Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 29 (16.7.1930)
- Date
- 1930-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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°0 WjschKberaleZeikmL Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Iverantworkl. Redakteur: Bruno Woyda. Die Vereinigung für dar liberale -udenlum übernimmt nur für diejenigen Aufsätze, die ausdrücklich als in ihrem Namen oder in ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet find, die Verantwortung. Alle anderen Artikel. Aeuherungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Die «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Mittwoch. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Fernruf: Bergmann 3358, 335S Postscheckkonto: Berlin 31 ID 7, 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum! Nachdruck sämtlicher Original-Leiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. üezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich ZR. 3.—! Einzelnummer 0.25. Bei freier Zusendung i. Inland 0JO Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis! im Mitgliedsbeitrage enthalten. 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Leo Baeck hat in seiner wunderbaren Rede, die er zur Berliner Weltkonserenz hielt, mit Recht ausgesührt, daß gerade die Tatsache des Unfertigen, Ringenden, Suchenden auch die Schwierigkeit für denjenigen Liberalen in sich birgt, der es wirklich! damit Ernst nimmt, Dinge zu erkennen und Erkenntnis in Tat umzusetzen. Darum nt es immer wieder nötig, daß Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Lebensbedingungen sich miteinander über diese Tinge aussprechen. Das Problem wie „Gott und Mensch", das Problem der persönlichen Religiosität, die u. a. auf der Tagesordnung stehen, sind gewiß Fragen, die niemals fertig werden und in denen Der eine den andern wohl kaum überzeugen wird. Wir sind aber auch; lein Sy ritz edrium, das fertige Antwort ans bestimmte Fragen geben soll, sondern wir wollen nur aufrüttelu und immer wieder die Verpflichtung vor Augen führen, über materiellen Trugen des Lebens die Seele nicht zu vergessen und Wissen und Gewissen miteinander in Einklang zu halten. So sollen diese Tage Anregung sein zu eigenem Nachdenken und sie sollen das Gewissen schärfen. Aber auch, auf praktischem Gebiet wird die Arbeit sein. Gegen das letzte Jahr hat der organisierte Liberalismus Fortschritte gemacht, nicht nur auf dem Gebiet der angelsächsischen Zungen, sondern auch in Mitteleuropa. «Vor allem wird das Problem der Verbreiterung religiösen liberalen Judentums unter der gewaltigen Menge der Ostjuden ernsthaft zu besprechen sein. Selbstverständlich! handelt es sich hier nicht um Proselytenmacherei bei der Orthodoxie, wohl aber um die Erörterung der schwierigen Frage, den großen Massen, die von der Orthodoxie abgesällen sind, aber gefühls- und standesmäßig sich beim Judentum halten wollen, eine breite religiöse Grundlage zu erhalten bzw. neu zu schaffen. Schon die Erwähnung dieses Problems zeigt seine riesige Bedeutung; aber auch die Vorsicht, mit der man es anfässen soll, die Schwierigkeiten, die sich seiner Verwirklichung entgegensteUen. Wer aber hier die Vorgänge in Deutschland beobachtet und weiß» da trotz aller Versuche, aus politischen Gründen eine Scheidewand zwischen Ostjudentum und Liberalismus aufzurichiten, doch das Bestreben zahlreicher großer Kreise unserer ostjüdischen Brüder dahingeht, dem religiösen Judentum sich zuzuneigen, der wird zugeben müssen, daß erst recht in den Ländern jüdischer Mässensieolungeir eine Ausgabe vorliegt, die der geeinten Arbeit aller liberalen Juoen würdig ist. Ter geeinten Arbeit! Und damit komme ich aus die Bedeutung der Konferenz, die ich am höchsten schätze. Gewiß sind große Gegensätze im liberalen Judentum, auch in der Auffassung liberaler Tinge große Gegensätze, so wie man sie etwa in einem Zionisten-Kongreß findet; aber ebenso darf betont werden, baß, das Zusammenkommen dieser Menschen, um etwa die größte Spanne sestzusetzen, aus Wien uns Chicago, die Gegensätze nicht etwa vertieft hat, sondern im Gegenteil das erhebende Bewußtsein in uns geweckt hat, daß die Gegensätze nur Gegensätze der Quantität »der Gegensätze des Wesens sind, daß. aber diese Verschiedenheit federleicht wiegt gegenüber dem großartigen Bewußtsein der Einheit der Herkunft und der Einheit des Schaffens. Gerade wir deutschen Juden haben immer wieder erfahren dürften, daß. der deutsche Liberalismus, obwohl in vielen Einzelheiten schon verlassen und überholt, der ganzen Anlage und der ganzen Problemsstellung nach Richtung gebend ist und bleibt. Bon hier aus ist! die Frage der religiösen Entwicklung, die Frage des Ausgleichs zwischen Leben und Lehre, die Frage des Verhältnisses von Individuum und Gemeinschaft, erstmalig in der neuen Zeit — beileibe nichterstmalig im Judentum überhaupt — wieder aufgerM worden. Tie praktischen Fragen haben sich in viele Einzelheiten gespalten, die Problemstellung ist grundsätzlich die gleiche geblieben. Tiefes Bewußtsein gemeinsamen seelischen Erlebens und seelischen Ringens, die Ueberzeugung, einem gemeinsamen Ziele Veltverbandes §uzustreben, birgt jenes beseeligende Bewußtsein in sich, einer großen Gemeinschaft anzugehören, für die zu leben und zu arbeiten sich! verlohnt. Tiefem Bewußtsein einen neuen Austrieb zu geben, damit wir von ihm zehren <in den Jahren kleiner und kleinlicher Einzelarbeit, ist die größte und bedeutsamste Aufgabe der WeMvuferenz. Wir sind Menschen! Und Menschen sind es, zu denen wir aussehen wollen uno an denen wir uns empornchten möchten. Wohl uns, daß an der Spitze unserer Arbeit zwei Persönlichkeiten stehen, denen wir in nimmermüder Dankbarkeit und Verehrung zugetan sind. Lily H. Montagu hat auch diese Konferenz mit der ganzen Liebe ihres großen Herzens vorbereitet und mit ihrer wunderbaren Arbeitskraft bis in alle Einzelheiten ausgestaltet. Claude Montefiore, der geborene Führer der Bewegung, wird die Konferenz eröffnen. Erst vor wenigen Tagen hat er ein Zeichen seiner un- Der Zionismus Ein Jahr etwa ist vergangen, seit durch die Unruhen in Palästina Blitzartig die durch den Zionismus geschaffene Situation im Heiligen Lande beleuchtet wurde. Trauer wird wach, wenn man sich all der beschämenden Vorgänge erinnert. die das „Heilige Land" profanierten. Haben die damaligen Ereignisse wenigstens die Gewahr zur Folge gehabt, daß in Zukunft friedliches Zusammenleben der Einwohner Palästinas ermöglicht werden wird? Man muß diese Frage leider mit sehr viel Skepsis beantworten. Die Zionisten haben aus den blutigen.Ereignissen nichts gelernt, die Araber sind zu einem Nachgchen nicht bereit und die zuständigen politischen Gremien wollen den gordischen Knoten durch diplomatische Künste zur Lösung bringen. Die Britische Mandatsmacht untersucht, der Völkerbund untersucht — und wenn am Ende all diese Untersuchungen auch gewiß ein Eiudämmen der zionistischen Bestrebungen durch Verwaltungsanordnungen zur Folge haben werden, eine wirkliche Klärung und Befriedigung wird, muß man leider befürchten, nicht das Ergebnis sein. Nur durch die britischen Bajonette, nicht aber durch den Willen der Landesbevölkerung herrscht heute, vergleichbar einem schwelenden Feuer, äußere Ruhe in Palästina. Daß Bajonette aber auf die Dauer kein Garant des Friedens sein können, ist eine Binsenweisheit. Was können in dieser Situation die nichtzionistischen Juden tun? Sie müssen sich an ihre Verpflichtung erinnern, der Oeffentlichkeit ein wahres Bild über das Wollen der Juden in Bezug auf Palästina zu geben. Gerade in der jetzigen Zeit, in der bei den Verharrdlungen immer wieder von maßgeblichen Instanzen der zionistischen 'Organisation und leider auch der Jewish Agency der irrige Eindruck erweckt wird, als ob das zur feststehenden Phrase gewordene „jüdische Volk der ganzen Welt" dem zionistischen Werk huldigt, ist es von entscheidender Bedeutung, daß endlich in der Oeffentlichkeit gegenüber der Mandatarmacht und dem Völkerbünde, gegenüber den Arabern und den Nichtjuden der verschiedenen Länder klar und eindeutig von den nichtzionistischen Juden ihre Ablehnung des Zionismus zum Ausdruck gebracht wird. Deshalb ist besonders begrüßenswert eine Schrift, die in den letzten Tagen erschien, und eine vernichtende Kritik des zionistischen Werkes darstellt.*) Diese Schrift wendet sich zwar vorwiegend an polittsch links gerichtete Kreise, sie ist aber weit darüber hinaus lesenswert für alle Juden und Nichtjuden, die mit der Judenfrage und insbesondere dem Zionismus sich zu beschäftigen Anlaß haben. Was Szanto mit seiner Schrift will, ergibt sich eindeutig aus den ersten Sätzen seines Vorwortes: „Obwohl über den Zionismus und über die jüdische Kolonisation in Palästina eine umfangreiche Literatur vorhanden ist, herrschen in den nicht unmittelbar daran interessierten Kreisen erstaunlich viel falsche Anschauungen über diesen ganzen Fragenkomplex. Als im August 1629 die Kunde von blutigen Kämpfen zwischen Juden und Arabern die Welt durcheilte, wurde es vielen zum ersten Male klar, daß die zionistischen Bestrebungen Probleme ausgelöst haben, deren Lösung überaus schwierig ist und die eine Überprüfung der bisherigen, von einem erheblichen Teil der öffentlichen Meinung gut geheißenen Entwicklung in Palästina notwendig machen. Zahlreiche links stehende Publizisten brachten damals auch in mehr oder weniger deutlicher Weise ihre Skepsis gegenüber der These vom fortschrittlichen *) Alexander Szanto: Ter Zionismus eine nationalistische und reaktionäre Utopie. Verlag Aufklärung und Fortschritt G.m.b.H., Berlin. Preis 1,50 RM. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. gebrochenen Arbeitskraft gegeben, indem er ein neues großes Wert über die rabbinische Literatur und die Evangelien herausgegeben hat; eine Fortsetzung seines Lebens.verles, welches dahingeht, die jüdische Urquelle der Tochterceligion in ihrer reinen Gestalt aufzudecken. Wieviel er dadurch, zur Weltgeltung des Judentums mit beiträgt, wieviel letzten Endes dieses Verstehen gemeinsamen Ursprungs auch äußere Kämpfe zwischen Judentum und Christentum auszugleichen in dev Lage ist, wird erst die Zukunft ganz erfassen. Wir danken ihm und danken Gott dafür, daß er ihn kraftvoll erhalten hat, das lebendige Vorbild eines Mannes, der zugleich das! Wissen eines großen Gelehrten und die Bescheidenheit und das gütige Herz des großen Menschen sich bewahrt hat. Im Anschluß, an die Konferenz wird zum erstenmal eine Zusammenkunft oer liberalen Jugend der Welt und der liberalen Frauen statt,inden. Auch von diesen beiden Zusammenkünften dürfen wir vieles erwarten. Tie Saiten sind gestimmt, möge ein voller Akkord ihnen entströmen, eine Harmonie aus diesen Tagen erklingen, die nichit nur unserer Bewegung, sondern dem gesamten Judentum und der Menschheit zum Segen gereicht. — eine Utopie Charakter und der zivilisatorischen Mission des Zionismus, zum Ausdruck. Die vorliegende Schrift will nun unter Verzicht auf alle Illusionen und jegliche Schönfärberei den Beweis führen, daß der Zionismus in seinem Kern eine durchaus nationalistische unb reaktionäre Bewegung ist, die noch dazu durch ihre völlige Aussichtslosigkeit und ideologische Verrannitheit den Charakter einer Utopie erhält. Im Gegensatz zu den zionistischen Publikationen, die meist im Gefühlsmäßigen wurzeln und durch Hervorkehrung von Imponderabilien zu blenden suchen, sollen in den folgenden Kapiteln vor allem Tatsachen, Zahlen, authentische Urteile dem Leser ein sachliches Urteil über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Zionismus ermöglichen. Das ist vielleicht das wertvollste der kleinen Schrift: daß hier der Zionismus nicht als isoliertes Geschehen, als ein „Sonderfall der Weltgeschichte" gewertet wird, sondern hineingestellt wird in die Gesamtheit der Ereignisse der Jetztzeit. So wird die Entstehung des Zionismus eingehend untersucht und auf Grund dieser Prüfung die zionistische Bewegung als jüdische Abart des Nationalismus gekennzeichnet. Freilich ergibt sich dann sehr bald das Utopische der zionistischen Bestrebungen: „Der Jüdische Nationalismus gehört nicht in die Reihe der großen und in ihrem Kern berechtigten nationalen Volksbewegungen, er ist vielmehr eine unglückselige Parodie, eine Schimäre, ein Versuch zur künstlichen Wiederherstellung eines vor Jahrtausenden bestandenen Zustandes, bestenfalls eine „romantische Marginalie" der Weltgeschichte." Szanto bleibt für keine seiner Behauptungen den Beweis schuldig. Er verweist darauf, wie irrig es ist, gemeinsame Abstammung als das weseulliche Kennzeichen einer Nation anzusehen, und daß den Juden Wesentlichstes, so insbesondere die gemeinsame Sprache, fehlt, um als Nation angesprochen zu werden. Mit Recht spricht er im Hinblick auf die Propagierung des Neu-Hebräischen in diesem Zusammenhang von der „grotesken Idee der Nationaljuden, eine tote Sprache wieder zum Deben zu erwecken". Und man müß ihm bedingungslos züstimmen, wenn er forlsährt: „Hier tritt ganz besonders kraß der Unterschied zutage, der heu künstlich gezüchteten jüdischen Nationalismus von den echten nationalen Bewegungen unterscheidet, die gerade aus dem tebenswarmen, in ständiger Entwicklung begriffenen natürlichen Sprachgut der breiten Bolksmassen ihre Kraft ziehen." Das Ergebnis der Prüfung lautet denn auch bei Szanto: „Zur Nation können die Juden nur auf künstlichem Wege geprägt werden." Aber weit wesentlicher als diese mehr theoretischen Erörterungen, obwohl auch ihnen eine entscheidende reale Bedeutung zukommt, sind die Ausführungen über die Aussichten des Zionismus. Szanto weiß, daß die Folge des Zionismus, wenn ihm die Verwirklichung seiner Absichten gelänge, dies sein müßte: „Eine Isolierung im Weltmaßstäbe: das Ghetto eines eigenen Judenstaates." Aber er weiß Ebenso, daß in der realen Welt der Tatsachen Aussichten für das Gelingen des Zionismus nicht gegeben sind. Als Motto .setzt er dem Abschnitt seiner Schrift, der sich mit diesen Aussichten befaßt, ein Zitat von Karl Kautsky voran, das von allen Erfahrenen nur als zu wahr empfunden werden muß: „Der Zionismus wollte einmal eine Bewegung jüdischer Proletarier werden, er wird immer mehr ein bloßer Sport jüdischer Philantropen und Literaten. Noch weniger als der Antisemitismus kann sein jüdischer Widerpart je zü großen praktischen Resultaten kommen, dazu stehen seine Ziele zu sehr im Gegensatz zu den gegebenen materiellen Bedingungen. Er wird stets nur viel Geschrei machen können und wenig Wolle produzieren." Dieses reklamehaste Geschrei