juden gerichteten Kommentare seien nur daraus zurück- Nachwort zum Reinhardt-Jubiläum Tie allerorts abgehaltenen Mar Reinhardt-Feiern sind verklungen. Ein gütiges Geschick ha: der deutschen Kunst — und nicht nur dieser! — mit der Sendung dieses einzigartigen Künstlers und Organisators eine praktische Probelektion über das oft diskutierte Thema „Das Wesen des Genies" gehalten. Wobei auch wieder an die Teilwahrheit „Genie ist Fleiß" erinnert werden muß. In unzähligen Aufsätzen, Artikeln, Schriften ist im In- und Auslande auf die Bedeutung, das Wesen und die Verdienste des großen Mannes hingewiesen worden. Am schönsten und wertvollsten ist das prächtige große Tafelwerk „Max Reinhardt, 25 Jahre Deutsches Theater" und „Die Spielpläne Max Reinhardts", die der Münchener Verlag R. Piper & Co., allerdings erst nach dem Fest, herausgebracht hat. In 267 ausgezeichnet reproduzierten, meistens bühnenhistorisch ungemein interessanten Abbildungen werden die Entwicklung und der Aufstieg der von Reinhardt geleiteten Theater geschildert. Zu Beginn ist die schöne, gedankenreiche „Rede über die Schauspieler" von Reinhardt, die wir neulich erweitert und variiert, von ihm selbst vorgetragen, im Rundfunk hörten, abgedrnckt. Tann folgt ein lebendiger und fesselnder, historisch orientierter Essay Arthur Kahanes, des Dichters, der seit fast einem Menschenalter Reinhardts Dramaturg und Freund ist. Aufsätze von Heinz Herald und .Hans Rothe folgen. Im großen Chore der Stimmen und Zeugnisse über den deutschen Bühuengenius sind diese Ausführungen besonders instruktiv und kenntnisreich, da sie von den nächsten Mitarbeiter,^ Reinhardts stammen. Auch einige neue, in England, Amerika und Oesterreich erschienene Würdigungen sind willkommene Beiträge zur jetzt schon außerordentlich umfangreichen Reinhardt- Literatur. Tenn die Bedeutung und Wirkung dieses überragenden Mannes, — Menschen dieses Formats kommen nur alle paar hundert Jahre einmal zur Welt! — ist nicht auf Deutschland beschränkt. In viele Länder hat er seine Kunst getragen und ist ein „director mundi" geworden, nicht nur weil er durch die Kraft der Persönlichkeit von seinen deutschen Bühnen aus das Theater jeder Zunge reformiert hat, sondern auch, weil er Drang und Aufgabe in sich spürte, seine Arbeit und Schöpfung in die fernsten Teile der Erde zu tragen. Und damit unendlich viel zur Bölkerannäherung und -Versöhnung zu tun! Tas Wort: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze" gilt für Reinhardt nicht. Er nimmt schon beute in der deutschen Kulturgeschichte einen festen Platz ein und seine ganze Bedeutung wird im Gegenteil sogar erst die Nachwelt völlig ermessen und werten können. Vieles von dem, was er zum ersten Mal einführte, ist ja heule längst Allgemeingut der praktischen Theaterästhetik geworden! Ten unzähligen, zum Teil von sehr berufenen Federn stammenden Reinhardt-Würdigungen soll hier keine neue hinzugefügt werden. Sondern es soll einmal kurz skizziert werden, was dieser überragende Mann, der mit seinem bürgerlichen Namen Goldmann heißt, als Förderer jüdischer Dichter geleistet hat. Von diesem Thema ist bisher noch nirgends die Rede gewesen. Taß u. a. Otto Brahm, der Bühnenrevolutionär, Reinhardts Lehrer, Samuel Fischer, der verlegerische Initiator der ganzen modernen Literatur, und viele andere erfolgreiche Neuerer in Kunst, Wissenschaft und Kultur gerade Juden sind, ist natürlich kein Zufall. Tie wenigen Geistigen unter denen, die eine Aversion gegen altes „Semitische" propagieren, vergessen gar zu gern, diese segensreiche und fruchtbare Seite des „Jüdischen", das obwohl an und für sich gerade traditionsgebunden, doch stets die geistige Beweglichkeit hatte, um das Morsche und Entwicklungshindernde aller Tradition zu erkennen und zu überwinden. Taß man bisher von „Reinhardt als Juden" so gut wie gar nicht sprach, liegt natürlich in erster Linie an der Tatsache, daß dieser Mann der menschlichen Gesamt-Kultur ganz und gar angehört und für die jenseits aller bevAlkerungsgruppenmäßigen Differenzierung stehenden Geistesheroen mehr getan hat, als je ein Mensch vor ihm. Vergegenwärtigen wir uns nur einmal eine recht interessante Spielplan-Statistik: Reinhardt hat in dem Vierteljahrhundert seiner Tirektionstätigkeit etwas über 450 verschiedene Stücke gespielt, in mehr als 25 000 Theatervorstellungen. Tavon entfällt der größte Anteil auch aus den größten Dramatiker der Menschheit. Shakespeare wurde in mehr als 2500 Abenden gespielt, dann kommt Shaw (ca. 4200 Abende), Wedekind (fast ebensoviel)? Hauptmann (etwa 4000 Abende), Goethe (ca. 800 Abende), Schiller (ca. 700 Abende), Strindberg und Tolstoi (etwa je 500 Wende, Moliöre (350), Ibsen, Hebbel, Sternheim (je ca. 360), Kleist, Hofmannsthal, Georg Kaiser (je ca. 200), Schnitzler (430). Tie meiste Arbeit Reinhardts galt also der Erneuerung der Klassiker. Ungeachtet dieser Hauptleistung bat aber der unerreichte Bühnenleiter ein nie versagendes Ohr für alle Stimmen moderner Dichtung gehabt und sämtliche Dichter, deren Werke wirklich eine Bereicherung der dramatischen Literatur bildeten, zu Woret kommen lassen. Daß hierbei natürlich auch gerade sehr vielen jüdischen Dichtern zu Ruhm und Anerkennung verholfcn wurde, liegt in der Natur der Tinge. Tenn die Juden, das „Volk der Händler", wie Sombart irrend sagt, noch nicht ein Prozent der Gesamtbevötkerung ausmachend, stellt in kulturellen und geistigen Sphären eben ein bißchen sehr viel mehr als bloß ein Prozent! In erster Linie hat Reinhardt den tiefsten und liebenswertesten jüdischen Dichter der Gegenwart in mustergültigen Aufführungen bekannt gemacht. Richard Beer-Hofmann! Dem „Grafen von Charolais" (1905) und „Jakobs Traum" (1920) galten unvergeßliche Inszenierungen. Ter „Charolais", schon im ersten Jahre der Reinhardtschen Aera in einer herrlichen Aufführung gezeigt, mit Kayßler, Steinrück, von Wintersteist, Reinhardt selbst als „roter Jtzig", Lucie Höflich etc. war merkwürdigerweise kein überragender Erfolg. Das Publikum merkte nicht, daß es sich hier um wertvollste Dichtung unserer Zeit handelte. Auch die geistvollen, anmutig-melancholischen Stücke seines Wiener Landsmannes Arthur Schnitzler brachten es nur zu einer kleinen Aufführungsziffer. Nur wenige intime Arbeiten Schnitzlers, nämlich „Abschiedssouper", „Schleier der Pierette", „Komödie. der Werte" (Kammerspiele), „Anatol" und „Parazelsus" gingen bei Reinhardt über die Bretter. Tie größeren Stücke Schnitzlers, die z. T. auch Serien-Erfolge wurden, überließ Reinhardt anderen Direktoren. Es scheint, daß. er, obwohl selbst in Wien ausgewachsen, nicht das rechte Verhältnis zu den weichen, ein bißchen müden Wiener jüdischen Dichtern fand. Von Felix Salten wurden nur drei Werke gespielt, von Egon Friedell und Alfred Polgar nur einige Bearbeitungen. Trebitsch, Rudolf Lothar, Schall, Friedmann, Auernheimer, die selbst hübsche Lustspiele schrieben, nützten Reinhardt hauptsächlich als Kulturmittler, als Uebersetzer von Shaw, Courteline Galsworthy usw. Einen der Bedeutendsten des Wiener jüdischen Kreises, Hofmannsthal, spielte Reinhardt vor allem in der Vorkriegszeit sehr häufig, mit großem Erfolg; ja dieser Dichter zählte sogar zu den' „Hausdichtern" des Deutschen Theaters. Nach dem Kriege wurde aber der Wiener Poet völlig vernachlässigt und hat in seinen letzten Lebensjahren schwer darunter gelitten. Im allgemeinen ist das Publikunr ja nicht sehr kritikfähig. Es bejubelt oft ephemere Erscheinungen und geht an Großem verständnislos vorüber. Eine geistige Po;tenz vom Range Reinhardts kann natürlich erzieherische Wirkungen ausüben;er hat es auch häufiger und nachhaltiger getan, als irgendein anderer Berliner Bühnenleiter. Mitunter freilich