Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 10 (1930)
- Issue
- 28 (9.7.1930)
- Date
- 1930-07-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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10. Jahrgang Nummer 28 Beilage S. Juli 1930 MlschÄeraleZeMU Umschau Antisemitische Ausschreitungen in Rumänien. Ter neue König von Rumänien Carol II. hcL sofort nach seiner Thronbesteigung in mehrfachen Proklamationen die Versicherung abgegeben, daß. er mit den judengegnerischen Ausschreitungen in Rumänien endgültig Schluß zu machen gedenke und für Nahe und Ordnung zu sorgen bestrebt sein werde. Es ist zu hoffen, daß diese Versicherung recht bald in die Praxis um gesetzt werden wird. Einstweilen benutzen die rumänischen Antisemiten offensichtlich noch nach Kräftigung alle Möglichkeiten ihrem Judenhaß, durch vandalische Taten Genüge zu tun. Tie ununterbrochene Reihe terroristischer Akte, die die Anhänger des antisemitischen Abgeordneten Cuza in allen Teilen Alt- und Ncu-Rumäniens seit mehreren Wochen gegen die jüdische Bevölekrung verüben, wurde in der Nacht zum 5. Juli durch eine grauenvolle Tat übergipfelt. Eine Gruppe Cuzisteu drang in das transsylvanische Städtchen Borscha, das bereite vor einigen Wochen Schauplatz terroristischer Pogromversuche war, die aber durch die jüdische Einwohnerschaft abgewehrt wurden, ein, und legte an mehreren Stellen Feuer an. Bei der herrschenden Hitze und Trockenheit griff das Feuer rasch um sich, so daß nach wenigen Stunden fast das ganze Städtchen ein einziges Flammenmeer bildete. 128 ausschließlich vo,l jüdischen Familien bewohnte .Häuser brannten bis ans den Grund nieder, mehr als 2000 jüdische Seelen sind obdachlos und der äußersten Not preisgegeben, da aus den Wohnuugen uud den Läden nichts in Sicherheit -gebracht werden konnte. TaS Elend und die Panik unter der jüdischen Bevölkerung von Borscha sind unbeschreiblich. In Marmaros Szigct bildete sich sofort ein Hilfskomitee, welches sich telegraphisch ail das europäische Büro des American Joint Tiftribution Eomliiittee in Berlin sowie ay das Berliner Büro! der American Joint Reeonstruetion Foundation mit der Bitte waridte, sofort rillen Betrag zur Linderung der dringendsten Not zur Vcrsiigung zu stellen. Tie Resolutionen der Tagung der jüdischen Handwerker. lieber den neunten Verbandstag der jüdischen Handwerker Deutschlands haben wir bereits in unserer Nummer 22 ausführlich berichtet. Wir tragen diesem Bericht nachstehend noch die beideil Resolutionen nach, dse zu dem Hauptreferat zur einstimmigen Annahme gelangten. 1. Resolution zum Referat „.Hilfe für den gewerblichen Mittelstand durch Ausbau und Zusammenschluß der jüdischen Kreditinstitute": Tie wirtschaftliche Entwicklung der Nachkriegszeit hat den jüdischen Mittelstand besonders hart getroffen. Tie zunehmende Verarmung breiter Kreise des Mittelstandes vernichtet immer mehr Existenzen. Ter 9. Verbandstag sieht in der Schaffung jüdischer Tarlehnskassen und Kreditgenossenschaften eines der Mittel, diesem Verelendungsprozeß eutgegenzuwir- Icn. Ter Berbandstag fordert deshalb von den jüoichen Gemeinden und Landesverbänden 1. die beschleunigte Bereitstellung von Gemeindemitteln zur Gründung von Darlehnsuud Kreditkassen sowie zur Stärkung der bereits bestehenden Kre- Lebensnähe Zur Diskussion über I. Während Bruno Wohda in seinem Vortrag besonders das „Ob" und „Worin" seines Themas erörtert hat, möchte ich mich hier mit dem „Me" befassen. Zwei Wege können zur Beantwortung dieses „Wie" eiugeschlageu werden: der eine, wohl öfter begangene, ist meines Erachtens jedoch ein Holzweg, allerdings ein rocht bequemer; er heißt „der einzellle soll", „der einzelne muß" usw. Tie Tätigkeit des Einzelnen lmag ebenso religiös wie lebensnah sein, mit Lebensnähe der Religion hat das aber wenig zu tun, nur mit Lebeusnähe des einzelnen religiösen Menschen. Und hierin hat dieser einzelne in solchem Grade freie Hand, daß man hier keine anderen Richtlinien aufstellen kann als die allgemeinen sittlichen Maximen, die für jeden gelten. Ter andere Weg ist die geschlossene Betätigung der Religionsgemeinschaft der Kirche. Man wird einwenden, daß, analog zu dem obigen Satz, es sich) hier um Lebensnahe der Kirche, nicht der Religion, handelt. Darum kann es sich doch aber nur handeln, die Religion selbst kann ja nicht lebensnaher gemacht werden, als sie einmal ist, nur ihre Trägerschaft, nicht die einzelnen nebeneinander, sondern das tragende Ganze. Uub für deren Lebensnahe scheint mir eine, ja die wesentliche Voraussetzung noch nicht erfüllt zu sein, in der christlichen Kirche noch weniger als in der jüdischen. Das Wort Lebensnahe hat zwei Bedeutungen: 1. überhaupt , Beschäftigung mit dem Leben und 2. Förderung des frischen Lebens, Mitschassen an der Gegenwart. Zweifellos meinen wir das Letztere, sonst wäre ja die mittelalterliche Kirche, die, wo sie nur konnte, hemmend in das neue Leben ihrer Zeit eingriff, in unserem Sinne lebensnah gewesen. Um lebensnah in dem geforderten Sinne zu sein, ist eins nötig: Unabhängigkeit der Kirche. Los von dem Gebilde, das seiner Natur nach das Neue höchstens nachträglich annehmen kann, weil es sich notwendigerweise auf eine feste Organisation gründet, selbst eine sein muß, los vom Staate. Es bedarf keiner theoretischen Erörterungen, die Geschichte liefert das Beweismaterial: Man meint gewöhnlichim Mittelalter hat die Kirche den Staat beherrscht. Ich möchte behaupten, nie hat die Kirche schlimmer unter der Herrschaft des Staates gestanden, als dort wo sie seine Fahne war, seinen Interessen diente, durch Personalunion mit ihm verbunden war und von ihm unterstützt wurde. Damals stand sie „dem Leben nahe", trat ihm zu nahe. Ter Weg der geistigen Entwicklung der Menschiheit ist im Mittelalter durch die Scheiterhaufen markier^, die die Kirche und der Staat im Verein errichtet haben. Solange die Kirche mit dem Staat verbunden ist, solange sie finanziell und in der Verwaltung von ihm gestützt wird, wird sie mit ihm gehen, und ihre Priester werden gegebenenfalls seine Massen segnen. Ist es nicht bezeichnend, daß die Freundschaftsarbeit der Kirchen gerade jetzt beginnt, wo der Staat ditinstitule. 2. Möglichkeiten zum Zusammenschluß der bestehenden Kreditinstitute zu schassen, um damit einen Fiivnzausgleich zugunsten der Mitglieder schwächer gestellter Gemeinden hcrbeizuführen. 3. Ten Anschluß an Institute benachbarter Gemeinden durch Ueberwcisuug von Gemeindemitteln, wo Kleiugemeiuden die Gründung eigener .Kreditkassen nicht durchführen können, l. zur Erleichterung bei der Kreditbeschas sung nicht nur die Bürgschaft Dritter, sondern auch die Zession von Aufträgen, sowie Uebereignung vo'n Gegenständen aller Art als Sicherheiten entgegenzunehmen. 2. Resolution zum Referat: „Eigenbetriebe ooer Ausbau Hilfe in den Gemeinden". Ter um seine Existenz schwer rin gende gewerbliche Mittelstand erblickt in der Einrichtung von Eigenbetriebcn durch die öffentliche Hand eine schwere Schädi gung seiner Lebensinteressen. Tie Erfahrungen haben gelehrt, daß derartige Regiebetriebe unwirtschaftlich arbeiten und nur durch erbebliche Zuschüsse künstlich am Leben erhalten werden. Auch wird der angeslrebtc Zweck, die Produktioierung der Ar beitslosensnrsorge, in nur sehr beschränktem Maße erreicht, da nur ein geringer Prozentsatz der Erwerbslosen untcwge bracht werden kann: ein Erfolg, der in keinem Verhältnis zu der Höhe der aufzuwendenden Mittel steht. Ter jüdische gewerbliche Mittelstand als Träger eines großen Teilesder Lasten, ans denen die Gemeinden die Kosten ihres Haushaltes bestreiten, erblickt iir der Einrichtung derartiger Bet,'riebe nicht nur eine Schädigung seiner Interessen, sondern zugleich eiu,e Verschleuderung von Stcuergeldern. Ter Zentralverband jüdischer Handwerker Teutschlands als organisierter Teil dieses gewerblichen Mittelstandes sieht in der Einrichtung solcher Be triebe eine mittelstandsseindliche Maßnahme und fordert ans den oben angeführten Gründen, daß von derartigen Gründnu gen in allen jüdischen Körperschaften grundsätzlich Abstand gcnonnneu wird. Inventarisation der jüdischen Kunstdcnlmäler. Tie Ge sellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdcnknläler, die |cit mehr als 30 Jahren auf diesem Gebiete arbeitet, hat auch den Anstoß zur Tmkmalsaufnahmc bei den jüdischen Landes verbänden gegeben. Auf bhitnb der von Herrn Toeplitz vor faßten Denkschrift wird allerorten eine stille Arbeit verrichtet, von deren Erfolg, soweit sie Preußen betrifft, seht erkunalig eine Probe in den Notizblättern 'Nr. 25 und dir. 20 der Ge sellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdcnkmälcr erscheint. Tie Auswahl dieser mit zahlreichen schönen Illustrationen versehenen Probe ist so getroffen, daß möglichst aus jeder Provinz interessante und markante Beispiele angesiihrt werden. Als besonders beachtenswert erwähnen wir die schöne Et bingcr Synagoge (mit Abb.), bcu ältesten Sephardim Fried Hof Teutschlands in Altona (mit Abb.), den Bestand an (tfe raten in Bonn (mit Abb.), von ausführlicheren Berichten besonders Bcrncastel Eues, Emden, Krefeld, Nauen. Zu den vorliegenden .Heften wurden die Fragebogen des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden benutzt, der außerdem auch eine Truckbeihilfe gewährte. Die Bearbeitung wurde vom Preußischen Landesverband Herrn Toeplitz übertragen, sie soll in umfassenderer Weise fortgesetzt werden. der Religion as Dresdner Referat im Völkerbund und Kctloggpakt in dasselbe Horn bläst. Jede Religion war anfangs ein Ruf nach Reform; Mose, Christus, Mohammed, Luther waren Revolutionäre, geistige, soziale oder politische Revolutionäre. Und ihr Glaube blieb eine Revo lution, bis er eine Staatsreligion wurde. Tie Bibel ist von dem Augenblick an, da Israel ein Land eroberte, um einen Staat zu gründen, in einer anderen Tonart geschrieben. Das Christentum, das in seinen Anfängen einer sozialen Umwälzung gleichkam, wurde von Konstantin zur Staatsreligivn gemacht. Seitdem bedeutete es für Rom keine Gefahr mehr, seitdem wurde es für lange Zeit die Vorhut geistiger Re aktiou. Wenn wir die beiden Lutherbilder von Kranach ver gleichen, den jungen Mönch mit dein schmalen, sanntischen Gesicht, dem feurigen Blick und den bekannten behäbigen, zufriedenen breiten Pastor, so haben wir eine Illustration zu dieser Wandlung der Kirche: hier der Kämpfer, einer der geistigen Führer des Bauernaujstandes, ' der Mann, der der gesamten Macht des Staates getrotzt hat und dort - die evangelische Lehre ist Landesreligion geworden, hat ihre staatliche' Kirchenversassung bekommen. Mohammed begann als ein Führer der Unterdrückten, als ein sozialer Revolutionär: bis er der politische Beherrscher Medinas wurde, hielt diese Gesinnung an. Tie Beispiele mögen genügen. Wenn die Religion lebensnah sein soll, dann muß sie eine ewige Revolution sein, frei vom Staate, getragen von der Gesamtheit ihrer Anhänger, in stetem Kamps für das 'Neue, siir das Leben. Tarum müssen wir liberal sein; wir wollen nicht in der Vergangenheit leben, nicht nur mit dem Leben gehen oder nur hinter ihm herhinten, sondern ihm voran gehen, und dazu müssen die Formen und die Gedanken wandelbar und ergänzbar sein. Und hier zeigt sich auch, daß die Ablehnung des Zionismus keine Verirrung des Liberalen Judentums auf ein ihm fremdes Gebiet ist: lvir wollen keine Nationalreligion, keine staatliche Bindung der Religion, wir wollen eine vom Staate unabhängige Religionsgemeinschaft. Tiefe Forderung muß erst erfüllt werden, bei allen Kirchen, nicht nur der jüdischen; dann wird auch die Forderung nach Lebensnähe der Religion erfüllbar sein. Ob sic erfüllt wird, steht dahin. Unerfüllbar aber ist sie, solange die Religionsgemeinschaft in der vielbesungenen Verbindung von „Thron und Altar" ein Ideal' sieht. Franz Meidncr (Jli-Breslau) II. Zu der auf der Jtitagung gehaltenen Rede des Herrn Woyda, die zu einer Diskussion nicht nur aus-, sorrdcrn geradezu heraus fordert, mag es mir vergönnt sein, in kurzen Worten ernzugehen. Es ist eine bedauernswerte Entgleisung, wenn Herr Woyda erklären zu müssen glaubt, daß die rituellen Speisegesetze den liberalen Juden nichts mehr zu sagen vermögen; wohl hätte er sagen dürfen, er lege aus diese Gesetze keinen Wert; ob er dem Liberalismus^ oder besser, dem Judentum, das ja auch die Liberalen Hochhalten wollen, damit einen sehr großen Dienst geleistet hat, möchte ich sehr bestreiten, oder zum mindesten dahingestcllt sein lassen. Daß aber Herr Woyda diese Aeußerung ans einer öffentlichen jüdischen Tagung, und noch dazu in einer Zeit getan hat, in der uns Juden in Thüringen viel Unrecht' geschieht, in der in fast allem deutschen Ländern „SchächG verbotsanträge" gestellt werden, ist ganz besonders zu beklagen; wozu bemühen sich Centralverein und alle anderen jüdischen Organisationen, nun gegen den Antisemitismus zu kämpfen, wenn unsere „Parteiführer" selbst den Auftakt zu diesem Ucbel geben. Es ist natürlich nicht möglich, daß die Berliner jüdische Gemeinde Heime und Anstalten eröffnet, in denen ein Mensch, und es gibt ja auch unter den Liberalen zum Glück noch solche, der aus rituelle Küche Wert legt, auch nicht das Geringste genießen kann. Es müßte Herrn Woyda als Redakteur einer jüdisch c n Z e i t u n g auch bekannt sein, aus welchem Grunde einerseits der gemischte Chor abgelehnt, und andererseits der geeinten orthodoxen Sonderforderung zngestimmt wurde. Das liberale Einheitsgebetbuch wird natürlich nicht in jeder Gemeinde benutzt werden, da es eben undenroar ist, eine große Menge jüdischer Gemeinden unter einen Hut zn bringen; ist es denn in den konservativen oder orthodoxen Gottesdiensten etwa anders'? In der einen Synagoge wird man z. B. am Freitag Abend „Bame madlikin" sage», in der anderen dagegen nicht; hier wird man „Janzeres" beten, dort nicht; hier wird man am Lvnriabendnachinitbag „Raschi" oder „Pirkci Owoauß" lernen, irr einer anderen dageg.n wird man es auslassen. Auch die Liberalen, die „r e l i ö s Liberale n" können sich etwas vorstellen, wenn sie das Gebet sprechen: „Ich werde eurem Lande den Regen senden zu seiner Zeit", und es entspricht sehr wohl der religiös-liberalen Auffassung, wenn wir beten: „Der Ewige ist König, der Ewige war König, der Ewige wird König sein immerdar." Wer hat denn die bleibende Natur da draußen geschaffen'? Wer sorgt denn für das Reifen und Gedeihen der Ernte'? Tut es nicht der, der über uns steht, und in dessen .Hand unser Lebe» in sicherer Obhut sich befindet'? — - -- Eilt kleines Beispiel. „In hiesiger Gegend war eine 10 tägige unerträgliche Hitze ohne jeden Regen; trotz übergroßer Anstrengung der Landwirte drohte alles Getreide zu verdorren, da sandte „der Ewige, der König sei n wird im m er dar", Rettung; Tag und Nacht regnete es, und Menschen wie Bich atmete erleichtert auf und schauten dank erfüllt zum .Himmel empor: „JckZ werde Eurem Lande Regen senden zu feiner Zeit." Eine Frage im Vertrauen; haben wir schon verlernt, daß es in einem unserer Hauptgebete heißt: „Ihr sollt sic knüpfen als Zeichen an Eure Hand, und als Stirnband zwischen Eure Augen; Ihr sollt sie an Eures Hauses Pfosten und an Eure Tore schreiben." (TefUlin und Mesusauß.) Welches Kapitel steht denn in diesen geschrieben'? Es wäre vielleicht interesssant, einmal darüber nachzudenken. Was nun die Thoravorlesung betrifft, so wird ja ohne hin >rnr eiir geringer Teil des Wochenabschnittes vorgelescn; ist das auch noch zu viel? Außerdem haben wir es ja in ganz ähnlicher Weise auch bei anderen Bekenntnissen. Auch in diesem Referat wird auf Herrn Minister Frick nicht gerade sehr rosig gesprochen; aber mit dieser Auffassung zum Judentum wird man .Herrn Frick und Genossen in seinen Gedanken nicht nur bestärken, sondern ihn gleichsam ausfordern, noch schärfer und noch krasser gegen uns Juden vorzugehen. Ihnen, geehrter Herr Woyda, scheint die jüdische Religion nicht „lebensnah" zn sein, und wir Juden wollen hoffen und wünschen, daß es nur werrige gibt, die auf gleichem Standpunkt stehen, wie Sie ihn in Ihrem Referat zu verstehen gegeben haben. Auf den übrigen Inhalt dos Referates einzugeynr, überlasse ich Anderen, da mich als Beamter im Kultusdienst besonders nur die religiöse Seite interessiert. Kantor Erich Eohn, Leobschütz O.-S. III. § 218. Bor vielen Jahren veröffentlichte Walter Bloem ein längeres Gedicht „Tie Ungeborenen". In einer Vision sieht er einen langen Zug von Kindern. Ter Führer ist ihr Sprecher und schildern ihr tragisches Los: Menschen, die sich liebten, haben sich nicht geheiratet, sondern 'gingen Vernunstehew ein,; junge Mädchen, die sich nach Liebe sehnten, konnten sich nicht vermählen; schon Vermählte aber sahen sich plötzlich einem Menschen gegenüber, den sic mit neuer Leidenschaft liebten - - und trennten sich doch von ihm. Und immer blieb so Liebe und Leidenschaft unerfüllt. Uebrig blieben b,ie „Ungeboreneu". „Und matte Kinder flügellahmer Pflicht bevölkerten an unserer Statt die Erde. Wir aber schwebten scheu, verzweislungsbang als ew'ge Sehnsucht neben ihrem Gang," An dieses Gedicht mußte ich denken, als vor kurzem auf ein anderes in einer medizinischen Zeitschrift hirrgewsesen wurde, in dem die „Ungeborenen" mit der Mutter hadern, die sie nicht gebären Witt und ihr schließlich Denselben Tob wünschen, den man .ihnen bereitet. Es soll hier nicht auf den Wert des neuen Gedichtes eingegangen werden. Aber es scheint mir, als wenn hier, wie bei Bloem, gerade der Punkt der .Frage berührt wird, der in der Diskussion übck das Problem sonst gar nicht erörtert wird, an den aber ggrade die Religion und gerade unsere Religion denken sollte, deren. Grundsatz heißt: „Wähle das Leben". Welch erschütternde Tragik liegt nicht wirtlich darin, daß so viel znm Leben Drängendes nicht ans Licht gelassen wird und damit vielleicht nur vielleicht natürlich, denn auch das Gegenteil ist ja möglich der Menschheit eine Fülle an Liebe, eine Fülle von Geist, eine Fülle von Talent, vielleicht auch Genie verloren geht .Ist es nicht wie ein stiller Krieg, der da im Dunkeln geführt wird, gegen einen „Feind", den man nicht sieht, nicht kennt und nicht kennen will!-- ein Krieg be$ Lebens gegen das LÄm? Unb umso erschütternder, wenn dieses Töten noch nicht einmal aus sich selbst heraus erfolgt, sondern wieder wie im Krieg — auf den Zwang der